Neuerscheinungen Sachbuch

11.09.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Roger Gloor: Bertone. Pioniere des Autodesigns. Mit Blick in die Automobilgeschichte, Olms, Hildesheim 2020, ISBN: 978-3-487-08632-3, 68 EURO (D)

Über 120 Jahre Autodesign sind mit dem Namen Bertone verbunden. Giovanni und Nuccio Bertone entwickelten mit ihrem großen Kreis renommierter Gestalter futuristische Conceptcars als inspirierende Vorbilder für die gesamte Automobilindustrie und stehen für eine Vielzahl realisierter Entwürfe. Nachdem im März 2014 auch dieser letzte Firmenzweig Insolvenz anmelden musste und bis Ende April kein Investor gefunden werden konnte, wurde Anfang Mai 2014 das Ende einer Ära bekanntgegeben.

Roger Gloor, Fachjournalist der Schweizer Automobil Revue, liefert mit diesem Buch das erste Bertone Werkverzeichnis: „Das Schicksal von Bertone steht symbolisch für die vielfältige Geschichte des Turiner Autodesigns, das den Weg zum Gleichklang von Technik und Ästhetik aufzeigte. Diese für die Kultur- und Technikgeschichte bedeutsame Epoche wird in diesem Buch nachgezeichnet. Gleichzeitig wurde diese Chronologie in die allgemeine Automobilentwicklung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingebettet.“ (S. 9) Es sind alle Designvorschläge, Einzelstücke sowie realisierte Serienkarosserien für 40 Automarken erfasst.

Das Buch beginnt mit dem Stammbaum der Bretone-Designer und andere Persönlichkeiten. Danach wird chronologisch die Firmengeschichte und 320 bei Bertone entstandenen PKW-Modelle und Modellvarianten mit vielen historischen Abbildungen der Modelle aus verschiedenen Perspektiven, Entwürfe, Dokumente, Röntgenbilder und Darstellungen von Prototypen behandelt.

In kurzen Epilogen werden noch auf das Bertone-Museum, das Bertone-Werk, die Mittelmotormodelle eingegangen. Außerdem gibt es ein Interview mit Nuccio Bretone über den Bertone-Ramarro, Volvo 780 und die Designer. Der Genesis, die Zöglinge Giorgetto Guigiaro und Marcello Gandini, Zweiräder und LKW’s von Bertone, die Haute Couture und die Modelle, Modellautos und Dokumente von technischen Details werden ebenfalls behandelt.

Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis und ein Register aller Namen von Personen, Firmen, Organisationen, Marken und Modellen mit den entsprechenden Buchseiten, auf denen sie mindestens einmal aufgeführt sind.

Der Vorteil des Buches liegt darin, dass es keine Werbung aus dem eigenen Firmenkomplex beinhaltet, sondern von einem außenstehenden Journalisten verfasst wurde. Die Erfolgsgeschichte der Bertone-Modelle wird hier in allen technischen Details beschrieben und durch aussagekräftige Bilder visualisiert. Ein sehr aufwändig gestaltetes Pionierwerk.

Buch 2

Thomas Böhm/Carsten Pfeiffer (Hrsg.): Von der Wunderkammer der deutschen Sprache. Gefüllt mit Wortschönheiten, Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte, Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2019, ISBN: 978-3-946990-31-4, 28 EURO (D)

Dass die Beschäftigung mit der deutschen Sprache nicht langweilig oder nur etwas für Spezialisten der Germanistik ist, wird in diesem Buch unter Beweis gestellt. Der Begriff Wunderkammer wirkt etwas aus der Zeit gefallen, es ist ein Sammelsurium aus Kuriositäten, der Entwicklung von Bezeichnungen im Verlauf der Jahrzehnte, Wissensvermittlung und erstaunlichen Fakten, die auch viel über Kultur und Historie verraten.

Der eigentümliche und amüsante Teil über die alltägliche Sprache auf St. Pauli bei Nacht ist sicher kein Beweis der Schönheit von Sprache und wird bei jedem feingeistigen Lyriker blankes Entsetzen auslösen. Speziell sind auch die zehn Lieblingswörter von Autoren, die Schlussätze alter Märchen oder die Auflistung von 55 verschiedenen Entenvögeln.

Fremd- und Lehnwörter aus dem Lateinischen, (Alt)Griechischen, Englischen, Französischen, Arabischen, Türkischen, Italienischen, Jiddischen zeigen die Aufnahme von anderen Sprachfamilien und die Dynamik der Sprache und zeigen die ganze Borniertheit derjenigen, die wider besseren Wissens von einer „Nationalsprache“ parlieren.

Auch die Aufnahme von Ausdrücken aus der DDR in die aktuelle Sprache zeigen die Anschlussfähigkeit und Weiterentwicklungsfähigkeit der Sprache, ohne sich an Grenzen, Mauern oder Systemen zu orientieren. Wie sich Wörter aus unterschiedlichen Dialekten als spezielle Bezeichnung für etwas durchgesetzt haben, wird auch deutlich gemacht. Wörter und Unwörter des Jahres werden auch präsentiert ebenso wie in den verschiedenen deutschen Regionen der Jahrmarkt bezeichnet wird.

Was die Bezeichnungen wie „Arme Ritter“, Bismarckhering, Schillerlocken oder Russische Eier sind und woher die Bedeutung kommt, wird mit einem Blick auf die Kulturgeschichte erfahrbar. Schwäbisch für Angeber ist auch dabei.

Immer wieder werden Geschichten über Menschen eingestreut, die entweder neue Wörter oder Ausdrucksformen schufen, Übersetzungen anfertigten oder neue Benennungen anregten.

Die Geschichte, der Wandel der Bedeutung von Sprache und deren Vielfalt stellen die beiden Herausgeber auf unterhaltsame Weise heraus und schaffen ein Bewusstsein für den Umgang mit Sprache.

Buch 3

Das Feminismus-Buch. Große Ideen. Einfach erklärt, DK, München 2020, ISBN: 978-3-8310-3912-8, 24,95 EURO (D)

In diesem Buch wird die Geschichte des Feminismus von den Anfängen bis in die Gegenwart erzählt und die berühmtesten Feministinnen vorgestellt. 100 der wichtigsten feministischen Ideen, Organisationen und Ereignisse sowie berühmte Zitate werden präsentiert. Dies geschieht in einzelnen Beiträgen, die in folgende Großkapitel geordnet sind: Geburt des Feminismus (18-frühes 19. Jahrhundert), der Kampf um gleiche Rechte (1840-1944), Das Persönliche ist Politisch (1945-1979), Politik der Differenzierung (1980er Jahre), Eine neue Welle entsteht (1990-2010), Moderner Kampf gegen den Sexismus (2010 und später) mit der #Me Too-Debatte und die immer noch vorhandene Lohnlücke zwischen Männern und Frauen.

Nach den Kapiteln werden noch einige Feministinnen angefangen von Hildegard von Bingen bis hin zu Pussy Riot und Bewegungen der letzten 80 Jahre vorgestellt. Anschließend folgen noch ein Glossar wichtiger Fachausdrücke und ein Register.

Das Buch ist sehr ambitioniert und umfassend: Es bildet Entwicklungslinien, historische Entwicklungen, Organisationen und wichtige Feministinnen ab. Es ist eine gelungene Abbildung des gesamten ideologischen Spektrums, das von bürgerlichem Feminismus bis hin zum Anarcha-Feminismus reicht, in populärwissenschaftlicher Sprache. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf den angelsächsischen Ländern, insgesamt aber auf der kapitalistisch-westlichen Welt. Feminismus in muslimisch-geprägten Ländern, China, Japan, Afrika oder lateinamerikanischen Ländern sind leider unterrepräsentiert.

Außerdem stellt sich die Frage, ob historisch der Feminismus nicht schon wesentlich frühere Vorläufer hat. Neben dem Paläolithikum gilt in Matriarchatstheorien das Neolithikum als matriarchal geprägt. Dabei wird von einer einheitlichen matriarchalen Entwicklung Europas ausgegangen. Insbesondere Heide Göttner-Abendroth vertritt die Annahme eines neolithischen Matriarchats als geschichtliche Wirklichkeit, zum Beispiel in der minoischen Kultur auf Kreta, der Bandkeramischen Kultur oder der Indus-Kultur. Auch in späteren indigenen Kulturen gab und gibt es noch vereinzelt matriarchale Strukturen.

 

Buch 4

Michael Opoczynski: Restposten. Sind unsere Jobs noch zu retten?, Benevento, Wals bei Salzburg 2020, ISBN: 978-3-7109-088-4, 22 EURO (D)

Opoczynski setzt sich in diesem Buch mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt auseinander. Alte Gewissheiten werden erschüttert bei diesem grundlegenden Wandel. Für Opoczynski verzichten immer mehr Berufsbranchen (Industrie, Dienstleistungssektor, öffentlicher Dienst) auf den Faktor Mensch und übergeben Verantwortung an künstliche Intelligenz: „Der Staat ist machtlos, und wir Menschen werden immer mehr zu Zeitarbeitern, Freelancern und digitalen Tagelöhnern. Zu Restposten in der Welt der Arbeit. Corona funktionierte wie ein Brandbeschleuniger, der die dramatische Lage erst recht entzündete und sogar beschleunigte. Angesichts dessen müssen wir und fragen müssen. Sind unsere Jobs überhaupt zu retten?“ (S. 11)

Er spricht sowohl über den „unaufhaltsamen Schwund der Arbeit, wie wir sie kennen, aber auch über zukunftsfähige Formen der Arbeit. (S. 14) Mit dem Buch will er eine Auseinandersetzung mit Neuerungen und die Entwicklung von Strategien anstoßen oder beschleunigen, um in einer veränderten Arbeitswelt zurechtzukommen. Und neben allen negativen Beispielen zeigen, wie wir selbst den Wandel mitgestalten und für eine humane Zukunft sorgen können.

Der Titel ist auf den ersten Blick reißerisch und angstmachend. Davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Der Autor will nicht nur die dunklen Seiten oder dystopische Szenarien darstellen, sondern auch den erfolgreichen Umgang und die Chancen der Digitalisierung. Jedem negativen Beispielen und Entwicklungen zu einer gewissen Branche oder einem gewissen Berufsstand ist ein weiteres Kapitel gegenübergestellt, in dem ein Unternehmen derselben Branche zeigt, wie es besser geht. Bis auf das Thema Altersmut übrigens. Die Situation von Gewerkschaften ist auch ein Thema

Man könnte entgegnen: Die Arbeitswelt ist dynamisch und verändert sich ständig, siehe die Zunahme der Dienstleistungsbranche in den vergangenen Jahrzehnten oder die Schließung ehemals rentabler Zechen. Dies trifft aber nicht den Punkt: Opoczynski macht deutlich, dass es sich bei der Veränderung der Arbeitswelt um fundamentale Änderungen geht: Seit der industriellen Revolution ist die Digitalisierung Chance und Herausforderung zugleich. Es werden neue qualitativ hochwertige Arbeitsplätze entstehen, andere werden der Mechanisierung und Technisierung zum Opfer fallen. Die Entscheidung, wie weite Bereiche künftig die Arbeitswelt aussehen werden, ist die Frage der Steuerung der Digitalisierung mit Blick auf die menschlichen Bedürfnisse, nicht nur auf den Profit und Effizienz. Leider fehlt in diesem Buch eine Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen.

Buch 5

Helga Kernstock-Redl: Schuldgefühle. Woher sie kommen, warum sie Ängste verursachen, wie sie unser Leben unterschwellig lenken und wie wir sie ablegen können, Goldegg Verlag, Berlin/Wien 2020, ISBN: 978-3-99060-154-9, 22 EURO (D)

Schuldgefühle sind oft unangenehm und führen unhinterfragt oft zu psychischen Krisen. Schuldgefühle haben wir alle und sie dirigieren viele unserer Entscheidungen und unser Verhalten und bestimmen über unseren Selbstwert.

In diesem Buch setzt sich die Psychologin und Psychotherapeutin Helga Kernstock-Redl mit Schuldgefühlen auseinander und berichtet aus ihren beruflichen Erfahrungen mit dem Hintergrund von relevanten Forschungsergebnissen. Sie stellt dar, wie man diesen Gefühlen angstfrei begegnen kann, wie man mit ihnen umgehen kann und welche zentralen Informationen das persönliche Schuldgefühl über sich selbst offenbart: „Wer sich mit der Logik der Schuldgefühle auskennt, wird keine Angst mehr vor ihnen haben müssen, sondern sie zur Orientierung nutzen und selbstbestimmter, selbstbewusster und freier durchs Leben gehen.“ (S. 7) Außerdem zeigt sie an Beispielen aus dem Alltag und psychologischen Vorgehensweisen, wie man Schuldgefühle nutzen, ablehnen oder sie dauerhaft loswerden kann.

In den ersten Kapiteln stellt sie dar, dass Schuldgefühle uns etwas Gutes wollen, auch wenn sie sich quälend anfühlen können. Manchmal irren sie sich auch, sind viel zu stark oder zu viele. Wie man sie gewissenhaft prüfen kann, wird dann erläutert. Außerdem gibt es eine Aufzählung typisch unbegründeter Schuldgefühle. Die Opferposition und die Auseinandersetzung von Schuld und Gerechtigkeit schließt sich daran an. Die Schuld-Opfer-Dynamik und die Austragung von Schuldkämpfen und die dazugehörigen Emotionen kommen dann zur Sprache. Das Zusammenspiel von Trauma, Schuldgefühl und Gewalt wird dann vorgestellt. Die spezielle Situation in Familien wird dann beleuchtet: Schuldgefühle von Eltern und Kindern sowie Bausteine einer Erziehung zum entspannten Umgang mit Schuldgefühlen werden dort thematisiert. Die verschiedenen Wege, wie man sich von Schuldgefühlen befreien kann, werden im letzten Kapitel vorgestellt. Unter anderen geht es um die Ansätze der Wiedergutmachung, Bitte um Entschuldigung, Schuldaufteilung, Selbstmitgefühl oder Veränderung innerer Regelwerke.

Im Anhang findet man noch ein Literaturverzeichnis und die Anmerkungen.

Das Buch enthält viele psychologische Kniffe und Erkenntnisse, wozu Schuldgefühle eigentlich da sind. Manche neurologischen Exkurse gehen etwas zu sehr in die Theorie, sonst enthält das Buch viele praktische Anwendungsbeispiele und Handlungsempfehlungen zur Veränderung des eigenen Umgangs mit Schuldgefühlen. Darüber hinaus ist es auch für die Arbeit von Therapeuten geeignet.

Buch 6

Juri Sternberg: Das ist Germania. Die Größen des Deutschrap über Heimat und Fremde, Droemer, München 2020, ISBN: 978-3-426-27823-9, 20 EURO (D)

Um Deutschrap und seine Protagonisten geht es in der Serie Germania auf YouTube, die den wichtigsten Fernsehpreis in der BRD gewann. Basierend auf persönlichen Interviews mit zahlreichen Protagonisten des Deutschrap und der Social-Media Welt erzählt Autor und Musikjournalist Juri Sternberg in diesem lesenswerten Buch ihre Geschichten. Dazu gehören Enemy, Kool Savas, Capital Bra, Ak Ausserkontrolle, Dr. Bitch Ray oder Sugar MMFK. Kollegah und Farid Bang sind zum Glück nicht unter den Protagonisten.

Der Name der Serie „Germania“ erinnert auf den ersten Blick an den Titel des bekannten Werkes des römischen Historikers Tacitus und die Aneignung dieses Werkes für die Konstruktion eines Deutschlandbildes ab Mitte des 19. Jahrhundert. Hier geht es um Fragen der Identität und Selbstpositionierung in der deutschen Gesellschaft. Viele davon haben „zum ersten Mal vor einer Kamera über ihre eigene Biografie gesprochen. Über die Geschichte ihrer Familie. Über Themen wie Herkunft und Zerrissenheit, über Liebe und Heimat.“ (S. 10)

Hier geht es zwar um persönliche Stellungsnahmen und Weltsichten, hinter den Aussagen verbergen sich aber sich aber Haltungen einer postmigrantischen Gesellschaft: die Aushandlung und Anerkennung von Gleichheit als zentralem Versprechen der modernen Demokratien, die sich auf Pluralität und Parität als Grundsatz berufen. Sie lenken den Fokus auf gesellschaftliche Kernkonflikte um Anerkennung, Chancengleichheit und Teilhabe zu lenken, die als umkämpfte politische Güter auch von Migranten und ihren Nachkommen beansprucht werden. Die Gestaltung des Einwanderungslandes BRD und die dafür notwendigen Aushandlungsprozesse führen dabei zu neuen gesellschaftlichen Normen, Wertdebatten und Identitäten, die über die Migration hinaus weisen. Viele hier vorgestellten Musiker bringen zum Ausdruck, dass die immer postulierte Teilhabe und Gleichheit für alle in der Gesellschaft zum Teil nicht eingelöst wird. In der Realität gibt es Alltagsrassismus, Diskriminierungen, Machtgefälle, wachsende Ungleichheit und soziale Trennlinien.

Neben diesen Stimmen der postmigrantischen Gesellschaft werden die Musiker mit ihrer Biografie näher vorgestellt und stellen teilweise ein anderes Bild von sich selbst als in ihren Texten dar. Nachdenklichkeit, Ernsthaftigkeit und Kampf gegen jedweder Ungerechtigkeit verraten eine gehörige Portion an Selbstreflexion.

 







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz