Widerstand in Auschwitz [Teil IV.]

17.01.15
AntifaschismusAntifaschismus, Theorie, News 

 

von Bruno Baum

[2. KAPITEL]

Die schändlichen Experimente an Menschen

Wer die Anlagen von Auschwitz heute betrachtet, kann deutlich erkennen, dass Auschwitz nicht nur die Vernichtungsstätte der europäischen Juden sein sollte, sondern auch daran gedacht war, nach einem Sieg des Nazismus im zweiten Weltkrieg auf diesem Territorium ständig etwa eine halbe Million Menschen zur Arbeit auszunutzen, bevor sie vernichtet wurden. Nach der Vernichtung der Juden wäre das gleiche in großem Umfange auch mit Polen, Tschechen und anderen europäischen Völkern geschehen.

Das Konzentrationslager Auschwitz schien der Reichsführung SS der gegebenen Ort, um – unbeobachtet von der Weltöffentlichkeit – auch massenhaft Versuche an Menschen durchzuführen. Diese verbrecherischen Versuche verfolgten das Ziel, zunächst einmal die Fortpflanzung der Juden unmöglich zu machen, die der Massenvernichtung dank ihrer verhältnismäßig gut erhaltenen Arbeitskraft vorerst noch entgangen waren. Dem dienten auch die in großen Ausmaß durchgeführten Experimente der Sterilisation an Frauen.

Dass sich deutsche Ärzte zur Erprobung dieser Massensterilisation anboten, war dabei das größte Verbrechen. Das geht deutlich auch aus Unterlagen des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses hervor. Ich zitiere:

Document No. 440

Eidesstaatliche Erklärung

Ich, Rudolf Emil Hermann Brandt, schwöre, sage aus und erkläre:

... Himmler war höchst interessiert an der Entwicklung einer billigen und schnellen Sterilisationsmethode, welche gegen die Feinde des Deutschen Reiches, wie Russen, Polen und Juden, angewandt werden konnte. Man hoffte, damit den Feind nicht nur zu besiegen, sondern auch zu vernichten. Die Arbeitskraft sterilisierter Personen könnte von Deutschland ausgenützt werden, während die Fortpflanzungsgefahr ausgeschaltet würde.

... Dr. Clauberg entwickelte fernerhin eine Methode zur Sterilisation von Frauen. Diese Methode basierte auf der Injektion einer reizbaren Lösung in die Gebärmutter. Clauberg führte ausgedehnte Versuche an Jüdinnen und Zigeunerinnen im Konzentrationslager Auschwitz durch. Mehrere tausend Frauen wurden von Clauberg in Auschwitz sterilisiert ...

Nürnberg, den 19. Oktober 1946

R. Brandt

Der Schriftwechsel zwischen Professor Dr. Clauberg und den höheren Stellen der SS zeigt die ganze Verworfenheit dieser Personen.

Prof. Dr. Med. C. Clauberg

Chefarzt der Frauenklinik

des Knappschaftskrankenhauses

und des

St.-Hedwigs-Krankenhauses

Königshütte O/S, d. 30. Mai 1942

Telefon: 409-31

An den

Reichsführer SS

Heinrich H i m m l e r

durch die Hand von SS-Obergruppenführer und

General der Polizei S c h m a u s e r

Sehr verehrter Reichsführer!

Auf mein Schreiben vom 5. 6. 41 betreffend Forschungsinstitut für Fortpflanzungsbiologie erhielt ich damals die umgehende, vom 19. 6. 41 datierte Antwort Ihres persönlichen Adjutanten SS-Sturmbannführer Brandt, dass Sie – Reichsführer – sobald als möglich auf meine Ausführungen zurückkommen würden. Ohne Zweifel haben die kurz darauf einsetzenden weit wichtigeren Kriegsgeschehnisse dieses verhindert.

Wenn ich es kurz in Erinnerung bringen darf, so war damals das Weiterkommen in meiner Arbeit zunächst an der Frage gescheitert, wie die Zur-Verfügungstellung von KZ-Insassinnen vor sich gehen solle. – Mit dem Stabsführer Ihrer hiesigen Dienststelle, SS-Obersturmbannführer Dr. Arlt, bin ich gelegentlich einer wissenschaftlichen Unterhaltung auch auf meine Forschungstätigkeit in der Fortpflanzungsbiologie zu sprechen gekommen. Herr Dr. Arlt sagte mir hierbei, dass derjenige, der in Deutschland heute an derartigen Dingen ein besonderes Interesse habe und mir helfen könnte, Sie, sehr verehrter Reichsführer, seien, Als SS-Angehöriger und Stabsführer Ihrer hiesigen Dienststelle habe ich ihm dann kurz davon berichtet, dass ich Ihnen bereits in dieser Angelegenheit Vortrag gehalten habe.

Nach dieser Rücksprache erlaube ich mir gehorsamst, Sie, Reichsführer, zu bitten, mir hier in Oberschlesien die Möglichkeit zu geben, die Arbeiten durchführen zu können.

... In der Frage der negativen Bevölkerungspolitik handelt es sich um einen Stand der Dinge, dass nunmehr vom Tierversuch (in welchem ich die Möglichkeit der operationslosen Sterilisierung dargetan habe) auf die ersten Versuche am Menschen übergegangen werden muss.

Dazu ist notwendig:

... Operationslose Sterilisierung

1. Die Sonderunterbringungsmöglichkeiten von jeweils 5 bis 10 Frauen (Einzelräume oder zu zweien), entsprechend den Verhältnissen von Krankenzimmern.

2. Röntgen-Spezialapparatur mit Einrichtung und Zubehör.

3. Kleineres Instrumentarium und Material.

Reichsführer! Ohne Ihrer Entscheidung vorgreifen zu wollen, erlaube ich mir, den Vorschlag zu machen, die notwendigen Versuche sowie Einrichtungen im KZ in Auschwitz durchführen lassen zu wollen. Wie ich Ihnen bereits in meiner mündlichen Besprechung gesagt habe, unterordne ich mich Ihnen sehr gern als Leiter eines Forschungsinstituts, das ausschließlich unter Ihrer Regie läuft ...

Heil Hitler!

Ihr sehr ergebener
Prof. Clauberg

DOC. NO 216

Führer-Hauptquartier, den Juli 1942

Geheime Reichssache!

1. Ausfertigung

Am 7. 7. 1942 hat eine Besprechung stattgefunden zwischen dem Reichsführer SS, SS-Brigadeführer Professor Dr. Gebhardt, SS-Brigadeführer Glücks und SS-Brigadeführer Professor Clauberg, Königshütte. Inhalt der Besprechung war die Sterilisation von Jüdinnen. Der Reichsführer SS hat dem Brigadeführer Prof. Clauberg zugesagt, dass ihm für seine Versuche an Menschen und an Tieren das Konzentrationslager Auschwitz zur Verfügung steht. Es sollte an Hand einiger Grundversuche ein Verfahren gefunden werden, das die Sterilisation bewirkt, ohne dass die Betroffenen davon etwas merken. Sobald das Ergebnis dieser Versuche vorliegt, wollte der Reichsführer SS noch einmal einen Bericht vorgelegt bekommen, damit dann an die praktische Durchführung zur Sterilisierung der Jüdinnen herangegangen werden kann.

Ebenso sollte am besten unter Hinzuziehung von Professor Dr. Hohlfelder, der ein Röntgenspezialist in Deutschland ist, geprüft werden, in welcher Weise durch Röntgenbestrahlung bei Männern eine Sterilisierung erreicht werden kann. Der Reichsführer SS hat allen beteiligten Herren gegenüber betont, dass es sich hier um geheimste Dinge handle, die nur intern besprochen werden könnten, wobei jeweils die zu den Versuchen oder Besprechungen Hinzugezogenen auf Geheimhaltung verpflichtet werden müssten.

Brandt
SS-Obersturmbannführer

Doc. NO 213

Der Reichsführer SS

Persönlicher Stab

Tgb.-Nr. 1 266/42

Führer-Hauptquartier, 10. Juli 1942

Geheime Reichssache!

6 Ausfertigungen

6. Ausfertigung

Herrn

Professor Clauberg

Königshütte

Sehr geehrter Herr Professor!

Der Reichsführer SS hat mich heute beauftragt, an Sie zu schreiben und Ihnen seinen Wunsch zu übermitteln, doch einmal nach vorheriger Absprache mit SS-Obergruppenführer Pohl und dem Lagerarzt des Frauen-Konzentrationslagers in Ravensbrück nach Ravensbrück zu fahren, um dort die Sterilisierung von Jüdinnen nach Ihrem Verfahren durchzuführen.

Bevor Sie mit Ihrer Arbeit beginnen, würde der Reichsführer SS noch Wert darauf legen, von Ihnen zu erfahren, welche Zeit etwa für die Sterilisierung von 1 000 Jüdinnen in Frage käme. Die Jüdinnen selbst sollen nichts wissen. Im Rahmen einer allgemeinen Untersuchung könnten Sie nach Ansicht des Reichsführers SS die entsprechende Spritze verabreichen.

 

 Über die Wirksamkeit der erfolgten Sterilisierung müssten dann auch eingehende Versuche durchgeführt werden, größtenteils in der Art, dass nach einer bestimmten Zeit, die Sie dann bestimmen müssten, vielleicht durch Röntgenaufnahmen festgestellt wird, welche Veränderungen eingetreten sind. In dem einen oder anderen Fall dürfte aber auch ein praktischer Versuch in der Weise durchgeführt werden, dass man eine Jüdin mit einem Juden für eine gewisse Zeit zusammensperrt und dann sieht, welcher Erfolg dabei auftritt.

 

 Ich darf Sie bitten, mir zur Unterrichtung des Reichsführers SS Ihre Äußerung zu meinem Brief mitzuteilen.

 

Heil Hitler!

gez. Brandt

SS-Obersturmbannführer

_______

 

Professor Dr. Med. C. Clauberg

Chefarzt der Frauenklinik

der Knappschaftskrankenhauses

und des

St.-Hedwigs-Krankenhauses

Königshütte O. S., d. 7. Juni 1943

Telefon: 409-31

 

G e h e i m!

 

An den

Reichsführer SS

Herrn Heinrich H i m m l e r

B e r l i n

 

Sehr verehrter Herr Reichsführer!

 

Meiner Verpflichtung, Ihnen von Zeit zu Zeit über den Stand meiner Untersuchungen zu berichten, komme ich heute nach. Dabei halte ich mich wie früher daran, nur dann zu berichten, wenn es sich um Wesentliches handelt. Dass dies – nach meiner letzten Rücksprache im Juli 1942 – erst heute der Fall ist, liegt an zeitbedingten Einzel-Schwierigkeiten, denen gegenüber ich selbst machtlos war und mit denen ich Sie, Reichsführer, nicht behelligen konnte. So bin ich z. B. erst seit Februar 1943 im Besitze eines für meine Spezialuntersuchungen einzig und allein vollwertigen Röntgen-Apparates. Trotz der kurzen Zeitspanne von eigentlich nur vier Monaten ist es mit heute bereits möglich, Ihnen, Reichsführer, folgendes mitzuteilen:

 

Die von mir erdachte Methode, ohne Operation eine Sterilisierung des weiblichen Organismus zu erzielen, ist so gut wie fertig ausgearbeitet. Sie erfolgt durch eine einzige Einspritzung vom Eingang der Gebärmutter her und kann bei der üblichen jeden Arzt bekannten gynäkologischen Untersuchung vorgenommen werden. – Wenn ich sage, die Methode ist „so gut wie fertig“, so bedeutet das:

 

1. noch zu erarbeiten sind lediglich ihre Verfeinerungen,

2. sie könnte bereits bei unseren üblichen eugenischen Sterilisierungen anstelle der Operation regelrecht Anwendung finden und diese ersetzen.

 

 Was die Frage anlangt, die Sie, Reichsführer, mir vor fast Jahresfrist stellten, nämlich in welcher Zeit es etwa möglich sein würde, 1 000 Frauen auf diese Weise zu sterilisieren, so kann ich diese heute voraussehend beantworten. Nämlich:

 

Wenn die von mir durchgeführten Untersuchungen so weiter ausgehen wie bisher – und es besteht kein Grund anzunehmen, dass sie es nicht tun –, so ist der Augenblick nicht mehr sehr fern, wo ich sagen kann „von einem entsprechend eingeübten Arzt an einer entsprechend eingerichteten Stelle mit vielleicht 10 Mann Hilfspersonal (die Zahl des Hilfspersonals der gewünschten Beschleunigung entsprechend) höchstwahrscheinlich mehrere hundert – wenn nicht gar 1 000 – an einem Tage.“ ...

 

Heil Hitler!

Prof. Clauberg

_______

Aus der Aussage der Sekretärin des Dr. Clauberg gibt nachfolgender Auszug einige Aufschlüsse über die Durchführung der Experimente an Frauen:

 

P r o t o k o l l

 

G e y e r, Ilse

geb. 2. 11. 1914 in Königsberg ...

 

Zur Sache:

 

 Prof. Clauberg kenne ich seit 1938, und seit 1940 bin ich seine Sekretärin gewesen bis Kriegsende. Als Sekretärin habe ich sämtliche schriftlichen Sachen erledigt, und außerdem war ich tätig während der Sprechstunden. In dieser Zeit war Prof. Dr. Clauberg Chefarzt der Frauenklinik in Königshütte in Schlesien. Während der Sprechstunden habe ich öfters die Schwester vertreten und Dr. Clauberg geholfen.

 

 Ungefähr 1942 bekam Dr. Clauberg vom Reichsgesundheitsministerium von Dr. Conti den Auftrag, ein Ersatzmittel für Jodipin herzustellen und auszuprobieren. Dieses Jodipin wird gebraucht zu Unterleibsdurchleuchtungen und war sehr knapp. Dr. Goebel, der ein Chemiker ist, hat in dieser Beziehung mit Dr. Clauberg eng zusammengearbeitet und dieses Ersatz-Jodipin hergestellt. Das hat mir Dr. Clauberg erzählt, und außerdem kenne ich Dr. Goebel persönlich. Zuerst wurden Versuche auf Kaninchen und Meerschweinchen gemacht, und seit Ende 1942 wurden diese Versuche im KZ-Lager in Auschwitz an Frauen, die Häftlinge waren, durchgeführt.

 

 Ich war ein paarmal mit Dr. Clauberg – vielleicht fünf- bis sechsmal – in Auschwitz und habe zwei- oder dreimal an den Versuchen Dr. Claubergs teilgenommen. Dr. Goebel war auch immer da. Die Versuche wurden im Röntgenraum durchgeführt, und zwar in dieser Weise, dass 5 bis 6 Frauen kamen, mussten ihre Beinkleider ablegen und sich auf den Röntgentisch hinlegen. Den Befehl dazu gab Dr. Clauberg. Ob ich auch, weiß ich nicht mehr. Später wurde den Frauen eine Einspritzung in die Gebärmutter mit diesem Ersatz-Jodipin gemacht und auch eine Röntgenaufnahme. Ich gebe vollkommen zu, dass das Versuche waren. Dr. Clauberg hatte bei diesen Experimenten einen weißen Kittel an und ich auch, da ich ihm helfen sollte. Es kann sein, dass ich zwei- oder dreimal dieses Ersatz-Jodipin in die Spritze aufgesogen habe. Es ist klar für mich, dass sich die Frauen nicht freiwillig zu diesen Experimenten gemeldet haben, und ich gebe auch zu, dass das an und für sich eine Verletzung der menschlichen Rechte gewesen ist ...

 

Ilse Geyer

_______

 

Dr. Nora Mattaliano-Hodys sagte vor der Polnischen Kommission zur Untersuchung von Kriegsverbrechen aus:

 

„Ich wurde 1939 durch das Sondergericht in Hamm in Westfalen wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz und Vorbereitung zum Hochverrat zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt und im Dezember 1939 in das Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert. Von dort wurde ich im März 1940 oder 1941 dem Konzentrationslager Auschwitz überstellt, wo ich auf der Effektenkammer tätig war.

 

 Meiner Erinnerung nach wurde ich im April 1944 auf Veranlassung des SS-Richters Gerhard Wiebeck vom Frauenlager Birkenau-Krankenbau in das Männerlager Auschwitz, und zwar auf Block 10 – Clauberg Block – verlegt. Ich hatte dort ein eigenes Zimmer für mich. Auf diesem Block war der Frauenarzt Professor Clauberg tätig, der dort an jüdischen Frauen künstliche Befruchtungsversuche vornahm. Sein Assistent war der Chemiker Dr. Goebel, den ich auf diesem Block persönlich kennengelernt habe. Es war sehr verwundert darüber, dass ich auf den Block 10 verlegt worden war, und fragte mich unter anderem, warum ich dort sei und ob ich mit dem Kommandanten Hoeß verwandt sei. Ich gab ihm keine Auskunft, weil mir der SS-Richter Wiebeck geboten hatte, über das, was er mit mir besprochen hatte, Stillschweigen zu bewahren. Mein Eindruck von Wiebeck war der, dass er den Kommandanten Hoeß zu Fall bringen wollte.

 

 Die Befruchtung der einzelnen Frauen ging in folgender Weise vor sich: Die Frau musste sich unter den Röntgenapparat der Station legen, und dann wurde ihr von Dr. Goebel Sperma durch die Scheide in die Gebärmutter eingespritzt. Diesen Vorgang beobachtete Professor Clauberg im Röntgenbild, das zu gleicher Zeit aufgenommen wurde. Ich habe selbst einmal durch das Schlüsselloch meines Zimmers, das an den Röntgenraum angrenzte, diesen Vorgang beobachtet und gesehen, dass Dr. Goebel in Gegenwart von Professor Clauberg eine solche Einspritzung vornahm.

 

... Sie (d. h. die Frauen, an denen die Experimente durchgeführt worden waren) starben entweder auf dem Block 10 an den Folgen der Experimente – ich vermute an innerer Verblutung – oder wurden in Birkenau in den Gaskammern getötet ...“

 

Dr. Mattaliano-Hodys

_______

 

Soweit die Unterlagen.

 

Clauberg hatte den Block 10 im Stammlager Auschwitz von der Lagerkommandantur für seine Versuche zur Verfügung gestellt bekommen. Aus den Frauenlagern von Birkenau wurden Frauen für diese Experimente ausgewählt. Zwar war der Block 10 offiziell von den übrigen Blocks des Männerlagers abgeschlossen, jedoch waren durch die vielen im Lager unvermeidbaren Wechselbeziehungen diese Versuche den Häftlingen durchaus bekannt.

 

Man kann die in Block 10 durchgeführten Experimente in folgende Gruppen einteilen:

 

Experimente, die zum Ziel hatten, Krebs- und andere Erkrankungen zu erforschen,

Sterilisationsversuche,

Experimente zum Zwecke, eine neue Kontrastsubstanz zu Röntgenaufnahmen zu finden,

sowie hämatologische und serologische Experimente.

 

Vorwiegend wurde der Versuch an jüdischen Frauen durchgeführt – in einer Reihe von Fällen auch mehrere Male. Missglückten die Experimente oder stellten sich Schäden ein, lieferte man diese Frauen der Vergasung aus.

 

Außer Glauberg nahm auch Dr. Schumann Sterilisationsversuche mittels Röntgenstrahlen vor, um die Fortpflanzungsorgane zu zerstören. Infolge Röntgenbestrahlung der Eierstöcke erkrankten viele Frauen. Nach mehreren Monaten wurden Kontrolloperationen durchgeführt, wobei mitunter Teile der Geschlechtsorgane zur Untersuchung ihres Zustandes entfernt wurden.

Aber nicht nur an Frauen wurden solche Versuche vorgenommen, sondern auch an Männern. Mir ist noch die Jagd in den verschiedenen Kommandos des Lagers nach jungen Häftlingen im Alter von 18 bis 22 Jahren in Erinnerung. Bei den Männern wurden diese Sterilisationsversuche in der Weise durchgeführt, dass zunächst nur eine Hode bestrahlt wurde. Anschließend wurden diese Häftlinge wieder zur Arbeit in ihre Kommandos entlassen. Auch Männer starben an den Folgen dieser Bestrahlungen. Diejenigen, die diese Experimente überlebten, wurden nach Ablauf einer gewissen Zeit von Dr. Schumann erneut „behandelt“, indem er sie kastrierte. Zu diesen Experimenten gehörte auch, dass so „behandelte“ Männer und Frauen auf mehrere Tage zusammen eingesperrt wurden, um zu sehen, wie sie aufeinander reagierten.

 

Professor Clauberg, der die meisten der Experimente durchführte, tat dies – wie aus den vorstehenden Unterlagen hervorgeht – auf eigenen Wunsch. Er hatte sich zur Lösung der Frage, wie auf rascheste Weis tausend Frauen sterilisiert werden konnten, sogar selbst der SS-Führung angeboten – Clauberg musste auf Protest der Weltöffentlichkeit in Westdeutschland in Untersuchungshaft genommen werden. (Inzwischen verstarb er im Untersuchungsgefängnis Kiel.)

 

Bezeichnend ist, dass sich Clauberg als Gefangener mit einem Male als Menschenfreund aufspielte. Er erklärte nämlich, diese Frauen lediglich aus Mitleid aus dem Dreck der Lager von Birkenau gezogen und sie durch seine Versuche im Block 10 vor dem Gastod geschützt zu haben. Im Block 10 waren die Frauen jedoch noch mehr vom Tode bedroht als an anderen Stellen des Lagers, denn jeder ehemalige Auschwitz-Häftling weiß, dass in diesem Lager nur diejenigen fürs erste am Leben blieben, die voll arbeitsfähig waren. Frauen jedoch, an denen auf oben beschriebene Weise experimentiert wurde, waren nicht mehr arbeitsfähig.

 

Die ständige Lebensgefahr für die im Block 10 befindlichen Häftlinge ist auch dadurch erwiesen, dass aus diesem Block von Zeit zu Zeit 20 bis 30 Frauen zur Vergasung geschickt wurden. Das zeigen auch die heute noch existierenden Appellberichte, die wiederholt das Fehlen von 20 bis 30 Frauen auswiesen. Außerdem ist mit persönlich bekannt, dass mehrmals die Kleidungsstücke von 20 bis 30 Frauen vor der Desinfektion der neuen Wäscherei des Stammlagers lagen. Und jeder Häftling in Auschwitz wusste, dass bei Vergasungen entweder Stunden später oder am nächsten Tage sich die Kleidungsstücke der Vergasten vor der Desinfektion befanden. Durch die auf den Kleidungsstücken befindlichen Nummern konnten wir gemeinsam mit Frauen aus dem Block 10 – die neue Wäscherei lag unmittelbar dem Block gegenüber – diese Tatsache feststellen.

 

Es kann also gar keinen Zweifel darüber geben, dass Prof. Clauberg seinen hippokratischen Eid gebrochen hat und statt im Dienste der Erhaltung des Menschenlebens an der Vernichtung von Millionen von Menschen gearbeitet hat. Und dies, um dem verbrecherischen Nazisystem und den hinter diesem stehenden Profitjägern der deutschen Konzerne die Möglichkeit zu verschaffen, Menschen vor ihrer physischen Auslöschung – ohne dass sie noch fortpflanzungsfähig waren – als billige Arbeitssklaven ausnutzen zu können.

 

Als später die schändlichen Versuche an lebenden Menschen im Block 10 weit über das Lager hinaus bekannt wurden, entschloss sich die Lagerkommandantur, die Insassinnen dieses Blocks in ein kleineres Frauenlager zu verlegen, das aus einem Teil des sogenannten Schutzhaftlager-Erweiterungsbaus gebildet war. Diese Änderung erfolgte vor allem aus dem Grund, weil im Stammlager Auschwitz ab und zu Besichtigungen stattfanden und dann immer wieder die Frage gestellt wurde, warum sich denn ein Frauenblock inmitten eines Männerlagers befinde. In diesem erwähnten kleinen Frauenlager waren bis zu dem Zeitpunkt vor allen die Häftlinge untergebracht, die als Geheimnisträger, wie sie im Lager genannt wurden, an den verschiedensten Stellen arbeiteten, so zum Beispiel in der politischen Abteilung (der Lager-Gestapo), in der Lager-Kommandantur oder in der Abteilung Arbeitseinsatz usw.

 

Es kann auch gar kein Zweifel darüber bestehen, dass die Verlegung der Insassinnen vom Block 10 in den sogenannten Block 1 dieses Lagers deshalb erfolgte, weil ursprünglich die Absicht bestand, diese Geheimnisträger bei eventueller Evakuierung des Lagers zu töten. Wenn es dazu nicht kam, dann ist das keineswegs darauf zurückzuführen, dass Clauberg oder die Lagerkommandantur irgendwelche humanitären Anwandlungen hatten, sondern aus dem Grunde, weil der Vormarsch der sowjetischen Armeen nach der Offensive auf Warschau und Krakau so überraschend schnell vor sich ging, dass zur Vernichtung der Frauen keine Zeit mehr verblieb.

 

Quelle: Bruno Baum: Widerstand in Auschwitz. Kongress-Verlag Berlin.

 

14.01.2015, Reinhold Schramm (Bereitstellung)

 


VON: BRUNO BAUM






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