Neuerscheinungen Transcript Verlag

13.09.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Michael Volkmer/Karin Werner (Hrsg.): Die Corona-Gesellschaft. Analysen zur Lage und Perspektiven für die Zukunft, Transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-3432-5, 24,50 EURO (D)

Jenseits von Ansteckungs- und Sterberaten hat die Corona-Krise tief greifende Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das alltägliche Leben der Menschen. In diesem Sammelband vermessen Beiträge aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Sicht die Situation inmitten der „Corona-Gesellschaft“, wollen eine erste Bestandsaufnahme und Austausch ermöglichen und zeigen Perspektiven für die Zeit nach der Krise auf. Die 39 Beiträge sind dabei aus verschiedenen Disziplinen und unterschiedlichen Sichtweisen geschrieben. Die Zeit der Entstehung des Buches und der Beiträge reicht von der Zeit des Lockdowns über die Phase der ersten Lockerungen bis hin zur strukturellen Bedrohung eines erneuten regionalen Lockdowns Ende Juni.

Aus Platzgründen können hier nicht alle Beiträge vorgestellt und diskutiert werden. Einige davon machen sehr nachdenklich und sind besonders für eine Diskussion geeignet. Zum Beispiel Stephan Lessenichs lesenswerter Beitrag über die Formen verstärkter gesellschaftlicher Solidarität und deren Interpretation: In Zeiten von Corona feiere nicht etwa der „Neoliberalismus“ „pandemische Umstände, sondern eben die ihm korrespondierende, ihn gleichsam einbettende, ‚neosoziale‘ (Trans-)Formation der Gesellschaft zu sich selbst. Eigenverantwortung in Sozialverantwortung.“ (S. 179) Oder das Essay von Jürgen Martschukat über die Bedeutung des Satzes „I can’t breathe“ des Afroamerikaners George Floyds, den er sagte, bevor er erstickte. In Corona-Zeiten zeigen sich die Benachteiligungen und alltäglichen Diskriminierungen von Afroamerikanern deutlich offener. Dies betreffe das soziale Sicherungsnetz, die Ökonomisierung des Gesundheitssystems, die leidige Frage der Krankenversicherung oder fehlende Ausrüstung von Schutzmasken oder Atemgeräte. Ein Zustand, unter dem Afroamerikaner besonders zu leiden haben und der „bisweilen darüber“ mitentscheidet, „wer leben darf und wer sterben muss.“ (S. 279)

Auch spannende konkrete Wege und Zukunftsszenarien werden aufgezeigt. So bei dem Beitrag von Silke Heffrich über Commons, „das was Menschen miteinander selbstbestimmt, selbstorganisiert, bedürfnisorientiert und ohne Vermarktungsinteresse tun oder zu tun in der Lage sind“, (S.374) als „transformatorische Kraft“ (Ebd.) im Umgang mit der Krise und danach. Oder Gabriele Winkers Aufsatz über den Aufbau einer solidarischen und nachhaltigen Care-Ökonomie, wo die Sphärentrennung zwischen entlohnter und nicht entlohnter Arbeit aufgehoben wird und ein freier Zugang zu dem, was in arbeitsteiliger Praxis geschaffen wird, möglich ist.

Die 39 Beiträge sind aus verschiedenen Disziplinen und unterschiedlichen Sichtweisen geschrieben. Bei der gegenwärtigen Lage ändert sich natürlich die Situation sehr schnell, von daher sind einige Texte, die im Frühjahr geschrieben worden sind, schon wieder überarbeitungs- und ergänzungswürdig. Viele der Beiträge sind aus einer „neuen“, persönlicheren Sicht geschrieben, andere haben genuinen wissenschaftlichen Charakter. Lesenswert sind die meisten, die offen notwendige Veränderungen des Bestehenden nach der Corona-Krise anmahnen.

Buch 2

Barbara Schönig/Lisa Vollmer: Wohnungs-Fragen ohne Ende?! Ressourcen für eine soziale Wohnraumversorgung, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-4508-8, 29 EURO (D)

Städte und Regionen in der BRD sind mit einer Vielzahl an Wohnungsfragen konfrontiert. Während in wachsenden Metropolregionen und Mittelstädten die Mieten und Bodenpreise ständig ansteigen, fehlt es speziell in ländlichen Regionen an bedarfsgerechten Wohnraum trotz manchmal erheblichen Leerstandes. So wird es für weite Teile der Bevölkerung von einkommensschwachen Haushalten bis hin zur Mittelschicht, für Studierende oder Senioren immer schwieriger bezahlbaren und angemessenen Wohnraum zu finden.

Diese Probleme werden in Wissenschaft und Praxis, sozialen Bewegungen und der Wohnungswirtschaft und in unterschiedlichen Disziplinen und Professionen diskutiert. Dieser Band kompiliert Beiträge aus der Tagung „Boden. Wirtschaft. Gesellschaft. Ressourcen auf ein Recht auf Wohnen“ 2019 in Weimar, wo sich Wohnungsforscher verschiedenen Disziplinen versammelt waren. Es sind Beiträge zu folgenden vier übergeordneten Themenkomplexen: Bedeutung und Möglichkeiten der Bodenpolitik, die Rollen der Wohnungswirtschaft, das Potential der Rekommunisierung von Wohnraum und die Ausprägung von Wohnungsfragen jenseits (großstädtischen) Wachstums.

In der Einleitung gehen die Herausgeberinnen auf die fehlende dauerhafte Forschung jenseits von aktuellen Wohnungskrisen ein und formulieren sechs Thesen, wie eine interdisziplinäre Wohnungsforschung dauerhaft etabliert werden kann.

1.     Die Wohnungsfrage ist paradox: Sie ist universal und zugleich überall besonders, sie ist komplex und basiert auf einem schlichten Widerspruch.

2.     Die Wohnungsforschung muss die vier Dimensionen der Wohnraumversorgung Regulierung und Steuerung, soziale Praktiken, räumliche Materialisierung und Aushandlungsprozesse und deren wechselseitige Bezüge in den Blick nehmen.

3.     Der Wandel der Wohnraumversorgung führt zur Herausbildung historisch und lokal spezifizierter Wohnraumregime.

4.     Um Wandel und Ausprägung der Wohnraumversorgung zu erklären, bedarf es eines interdisziplinären, gesellschaftstheoretisch informierten und vergleichend angelegten Forschungsansatzes.

5.     Die interdisziplinäre Wohnungsforschung muss die Wohnungsfrage(n) räumlich differenziert betrachten.

6.     Eine institutionalisierte Wohnungsforschung muss die Strukturen und Logiken der Wohnraumversorgung und ihres Wandels auch jenseits wohnungspolitischer Zyklen im Blick behalten.

 

Im ersten Bereich geht es um rechtliche Fragen und Strategien für Kommunen, um aktive Bodenpolitik zu betreiben und diese für wohnungspolitische Ziele zu nutzen. Zunächst geht Florian Rödl aus rechtswissenschaftlicher Sicht der Frage nach, welche verfassungsrechtlichen Grenzen dem Eigentum am Boden gesetzt sind und welche rechtlichen und gesetzlichen Möglichkeiten staatlichen Handels im Sinne eines Rechts auf soziale Wohnraumversorgung es geben. Danach skizzieren Gabriele Debrunner, Andreas Hengstermann und Jean-David Gerber auf die aktive Bodenpolitik in der Schweiz ein und schildern Instrumente, deren Wirksamkeit und Kosten sowie Chancen der Umsetzung. Cilia Lichtenberg die Möglichkeiten des Lernens vom niederländischen Erbbaurecht, dessen Umsetzung und Wirksamkeit.

Im zweiten Bereich geht es um die Verwertungslogik finanzmarktorientierter Akteure und der Wohnungswirtschaft allgemein. Sebastian Klus geht der Frage nach, inwiefern die Privatisierung kommunaler Wohnungsbestände in der BRD das Modell der europäischen Stadt untergräbt und identifiziert Stellschrauben, mit denen Akteure der Wohnungswirtschaft dazu gebracht werden könnten, sich für die Bereitstellung bezahlbaren Wohnraumes zu engagieren. Arvid Krüger arbeitet die unterschiedlichen institutionellen Anbieter von Wohnraum in Großwohnsiedlungen (kommerzielle Unternehmer, kommunale Unternehmen, Genossenschaften) und fragt danach, welchen Beitrag diese leisten oder leisten können. Anschließend kontrastiert Anne Kockelkorn aus architekturwissenschaftlicher Sicht Merkmale finanzialisierten Wohnungsbaus mit Wohnungsbau von Trägern, die Aspekte gemeinschaftlichen und solidarischen Wohnungsbaus präferieren.

Kommunale Wohnungspolitik am Beispiel Berlins steht dann im Mittelpunkt. Ingo Jensen nimmt zuerst die derzeitigen Berliner Bemühungen um die Rekommunalisierung von Wohnraum in den Blick. Derselbe Autor interviewt im folgenden Beitrag den Baustadtrat des Bezirkes Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt, zur Anwendung verschiedener kommunaler Instrumente, mit denen ein Marktanteil „communaler“ Akteure von 50% erreicht werden soll, was auch mit der Debatte um Commons verbunden wird. Das Berliner Bündnis „kommunal & selbstverwaltet Wohnen“ stellt danach Erfahrungen von Mieter der landeseigenen Wohnungsunternehmen der Stadt vor und begründet daraus die Notwendigkeit, Strukturen der Mitbestimmung innerhalb der Unternehmen und Möglichkeiten der Selbstverwaltung auszubauen.

Der vierte Teil geht auf Wohnungsfragen jenseits der Wachstumsräume in den Blick und diskutiert Bedingungen und Möglichkeiten lokaler Politik, Planung, Zivilgesellschaft und Wohnungswirtschaft für die Sicherung qualitätsvollen bezahlbaren Wohnens.

Maike Simmanek erörtert die Transformation der Daseinsversorge im ländlichen Raum als wesentliche Bestimmung zur Sicherung angemessener Wohnumfeldqualität einerseits und der Attraktivität des ländlichen Raumes als Wohnstandort andererseits. Barbara Schönig geht noch auf die Wohnungsfragen kleinerer Städte im strukturschwachen Raum am Beispiel Thüringer Klein- und Mittelstädte ein, wo kein quantitativer Mangel an Wohnraum besteht, aber eine Krise der Versorgung des qualitätsvollen bezahlbaren Wohnens.

Der Ausgangspunkt des Buches ist das Recht auf Wohnen für alle und die Kritik an der Privatisierung von Wohnraum in den letzten Jahrzehnten und die neoliberale Profitmaximierung aktuell. Hier kommen Vertreter von Planungswissenschaften, Soziologie, Geografie, Architektur ebenso wie solche aus der kommunalen und aktivistischen Praxis zu Wort, ein buntes Potpourri an Ansätzen und Meinungen.

Es ist ein kleiner Ausschnitt von Problemen und Perspektiven rund um eines der drängendsten Probleme der Zeit: Sowohl das Wohnen in Ballungszentren als auch in ländlichen Regionen werden hier fundiert dargelegt. Diese Überlegungen müssten jedoch noch mit anderen Aspekten verbunden werden. Dazu zählt neben dem Bauen für Menschen mit Behinderung oder Einschränkungen im Alter die Einbeziehung des demografischen Faktors, die Rolle von Architektur für das soziale und psychische Wohlbefinden („heilsame Architektur“), das Spannungsverhältnis in Großstädten zwischen der Schaffung von neuen Wohnungen und ökologischen Gesichtspunkten und auch die Möglichkeiten von Enteignungen.

 

Buch 3

Najine Ameli: Die neue Share Economy: Bibliotheken der Dinge. Gemeinschaftliche Nutzungen für eine nachhaltige Stadtentwicklung, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-5221-5, 35 EURO (D)

Mit der Massenproduktion von Waren und Alltagsgütern seit der Industrialisierung haben ökologische Probleme zugenommen. Die Sharing Economy im heutigen Sinne erfährt seit ihrem Aufkommen eine stetig wachsende wirtschaftliche Bedeutung, wobei sich das Ressourcennutzungsverhalten in der Gemeinschaft das Konsumentenverhalten weg von traditionellen Besitzmodellen verändert. Trotzdem gibt es noch immer eine Kluft zwischen der Bereitschaft und tatsächlichen Umsetzung in der Praxis. Najine Ameli zeigt in diesem Buch auf, wie sich Bibliotheken der Dinge seit einigen Jahren in Nordamerika und Europa verbreiten und als Leihstationen für eine breite Palette von Gebrauchsgegenständen einen Weg zur Überwindung dieser Kluft aufzeigen können. Dies ist eine erfolgreich abgelegte Dissertation an der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen.

Die Kluft zwischen der Bereitschaft zur Nutzung der Bibliothek der Dinge und tatsächlichen Umsetzung in der Praxis erklärt Ameli damit, dass sich solche Einrichtungen erst seit 2010 vermehrt gründen und ein solcher Prozess Zeit brauche, um sich zu entfalten. Bibliotheken der Dinge würden sich mehr verbreiten, wenn ihre Defizite bei der Nutzerfreundlichkeit (alltagsfreundlicher Liefer- und Rücknahmeservice) behoben werden. Dazu werden in durch verschiedene Design-Tools Verbesserungsvorschläge in den Bereichen Produkt, Service und System gemacht. Eine möglichst breite Palette verspricht dabei mehr Aussicht auf Erfolg: „Gelingt es, sie so nutzerfreundlich zu gestalten, dass sie ungefähr 25 Prozent der Einwohner ihres Quartiers erreichen und dies in mehreren Quartieren und Städten, dann ist ein kritischer Schwellenwert erreicht, der die bisherige auf dem Nutzen-durch-Besitz-Prinzip basierende Konsumweise umkippen lassen sollte.“ (S. 240)

Das Konzept der Bibliothek der Dinge ist leicht in urbane Leitbilder einer Sustainable City, Sharing City oder Smart City integrieren. Sie ermöglichen einen intelligenten Umgang mit Ressourcen und grauer Energie und verbessen die Lebensqualität der Einwohner damit. Graue Energie ist diejenige Energie, die bei der Herstellung von Produkten anfallen, die sinken würde, wenn weniger Dinge produziert werden müssten.

Die Autorin weist eindrücklich nach, dass eine Bibliothek der Dinge bestehende Barrieren für gemeinschaftlichen Konsum überwinden und so zu ressourcensparenden und energieeffizienteren Lebensstilen und Quartieren in Städten führen kann. Die Methodik ist durchdacht und die Arbeit lösungsorientiert. Sie gibt Handlungsempfehlungen für zivilgesellschaftliche Initiativen und kommunalpolitische Entscheidungsträger an die Hand, das sie für eine nachhaltige Quartiersentwicklung nutzen können. 

Buch 4

Michael Bachmann/Asta Vonderau (Hrsg.): Europa. Spiel ohne Grenzen. Zur künstlerischen und kulturellen Praxis eines politischen Projekts, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-2737-4, EURO (D)

In die Diskussion um die Grenzen Europas führt der Band einen multiperspektivischen Spielbegriff ein. Dieser fragt „nach der kulturellen und künstlerischen Konstitution politischer Europa-Projekte ebenso wie nach jeden anderen, gelebten Europas, die in mehr offiziell-institutionellen Zuschreibungen nicht aufgehen; und spezifisch nach den Praktiken ihrer Konstitution – auf der Ebene von Ausstellungen oder Kunstprojekten; und auf der Ebene alltäglichen Handels, etwa durch Migrationswege und individuelle Lebensentwürfe.“ (S. 10) Die Beiträge des Sammelbandes untersuchen die Spiel- und Freiräume, die sich in der Inszenierung und performativen Konstruktion verschiedener Europas ergeben, aber auch die normativen Dimensionen und Ausgrenzungen.

Den Anfang macht Regina Römhild, die sich mit den kulturellen Praktiken beschäftigt, die sowohl die historischen Erfahrungen als auch die auf mögliche Zukunftsszenarien gerichtete Visionen „Anderer Europas“ als kosmopolitische Interventionen ins Spiel bringen. Es wird herausgearbeitet, welche Alternativen zu einem aus der jeweilige Perspektive hegemonialen Europa implizit oder explizit entworfen oder praktiziert werden und wie diese Praxis im Sinne einer mit den anderen geteilten, sozialen Imagination produktiv gemacht wird.

Danach stellt den NSK-Staat, den das Künstlerkollektiv Neue Slowenische Kunst 1992 gründete. Dieser Staat verfügt über keine Territorien, sondern manifestiert sich überall da, wo seine Bürger kreativ tätig werden, und trägt einen performativen und paneuropäischen Charakter. Dieses Kunstprojekt trägt und vernetzt sich selbst und generiert sich performativ immer neu. Anschließend stellt Annika Wehrle die Rimini Protokoll-Produktion „Cargo Sofia“. Dies ist ein Transit-Theater, wo die Zuschauer auf der Ladefläche eines LKW Platz nehmen. Die Thematisierung von Grenzen und das Spiel mit Grenzverläufen innerhalb der Inszenierung wird dargestellt und die Frage gestellt, inwieweit mittels ästhetischer Strategien stereotypisierende Europabilder ausgerufen und zur Disposition gestellt werden.

Kornelia Ehrlich skizziert dann die Europäisierung von unten in der slowenischen Hauptstadt Ljubljanas durch lokale Kreativakteure, die sich damit implizit zur städtischen Formierung der Stadt zu einer „creative city“, die Kultur vor allem aus einer verwertungslogischen Perspektive konzipiert. Anhand dreier Beispiele wird aufgezeigt, wie sich die Akteure mit ihren Praktiken in ein Verhältnis zur Formalisierungsstrategie der offiziellen Seite setzen. Julia Gehres behandelt dann mit der Frage, inwieweit sich im Verlauf der Geschichte Grenz-, Raum- und Identitätsbilder sowie die Formen des kulturellen Austauschs und der Kommunikation in Venedig verändert haben und wie Akteure das heutige Venedig zur Selbstinszenierung nutzen. Dies geschieht mit dem Augenmerk auf dem spezifischen Phänomen des Karnevals.

Caroline Herfert beschäftigt sich mit der Um- und Abgrenzung Europas in Relation zum „Orient“ und nimmt dabei Wien als Schauplatz von Grenzsetzungen sowie Grenzüberschreitungen in den Blick. Dabei untersucht sie die „Türkenstücke“ im Theater in der Josefstadt. Stefanie Watzla präsentiert dann das Schauspielervirtuosentum als transnationales und transkulturelles Phänomen der Theatergeschichte mit Schwerpunkt auf Grenzüberschreitungen und Grenzziehungen im Europa des 19. Jahrhunderts.

Dorothea Volz untersucht die Geburtsstunde des Mythos des Orientexpress anhand der Jungfernfahrt des Zuges. Sie stellt dabei die These auf, dass der Orientexpress real und imaginär als mobiler Grenz- und Verhandlungsraum kultureller Identitäten zwischen Europa und seinem Anderen gesehen werden kann. Friederike Gersner geht dann auf die Rezeption des Cakewalk in Europa. Der Cakewalk war einer der ersten schwarzen Tänze aus den USA, die in Europa zur Mode wurden. Gersner wirft dabei einen Blick auf die zeitgenössische, europäische Rezeption des Cakewalks in der Presse, der Kinematographie und im Zirkus und untersucht inwiefern in Europa um die Jahrhundertwende anhand des Cakewalks Authentizität und Imitation als kulturelle Werte verhandelt werden.

Asta Vondreau stellt anhand von zwei Orten und Spielen die Konstitution Europas in künstlerischer und alltagsweltlicher kultureller Praxis und Beobachtbarkeit dar. Dies sind das von der österreichischen Künstlergruppe Goldextra konzipierte Computerspiel „Frontiers“ und ein Spiel namens „Gangsterläufer“, das Jugendliche auf den Dächern und Straßen des Berliner Stadtteils Neuköllns praktizieren. Azahdeh Sharifi setzt sich mit Theater und Migration aus einer europäischen Perspektive auseinander. Für ihn spiegeln sich die Fragmente einer Geschichte der Migration in der fragmentarischen Form jenes Theaters, das durch Migration gekennzeichnet ist.

Kerstin Poehls behandelt dann Migration im musealen Raum und konzentriert sich dabei auf Migrationsausstellungen auf der griechischen Insel Lesbos. Der Beitrag von Anika Marschall über Flüchtlingspolitik beim Zentrum für Politische Schönheit und die tödlichen Folgen von Grenzpolitik rundet den Sammelband ab. Kurzbiographien der Autoren findet man noch im Anhang.

Hier werden künstlerische und kulturellen Ansätze und Praktiken von unten auf Europa sichtbar gemacht, die unterschiedliche Blickwinkel mit viel Kreativität offenbaren. Manchmal sind die vorgestellten Projekte spannender als die Beantwortung der eigentlichen Ausgangsfrage. Hier ist besonders der NSK-Staat oder Cargo Sofia zu nennen. Der künstlerische Blickwinkel von Geflüchteten oder Migranten selbst auf Europa hätte noch hinzugefügt werden können. Zum Beispiel  One day I went to *idl, ein Berliner Theater- und Musikprojekt von und mit 13 jungen Refugees und postmigrantischen Jugendlichen, das sie in Zusammenarbeit mit den Künstlern Theresa Henning und Adrian Figueroa sowie dem britisch-nigerianischen Musiker Afrikan Boy realisiert haben.

Buch 5

Andrea Hausmann (Hrsg.): Handbuch Kulturtourismus im ländlichen Raum. Chancen – Akteure – Strategien, transcript, Bielefeld 2020, ISBN: 978-3-8376-4561-3, 29,99 EURO (D)

Im ländlichen Raum noch gibt es noch viel ungenutztes Potenzial im Bereich Kulturtourismus. Initiativen auf Landes- und Bundesebene sind mit dem Ziel gestartet, über die Entwicklung und Vermarktung kulturtouristischer Angebote auch die Entwicklung ländlicher Regionen insgesamt anzustoßen. Der Band benennt weiterführende Anregungen für mögliche Strategien und Erfolgsfaktoren. Experten aus der Kulturtourismusforschung, -praxis und -beratung geben Einblicke in verschiedene Aspekte des Kulturtourismus im ländlichen Raum. Dabei werden sowohl die Nachfrage- als auch die Angebotsseite betrachtet und praxisnahe Handlungsempfehlungen gegeben.

Dieses Buch entstand aus den Ergebnissen des 2018 in Münster stattfindenden Fachkongress „Kulturtourismus im ländlichen Raum“. In der Einleitung beschäftigt sich Andrea Hausmann mit dem Begriff des Kulturtourismus, den Gründen für dessen Zunahme im ländlichen Raum, Projekten auf Bundes- und Landesebene in den letzten 10 Jahren und stellt die einzelnen Beiträge vor.

Stefan Forster stellt den Kulturtourismus in ländlichen Räumen der Schweiz vor. Dann berichtet Verena Teissl aus den Erfahrungen in Tirol, bevor Yvonne Pröbstle Zahlen, Fakten und Beobachtungen aus der „Kulturtourismusstudie 2018“ präsentiert. Heike Bojunga und Thomas Feil behandeln dann mögliche Erfolgsfaktoren und Katja Drews versetzt sich in die Nutzerperspektive und fragt, was den ländlichen Raum als touristisches Reiseziel ausmacht. Elke Witt skizziert die Potentiale der WelterbeCard als Marketinginstrument. Philipp Holz stellt anhand des Praxisbeispiels aus der „Zugspitz Region“ die digitalen Potentiale für die Vernetzung der Akteure im ländlichen Raum vor. Zum Schluss präsentiert Matthias Burzinski die Schritte zur Erneuerung des Kulturtourismus in NRW. Im Anhang findet man noch ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren.

Bei Professionalität, Vermarktung und Vernetzung im Bereich Kulturtourismus auf dem Lande gibt es Nachholbedarf. Hier werden Erfolgsstrategien, Probleme und Herausforderungen von Fachleuten grundlegend auf hohem Niveau dargestellt. Ein grundlegendes Essay über die Verbindung von Natur und Kultur in Form von literarisch-historischen Wanderwegen hätte noch ergänzt werden können: Der Kall-Trail, der Heinrich-Böll Weg und der Hemingway-Trail als Teil „Historisch-Literarischen Wanderweg“ in der Eifel. Oder der literarische Rheingau mit Wanderungen auf den Spuren der Romantik. Viele Orte in der Schweiz werben auch damit, mit Autorinnen und Schriftstellern auf Wanderschaft zu gehen.







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz