DIE BERLINER SOLDATESKAMORDE 1919

14.01.12
AntifaschismusAntifaschismus, Theorie, TopNews 

 

von Richard Albrecht

Kurzbeitrag zur politikhistorischen Erinnerungskultur in Ganzdeutschland.

Zugleich linksintellektuelle Kritik rechtssozialdemokratischer Hausgeschichtsschreibung*)


I.
Das von mir vor gut fünfunddreißig Jahren[1] kritisierte "Haupt der Bielefelder Deutschen Gesellschaftsge­schichte“ (Eric J. Hobsbawm), Herr Wehler, polemisierte 2009 im Interview bei Deutschlandradio Kultur gegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht anläßlich des 90. Jahrestag von deren Ermordung am 15. Januar 1919. Wehler unterstrich seine auch als allgemeine politische Apologie verstehbare, den politischen Mord als solchen und den bald folgenden am Rosa-Luxemburg-Freund und KPD-Funktionär Leo Jogiches rechtfertigenden Staatsmord so -ich zitiere (wie üblich genau und mit Quelle/Fundstelle):
„Wer den Bürgerkrieg entfesselt, lebt immer im Angesicht des Todes"[2]
Die erste deutsche bürgerliche "Weimarer" Republik beruhte politisch auf dem Doppelmord des 15. Januar 1919 an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Der am 13. Januar 1919 festgenommene, geflüchtete und dann illegale KPD-Funktionär Leo Jogiches (Jan Tyszka) versuchte, den Landwehrkanalmord vom 15. Januar 1919 auf­zuklären und die Behauptungen, Rosa Luxemburg wäre "von der Volksmenge umgebracht" ebenso als Propa­gandalüge zu entlarven wie die Behauptung, Karl Liebnecht wäre gleichentags "auf der Flucht erschossen" wor­den. In seinem Aufklärungsbericht, erschienen in der Berliner Ausgabe des KPD-Zentralorgans "Rote Fahne" am
12. Februar 1919, nannte Leo Jogiches auch Namen der Mörder[3].
Leo Jogiches wurde am 9. März 1919 festgenommen und am nächsten Tag, dem 10. März 1919, im Untersu­chungsgefängnis Moabit von der Noske-Pabst-Soldateska ermordet. Auch er war als kommunistischer Revolu­tionär ein "Toter auf Urlaub" (Eugen Leviné).

III.
Wolf(gang) Abendroth schrieb zur politischen Verantwortlichkeit damaliger SPD-Spitzenfunktionäre in der „Deutschen Volkszeitung“ 1979:
„Am 13. Januar 1919 hat -nie darf es vergessen werden -Artur Zickler im „Vorwärts“, damals der wichtigsten Tageszeitung jener Mehrheitssozialdemokraten, die sich ihrer während des Krieges mit Hilfe der kaiserlichen Regierung und ihrer Behörden bemächtigt hatten, geschrieben:
„Vielhundert Tote in einer Reih -Proletarier! Karl, Rosa, Radek und Kumpanei -es ist keiner dabei, es ist keiner dabei! Proletarier!“
Die Freikorps, von einem „Rat der Volksbeauftragten“ und ihrem militärischen Verantwortlichen Gustav Noske herbeigerufen, um die Berliner Arbeiter „zur Ordnung“ zu bringen, haben diesen Wink in der Weise verstanden, wie es zu erwarten war. Am 15. Januar 1919 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet […]
Darf die deutsche und die internationale Arbeiterklasse, darf irgend einer, der für den Sozialismus oder -ohne auch die volle innere Verbindung zwischen sozialistischen Umgestaltung und diesen Zielen selbst zu erkennen und anzuerkennen – für Demokratie und Humanität eintritt, diesen Tag jemals aus dem Gedächtnis verlie­ren?“[4]

IV.
Aus aktuellem Anlaß folgt hier als Denkanregung ein Hinweis zum meines Erachtens politikhistorisch vernach­lässigten Spitzelwesen im bürgerlichen Deutschland und seiner realkarrieristischen Wirksamkeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Der letzte reichsdeutsche Kanzler (und zugleich der erste mit „Migrationshinter­grund“) begann seine politische Karriere um die Zeit der Ermordung von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Leo Jogiches 1919 als Reichswehrspitzel in München unter Major Mayr. Hitler hatte seitdem eine Vorliebe für das, was auch heute noch ´verdeckte´ Operation genannt wird[5]. Das wurde besonders deutlich in Inhalt und Form der konspirativen Planung (der ursprüngliche Termin war 26. August 1939) und Durchführung des militä­rischen Angriffs auf Polen (am 1. September 1939[6]).

*) Richard Albrecht, DIE WAHRHEITSLÜGE oder ganzdeutsche Talmihistoriker; in: ders. (Hg.), FLASCHEN POST. Beiträge zur reflexivhistorischen Sozialforschung. Bad Münstereifel: VerKaat, 2011: 26-24 ->
gegen-den-strom.org -kostenfreie Netzversionen: Subjektwissenschaftliche Kritik alter und neuer ganzganzdeutscher Zeitgeschichtsschreibung:
www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Die_WahrheitsLuege.pdf erweiterte Netzfassungen
www.duckhome.de/tb/archives/8826-DIE-WAHRHEITSLUEGE.html [und] www.saarbreaker.com/2011/02/die­wahrheitslge/ [
[1] Richard Albrecht, Anmerkungen zur Konzeption der ´modernen deutschen Sozialgeschichte´; in: Marxistische Blätter, 1/1975: 62-67
[2] www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/904356/ „Hans-Ulrich Wehler zum Mord an Luxemburg und Lieb­knecht“
[3] Der Mord an Liebknecht und Luxemburg. Die Tat und die Täter; Die Rote Fahne, Nr. 28, Mittwoch 12. Februar 1919: 1; wichtige weiterführende Literatur: Sebastian Haffner, Der Verrat [1968], Berlin: Verlag 1900, 1994², 208 p.; Klaus Gietinger, Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung der Rosa L., Berlin: Verlag 1900, 1995, 190 p., hier besonders 164-187: Sie­ben Gründe, Rosa Luxemburg zu ermorden; ders., Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung Rosa Luxemburgs, Ham­burg: Nautilus, 2008, 190 p.; ders., Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere, Hamburg: Nautilus, 2009, 539 p.; dazu auch meine ausführliche Buchbesprechung: Zeitschrift für Weltgeschichte (ZWG), 10 (2009) 1: 180-184
[4] Wiederveröffentlicht im Anhang von Richard Albrecht, „...denkt immer an den ´mittleren Funktionär´“... Wolfgang Abendroth (2. Mai 1906 bis 15. September 1985); Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deut­schen Arbeiterbewegung (iwk), 4/2004, 465-487; erweiterte kostenfreie Netzversion
www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/109653.html
[5] Marlis Steinert, Hitler. Paris: Fayard, 1991, 710 p., hier 103-113; Manfred Koch-Hillebrecht, Hitler. Ein Sohn des Krieges. Fronterlebnis und Weltbild. München: Herbig, 2003, 368 p., hier 205
[6] Richard Albrecht, Genozidpolitik im 20. Jahrhundert. Aachen: Shaker [= Allgemeine Rechtswissenschaft], drei Bände; hier Band 3: Hitlergeheimrede, 2007, 104 p.; http://www.h-net.org/announce/show.cgi?ID=160809
© Autor (2012)
Richard Albrecht ist Sozialwissenschaftler (Ph.D., Dr.rer.pol.habil.) und Bürgerrechtler. Er lebt als reflexions­historisch arbeitender Sozialforscher und Freier Autor in Bad Münstereifel.
Letzte Buchveröffentlichungen: StaatsRache. Justizkritische Beiträge gegen die Dummheit im deutschen Recht(ssystem). München: GRIN, 2005; ²2007 -Genozidpolitik im 20. Jahrhundert. Drei Bände. Aachen: Shaker; Bd. 1: Völkermord(en), 2006; Bd. 2: Armenozid, 2007; Bd. 3: Hitlergeheimrede, 2008 -Crime/s Against Mankind, Humanity, and Civilisation. Mün­chen: GRIN, 2007 -DEMOSKOPIE ALS DEMAGOGIE. Kritisches aus den Achtziger Jahren [mit CD]. Aachen: Sha­ker, 2007 -SUCH LINGE. Vom Kommunistenprozeß zu Köln zu google.de. Sozialwissenschaftliche Recherchen zum langen, kurzen und neuen Jahrhundert. Aachen: Shaker, 2008 -HELDENTOD. Kurze Texte aus Langen Jah­ren. Aachen: Shaker Media, 2011 -FLASCHEN POST. Beiträge zur reflexivhistorischen Sozialforschung (Hg.) Bad Münstereifel: VerKaaT, 2011. –
Der Autor veröffentlichte vor zwanzig Jahren das Forschungskonzept The Utopian Paradigm (Communications, 16 [1991] 3: 283-318; gekürzt
http://www.grin.com/en/e­book/109171/tertium-ernst-bloch-s-foundation-of-the-utopian-paradigm-as-a-key-concept

Bio-Bibliographischer Link wissenschaftsakademie.net 
Kontakt zum Autor eingreifendes.denken@gmx.net

 


VON: RICHARD ALBRECHT






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