Gedenkrede 33 Jahrestag Oktoberfestattentat

02.11.13
AntifaschismusAntifaschismus, Bayern, TopNews 

 

von Ulrich Chaussy

Heute vor 33 Jahren, abends um 22.19 Uhr wurde hier, am Ort dieses Mahnmals eine mit brisantem militärischem Sprengstoff gefüllte Bombe gezündet. Sie verletzte mehr als 200 Personen, 68 Personen erlitten schwere Verletzungen, an denen sie bis heute leiden. Und wir gedenken dieser 12 Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder, denen durch das Attentat auf das Oktoberfest ihr Leben genommen wurde:

Gabriele Deutsch, 17 Jahre

Robert Gmeinwieser, 17 Jahre

Axel Hirsch, 23 Jahre

Markus Hölzl, 44 Jahre

Paul Lux, 52 Jahre

Ignatz Platzer, 6 Jahre

Ilona Platzer, 8 Jahre

Franz Schiele, 33 Jahre

Angela Schüttrigkeit, 39 Jahre

Errol Vere-Hodge, 25 Jahre

Ernst Vestner, 30 Jahre

Beate Werner, 11 Jahre

Ihre Namen sind in die Gedenkstele eingraviert worden – allerdings erst nach Jahren, bei einer der zwei Umgestaltungen, die diese bronzene Gedenksäule erfahren hat. Sie stand erst wie ein beim Tiefbau vergessener T-Träger verloren und kaum sichtbar am Rand der Wirtsbudenstraße. Dann wurde hinter sie eine Mauer gesetzt, um sie vor diesem Hintergrund erkennbar zu machen. Das offizielle München tat sich schwer mit dem Gedenken. Endlich, vor fünf Jahren, ist der Ort entstanden, den Sie jetzt hier sehen, und der jeden, der stehen bleibt und sich umschaut, ahnen lässt, dass hier ungeheure Gewalt im Spiel war, eine Gewalt, die sogar einen solchen Stahlpanzer zerstören konnte und somit erst recht Menschenleben.
Warum hat sich München mit diesem Gedenkort so schwer getan? – Weil man diese Tat, als sie 1980 verübt wurde, nicht wahr haben, nicht wahrnehmen konnte und wollte, als das, was sie war: Ein politisches Attentat mit rechtsextremen Hintergrund. Wer war „man“? - Wer wollte und konnte nicht wahrnehmen, dass nach dem Terror von links in den siebziger Jahren zu deren Ende und dem Beginn der 80er Jahre Militanz und der Terror zur theoretischen und praktischen Option der Rechtextremisten im Lande wurde? Dass sogenannte Wehrsportgruppen sozusagen als bewaffneter Arm der rechtsextremistischen politischen Gruppen von der NPD bis hin zu den selbsternannten Nationalrevolutionären entstanden? – Dass „Wehrsportler“ plötzlich als Saalschutz aufmarschierten und politische Gegner bedrohten oder verprügelten? – Ein Verhalten, dass in Deutschland doch bedenkliche Erinnerungen an das Auftreten der SA wecken musste. – Hier, im Fall Oktoberfestattentat und hier im Freistaat Bayern war eine 1980 eine besondere Konstellation entstanden. Es gab in Bayern, aufgebaut seit 1974, die größte und schlagkräftigste Wehrsportgruppe der gesamten Bundesrepublik: Die Wehrsportgruppe Hoffmann. Und die damalige wie heutige Staatspartei CSU ließ sie jahrelang gewähren. Der Milizenführer Hoffmann wusste sein Angebot mit Geländeübungen und Partisanentraining gut zu verkaufen: Als Pfadfinderspiele, als Charakterbildung und Sport, bei denen übrigens Disziplin und Befehl und Gehorsam eingeübt werde. Die Übungseinheiten in Bürgerkrieg, begleitet in den Köpfen von politischen Feinbildern, nahmen viele Bürgerinnen und Bürger nicht ernst, keineswegs nur die tonangebende Politiker der CSU. Und das kam im März 1980 auf den Punkt mit den Worten über den Milizenführer Hoffmann, die der damalige CSU-Vorsitzende, bayerische Ministerpräsident und damalige Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß fand, als er nach dem Verbot der WSG Hoffmann durch den damaligen FDP-Bundesinnenminister Baum Hoffmann und seine Anhänger als lächerliche Operettenfiguren verspottete: "Mein Gott, wenn sich ein Mann vergnügen will, indem er am Sonntag auf dem Land mit einem Rucksack und einem mit Koppel geschlossenen ‚battledress‘ spazieren geht, dann soll man ihn in Ruhe lassen."

Dann die Nacht des 26.9. hier am Eingang zur Oktoberfestwiese, kurz nachdem das Massaker geschehen und die Aufräum- und Ermittlungsarbeiten gerade erst angelaufen waren. Es ist neun Tage vor der Bundestagswahl, bei der Strauß den SPD-Kanzler Helmut Schmitt und seine sozialliberale Regierung – u. a. mit dem Bundesinnenmister Baum ablösen wollte. Strauß kommt zum Tatort und erklärt Bundesinnenminister Baum zum „Unsicherheitsminister“, der schuld sei an der mangelnden Überwachung gewaltbereiter Extremisten – er denkt an Linke - und somit auch Schuld an diesem Anschlag trage.

Am nächsten Morgen ist alles anders. Denn hier lag ein 13. Toter in der Nacht des 26.9., ein Toter, dessen nicht auf der Gedenksäule für die Opfer vermerkt ist, weil schon über Nacht herausgekommen ist: Der junge Mann, identifiziert als der 21jährige Geologiestundent Gundolf Köhler aus Donaueschingen, war als Täter, mindestens als Bombenleger an diesem Terrorakt beteiligt, ist mitschuldig an dem Geschehen, auch wenn er selbst ebenfalls zum Opfer geworden war. Und dann, auch schon am Morgen nach der Tat, wurde erkennbar: Gundolf Köhler war als Rechtextremist beim Verfassungsschutz bekannt, er hatte an Übungen der WSG Hoffmann in den siebziger Jahren teilgenommen, hatte mit ihm korrespondiert. Es könnte also bis zum Wahltag alles umgekehrt ausschauen, und zwar so, wie es war: Da bewirbt sich ein Politiker um das Amt des deutschen Bundeskanzlers, der blind ist, unwillig und unfähig, der Gefahr des Rechtsextremismus entgegenzutreten.

 Von da an betreibt Strauß damaliger Staatsschutzchef Hans Langemann Schadensbegrenzung für seinen Dienstherrn - und stört, ja zerstört die Terrorermittlung. Er steckt Boulevardjournalisten interne Ermittlungsergebnisse der Soko Theresienwiese, schickt die Journalisten ins Umfeld des Tatverdächtigen, die dort herumtrampeln Tage, bevor die polizeilichen Ermittler bis dahin gelangen, eine Geschichte von Hase und Igel. Beweise können vernichtet, Aussagen abgesprochen werden. Die Journalisten geben den Ton vor. Gundolf Köhler wird zum sozial isolierten Sonderling, zum sexuell frustrierten und vom Leben enttäuschten Monster mit Sprengstofftick dämonisiert, der voller Selbsthaß und „Universalhass“ das Attentat alleine ausgedacht, vorbereitet, die Bombe gebaut, nach München transportiert und dort in mörderischer und selbstmörderischer Absicht zur Explosion gebracht hat.

Bei diesem Ergebnis landen nach nur zwei Jahren die behördlichen Ermittlungen, die der Generalbundesanwalt im November 1982 eingestellt und seither nicht wieder aufgenommen hat. Die Spur nach rechts – sie verliert sich. Die hochkarätigen Zeugenaussagen, die belegen, dass Köhler nicht alleine am Tatort in München war – sie werden schon sechs Wochen nach der Tat nicht mehr ernsthaft weiterverfolgt, als man sich auf einen Kronzeugen für die unpolitische Einzeltat festgelegt hat. Die Beweiskette, mit der belegt sein müsste, dass Köhler die Bombe alleine gebaut hat, ist nie geschlossen worden. Alles Widersprüche, die verlangt hätten, dass man die Möglichkeit zur Klärung dieses blutigsten Terroranschlages in der bundesdeutschen Geschichte hätte offenhalten müssen.

Aber als ich 2008 bei der Wiederaufnahme meiner Recherchen zum Anschlag an Generalbundesanwältin Harms mit der Bitte herantrat, konkret benannte Asservate des Oktoberfestattentats mit Hilfe der DNA - Analyse auf Spuren von potentiellen Mittätern von Köhler zu untersuchen, erhielt ich schriftlich zur Antwort, sämtliche Asservate des Anschlags seien „zwischenzeitlich“ vernichtet worden. Auf die dringliche Nachfrage, wann, warum und wer dies nach welcher Prüfung verfügt habe, wurde mir bei einem Termin bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe erläutert, die Verwalterin der Asservatenkammer habe Ende 1997 bei Bundesanwalt Hemberger, dem Sachbearbeiter des eingestellten Verfahrens angefragt, ob die Asservate des Oktoberfestattentats noch benötigt würden, es werde langsam eng in den Regalen. Der Bundesanwalt habe daraufhin geprüft, ob sich unter den Asservaten Wertgegenstände befänden, die an Opfer oder sonstige Beteiligte des Ermittlungsverfahrens zurückzugeben seien. Da dies nicht der Fall gewesen sei, habe er die Vernichtung der Asservate verfügt. Aber die Asservatenkammer einer für Terrortaten zuständigen Strafverfolgungsbehörde ist kein Wertsachendepot, sondern dazu da, die Möglichkeit offenzuhalten, ungeklärte Straftaten doch noch aufzuklären, insbesondere solche, die nicht verjähren, wie Mord. Das Oktoberfestattentat war dreizehnfacher Mord, es ist bis heute der blutigste, einzelne Terroranschlag in der bundesdeutschen Geschichte. Da muss Platz sein und bleiben für die Asservate dieses Falles, um ihn vielleicht eines Tages mit fortgeschrittenen kriminaltechnischen Methoden so aufzuklären, wie das in den Landeskriminalämtern dieses Landes immer wieder mit alten Mordfällen geschieht – übrigens andernorts in den Landeskriminalämtern auf die Eigeninitiative dieser Ermittlungsbehörden hin.

 

Lange Jahre habe ich darauf gesetzt, mit der Darlegung offen gebliebener Fragen die zuständigen Behörden dazu zu bewegen, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Darauf wartet man bei der Generalbundesanwaltschaft im Fall Oktoberfestattentat seit Jahrzehnten vergeblich. Ohne im bürgerschaftlichen und im parlamentarischen Raum erzeugten Druck wird sich nichts ändern. Aber stellen wir uns vor, es hätte nach dem Abschluss der Ermittlungen in Sachen Oktoberfestattentat ab 1982 parlamentarische Untersuchungsausschüsse im Bund und in Bayern gegeben. Stellen wir uns vor, dass damals den von allem Anfang bestehenden Zweifeln an der Einzeltäterschaft und Alleinverantwortung des Bombenlegers Gundolf Köhler systematisch nachgegangen worden wäre. Stellen Sie sich vor, man hätte damals bei Polizei, Justiz, Verfassungsschutz, in den Parlamenten, in der Bürgerschaft begriffen, dass die primitiv-dumpfe Ideologie des Hasses rechter Aktivisten nicht bedeutet, dass sie nicht zu vernetzter Organisierung, intelligenter und arbeitsteiliger Planung von Gewaltaktionen fähig wären, dass man sie nicht unterschätzen darf. Stellen Sie sich vor, man hätte damals schon entdeckt, dass als V-Leute angeheuerte Rechtsextremisten eben keine Gewähr bieten, die Entwicklung von Gewaltbereitschaft und die Planung von Straftaten aus der Szene schnell und zuverlässig zu melden, sondern dass sie auch staatliches Geld kassieren und schweigen und womöglich selbst weiter am Aufbau rechtsextremer Netzwerke mitwirken. Wir hätten nach den Toten von München, nach den Leiden der damals Verletzten uns wappnen, wir hätten aufmerksamer werden können. Mag sein, dass wir dann die Gefährlichkeit einer neonazistischen Gruppierung wie des Thüringer Heimatschutzes ernster genommen hätten. Mag sein, dass wir dann eins und eins zusammengezählt hätten: Da formiert sich ein Trio, das erst Bombenattrappen baut, dann richtige Bomben. Und das Trio besucht vor seinem Untertauchen den aktuellen Gerichtsprozess gegen den Volksverhetzer und Rechtsterroristen Manfred Roeder. Das ist einer, der schon 1979 vorgemacht hatte, was angeblich erst durch den NSU als neue Qualität des Rechtsterrors entstand: die Ermordung von Ausländern in Deutschland, nur weil sie Ausländer sind – mit tödlichen Brandanschlägen auf Asylbewerberheime. Wir wissen nicht, ob wir so als Lehre aus dem Oktoberfestattentat den Terror der NSU verhindern oder wenigstens in seinem blutigen Lauf früher hätten stoppen können. Aber wir sind künftig dazu in der Pflicht – das schulden wir den Opfern des Rechtsterrors von damals – und der jüngsten Vergangenheit.


VON: ULRICH CHAUSSY






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