Neuerscheinungen Kultur und Gesellschaft

25.09.20
KulturKultur, TopNews 

 

Buchtipps von Michael Lausberg

Buch 1

Hrsg.: Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz und Prof. Dr. Bernd Schneidmüller: Der Kaiser und die Säulen ihrer Macht. Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa. Katalog zur Ausstellung, WGB Theiss, Darmstadt 2020, ISBN 978-3-8062-4174-7, 48,00 Euro

Die Ausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“, die vom 9. September 2020 bis 18. April 2021 im Landesmuseum Mainz zu sehen ist, stellt kaiserliche Persönlichkeiten und ihre jeweiligen Herrschaftsideen und -strategien vor. Sie beleuchtet erstmals die sich stetig wandelnden Netzwerke der Macht, sie blickt auf die dynamischen Beziehungsgeflechte von Herrschern und Beherrschten, von Macht und Ohnmacht, von politischen Deals, diplomatischen Manövern und folgenschweren Desastern. wie sich jeweils neue politische und gesellschaftliche Ordnungen entwickelten. Am Beginn steht die Krönung Karls des Großen (800), die zugleich die Idee des antiken Kaisertums wiederbelebte, den Abschluss bildet die Goldene Bulle (1356), ein kaiserliche Gesetzbuch zur Regelung der Wahl und Krönung von Königen und Kaisern, das bis 1806 Gültigkeit hatte.

Die Ausstellung rückt die Rheinregion als dem Schauplatz zentraler Ereignisse der mittelalterlichen Geschichte in den Mittelpunkt. Hier entstanden, auf einer Strecke von knapp 100 Kilometern, die mächtigen Kathedralbauten von Mainz, Worms und Speyer. Hier fanden große Hof- und Reichsversammlungen sowie bedeutende Kirchensynoden statt. Hier wurden Könige gewählt und gekrönt. Im "goldenen Mainz" residierte der mächtigste Mann nach dem Kaiser und Stellvertreter des Papstes, Erzbischof Willigis. In Worms wurde das erbitterte Ringen um den Machtanspruch zwischen Kaiser und Papst mit dem Wormser Konkordat (1122) beendet. In der Kaiserpfalz in Ingelheim machten Könige und Kaiser mit Gefolge Halt, in Mainz und Worms hielten sie Hoftage und große Feierlichkeiten ab. Die drei Städte Speyer, Worms und Mainz mit ihren hoch angesehenen Talmudschulen galten über Jahrhunderte als Zentren  der Gelehrsamkeit. „Die Ausstellung präsentiert diese Vielfalt von Herrschaft, politische Aushandlungen und sozialen Gestaltungen als Verflechtungsgeschichte. Dafür werden herausragende, originale Objekte des Mittelalters in einer bisher nie gezeigten Zusammenstellung präsentiert.“ (S. 23), wie es in der Einführung heißt.

Das Buch wird eingeleitet von einem Essay über die Funktion und das Symbol des Thrones. Nach dem Beitrag folgt dann der Katalog mit den Objekten. Danach wird in sieben verschiedenen Essays von verschiedenen Experten Karl der Große und seine Herrschaftsideen und -strategien vorgestellt. Der Katalog bildet wie bei den anderen Herrscherpersönlichkeiten den Abschluss des Kapitels. Elf Beiträge beschäftigen mit Heinrich II. und seiner Form der Machtausübung. Anschließend folgen in einer Zusammenschau die Machtpraxen von Heinrich IV. und Heinrich V. mit acht begleitenden Essays. Sieben Beiträge stellen dann Macht und Herrschaft von Friedrich I. Barbarossa vor. Nach dem Tod von Friedrich I. behauptete sich im römisch-deutschen Königreich das Prinzip der Königswahl, anfangs durch viele Fürsten, später exklusiv durch sieben Kurfürsten. Die neue Form der Herrschaft ist Gegenstand des letzten Themenkomplexes mit sechs Aufsätzen.

Im Anhang findet man noch Genealogien, eine opulente Literaturliste, den Bildnachweis und ein Register der Leihgeber.

Dies ist mehr als ein Ausstellungskatalog, es ist schon ein eigenes Fachbuch über Machtausübung im Mittelalter im römisch-deutschen Königreich. Dieser voluminöse Band vereinigt Fachwissen in den Aufsätzen und der Beschreibung der hochkarätigen Objekte mit großformatigen Bildern, die Details erkennen lassen. Die Verflechtung von geistlicher und weltlicher Welt in der Rheinregion wird hier durch die renommierten Experten, die an der Entstehung des Kataloges und der Ausstellung beteiligt waren, erfahrbar.

 

Buch 2

Christian Metz: Kitzel. Genealogie einer menschlichen Empfindung, S. Fischer, Frankfurt/Main 2020, ISBN: 978-3-10-002350-3, 32 EURO (D)

Trotz seiner basalen Körperfunktionen bleibt der Kitzel bis heute ein rätselhaftes Phänomen. Er ist Berührungsfigur und Empfindung unter einem Namen. Christian Metz legt eine Genealogie des Kitzels quer durch die Jahrhunderte vor: „Das Kitzeligsein gehört zu den evolutionär ältesten Empfindungen. Wer wissen will, was die Grundelemente des Menschseins ausmacht, muss den Kitzel in Augenschein nehmen.“ (S. 10) Dies wird in der Folge chronologisch von der Antike bis in die Gegenwart analysiert.

Im Altertum gab es zum Beispiel die hippokratischen Schriften, die einen funktionalen Zusammenhang zwischen Kitzelempfindung und Sexualität herstellten. Darin ging es um die Abfolge und Funktion von Koitus, Kitzelempfindung und Zeugung. Hippokrates verortet die Kitzelempfindung im Körperinneren und behandelt sie als eine Vitalempfindung.

In der Bildkunst des 14.und 15. Jahrhunderts formiert sich der sanfte Kitzel als eine eigenständige Empfindung von sakralem Charakter. Die Darstellung dieser Kitzelweise ist in der religiösen Malerei mit einem kunsttheoretischen Modell verschränkt.

In der Frühen Neuzeit nimmt der Philosoph René Descartes Platons Vorstellung von geistigen Kitzel auf und wandeln aber gleichzeitig auch das Kitzelkonzept, das in der Sakralkunst etabliert wurde, in sein physiologisches und medizinisches Wissen um.

Jean Paul gestaltete das Kitzeln zu einer eigenen ästhetischen Theorie und Poetik aus. In seiner Vorschule der Ästhetik erweitert er das Wirkungsfeld des geistigen Kitzels, indem er ausführt, inwieweit die Verstandestätigkeit des Witzes als Prinzip des Kitzels zu verstehen ist. In seiner Schrift Also sprach Zarathustra verstand Friedrich Nietzsche die Eigenschaft, kitzelig zu sein, als ein proprium des Menschen.

In der Gegenwart gibt es den sogenannten Kitzelsex, wo der eine Partner den an Armen und Beinen gefesselten anderen kitzelt. Grundlage dieser sexuellen Praxis ist zum einen die Lust an Unterwerfung und Angst, zum anderen basiert die sexuelle Praxis auf dem Vertrauen, dass der Kitzelnde eine gewisse Grenze zum Schmerz nicht überschreitet.

Dies ist ein spannender Beitrag zu einer kulturhistorischen und kulturtheoretischen Gefühls- und Emotionsforschung in Bezugnahme auf Anthropologie, Philosophie, Kunstgeschichte und Literatur. Erstaunlich ist vor allem, dass sich so viele Philosophen und andere Denker mit Fragen der Körperempfindungen beschäftigt haben und dies jenseits der Medizin oder Physiologie.

Buch 3

Annelie Ramsbrock: Geschlossene Gesellschaft. Das Gefängnis als Sozialversuch – eine bundesdeutsche Geschichte, S. Fischer, Frankfurt/Main 2020, ISBN: 978-3-10-002517-3, 25 EURO (D)

Annelie Ramsbock beschäftigt sich in diesem Buch mit Hintergründen, Sinn und Zweck der Resozialisierungsparadigmas in bundesdeutschen Gefängnissen und deren praktischen Umsetzung. Sie zeichnet am „Beispiel der Gefängnisreform den Weg nach, den die bundesdeutsche Demokratie gegangen ist, um den Strafvollzug an ihr gesellschaftliches Selbstverständnis anzupassen. Welche Lebensweisen und Lebensbedingungen die Bundesrepublik Deutschland ihren Strafgefangenen zumutete oder auch zugestand, ist hierbei die leitende Frage.“ (S. 12) Sie betrachtet die „Gefängnisreform als Brennglas gesellschaftspolitischer Entwicklungen“. (Ebd.) Sie untersucht dabei den Zeitraum von 1945 bis 1985, mit Schwerpunkten von Anfang der 1960er Jahre bis Ende der 1970er Jahre.

Nach dem nationalsozialistischen Strafsystem in den Gefängnissen wurde von den Alliierten der Resozialisierungsgedanken eingeführt, der Grundlage für die 1949 gegründete BRD wurde. Diese Liberalisierung des Strafvollzuges wurde bei den Strafrechtsreformen in den 1950 und 1960er Jahren weiter verfolgt. Der Resozialisierungsgedanke wurde das alleinige Vollzugsziel in unserem Land ist und nicht mehr die Strafe an sich. Sie weist aber gleichzeitig darauf hin, dass es auch in der Bundesrepublik noch Vertreter der Kriminologie, die stark an kriminalbiologischen Denkfiguren hingen. Es gab Kontinuitäten aus der NS-Zeit in Form von Praktiken und kriminologische Lehrbücher, die in der Bundesrepublik weitergeführt wurden.

Sie sieht die Resozialisierung in der Rückschau kritisch, sie habe nicht den erwünschten Effekt erzielt. Sie sieht die Resozialisierungsidee an als „paradoxen Fall, dass ein Mensch aus der Gesellschaft ausgeschlossen wird, um ihm beizubringen, wie er sich innerhalb der Gesellschaft zu verhalten hat.“ (S. 12) Die Idee konnte in vielen Fällen nicht in die Realität umgesetzt werden.

Die Autorin weist darauf hin, dass die Erfolgsquote an freien Orten höher sei als Resozialisierung im abgeschlossenen Ort des Gefängnisses. Wenn man Tätern ein gewisses Maß an Freiheit zugesteht trotz dieser Strafsituation, wäre dies effektiver. In diesem Zusammenhang bringt sie Beispiele aus skandinavischen Ländern mit Wohngruppen und anderen Formen der partiellen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, die viel höhere Erfolgsquoten als die Resozialisierungsversuche, die tatsächlich im Zellengefängnis stattfanden.

Mit diesem Werk bringt Ramsbrock ein schon lange schwelendes Thema wieder auf die Agenda: der Sinn von Gefängnisstrafen auch außerhalb der juristischen Diskussion. So hat das Buch auch etwas Provokatives: die Thesen werden wohl die Leserschaft spalten. Es wird auch das Bedürfnis geben durch Gefängnisstrafen Täter zur Verantwortung zu ziehen, ihn zur Reue anzuhalten, abzuschrecken und den Opfern Genugtuung zu verschaffen durch die Einschränkung der persönlichen Freiheit eines Täters.

Dennoch ist Ramsbrocks Kritik ist berechtigt, wobei dies schon früher Kriminologen kritisiert haben. Noch deutlicher wird der Rechtsanwalt und ehemalige Gefängnisdirektor Thomas Galli in seinem lesenswerten Buch: Weggesperrt Warum Gefängnisse niemandem nützen. Er zeichnet ein differenziertes Bild des Strafvollzugs und zeigt Alternativen zu vielen sinnlosen Haftstrafen auf. An die Stelle von Vergeltung und Buße müssen Verantwortung und Wiedergutmachung treten. Galli fordert eine Änderung des Strafrechts in dieser Hinsicht.

 

Buch 4

Remo H. Largo: Zusammen leben. Das Fit-Prinzip für Gemeinschaft, Gesellschaft und Natur, S. Fischer, Frankfurt/Main 2020, ISBN: 978-3-10-397025-8, 17 EURO (D)

In seinem neuen Buch entfaltet der Humanist Remo H. Largo Gedanken für eine neue Form von Zusammenleben, die auf seinem Menschenbild des Fit-Prinzips beruhen.

Im Fit-Prinzip werden sechs Grundbedürfnisse wie Geborgenheit und Selbstentfaltung sowie acht Kompetenzen wie Sprache oder logisch-mathematisches Denken unterschieden.

Der Eindruck von Vielfalt und Komplexität entsteht, weil die Grundbedürfnisse und Kompetenzen von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgebildet sind, was dazu führt, dass jeder Mensch sein eigenes Profil von Bedürfnissen und Fähigkeiten aufweist. Wenn wir uns bemühen, die Einzigartigkeit der Profile zu begreifen, verstehen wir uns selbst und auch die Mitmenschen besser.

Das Fit-Prinzip besagt: Jeder Mensch strebt danach, mit seinen individuellen Bedürfnissen und Begabungen in Übereinstimmung mit der Umwelt zu leben. Das Prinzip beruht auf einer ganzheitlichen Sichtweise, die die Vielfalt unter den Menschen, die Einzigartigkeit jedes Einzelnen und das Zusammenwirken von Individuum und Umwelt als Grundlage der menschlichen Existenz versteht.

Die Ausprägung ihrer individuellen Bedürfnisse, Kompetenzen und Vorstellungen bestimmen in einem hohen Masse, wie die Menschen leben wollen. Genauso wie jeder Mensch in seinem Wesen einzigartig ist, ist auch sein Lebensweg einmalig. Nur im gegebenen Rahmen seiner Bedürfnisse und Kompetenzen kann er ein zufriedenes Leben führen. Das könnte man als Einschränkung verstehen, es hat aber auch etwas sehr Befreiendes. Wir müssen nicht Ausnahmeleistungen erbringen. Die eigenen Grenzen zu akzeptieren, uns so zu nehmen, wie wir nun einmal sind, schützt auch vor Überforderung und Stress.

Bei seinen Forderungen nach einem Umdenken steht das solidarische Verhalten im Mittelpunkt. Ein gemeinschaftliches Zusammenleben, in der selbstbestimmt der einzelne Charakter ausgelebt werden kann, wird angemahnt. Im Verhältnis Staat und Individuum sollten die Bürger weitaus mehr an den wichtigen Entscheidungen beteiligt werden, also eine Form der direkten Demokratie. Er plädiert auch für ein Umdenken in der Ökonomie: Statt des Strebens nach immer mehr Wohlstand sollte eine Postwachstumsgesellschaft entstehen. Dies ist nicht nur im Sinne der Klimakrise vonnöten, sondern auch für ein Menschenbild jenseits von materiellen Gütern mehr hin zu Befriedigung der Grundbedürfnisse und einem sinnerfüllten Leben durch mehr Gemeinschaft. Er steht einem „Grundeinkommen, das den Lebensunterhalt für alle sicherstellen soll, positiv gegenüber. (S. 196) Dies könne durch eine Transaktionssteuer auf sämtliche Leistungen erhoben werden, die in Produktion und Dienstleistung erbracht werden.

Die meisten dieser Vorschläge sind begrüßenswert, die Legislative zur stärksten Macht zu machen und weitere Anregungen eher nicht. Dieses Postulat nach einer solidarisch-ökologischen Wende gibt viele Anregungen für gesellschaftspolitische Visionen der Zukunft. Viele Forderungen sind nicht genuin neu, sie werden hier in einen soziologischen Zusammenhang gebracht. Individualität und das Bedürfnis nach Gemeinschaft haben bei Largo zu Recht den gleichen Stellenwert. Auch die Forderung nach Basisdemokratie ist zu begrüßen. Er bleibt jedoch schuldig, wie er den Kapitalismus „zähmen“ will.

 

Buch 5

Devid Striesow/Axel Ranisch: Klassik drastisch. Lippenbekenntnisse zweier Musik-Nerds, Ullstein, Berlin 2020, ISBN: 978-3-96101-040-0, 20 EURO (D)

Der Schauspieler Devid Striesow und der Regisseur, Schauspieler und Opernschreibern Axel Ranisch geben in diesem Buch einen Einblick in ihre private Leidenschaft, die die beiden miteinander verbindet: die klassische Musik.

Beide berichten in getrennten Kapiteln von ihrer biografischen Entwicklung und wie sie zum „Nerd“ für klassische Musik mit tausenden von Aufnahmen, Literatur über einzelne Komponisten und Geschichte der Musik geworden sind. Dabei werden wichtige Personen und Begegnungen aus ihrem Leben, Wendepunkte und prägende Schlüsselmomente beschrieben. Ebenfalls wird ausgeführt, wie klassische Musik oder Komponisten ihr Leben geprägt haben und wie sie mit Hilfe der Musik manche schlechte Lebenssituation überwunden haben. Außerdem stellen sie ihre Lieblingsstücke für emotionale Momente vor.

Nach diesen einzelnen Beiträgen wechselt die Perspektive zu aufgezeichneten Gesprächen zwischen den beiden. Dabei geht es um spezielle Stücke von Beethoven, Schubert, Mahler, Brahms, Haydn, Bernstein, Tschaikowski, Tschaikowski, Verdi, Bach, Mussorgski und Mendelsohn-Bartholdy, wo sie ihren Emotionen zur Musik freien Lauf lassen und dabei auch sehr persönlich werden.

Was aber fehlt, ist eine Zusammenstellung der im Buch angesprochenen Kompositionen und Lieblingsstücke von Striesow und Ranisch am Ende des Buches. Auch ein Register wäre von Vorteil gewesen.

Die Begeisterung und der Enthusiasmus für klassische Musik wird sicher von Fans des Genres geteilt werden. Für diejenigen, die nichts damit anfangen können, bleiben viele Ausführungen und Gespräche eher befremdlich. Auf jeden Fall befreien die beiden die klassische Musik ein Stück weit von ihrem altbackenen Image und begreifen die Musik als ein Lebensgefühl und Gewinn für die eigene Persönlichkeit. Wer sich für die Biografie der beiden interessiert, wird an der klassischen Musik nicht vorbeikommen.

Buch 6

Michael Opoczynski: Restposten. Sind unsere Jobs noch zu retten?, Benevento, Wals bei Salzburg 2020, ISBN: 978-3-7109-088-4, 22 EURO (D)

Michael Opoczynski setzt sich in diesem Buch mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt auseinander. Alte Gewissheiten werden erschüttert bei diesem grundlegenden Wandel. Für Opoczynski verzichten immer mehr Berufsbranchen (Industrie, Dienstleistungssektor, öffentlicher Dienst) auf den Faktor Mensch und übergeben Verantwortung an künstliche Intelligenz: „Der Staat ist machtlos, und wir Menschen werden immer mehr zu Zeitarbeitern, Freelancern und digitalen Tagelöhnern. Zu Restposten in der Welt der Arbeit. Corona funktionierte wie ein Brandbeschleuniger, der die dramatische Lage erst recht entzündete und sogar beschleunigte. Angesichts dessen müssen wir und fragen müssen. Sind unsere Jobs überhaupt zu retten?“ (S. 11)

Er spricht sowohl über den „unaufhaltsamen Schwund der Arbeit, wie wir sie kennen, aber auch über zukunftsfähige Formen der Arbeit. (S. 14) Mit dem Buch will er eine Auseinandersetzung mit Neuerungen und die Entwicklung von Strategien anstoßen oder beschleunigen, um in einer veränderten Arbeitswelt zurechtzukommen. Und neben allen negativen Beispielen zeigen, wie wir selbst den Wandel mitgestalten und für eine humane Zukunft sorgen können.

Der Titel ist auf den ersten Blick reißerisch und angstmachend. Davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. Der Autor will nicht nur die dunklen Seiten oder dystopische Szenarien darstellen, sondern auch den erfolgreichen Umgang und die Chancen der Digitalisierung. Jedem negativen Beispielen und Entwicklungen zu einer gewissen Branche oder einem gewissen Berufsstand ist ein weiteres Kapitel gegenübergestellt, in dem ein Unternehmen derselben Branche zeigt, wie es besser geht. Bis auf das Thema Altersmut übrigens. Die Situation von Gewerkschaften ist auch ein Thema

Man könnte entgegnen: Die Arbeitswelt ist dynamisch und verändert sich ständig, siehe die Zunahme der Dienstleistungsbranche in den vergangenen Jahrzehnten oder die Schließung ehemals rentabler Zechen. Dies trifft aber nicht den Punkt: Opoczynski macht deutlich, dass es sich bei der Veränderung der Arbeitswelt um fundamentale Änderungen geht: Seit der industriellen Revolution ist die Digitalisierung Chance und Herausforderung zugleich. Es werden neue qualitativ hochwertige Arbeitsplätze entstehen, andere werden der Mechanisierung und Technisierung zum Opfer fallen. Die Entscheidung, wie weite Bereiche künftig die Arbeitswelt aussehen werden, ist die Frage der Steuerung der Digitalisierung mit Blick auf die menschlichen Bedürfnisse, nicht nur auf den Profit und Effizienz. Leider fehlt in diesem Buch eine Diskussion über das bedingungslose Grundeinkommen.

 







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