„No Pasaran“ - ein gelungenes Beispiel in England

29.09.10
AntifaschismusAntifaschismus, Internationales, Köln, TopNews 

 

von Horst Hilse

Nachdem die extrem rechte "British National Party" 2009 mit 16,5 % ins Europaparlament eingezogen war, drohte bei den Unterhaus-Wahlen im Mai 2010 ein weiterer Erfolg.
Ihr wurde sogar zugetraut, in einigen Regionen als stärkste Partei aus den Wahlen hervorzugehen.
Aber es kam anders. Antifaschisten aus der Redaktion von „searchlight“ www.searchlightmagazine.com/index.php starteten eine – auch im europäischen Vergleich -  ausgesprochen erfolgreiche Kampagne mit engagierter Beteiligung der Bevölkerung.
Graeme Atkinson, Redakteur des britischen Antifa-Magazins erläuterte vor 25 interessierten Besuchern in Köln Anlage und Durchführung dieser Kampagne auf Einladung des Jugendclub Courage

Ausgangspunkt der Kampagne „hope not hate“ war die Überlegung, dass man dort massiv präsent sein müsste, wo die Faschisten bei den vorhergehenden Wahlen ihre größten Erfolge errungen hatten. Ein kleines Team der Redaktion „searchlight“ konzentrierte sich auf zwei Wahlkreise, ehemalige Hochburgen von Labour, nordöstlich von London. Einst waren dort die große Werften mit mehreren tausenden Beschäftigten und die Fordwerke von Dagenham mit über 29 000 Beschäftigten angesiedelt. Der zweite Wahlkreis war einst Schwerpunkt der Kohleindustrie. Der Referent selbst stammt aus einer Bergarbeiterfamilie mit generationenlanger Familientradition.
Er erinnerte an die schwere Niederlage der englischen Bergarbeiter im Streik 1984/85 gegen die Thatcher – Regierung und dessen Folgen:
Der Niedergang einer ganzen Region: Deindustrialisierung, Verarmung, Auflösung der Communities, Zerstörung des Arbeiterselbstbewusstseins und Marginalisierung der Gewerkschaften. Dort, wo einst die Bergarbeiter ihre Siedlungen mit Hilfe der Gewerkschaften fast selbst verwalteten, wo sie ihre Schrebergärten hatten, erstrecken sich heute ausgedehnte heruntergekommene Slums.
Mittlerweile wächst dort die dritte Generation unter Bedingungen von Armut und Massenarbeitslosigkeit heran. Die Drogenszene, Vandalismus, Prostitution, Handel mit Diebesgut prägen den Alltag der Menschen. Jeglicher Kontakt zur ehemals stolzen Arbeiterbewegung in dieser Region ist verlorengegangen und alles was mit dieser Tradition zusammenhängt, den Menschen fremd geworden. Die Bevölkerung ist sozial größtenteils umstrukturiert: wer konnte, zog fort. Dominierend wurde das „Lumpenproletariat“ (Graeme verwendete das deutsche Wort)  Dort, in diesen Niedergangsregionen hatte die BNP über 20% der Stimmen holen können.

Kampagnenaufbau

Die Kampagne gruppierte sich um eine Massenzeitung „hope not hate“, die in Form eines Boulevardblattes aufgemacht war und in 800 000 er Auflage in Abständen von 1-2 Wochen mit jeweils mehreren Fotos hergestellt wurde.
Verteilzentrale und Redaktionsstab war ein ehemaliges Gewerkschaftshaus. Die Finanzierung ruhte auf drei Säulen: Gewerkschaftsgelder, Haussammlungen und einer Geldspendenkampagne, die sich an den Wahlkampf von Obama in den USA anlehnte. Das Finanz-Werbeteam aus Intellektuellen bemühte sich auch um wichtige Promikontakte, die dann den Stoff für erste Zeitungsartikel lieferten.
 Um die Zeitung zu verteilen, wurden in den Wahlbezirken Werbeteams bei denen angeworben, die von der BNP diffamiert wurden: Moslems, Jugendgangs, jüdischen Gemeinden, verrufenen Discos, etc.etc. Die wenigen Kampagnenmacher gingen persönlich zu diesen Gruppen und stellten das Projekt vor. Überall wurden zusätzlich Flyer mit Kontaktdaten ausgelegt. So kamen ca.500 Leute zusammen, die man auf Wochenendseminaren miteinander bekannt machte und zu 5er Gruppen zusammenfasste. Sie bekamen auch eine ausführliche Anweisung für den Umgang mit den Faschisten. Keinesfalls sollten sie selbst Gewalt anwenden, möglichst fliehen, jedoch Angriffe bestmöglich dokumentieren.

Kampagnenverlauf


Anfangs reagierten die BNP-Mitglieder mit wüsten Drohungen und einzelnen Gewaltakten. Aber dann bemerkten sie, dass jeder Gewaltakt als Material für die nächste Ausgabe von „hope not hate“ ausgeschlachtet wurde und in der näheren Tatort- Umgebung mit Plakaten und Aushängen bekannt gemacht und dokumentiert wurde. Zugleich wurden jeweils die örtlichen Honoratioren angesprochen und Pressekonferenzen veranstaltet. So wurden immer mehr Bewohner auf die Zeitung aufmerksam. Besonders Jugendliche strömten bald in die Seminare und wollten mitmachen. Sie stellten auch neue lokale Kontakte zu ihren Idolen her, die dann in der Zeitung erschienen z.B: eine Band, ein Sportler, ein Model. Oftmals handelte es sich um Personen mit Migrationshintergrund und so wurde bei jedem Artikel ein Angriff gegen die BNP eingebaut: Ginge es nach denen, dürfte diese Frau hier nicht leben, diese Band hier nicht spielen etc.etc. Schliesslich traten auch immer mehr Erwachsene an die Zeitung heran und lieferten interessante Berichte zum historischen Hintergrund der Region oder zu ihrem persönlichen Schicksal. Alle Artikel wurden in Zusammenarbeit mit einem „Redakteur“ des Kampagnenteams erstellt.
Es entwickelte sich eine Eigendynamik  in der Kampagne selbst und die Menschen in den betroffenen Wahlbezirken entwickelten das Gefühl, dass dies „ihre“ Zeitung wäre und dass die BNP eigentlich eine „fremde Macht“ sei.
Als Meinungsforscher feststellten, dass besonders die Frauen sich von der englischen Schwesternpartei der NPD abgestoßen fühlten, wurde eine spezielle Frauenzeitung erstellt mit dem Tenor: wollt ihr mit „solchen Männern“ zu tun haben?
Im Verlaufe der Kampagne bekamen Partys und Filmvorführungen einen immer größeren Stellenwert. So spielte ein Film über den antifaschistischen Widerstand der Kölner Edelweisspiraten in der Kampagne eine große Rolle und viele Jugendliche befassten sich erstmalig in ihrem Leben mit dem deutschen Faschismus.

Erfolge und Lehren

Der wichtigste Erfolg war der Zusammenbruch der BNP vor Ort: sie stürzten von über 20% auf 3 % !!  Landesweit stürzten sie von 930 000 Wählern auf unter 400 000 Stimmen. Der Erfolg war nicht nur der Kampagne selbst, sondern auch dem großen Medienecho und den landesweit ausgelösten Debatten durch die Kampagne geschuldet.
Ein weiterer Faktor war die Konfusion, die „hope not hate“ in der BNP-Führung auslöste. Sie wussten nicht, wie sie reagieren sollten, nachdem Gewalt für sie kontraproduktiv zu Buche schlug. Ihre „Biedermannrolle“ nahmen ihr die Wähler zunehmend nicht mehr ab. Sie hatten dem klugen Vorgehen der Kampagne nichts Vergleichbares entgegenzusetzen.

Ein weiterer großer Erfolg ist die Einbeziehung der ansässigen Bevölkerung und besonders die Mobilisierung der Jugend gewesen. Aus der Kampagne sind antifaschistische Jugendgruppen hervorgegangen, die heute 100te Jugendliche zählen und die zunehmend auch in anderen Bereichen aktiv werden.

Der Referent  Graeme Atkinson wertete dies als eine gewonnene Schlacht, nicht aber als endgültigen Sieg. Solange die Lebensbedingungen nicht grundlegend verändert würden, würde Faschismus eine Basis finden.
Er warnte eindringlich vor der Illusion, dass bürgerliche liberale Kräfte einen ernsthaften Beitrag  zum antifaschistischen Kampf leisten würden.  In Deutschland habe 1933 keine Macht – „ Ergreifung“ sondern eine Macht – „Übergabe“ aus der Hand konservativer und liberaler Kräfte an den Faschismus stattgefunden, weil sie die Krise nicht mehr anders bewältigen konnten.
Nur die Mobilisierung und Organisierung der potentiellen Opferkollektive könnte ernsthaften Antifaschismus  generieren. Er forderte die europäische Linke auf, aus ihrer Randgruppenmentalität herauszutreten und sich um die ganz „stinknormalen“ Menschen, um „ihre Klasse“ theoretisch und praktisch zu bemühen.

Dasselbe gelte auch für den notwendigen Neuaufbau einer kämpferischen Gewerkschaftsbewegung. Obwohl die Klasse ihr Gesicht völlig gewandelt habe, eben nicht mehr in großen Produktionseinheiten zusammengefasst sei und den Kontakt zu den alten Klassenorganisationen verloren habe sei sie doch immer noch „Klasse“.
 
Und sie werde gesellschaftlich auf ebensolche Weise erstarken, wie früher auch: in kleinen und in großen Kämpfen gegen dieselben Übel  des Kapitalismus: Elend, Armut und Inhumanität.

h.hilse
 









VON: HORST HILSE






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