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04.08.19
KulturKultur, Theorie, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Brigitte Kolle/Claudia Peppel (Hrsg.): Die Kunst des Wartens, Wagenbach, Berlin 2019, ISBN: 978-3-8031-3679-4, EURO (D)

Dieses Buch stellt in der Verdichtung verschiedene Arten des Wartens in Bildern und Texten vor. Die Beiträge stammen hauptsächlich aus Kunst und Literatur, einige sind aus der Entwicklungspsychologie, Soziologie, dem Theater, der Flüchtlingsseelsorge und anderen Disziplinen und Lebensbereichen. Warten wird als alltägliches Phänomen gesehen: „Warten geht uns alle an. Warten ist ein existentieller Aspekt des Menschseins und zugleich eine alltägliche, meist lästige Erfahrung. Warten birgt gesellschaftliche Sprengkraft und dient als Voraussetzung autonomer, individueller und kreativer Prozesse.“ (S. 17)

Das Warten in der DDR in der Schlange auf Lebensmittel oder bei Behörden wird hier vom Fotografen Gerhard Gäbler aus den 1980er Jahren dokumentiert. Das Warten war Folge eines Mangels an Gütern für den alltäglichen Bedarf und gehörte so zur ostdeutschen Realität. Ein anderes Beispiel ist der Film Waiting Room von Peter Nicks aus dem Jahre 2012, wo verzweifelte Patienten ohne Krankenversicherung in den USA in ein völlig überbelastetes Krankenhaus kommen und dort lange auf eine vielleicht lebensrettende Behandlung warten mussten. Oder die Fotografien des Briten Paul Graham aus dem Jahre 1986, wo unter der Regierung Thatcher eine hohe Arbeitslosigkeit für einen hohen Andrang bei den Sozial- und Arbeitsämtern sorgte, was mit Warten verbunden war. Ohnmacht, Leid, Resignation und Wut spiegeln sich dort wider.

Die Bilderserie von Jean-Frederic-Schnyder mit Namen „Wartesaal“ zeigt leere verschiedene (Warte-)Räume ohne Personen mit genauer Ausgestaltung und einer spezifischen Atmosphäre.

Die unterschiedlichen Formen des Wartens werden hier aus aller Welt dargestellt, meist aus Kunst und Literatur In fast allen hier vorgestellten Varianten wird der Faktor Zeit mit Warten verbunden. Der Umgang mit dem Warten sagt dabei viel über die Menschen, ihre Sozialisation und ihre Situation aus, aber auch über soziale Rahmenbedingungen oder gesellschaftliche Missstände.

 

Buch 2

Andreas von Westphalen: Die Wiederentdeckung des Menschen, Westend Verlag, Frankfurt/Main 2019, ISBN: 9783864892134, 22 EURO (D)

In diesem Buch widerlegt Andreas von Westphalen die These des Menschenbildes im Kapitalismus und beweist anhand vieler spannender Beispiele, dass dem menschlichen Wesen oft die konträren Eigenschaften wie Solidarität, Individualität und Empathie innewohnen. Er wendet sich dabei gegen die vorherrschende Meinung in Wirtschaft und Politik, dass der Mensch ist von Natur aus egoistisch und faul sei, den größten Nutzen für sich selbst herauszuschlagen gedenkt und seine beste Leistung nur unter Konkurrenzdruck bringen könne.

Stattdessen plädiert er in seiner anthropologischen Untersuchung für die Produktion zentraler Bedürfnisse des Menschen und eine ökologische Hinwendung zu weniger Wirtschaftswachstum und dezentralisiertes Wirtschaften.

Dabei setzt er sich mit anthropologischen Klassikern auseinander und benutzt einen guten Begründungsaufbau seiner Thesen, die sich auch gegen den Kapitalismus als solchen richten.

Es ist eines der besseren Bücher über das Wesen des Menschen und trifft aktuelle Befindlichkeiten. Der Autor reflektiert leider nur randständig den Sozialdarwinismus als Merkmal des kapitalistisch denkenden und handelnden Menschen.

Der Begriff Sozialdarwinismus wird oft als Übertragung der Darwinschen Evolutionstheorie auf menschliche Gesellschaften definiert. Tatsächlich gab es schon vor Charles Darwin (1809-1882) evolutionäre Theorien des sozialen Wandels. Darwins schnell und breit rezipierte Evolutionstheorie war nicht der Ursprung des Sozialdarwinismus, sondern der Katalysator einer Entwicklung, die schon früher begann und in der Darwin vor allem als wissenschaftliche Autorität bemüht wurde.

Der historische Sozialdarwinismus erlebte seine große Zeit in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals gab es Sozialdarwinisten in vielen Ländern und allen politischen Lagern, von Sozialisten über die Liberalen bis hin zu Nationalsozialisten – wobei jede Gruppe aus der Darwinschen Theorie nahm, was sie für ihre Ziele brauchen konnte. Als Vater des Sozialdarwinismus gilt der britische Philosoph und Soziologe Herbert Spencer (1820-1903), der eine umfassende Gesellschaftstheorie, Ethik und Wissenschaftstheorie auf die Idee der Evolution gründete. Die Konkurrenz der Menschen um ihre Existenzgrundlagen befördere Eigenschaften wie Fleiß, Innovation, Anpassungsfähigkeit und Selbstkontrolle und damit den Fortschritt der Menschheit.

Spencer prägte die Begriffe „struggle for existence“ und „survival of the fittest“, bezog diese aber nicht auf die Natur, sondern wandte sie auf den Menschen an: die "fittesten" sind nach Spencer diejenigen, die an die Anforderungen des Marktes und des sozialen Lebens am besten angepasst sind. Dieser Sozialdarwinismus ist ein entscheidender Punkt des vorherrschenden Neoliberalismus und ist dem Phänomen des chauvinistischen Besitzdenkens in der westlichen Welt ähnlich.

 

Buch 3

Ronald Weber: Peter Hacks. Leben und Werk, Eulenspiegel Verlag, Berlin 2018, ISBN: 978-3-359-01371-6, 39 EURO (D)

Neben Berthold Brecht war Peter Hacks der wichtigste Literat und Dramatiker in der DDR, der auch zu ästhetischen und künstlerischen Fragen Stellung bezog. Mit „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“, das ein Ein-Personen-Schauspiel in fünf Akten ist und zu den weltweit erfolgreichsten deutschen Bühnenwerken des 20. Jahrhunderts zählt, wurde er einem weltweiten Publikum bekannt.

Der Philologe Ronald Weber schrieb seine Promotionsarbeit über die Dramenästhetiken von Peter Hacks und Heiner Müller. In diesem Buch will er das Leben und das Werk des eigenwilligen und in Westdeutschland (noch) verfemten Hacks vorstellen. Neben Quellen aus seinem Nachlass und Archiven befragte er Zeitzeugen und seine wechselhaften Beziehungen zu seinen Kollegen dar. Auf 32 Seiten wird auch noch Bildmaterial über das Multitalent veranschaulicht.

Hacks’ Ablehnung der Romantik, deren Wurzeln er in politischem Dünkel, irrationalem Denken und ästhetischem Unvermögen bzw. Unwillen sah, und der Moderne, die für ihn die Fortsetzung der romantischen Traditionslinien im 20. Jahrhundert war, sieht er als Krisenbewusstsein seiner Zeit. Der Verfall des dichterischen Handwerks, die Negation des Gattungs- und des Werksbegriffs, der Verlust des Anspruchs, das Publikum zu unterhalten, waren für Hacks Erscheinungen eines Zeitgeistes, den er als barbarisch empfand.

Eine Konstante in seinem ästhetischen Denken bilden Reflexionen zu Gattungsfragen. Gattungen sind für ihn „die Werkzeuge der Kunst“ und „wer das Werkzeug kapiert, kapiert so ziemlich das Erzeugnis“.[1] Das Verstehen der Gattung steht im Interesse der bestmöglichen Erzeugung von Kunst. Zu den Gattungen, die Hacks – mal ausführlicher, mal kürzer – untersucht hat, gehören u.?a. Drama, Libretto, Gedicht, Lied, Ballade, Märchendrama und Pornographie. Konstitutiv für Hacks’ Weltbild ist eine unbedingte Neigung zur Vernunft, worunter nicht nur eine allgemeine Freude am Denken sowie eine Abneigung gegen das Irrationale zu verstehen ist, sondern auch ein starkes Interesse daran, mit dem Denken zu Resultaten zu kommen. Theoretische Reflexionen waren für Hacks, der den Positivismus entschieden ablehnte, nicht Zweck ihrer selbst, sondern hatten immer das Ziel, eine Theorie zu bilden, die die Erkenntnis über den Gegenstand weiter vorantreibt und nur so zurück auf die Welt zu wirken vermag.

Hacks gewann zu Beginn der 1950er Jahre eine marxistische Einstellung. Spätestens mit seinem Gang in die DDR war hiermit auch ein deutliches und lebenslanges Bekenntnis zu den politischen und staatlichen Organisationen der sozialistischen Arbeiterbewegung verbunden. Er blieb jedoch zeit seines Lebens ein eigenständiger Kopf. Sich einerseits vehement an den Klassikern orientierend, entwickelte er andererseits kontinuierlich eigene Vorstellungen über Kunst, Philosophie, Politik und Geschichte. So wendet er zum Beispiel in seiner Schrift Schöne Wirtschaft die Kategorien der ökonomischen Theorie von Marx auf die Bedingungen der Erzeugung und des Verkaufs von Kunstwerken an, wodurch er zugleich auch die Grenzen dieser Theorie für diesen Bereich aufzeigt. Beispielhaft für seine Stellung in der marxistischen Tradition ist Hacks’ Urteil über den Absolutismus, in dem er, anders als das in der marxistischen Tradition üblich ist, eine eigenständige, vom Feudalismus und Kapitalismus zu unterscheidende Gesellschaftsformation sah, die historisch ein Daseinsrecht besaß. Zugleich machte er auch – oft durch die Perspektive Goethes, immer aber mit marxistischen Mitteln – die Grenzen der kapitalistischen Gesellschaft deutlich. Seinen Staatsbegriff nahm er, obgleich darin von Marx und Lenin nicht weit entfernt, eher von Hegel als von Marx: Allein im und durch den Staat hätten die Menschen eine Chance, ihre allgemeinen und ihre besonderen Interessen zu verwirklichen. Die marxistische These vom „Absterben des Staates“ war für Hacks nur im Sinne einer Aufhebung des Staates durch den Weg seiner Vervollkommnung akzeptabel. In diesem Sinne aber hat er sie akzeptiert, wodurch es ihm gelang, die Auffassungen von Marx und Lenin mit denen Hegels zu vermitteln.

In seiner politischen Orientierung war Hacks, der sich stets als Marxist-Leninist verstand, ein Anhänger Walter Ulbrichts, insbesondere von dessen Politik seit dem VI. Parteitag und der damit verbundenen Konzeption des Neuen Ökonomischen Systems, das Hacks als Beginn der vollen Entfaltung der sozialistischen Gesellschaft ansah. Folgerichtig lehnte er den Sturz Walter Ulbrichts im Jahr 1971 durch Erich Honecker und die damit verbundene Änderung in der Politik ab. Es gehört zu den zahlreichen Widersprüchen im Leben Hacks’, dass er in der Ulbricht-Ära wesentlich stärker der Kritik von Seiten der SED ausgesetzt und wesentlich weniger als Dichter der DDR anerkannt war als in der Honecker-Ära. Mit der unter Honecker beginnenden wirtschaftlichen Stagnation der DDR setzte bei Hacks ein stärkeres Krisenbewusstsein ein. In den 1960er Jahren war er noch – durch die wirtschaftlich positive Entwicklung der DDR bestärkt – im Wesentlichen der Überzeugung, dass der Sozialismus im Systemkampf allein durch seine überlegene Produktivkraft siegen werde. In den 1970er Jahren beschäftigte ihn die Frage, auf welche Weise ein Qualitätssturz wie der von Ulbricht zu Honecker verhindert bzw. umgekehrt werden könne. Den Kern seiner Tätigkeit als Dichter bildet die Dramatik. Hacks selbst hat immer wieder betont, dass das Dramenschreiben das einzige Handwerk sei, das er wirklich vollkommen beherrsche. Er schrieb zumeist Komödien, gelegentlich Schauspiele, nie Tragödien. Merkmale seiner Stücke sind im Allgemeinen eine große Leichtigkeit, Humor, gedanklicher Reichtum, sprachliche Eleganz und eine geschickte, jedoch nicht zu verzweigte Führung der Fabel.

Dies ist eine gelungene Beschäftigung mit einem Künstler, der eine ausgeprägte Persönlichkeit besitzt und dessen Würdigung noch aussteht. Im Westen wird er noch immer von Kalten Kriegern wegen seiner Präsenz in der DDR mehr als skeptisch betrachtet. Wer sich außerdem noch mit Hacks beschäftigen will, findet im Anhang neben Siglen, Anmerkungen sowie Personenregister ausgewählte Literatur.

 

Buch 4

Mark Zak: Erinnert euch an mich. Über Nestor Machno, Edition Nautilus, Hamburg 2018, ISBN: 978-3-960-54085-4, 18 EURO (D)

Der im heutigen ukrainischen Lwiw geborene Schauspieler Mark Zak schrieb für den Deutschlandfunk 2017 das Feature „Erinnert euch an mich. Machno und seine anarchistische Armee“, aus dem dieses Buch entstand. Aus Memoiren, Berichten, Verhörprotokollen und Briefen von Zeitzeugen, die zum Teil erstmals ins Deutsche übersetzt wurden, hat Mark Zak ein vielstimmiges Porträt des lange Zeit vergessenen ukrainischen Anarchisten Nestor Machno (1888-1934) zusammengestellt.

Aufgrund der Repression des russischen Zarismus begann Machno sich für den Anarchismus zu interessieren. In seinen Vorstellungen einer freien Gesellschaft wurde er von den Ideen Bakunins und Kropotkins beeinflusst. So wurde Machno im Jahre 1906 Mitglied in einer lokalen Gruppe von Anarchisten, die 1905 entstanden war und hauptsächlich aus Söhnen der ärmeren Landbevölkerung bestand. Er im Jahre 1910 durch ein Militärgericht erst zum Tode, dann zu lebenslänglicher Haft verurteilt

Infolge der Februarrevolution 1917 wurde Machno in Russland befreit. Er kehrte in die Ukraine zurück, wo er im lokalen Umfeld begann, als Vorsitzender des Rayon-Bauern-Komitees und später als Vorsitzender des örtlichen Sowjets, die Bauern und Arbeiter zu organisieren. Er und seine Anhänger, die Machnowschtschina, hatte das Ziel, eine anarchistische Ukraine zu verwirklichen. Die Anhänger Machnos kämpften mit bis zu 50.000 freiwilligen Partisanen in der Ukraine mit sieben Millionen Einwohnern, in deren bäuerlicher Bevölkerung sie starken Rückhalt hatten. Die Bewegung Machnos war durch Verwendung von mit Pferden oder Maultieren bespannten und oft mit Waffen bewaffnete Kutschen und Bauernwagen, den Tatschankas, hoch beweglich. Sie hatten durch ihre Verwurzelung in der bäuerlichen Bevölkerung, den Muschiki, nicht nur deren Unterstützung, sondern auch logistische Vorteile. Die Machnowschtschina konnte sich erfolgreich gegenüber den deutschen und österreichischen Mittelmächten sowie gegen die Armeen der Weißen behaupten.

Das Eingreifen polnischer, bolschewistischer und rest-ukrainischer Militärverbände mündete in langwierigen Kriegshandlungen, in denen die Machno-Bewegung, die Machnowschtschina, über vier Jahre ihre Positionen erfolgreich gegen die Weiße Armee verteidigte.  Machno lehnte Verhandlungen mit den Weißen ab und schlug sich 1920 nach einer Phase des Partisanenkriegs gegen die sowjetische Regierung wieder auf die Seite der Roten Armee.

Der Sieg der Bolschewiki im Bürgerkrieg hatte als politisches Ziel, die Integration der Machnowschtschina in die mit ihr vormals verbündete Rote Armee zu erreichen sowie die Ukraine zu bolschewisieren. So wurde die Auflösung der von Machno gegründeten selbstständigen Räte gefordert. Dagegen gab es aus den Reihen der Machnowschtschina, die weiterhin für eine anarchistische Ukraine kämpfen wollte, heftigen Widerstand. Unter Führung Leo Trotzkis schlug die Rote Armee die Bewegung endgültig gewaltsam nieder.

Nestor Machno war eine komplexe Persönlichkeit, die hier mehr im Vordergrund steht als militärische und politische Aspekte der Machnowschtschina im Bürgerkrieg. Zaks Quellen geben die Meinung von seinen beiden Frauen, Familie, Zeitzeugen, sowjetischer Presse usw. wider. Seine Schriften werden ebenfalls herangezogen. Mark Zak will mit seinem Buch kein abschließendes Urteil über Nestor Machno fällen, was sowohl schwierig wäre als auch nicht zwingend notwendig ist. Die Persönlichkeit Machnos wird immer umstritten sein, je nach Blickwinkel.

Der Eindruck durch Primärquellen lässt den Leser die damalige Zeit mit all seinen Wirrungen eintauchen, ein paar mehr Hintergründe der politischen Lage wären wünschenswert gewesen. Insgesamt gesehen ist es aber eine längst fällige längere Auseinandersetzung mit einem der Ikonen der anarchistischen Bewegung, der für seine Ideale bereit war zu sterben.

 

Buch 5

Ellen Schwiers mit Marte von Have: Dich hat der Esel im Galopp verloren. Lebenserinnerungen, Verlag Neues Leben, Berlin 2019, ISBN: 978-3-355-01883-8, 22 EURO (D)

Ellen Schwiers war eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen der Nachkriegszeit. Noch mit 85 Jahren stand sie auf der Bühne, sie starb im Frühjahr 2019.

In diesem Buch fasst sie zusammen mit Marte von Have ihre persönlichen Lebenserinnerungen zusammen. Dort wird ihr bewegtes langes Leben geschildert und zwar mit Fokus sowohl auf das Private als auch das Berufliche. In ihrem Vorwort charakterisiert Marte von Have Schwiers folgendermaßen: „Sie ist eine Zeitzeugin für die Entwicklung, die Film, Fernsehen und Theater nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem gesellschaftlichen und medialen Wandel genommen haben. Am eigenen Leib hat sie auch die Veränderung der Frauenrolle erfahren.“ (S. 7)

Ellen Schwiers kam widerwillig zur Schauspielerei und doch wurde es ihre große Leidenschaft. Sie spricht hier über ihre Ausbildung und Hintergründe der ersten Jahre und ihre zahlreichen Begegnungen und Freundschaften. Eine Begegnung wurde zur großen Liebe: Im Jahr 1956 heiratete sie den Filmproduzenten Peter Jacob, der 1992 starb. Dieser und andere Schicksalsschläge wie der Verlust ihres Sohnes Daniel finden ebenfalls Erwähnung in dieser Biografie.

Ellen Schwiers spielte bis 1978 in diversen Filmen mit. Darin stellte sie meist problematische, verführerische Frauen dar, die Unruhe in das geordnete Leben ihrer Mitmenschen bringen wie in Das Erbe von Björndal(1960), Der letzte Zeuge (1960), Frau Irene Besser (1960) und Der Satan mit den roten Haaren (1964). Auch auf der Bühne wurde sie bevorzugt in derartigen Rollen eingesetzt, ob als Buhlschaft in Jedermann (1961/1962, Salzburg), Lady Macbeth in Shakespeares Macbeth (1972, Tournee) oder Lysistrata in Hochhuths Lysistrata und die Nato (1974, Essen). Bei den Burgfestspielen Jagsthausen spielte sie die Adelheid im Götz von Berlichingen und weitere Rollen. 1984 wurde sie dort Intendantin. Für ihre vielen Rollen bekam sie den Deutschen Schauspielpreis verliehen. 1982 gründete sie zusammen mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter das Tourneetheater „Das Ensemble“.

Trotz aller Schicksalsschläge zeigt sie sich für ihr Leben dankbar: „Jeder Mensch hat seine Zeit, in der er lebt und in der er sein Leben gestaltet. Ich würde sagen, ich habe meine Zeit genutzt. Ich habe eine Familie, Kinder, eine Enkeltochter und inzwischen Urenkel bekommen. Ich hatte einen Beruf, der mir Freude brachte und mich erfüllte. Ich habe Anerkennung erfahren und Erfolge gehabt. Ich habe Leidenschaft erlebt und Hingabe. Ich habe Glück empfunden und tiefe Trostlosigkeit, durch den Krieg und durch Schicksalsschläge.“ (S. 250f)

Hier wird das Bild einer reflektierten Frau gezeigt, die es lernen musste, neben Erfolgen auch schwere Stunden im Privaten zu überstehen. Privat und beruflich war sie eine Charakterdarstellerin, die sich selbst nicht zu wichtig nahm.

 

Buch 6

David Goeßmann: Die Erfindung der bedrohten Republik. Wie Flüchtlinge und Demokratie entsorgt werden, Das neue Berlin, Berlin 2019, ISBN: 978-3-360-01344-6, 18 EURO (D)

David Goeßmann, freier Journalist und Produzent des unabhängigen Nachrichtenmagazins Kontext TV, zeigt in dem Buch auf der Grundlage einer Auswertung der Berichterstattung zwischen 2014 bis 2016 wie Politik und Medien seit der Kölner Silvesternacht eine "Flüchtlingskrise" mit "Bedrohungspotential" inszenierten.

Ausgangspunkt ist dabei der in der breiten Öffentlichkeit immer wieder verwendete Begriff der ‚Flüchtlingskrise‘, womit unterstellt wird, dass Geflüchtete die BRD und andere westliche Staaten in eine Krise gestürzt hätten.

Die Situation in den Aufnahmeländern steht dabei im Zentrum der Beurteilung, jedoch nicht der Blickwinkel der Geflüchteten und deren Erlebnisse. Das Titelbild zeigt schon auf, worauf es ihm ankommt: Wie schon in der Zeit nach 1989/90 stellen Begriffe wie ‚Flüchtlingswelle‘, ‚Flüchtlingsflut‘ oder ‚Flüchtlingsstrom‘, die Fluchtmigration als Naturkatastrophen dar, im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert. Fluchtmigration erscheint sinnbildlich als etwas Bedrohliches. Die extreme Rechte knüpft an diese negativen Assoziationen an, um sie mit Begriffen wie ‚Masseneinwanderung‘ oder Wortneuschöpfungen wie ‚Asyl-Orkan‘ (Höcke) weiter zu radikalisieren.

Die verstärkte Einwanderung führte in den meisten Mitgliedsländern der EU zu gesellschaftlichen Debatten über die Ausrichtung der Asylpolitik der EU und der jeweiligen nationalstaatlichen Einwanderungspolitik. Rechte Deutungs- und Argumentationsmuster gewannen vielfach an Popularität. Merkels Ausspruch „Wir schaffen das“ im Sommer 2015 folgten unzureichende öffentliche Bemühungen zur Unterbringung und Versorgung von Geflüchteten. Dies wurde durch den massenhaften Einsatz von zivilgesellschaftlichen Akteur_innen ausgeglichen.

Parallelen zum Beginn der 1990er Jahre, als sich Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte und rassistische Gewalttaten bis hin zum Mord häuften, sind unübersehbar. Damals wie heute war die Stimmung gegen Geflüchtete in Teilen der Gesellschaft aufgeladen, so dass sich Neonazis zu Pogromen gegen Geflüchtete ermutigt fühlten.

Seit 2015 vervielfachten sich die Gewalttaten gegen Geflüchtete und ihre Unterkünfte in Form von Drohungen, Steinwürfe, Brandanschläge und Körperverletzungen. (Pro Asyl). Von solchen Attacken waren auch Unterstützer_innen, Hilfsorganisationen, Politiker_innen, Kirchenvertreter_innen, Behördenmitarbeiter_innen und Journalist_innen betroffen, sofern sie sich für eine humane Flüchtlingspolitik eingesetzt haben.

Weite Teile der Politik reagierten damit mit einer weitreichenden Einschränkung des Asylrechts. Diese Gesetzeslage wurde ab 2015 weiter verschärft und eine Abschottungspolitik von großen Teilen der etablierten Politik gefordert und umgesetzt. Die AfD erzielte in diesem Zusammenhang bislang unerreichte Wahlerfolge.

Geflüchtete werden in hegemonialen Medien systematisch als homogene Masse mit negativen Attributen versehen. Ihnen werden ihr Status als Geflüchtete und durch das pauschale Etikett des „Wirtschaftsflüchtlings“ auch legitime Fluchtgründe abgesprochen.

Einzelne Straftaten werden skandalisiert und auf alle Geflüchteten projiziert. Sie werden in Verbindung mit Gewaltkriminalität, Sozialbetrug, Islamistischem Terror, religiöser ‚Unterwanderung‘ und moralischer Skrupellosigkeit gebracht. Dies wird immer wiederholt mit der Absicht, diese Stereotype im gesellschaftlichen Diskurs sowie in den Einstellungen breiter Bevölkerungsteile zu verankern.

Goeßmann zeigt hier eindrücklich, wie inhumane Sprache politisch wirkt und wie systematisch Stimmung gegen noch Schwächere in rassistischer Weise gemacht wird. Bedrohungsszenarien entstehen in der Mitte der Gesellschaft durch hegemoniale Medien und weiten Teilen der Politik, das wird hier empirisch nachgewiesen. Doch Goeßmann kritisiert nicht nur, er zeigt auch politische Alternativen zur Abschottung und der „Festung Europa“ auf und macht zu Recht eine Krise der Solidarität aus.

In manchen Punkten malt er allerdings ein zu düsteres Bild. Vor allem die zivilgesellschaftliche Willkommenskultur, antirassistische Initiativen und Bündnisse pro Geflüchtete werden hier nicht entsprechend gewürdigt. Auch Medien, die mit ihrer antirassistischen Grundhaltung für einen Gegenpol gegen die Hetze gegen Geflüchtete in weiten Teilen der herrschenden Politik und innerhalb der Medien gesorgt haben, verdienen mehr Wertschätzung.

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[1] Friedrichs, I.: Literatur in der DDR, Berlin-Ost 1985, S. 95







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