Der Sozialdarwinismus - Ideologie der Bourgeoisie und gesellschaftspolitischen Administration 2010

03.09.10
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von Reinhold Schramm

Biologismus, Eugenik und Kapitalinteressen - "Rasse und Volksgesundheit" (1934).

Ein unvollständiger Auszug zur aktuellen ideologischen Einstimmung der deutschen Bevölkerung auf die modifiziert postfaschistische "Ausmerze" der "Überflüssigen" und 'Mehrwert'losen im "Hartz-IV-Vollzug" und in Armut.

Auf dem deutschen "Reichsparteitag" im Jahre 1934, nach der Stabilisierung des neuen faschistischen Regimes des deutschen Kapitals, fiel dem zum "Reichsärzteführer" avancierten G. Wagner die Aufgabe zu, die maßgeblichen gesundheitspolitischen Zielstellungen seiner Partei und des imperialistischen Staates darzustellen und zu begründen.
In seiner "Rasse und Volksgesundheit" betitelten Rede nannte er Aufgaben, die die Kerngedanken der "rassenhygienischen" Ausrichtung der Gesundheits- und Gesellschaftspolitik repräsentierten:

  • Erstens sei es notwendig, die zahlenmäßige Vermehrung der eigenen Rasse zu fördern, deren Zukunft durch Geburtenrückgang und zunehmende Kinderlosigkeit der Familien gefährdet sei.
  • Zweitens müssten die Auslesevorgänge in eine neue Richtung gelenkt werden, da die bisherige Sozialpolitik die rasche Vermehrung der Zahl erb- und anlagebedingter Erkrankungen begünstigt habe und es nun darauf ankomme, "Erbuntüchtige von der Fortpflanzung auszuschalten".
  • Drittens sei der Vermischung der arischen Rasse mit Trägern artfremden Blutes entgegenzuwirken, da die "Überfremdung des Deutschtums" ... katastrophale Dimensionen angenommen habe. (1)

Den Hintergrund für eugenischen Ideen bildete die Verschärfung sozialer Widersprüche und Notlagen in der kapitalistischen Gesellschaft, für deren Erklärung und Lösung auf Vorstellungen aus der Naturwissenschaft und vor allem aus der Biologie zurückgegriffen wurde.

Ausdrücklich gefördert wurde die eugenisch-rassenhygienische Bewegung in Deutschland von Repräsentanten der Großindustrie, u. a. durch ein im Jahre 1900 von der Firma Krupp finanziertes Preisausschreiben zum Thema "Natur und Staat oder: Was lernen wir aus den Prinzipien der Deszendenztheorie in Beziehung auf die innerpolitische Entwicklung der Staaten?"
Von den 60 dazu eingegangenen Arbeiten sind 10 in den folgenden Jahren publiziert worden.

Im Jahre 1927 eröffnete das "Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik", dessen leitende Mitarbeiter aktive Anhänger des deutschen Faschismus wurden.

Die "Kriminalbiologische Gesellschaft" beteiligte sich an Erfassungen der so genannten "Minderwertigen". Vor allem waren es die medizinischen Fachgebiete, die Hygiene, die Gynäkologie und die Psychiatrie, in denen rassenhygienisches Gedankengut zunehmend an Einfluss gewann.

Die Zahl der Befürworter der Sterilisierung in der Medizin wuchs schnell an, wobei es vor allem sozial abgewertete Gruppen von als störend angesehenen und wenig leistungsfähigen Menschen waren, die durch medizinische Eingriffe von der Fortpflanzung ausgeschlossen werden sollten.

Wie weit reichend die verfolgten Ziele der "Reinigung" des deutschen Volkes abgesteckt waren, kann eine Rede des Psychiaters R. Gaupp aus dem Jahre 1925 verdeutlichen, in der es u. a. hieß:
"Spricht man von der Bekämpfung der Entartung eines Volkes durch Ausmerzung seiner minderwertigen Glieder auf dem Wege der Sterilisation, so denkt man wohl in erster Linie ...
an das Gros der Degenerierten und Psychopathen, die in der Freiheit leben, viel Unheil stiften und auch dann, wenn sie sittlich nicht minderwertig sind, doch für Staat und Volk eine schwere Belastung darstellen.
Sie können die Träger der Vererbung geistiger Erkrankung sein, ohne je selber geisteskrank zu sein; ohne ihre Sterilisierung wird der eugenische Gedanke einer Reinigung des ganzen Volkes von seinen minderwertigen Elementen niemals verwirklicht werden können." (2) 


Anmerkungen
1) Vgl. Wagner, G.: Rasse und Volksgesundheit. - In: Dtsch. Ärztebl. - 64 (1934). - S. 917-923.
2) Gaupp, R.: Die Unfruchtbarmachung geistig und erblich Kranker und Minderwertiger; Vortrag auf der Jahresversammlung des Deutschen Vereins für Psychiatrie im September 1925 in Kassel. - Berlin: Verlag J. Springer, 1925. - S. 35f.

Quelle vgl.:
Medizin unterm Hakenkreuz. - Die rassenhygienischen Leitideen der faschistischen Gesundheitspolitik - die Zwangssterilisierungen als Beginn ihrer antihumanen Verwirklichung. - Die historischen Quellen und die Entwicklungsgeschichte der eugenisch-rassenhygienischen Bewegung in Deutschland bis zum Jahre 1933. VEB Verlag Volk und Gesundheit 1989.
Herausgegeben von Achim Thom und Genadij Ivanovic Caregorodcev.



VON: REINHOLD SCHRAMM






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