Vor 30 Jahren: Historikerstreit über die Einzigartigkeit der Shoa

08.10.16
AntifaschismusAntifaschismus, Debatte, Theorie, TopNews 

 

Von Michael Lausberg

Der Historikerstreit und die Auseinandersetzung um die beiden nationalen Geschichtsmuseen (Haus der Geschichte, Bonn, und Deutsches Historisches Museum Berlin) waren erste Höhepunkte der geschichtspolitischen Debatten- und konfliktreichen Kanzlerschaft Helmut Kohls. In beiden Fällen ging es um das Problem einer historisierenden Deutung des Nationalsozialismus und der Shoa.

Helmut Kohl als Bundeskanzler strebte einen „normalen“ Umgang mit der deutschen Vergangenheit an, der sich deutlich auf die positiven Seiten konzentrieren und verstärktem Nationalbewusstsein führen sollte. In diesem Zusammenhang sprach er von der „Gnade der späten Geburt“ und wies somit die Schuld der nationalsozialistischen Vergangenheit von sich. Durch die Planung eines Deutschen Historischen Museums in Berlin und eines Hauses der Geschichte in Bonn versuchte die Regierung ein positives Geschichtsbewusstsein zu stärken und eine bessere patriotische Identifikation zu ermöglichen.

Es bildeten sich zwei diametral voreinander getrennte Lager in diesem geschichtspolitischen Konflikt: Auf der einen Seite sammelten sich jene, die den sozialliberalen Zeitgeist des vorangehenden Jahrzehnts in geschichtspolitischer Absicht einer konservativen Revision zu unterziehen versuchten, auf der anderen Seite jene, die den linksliberalen Konsens bekräftigen und das Bekenntnis zur Einzigartigkeit des Holocaust zum Ankerpunkt einer posttraditionalen kollektiven Identität der (West-)Deutschen erheben wollten.[1]

Der konservative Berliner Historiker Ernst Nolte hatte sich 1986 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung darüber beklagt, dass die NS- Vergangenheit <wie ein Richtschwert über der Gegenwart aufgehängt> sei. Nachdrücklich stellte er die Singularität des Holocaust in Frage, sprach sich für einen Vergleich insbesondere der stalinistischen und nationalsozialistischen Verbrechen aus, um die rhetorische Frage zu stellen: War nicht der < Archipel GuLag > ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der <Klassenmord> das logische und faktische Prius des < Rassenmordes> der Nationalsozialisten?> Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus der Vergangenheit her, die nicht vergehen sollte?[2] Die Frage war schon die Antwort. Im Sinne der Extremismustheorie des Verfassungsschutzes versuchte Nolte, einen Zusammenhang der beiden unterschiedlichen Pole links und rechts auf der politischen Skala darzustellen und zu hegemonialem Denken zu machen. Der Holocaust sei nur durch den Terror der Bolschewiki zu erklären, als Antwort auf deren Vernichtung des »Klassenfeinds«, ebenso wie die Kriegserklärung Hitlers an die Juden eine Reaktion auf Chaim Weizmanns Äußerung gewesen sei, die Juden würden im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten stehen.[3]

Schon in seinem 1973 veröffentlichten Werk „Deutschland und der Kalte Krieg“ zeigten sich bereits kontroverse Thesen, wie sie von Nolte im Kontext des Historikerstreits aufgegriffen wurden. So schrieb er, dass im Vergleich mit dem Sowjetkommunismus in der Stalin -Ära das NS-Regime bis 1939 gerade ein <rechtstaatliches und liberales Idyll genannt werden könne oder weiter, dass die Vernichtung der europäischen Juden der zweite (der erste war die bolschewistische Klassenfeind-Vernichtung) „(...)modernere Versuch, Probleme, die mit der Industrialisierung zusammenhängen, durch die Beseitigung einer großen Menschengruppe zu lösen> gewesen wäre.[4]

Umso entschiedener traten 1986/87 die Widersacher dieser Position auf den Plan, angeführt von dem Frankfurter linksliberalen Philosophen Jürgen Habermas. Scharf attackierte er die <apologetischen Tendenzen in der dt. Zeitgeschichtsschreibung>. Den abschätzig so genannten < Regierungshistorikern> (gemeint waren vor allem Andreas Hillgruber, Ernst Nolte und Michael Stürmer) warf er eine < Art Schadensabwicklung >vor. Zwar räumte er ein, < dass die Arbeit des distanzierenden Verstehens die Kraft einer reflexiven Erinnerung freisetzt>. Gleichwohl kritisierte er, dass die von ihm Gescholtenen < eine revisionistische Historie in Dienst nehmen für die nationalgeschichtliche Aufmöbelung einer konventionellen Identität>. Im Zentrum der Debatte standen die geschichtspolitischen Implikationen des historiographischen Vergleichs. Die NS- Verbrechen liefen nicht nur Gefahr, ihre <Singularität> zu verlieren. Als Reaktion auf < bolschewistische Vernichtungsdrohungen> würden sie zudem <mindestens verständlich gemacht >.[5]

Seine eigentliche Dynamik erhielt der Streit durch die Vermutung, Nolte gehe es letztlich um die Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen, um den Deutschen ein <unbelastetes> Verhältnis zu ihrer nationalen Vergangenheit zu eröffnen, als Voraussetzung für eine selbstbewusste nationale Politik.[6]

Das Schlagwort „Historikerstreit“ kann seinem Namen allerdings nicht gerecht werden, da es sich nicht um eine kontrovers wissenschaftlich geführte Diskussion unter Historikern handelte, sondern unter den Beteiligten Journalisten, Politiker und eine Vielzahl von interessierten Leserbriefen mitmischten. Der Anspruch auf einen wissenschaftlich, empirisch belegten Disput ging durch subjektive Meinungsbekundungen, private Beleidigungen, Polemiken und auch durch gelegentlich politische Schlagabtausche verloren.

Insgesamt gesehen führte der „Historikerstreit“ zu einer Stärkung des Singularitätsarguments und zur Abwehr einer Strategie durch konservative Kreise, die Auschwitz durch Historisierung politisch—moralisch relativieren wollte und damit Geschichtsrevisionismus betreiben wollte.[7] Dan Diner brachte einen neuen Aspekt – vielleicht den einzig Richtigen- in die Diskussion ein: eine Geschichtsschreibung aus der Sicht der Opfer. Denn diese könnten als einzige den Zivilisationsbruch, der in der Shoa geschah, beschreiben und somit einer Instrumentalisierung des Grauens vorbeugen. Diner bemerkte dazu: „Auschwitz ist ein Niemandsland des Verstehens, ein schwarzer Kasten des Erklärens, ein historiographische Deutungsversuche aufsaugendes, ja, außerhistorische Bedeutung annehmendes Vakuum. Nur ex negativo, nur durch den ständigen Versuch, die Vergeblichkeit des Verstehens zu verstehen, kann ermessen werden, um welches Ereignis es sich bei diesem Zivilisationsbruch gehandelt haben könnte. Als äußerster Extremfall und damit als absolutes Maß von Geschichte ist dieses Ereignis wohl kaum historisierbar. Ernst gemeinte Historisierungsbemühungen endeten bislang in geschichtstheoretischen Aporien. Anders gemeinte, relativierende und das Ereignis einebnende Historisierungsversuche enden hingegen notwendig in einer Apologie. Auch dies ist eine Lehre aus dem Historikerstreit.“[8]

Das offizielle Ende des „Historikerstreits“ 1987 bedeutete jedoch nicht das Ende der Diskussion um die Singularität der Shoa: Die Auseinandersetzung um die Einordnung des Holocausts in die deutsche Geschichte ist bis heute eine der umkämpftesten Fragen in der deutschen Geschichtspolitik. Rechter Geschichtsrevisionismus setzte und setzt genau bei diesem Thema an, um die Schuld der Deutschen zu relativieren, klein zu reden oder ganz zu leugnen.

Michael Lausberg

 


[1] Große Kracht, K.: Der Historikerstreit: Grabenkampf in der Geschichtskultur. In: Ders.: Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945, Göttingen 2005, S. 91–114, hier S. 93

[2] Berg, N.: Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, Göttingen 2003, S. 84ff

[4] Herbert, U.: Der Historikerstreit. Politische, wissenschaftliche, biographische Aspekte. In: Sabrow, M./Jessen, R./ Große Kracht, K. (Hrsg.): Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945, München 2003, S. 94–113, hier S. 99

[5] Wippermann, W.: Umstrittene Vergangenheit. Fakten und Kontroversen zum Nationalsozialismus, Berlin 1998, S. 79ff

[6] Große Kracht, K.: Der Historikerstreit: Grabenkampf in der Geschichtskultur. In: Ders.: Die zankende Zunft. Historische Kontroversen in Deutschland nach 1945, Göttingen 2005, S. 91–114, hier S. 92

[7] Wippermann, W.: Umstrittene Vergangenheit. Fakten und Kontroversen zum Nationalsozialismus, Berlin 1998, S. 16

[8] Diner, D. (Hg.): Ist der Nationalsozialismus Geschichte?, Frankfurt am Main, 1987, S. 73







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