Aspekte zum Faschismus in Deutschland

01.05.14
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von Reinhold Schramm

Die NSDAP – eine wirtschaftsliberale, sozialdemokratische und „protestantische Volkspartei“*

Am wenigsten haltbar ist die ,Immunitäts- these’ für den sozialdemokratischen Wäh- lerblock. Mehr als zwei Millionen Wähler der SPD wechselten bei den Reichstagswahlen zwischen 1928 und 1933 zur NSDAP. Die Abwanderungsspitze wurde im Juli 1932 erreicht, als 16 % aller ehemaligen SPD-Wähler von 1930 Hitlers Partei ihre Stimme gaben. [1/358] 1,3 Millionen wechselten bei dieser Wahl die parteipolitische Seite von der SPD zur NSDAP, kehrten aber später zum Teil auch wieder zu den Sozialdemokraten zurück. Damit hat die NSDAP durchaus sozialdemokratische Wähler angezogen. Insgesamt war der sozialistische Block wohl doppelt so anfällig gegenüber der nationalsozialistischen Partei wie das katholische Lager.“ [2/359] -

„Dieser empirische Befund belegt, dass die NSDAP auch Zulauf aus verhältnismäßig stabilen Parteiblöcken erhielt. Zwar war der relative Wählerzustrom aus der SPD, KPD [3/360] und vor allem dem Zentrum geringer als aus der DNVP, DDP, DVP, den Splitter- parteien und dem Nichtwählerlager, aber keine andere Partei konnte aus einem derart heterogenem Wählerreservoir Stimmen schöpfen.“[4]

Nur eine relative Widerstandsfähigkeit gegenüber dem nationalsozialistischen Einfall in Stammwählerschichten zeigten die KPD, das Zentrum und die BVP. So verlor die kommunistische Partei zwischen den Reichstagswahlen 1928 und 1933 rund 350.000 Wähler an die Nationalsozialisten. [Siehe Anm. 353, in: Wer wählte Hitler?] Damit gab es durchaus Wechselwählerströme zwischen links- und rechtsradikalem Flügel, wenn auch im geringen Umfang. [5/354]“

Arbeitslosigkeit im Weimarer System

Die Krisenhaftigkeit des Weimarer Systems äußert sich am deutlichsten in der Ent- wicklung der Arbeitslosenziffern. In den Wintern 1931/32 und 1932/33 waren laut damaliger offizieller Statistik rund ein Drittel aller Arbeiter und Angestellten ohne Erwerbsarbeit. Rechnet man die verdeckten, nicht beim Arbeitsamt gemeldeten Erwerbslosen hinzu, so steigt diese Zahl auf über 40 Prozent, berücksichtigt man noch die Kurzarbeiter, so lässt sich feststellen, dass über die Hälfte der dafür in Frage kommenden Personen und ihre Familienangehörigen in ihrer Existenz bedroht waren. – Nicht erfasst von diesen Zahlen ist die Auswirkung der Weltwirtschaftskrise für viele Selbständige und von der Wohlfahrt lebende Rentner und Invaliden. [6]

Die wahlhistorische Analyse zeigt, dass Arbeitslosigkeit direkt nicht die NSDAP, sondern die KPD gestärkt hat. In Kreisen und Gemeinden mit hoher Arbeitslosigkeit schnitt die NSDAP insgesamt schlechter ab als in Gebieten mit geringer Arbeitslosigkeit. Arbeitslose wählten weit überdurchschnittlich die Linken, nicht den Extremismus der Rechten oder der sog. Mitte als Instrument ihres politischen Protestes. Die Minderheit der erwerbslosen Angestellten scheint nach den Forschungsergebnissen häufiger für die NSDAP gestimmt zu haben. (Vgl.) [7]

Protestanten waren doppelt so anfällig gegenüber der NSDAP

Die Wahlforschung zeigt, dass sich die gesamte NSDAP in Kreisen mit einem hohen Katholikenanteil bis einschließlich 1933 erheblich schwerer tat als in Gebieten mit einer evangelischen Bevölkerungsmehrheit. Bei allen Reichstagswahlen nach 1928 ist ein positiver, äußerst starker statistischer Zusammenhang zwischen dem Anteil evangelischer Wähler und den Wahlerfolgen der NSDAP zu beobachten. Während 1933 jeder zweite nichtkatholische Wähler für die NSDAP stimmte, gab nur jeder dritte Katholik, der sich an der Wahl beteiligte, Adolf Hitler und der NSDAP die Stimme. -

„Hätten damals nur Protestanten in Deutschen Reich gelebt, wäre es – gleiches Wahlverhalten einmal unterstellt – der NSDAP bereits im Sommer 1932 gelungen, eine (wenn auch knappe) absolute Mehrheit der Reichstagsmandate zu erringen. Hätte es dagegen nur Katholiken gegeben, wäre es wohl nie zu einer nationalsozialistischen Machtübernahme gekommen, da dann die NSDAP über den Status einer Minderheiten- partei nicht so leicht hinausgelangt wäre.“ (Vgl.) [8]

Die NSDAP – die Partei aller Schichten und Klassen

Entsprechend der Zusammensetzung – der Wählerschaft der NSDAP – handelt es sich um keine (spezifische) Klassenpartei, sondern um eine klassen- und schichtenübergreifende Partei. Als nicht haltbar haben sich die tradierten Auffassungen über die parteipolitische Herkunft der NSDAP herausgestellt. Bei der NSDAP handelt es sich weder um ein Auffangbecken ehemaliger Wähler der liberalen Parteien noch um eine Partei ehemaliger Nichtwähler. Vielmehr kann die NSDAP als eine Sammlungspartei angesehen werden, die sich aus allen Parteien sowie den ehemaligen Nichtwählern rekrutierte. Am wenigsten anfällig für die NSDAP waren die Wähler des Zentrums und der KPD. Vor allem ist die NSDAP in Gebiete vorgestoßen, in denen konservative Parteien überdurchschnittliche Ergebnisse erzielten. (Vgl.: Historische Wahlforschung - Quelle, S. 571/572) [9]

Quellen und Anmerkungen

* Zitiert nach: Falter, Jürgen, W.: Wahlbewegungen zur NSDAP 1924-1933. a.a.O. S. 184; in: Wasmeier, Silvia: Wer wählte Hitler? Erklärungsansätze der Historischen Wahlverhaltensforschung. Wiesbaden: Drewipunkt, 2009. S. 146.

[1/358] Siehe dazu: Tabelle 14: „Die parteipolitische Herkunft der NSDAP-Wählerschaft“, S. 137; in: Wasmeier, S.: Wer wählte Hitler? Siehe Anmerkung 358, S. 144.

[2/359] Siehe dazu: Falter, Jürgen W. : Hitlers Wähler. a.a.O. S. 116; siehe Anm. 359, in: Wasmeier, S.: Wer wählte Hitler? S. 144.

[3/360] Anmerkung (360) der Autorin: „Jürgen W. Falter gibt allerdings auch die absoluten Abwanderungszahlen zu bedenken.“ (Vgl. Wasmeier, S.: Wer wählte Hitler? S. 144) Sie zitiert Jürgen W. Falter: „Überraschen dürfte, dass die Nettofluktuationen vom sozialistischen Lager zur NSDAP nach den hier angestellten Berechnungen praktisch genauso hoch ausfiel wie die der liberalen oder der deutschnationalen Teilkultur, was natürlich nicht primär auf eine größere Anfälligkeit der Wähler dieses Lagers, sondern vor allem auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass die beiden sozialistischen Parteien zusammengenommen erheblich mehr Wähler auf sich vereinigen konnten als das katholische Lager oder die liberalen und die Deutschnationalen allein.“ Zitiert nach: Falter, Jürgen W.: Hitlers Wähler. a.a.O. S. 369. Vgl. Anm. 360, in: Wer wählte Hitler? S. 144/145.

[4] Siehe: Wasmeier, Silvia: Wer wählte Hitler? Erklärungsansätze der Historischen Wahlverhaltensforschung. S. 144/145.

[5/354] Anmerkung der Autorin: „Diese Bewegungen werden auf Wahlstatistiken allerdings nicht sichtbar. Denn die kommunistische Partei konnte in diesem Zeitraum insgesamt betrachtet Wähler hinzugewinnen, was nicht zwangsläufig bedeutet, dass nicht auch gleichzeitig einige Wähler abwanderten.“Vgl. Anm. 354, in: Wasmeier, Silvia: Wer wählte Hitler? Erklärungsansätze der Historischen Wahlverhaltensforschung. S. 142. / Studien zum Nationalsozialismus, herausgegeben von Jürgen R. Winkler.

[6] Vgl.: Wahlen und Abstimmungen in der Weimarer Republik, Materialien zum Wahlverhalten 1919–1933. Von Jürgen Falter, Thomas Lindenberger und Siegfried Schumann. Unter Mitarbeit von Dirk Hänisch, Jan-Bernd Lohmüller und Johann de Rijke. Herausgegeben von Jürgen Kocka und Gerhard A. Ritter. Verlag S. H. Beck München 1986. / Siehe: 1.2. Zur demographischen und sozialstrukturellen Gestalt des Deutschen Reiches. S. 33.

[7] Falter, Jürgen, W.: Hitlers Wähler. Vgl. 10.1.: Die NSDAP: Eine „Volkspartei des Protests“, S. 373.

[8] Falter, Jürgen, W.: Hitlers Wähler. Verlag C. H. Beck. München 1991. Vgl.: Konfession und NSDAP-Wahl.

[9] Jürgen W. Falter und Harald Schoen (Hrsg.): Handbuch Wahlforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005.


VON: REINHOLD SCHRAMM






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