Dir sid net vergiess!

17.11.08
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Ein neues Buch beschäftigt sich mit dem Konzentrationslager Hinzert

Von Stefan Gleser

"Der Wagen hält. Brüllende Stimmen, vermischt mit dem Gebell der Hunde! 'Raus, seid ihr noch nicht raus, na wartet, ihr Lumpen!" Wir rennen durcheinander wie gejagte Hühner, Knüppel sausen auf unsere Köpfe, Rücken und Beine; wir spüren Fußtritte, Hunde springen uns an... Ich renne im Kreis, ein SS mit einem Hund jagt hinter mir her: 'Schneller, schneller, willst du laufen, du Drecksack!" Der Hund springt mir auf den Rücken, ich falle zu Boden." So erlebte der Luxemburger Häftling Jean Marie seine Einlieferung in das Konzentrationslager Hinzert.

Luxemburger brauchen keine abstrakten Wörter wie Faschismus oder Nationalsozialismus. Es genügt Hinzert. Hinzert ist zuerst die Gleichgültigkeit der Natur gegenüber menschlichem Leiden. Lieblich umsäumt von Wäldern und Wiesen im idyllischen Hunsrück. Hinzert wurde erst als Drohung für die Arbeiter am Westwall 1939 eingerichtet und zwei Jahre später der Verwaltung Buchenwalds unterstellt. Deshalb konnte sich Hinzert jahrelang als SS-Sonderlager und Arbeitserziehungslager versteckt halten. Dass Hinzert jetzt als Konzentrationslager mit all dem Grauen, das diesem Begriff eignet, bestimmt wird, ist der Beharrlichkeit ehemaliger Häftlinge zu danken. 

Das Konzentrationslager Hinzert und seine Aussenlager übernimmt die entsprechenden Beiträge aus der Reihe "Der Ort des Terrors. Geschichte der Konzentrationslager ". Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, und Barbara Distel von der Gedenkstätte Dachau, eröffnen der "regionalen Öffentlichkeit" eine preiswerte und damit wirksame Information.

Neben der alltäglichen Quälerei und dem alltäglichen Hunger sind drei Massenmorde verbürgt. Als das Großdeutsche Reich die Zwangsverpflichtung zur Wehrmacht befahl, antwortete das kleine Luxemburg als erstes besetztes Land mit einem Generalstreik. Im September 1942 wurden zwanzig Widerstandskämpfer erschossen. Weil die Résistance immer stärker wurde, richtete die SS zu Beginn des Jahres 1944 nochmals dreiundzwanzig Luxemburger hin. Der Lagerarzt Dr. Waldemar Wolter log im Oktober 1941 Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion vor, sie würden gegen Krankheiten geimpft. Im Wahrheit spritzte er ihnen Zyankali.

Die Außenlager Hinzerts überzogen den Südwesten Deutschlands mit einem feinmaschigen Netz der Ausbeutung. Häftlinge stellten Waffen für ihre Peiniger her und besserten Kriegsschäden aus. Firmen profitierten von der Sklavenarbeit. Die Herausgeber sprechen vom "Zusammenwirken privater Wirtschaft mit staatlichem Terror". Ehrenwerte Namen wie die Schuhfabrik Romika oder M.A.N. (Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg) tauchen auf.

Im Gegensatz zur Industrie milderten Bauern aus der Umgebung das Los der Häftlinge und gaben ihnen beim "Kartoffelkommando" Essen. Ausreichende Ernährung war etwas vollkommen Ungewohntes für die ausgemergelten Gefangenen. Sie wurden davon krank.

Hinzert war ein geschundenes Europa im Kleinen. Neben Luxemburger Franzosen, die nach der "Nacht und Nebel"-Aktion verschleppt worden waren; darbten hier Polen, deren "Eindeutschungsfähigkeit" überprüft werden sollte, neben Holländern.

Man muss gewusst haben, was in Hinzert geschah. Ein anonymer Brief erwähnt "Schläge" und "Genickschuß". Der Weg, der von Hinzert nach Reinsfeld führte, durchschnitt das Lager. Misshandlungen während des sogenannten "Läuseappells" konnten beobachtet werden. Häftlinge wurden auf offener Straße vom Bahnhof Reinsfeld in das Lager getrieben.

Das schmale Bändchen hellt die die Inschrift "Dir sid net vergiess!" des Gedenksteins wieder auf.

Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hg.)
Hinzert
Das Konzentrationslager Hinzert und seine Außenlager
C.H. Beck, München, 2008,
80 S.: mit 2 Abbildungen und 2 Karten. Broschiert
ISBN 978-3-406-57790-1
9,90 Euro







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