Erinnerung hat auch heute politische Bedeutung


Bildmontage: HF

25.01.20
AntifaschismusAntifaschismus, Bewegungen, TopNews 

 

Von pax christi

Erklärung des Präsidenten der deutschen pax christi-Sektion Bischof Peter Kohlgraf, Mainz, zum internationalen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus –  anlässlich 75 Jahre Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945

An jedem 27. Januar gedenken wir der Opfer des Nationalsozialismus. Wir erinnern damit an alle Menschen, die aus politischen und rassistischen Motiven vom nationalsozialistischen deutschen Staat verfolgt und in großer Zahl ermordet wurden. Viele Überlebende fanden nach Ende der NS-Herrschaft nicht oder nur spät gesellschaftliche Anerkennung, für etliche setzte sich eine „zweite Verfolgung“ fort. Diese Erfahrung der Entrechtung wurde auch an folgende Generationen weitergegeben.

Der zeitliche Abstand von 75 Jahren zu den Ereignissen ist ein Einschnitt. Erinnerung ist immer weniger selbstverständlich und von den seinerzeit Beteiligten – Opfern wie Tätern und Zuschauern – leben nur noch wenige.

Umso mehr stellt sich für unsere Gesellschaft und Kirche die Herausforderung, ob eine Erinnerung an diese Verbrechen überhaupt noch verständlich ist. Ein bisher in der deutschen Gesellschaft noch bestehender gewisser geschichtspolitischer Konsens in dieser Frage scheint sich aufzulösen. Auch wenn extreme  Formen der Leugnung des Holocaust selten sind, ist doch erkennbar, dass auch im Spektrum politischer Parteien rechtsextreme, rassistische oder den Nationalsozialismus verharmlosende Positionen Platz finden. Ohne Sensibilität für die Opfer nehmen Versuche zu, eine neue deutsche Identitätspolitik zu unternehmen.

Daher ist ein Gedenken am 27. Januar nicht mehr nur Teil geschichtlicher Selbstvergewisserung, sondern auch Aufforderung zu einer kritischen Sicht auf die Zukunft hin. Dies gilt auch weiterhin für unsere Kirchen im Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus und zweiter Weltkrieg.

Viele pax christi-Gruppen gestalten zu diesem Tag Begegnungen und Veranstaltungen, die dem Vergessen entgegenwirken. pax christi leistet so einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungspolitik und zur Auseinandersetzung mit der konkreten lokalen Geschichte. Um der Zukunft willen ist uns diese Erinnerungsarbeit notwendig.

Gedenken und Erinnerung finden stets in einer konkreten Zeit an konkreten Orten statt, die einen Zusammenhang zu unserer Gegenwart herstellen. Gerade hier und heute ist die Erinnerung an die Menschen, die dem Rassismus und Antisemitismus der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zum Opfer gefallen sind und auch an die, die sich diesem Terror entgegengestellt haben, besonders wichtig. Denn wir beobachten starke Herausforderungen für die Zivilgesellschaft in Deutschland.

Dazu gehören

  • eine verbreitete Abwehr gegenüber Menschen in Not sowie die Infragestellung und Aufweichung des Rechts auf Asyl,
  • Angriffe auf Grund- und Menschenrechte,
  • die Zunahme von Rassismus, Antisemitismus und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit,
  • ein Erstarken rechtspopulistischer und autoritär-nationalistischer Bewegungen und Parteien in Deutschland und Europa,
  • die ausdrückliche Anwendung von Gewalt bis hin zum Mord
  • und eine mit all dem einhergehende Abwertung von Demokratie und Vielfalt.

Diesen Entwicklungen ist mit Mut und Klarheit entgegenzutreten. Erinnerungsarbeit hat nicht nur einen Anspruch des Gedenkens, sondern der Aufklärung. Sie stellt sich denen entgegen, die öffentlich einen Geschichtsrevisionismus artikulieren, die Bedeutung des Erinnerns an die Verbrechen des Nationalsozialismus verhöhnen und dieses Geschichtswissen durch ein nationalistisches Selbstbild ersetzen möchten.

Noch bedrohen organisierte Rechte und Rassisten vor allem Einzelpersonen, auch mit unmittelbarer Gewalt. Doch gemeint sind wir alle, die für eine offene und freie Gesellschaft, für unverbrüchliche demokratische Rechte für alle Menschen, gegen rechtes, rassistisches und antisemitisches Gedankengut eintreten.

Mit der Erinnerungsarbeit setzen Ehrenamtliche vor Ort unverzichtbare Zeichen gegen das strukturelle Problem des rechten Gedankenguts und des Rassismus, nicht nur an den Rändern, sondern auch in der Mitte von Gesellschaft und  Kirche.







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