Nation und Nationalismus in der DDR


Bildmontage: HF

26.10.16
AntifaschismusAntifaschismus, Theorie, Debatte, TopNews 

 

Von Michael Lausberg

Im Denken der SED-Führung trotz der antifaschistischen Grundhaltung und des proletarischen Internationalismus blieb vor allem die Nation[1] eine konstante Größe, was zur Ausgrenzung von Nichtdeutschen wie Vertragsarbeiter_innen, Juden und Jüdinnen und Angehörige der sowjetischen Streitkräfte führte. Der Nationalismus von offizieller Seite aus bot auch Anknüpfungspunkte für neofaschistische und rassistische Denkmuster in der Bevölkerung.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurde in der SBZ versucht, die Mitläufer des nationalsozialistischen Regimes an sich zu binden. Am 25.12.1945 trafen sich Ulbricht und Pieck mit dem Kommandanten der SMAD, Marshall Shukow, um zu klären, wie die KPD mit früheren NSDAP-Mitgliedern umgehen sollte. Es wurde beschlossen, dass man die Abwanderung zu anderen Parteien verhindern und diesen Kreis von Leuten an sich binden müsse.

Im Sommer 1952 stellte Walter Ulbricht heraus, dass es falsch sei, die deutsche Geschichte als eine „Geschichte der deutschen Misere“ darzustellen. Die „großen Leistungen“ deutscher Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler in der Geschichte sollten geachtet werden.[2] Damit wollte Ulbricht ein „DDR-Staatsbewusstsein“ fördern, das in Abgrenzung zum „amerikanischen Imperialismus“ gesehen wurde. Ulbricht bemerkte:[3] „Wir sind gegen diesen ganzen Amerikanismus, wir sind für die Schätze der deutschen Kultur (…) und wir führen einen harten Kampf gegen den Amerikanismus. Das ist eine große Aufgabe zur Verteidigung der deutschen Kultur.“ Otto Grotewohl sagte auf dem Kongress der deutschen Jugend am 20.3.1955:[4] „In Deutschland wird nicht amerikanisch, sondern deutsch gesprochen.“

Die nationalen Parolen und Begriffe der SED kamen nicht nur immer wieder in Reden oder politischen Programmen vor, sondern auch in den Bezeichnungen für Institutionen oder Organisationen der DDR. Es gab die Nationale Front, die Zeitung Neues Deutschland, die Nationale Volksarmee sowie das Nationale Aufbauwerk. Dieser Nationalismus, der sich eigentlich gegen den „amerikanischen Imperialismus“ wenden sollte, entwickelte sich zu einer Speerspitze gegen die im Lande stationierten sowjetischen Soldaten und deren Familien.

Im Mai 1948 wurde mit der Gründung der National-Demokratischen Partei Deutschlands (NDPD) ein Auffangbecken für ehemalige Nationalsozialisten geschaffen. Offiziell hieß es, dass die NDPD-Mitglieder ihre Lehren aus der Vergangenheit gezogen haben und Faschismus und Imperialismus ablehnend gegenüberstehen. Allerdings sprach das Wahlprogramm der NDPD aus dem Jahre 1951 eine andere Sprache: „Deutschland muß leben! Deswegen fordern wir nationalen Demokraten: Die Amerikaner nach Amerika! Deutschland den Deutschen! Die Bundesrepublik ist ein Kind des nationalen Verrats.“ [5]

Der NDPD gelang es in der DDR, die gesellschaftliche Gleichberechtigung der ehemaligen Nationalsozialisten durchzusetzen.[6] Am 11.11.1949 wurde das Gesetz über den „Erlaß von Sühnemaßnahmen und die Gewährung staatsbürgerlicher Rechte für ehemalige Mitglieder und Anhänger der Nazipartei und Offiziere der faschistischen Wehrmacht“ verabschiedet. Im September 1952 erfolgte dann durch ein weiteres Gesetz die völlige rechtliche Gleichstellung, ausgenommen blieben lediglich verurteilte NS-Täter und Kriegsverbrecher.

1949 wurde die Nationale Front gegründet, die unter Kontrolle der SED Mitglieder aller Parteien und Massenorganisationen vereinte. Sie erklärte den amerikanischen Imperialismus, der „das Erbe des Hitlerfaschismus im Kampf um die Weltherrschaft angetreten" habe, zum alleinigen Feind und lud auf dieser Grundlage "frühere Beamte, Soldaten, Offiziere und Generale der deutschen Wehrmacht sowie die früheren Nazis" zur Mitarbeit ein: "Der Standpunkt jedes Deutschen in dem großen nationalen Befreiungskampf des deutschen Volkes ist der entscheidende Gradmesser und nicht die frühere Organisationszugehörigkeit.“[7]

Otto Grotewohl, Ministerpräsident der DDR, erklärte 1950 zur Gründung der Deutschen Akademie der Künste: „Wenn sich eine wirklich große und erhabene nationale Kunst entfalten soll, muss die Einheit unserer Nation wieder hergestellt werden. (…) Das ist kein Gegensatz zur Welt. Im Gegenteil, je größeren Wert ein Kunstwerk für die gesamte Welt, für die ganze Menschheit hat, desto tiefer sind seine Wurzeln im Boden der Nation vergraben, je internationaler also seine Bedeutung, desto nationaler ist seine Eigenart, sein Ursprung und seine Form. Die verzweiflungsvolle Flucht deutscher Künstler in kosmopolitische Gedankengänge, in ein falsch verstandenes Weltbürgertum, in die Aufgabe der nationalen Eigenart ist kein Ausweg, sondern schwächt nur den Lebenswillen des eigenen Volkes und macht es unfähig, seine nationale Aufgabe zu erfüllen."[8]

Wurde die patriotische Propaganda der SED zumindest bis zum Mauerbau im Jahre 1961 gesamtdeutsch betrieben, geriet ihr gesamtnationaler Anspruch schon seit Mitte der fünfziger Jahre in einen signifikanten Widerspruch zur Zwei-Staaten-Theorie. Das Politbüro stand jetzt vor der schwierigen Aufgabe, der eigenen Bevölkerung sein offizielles Festhalten an der deutschen Einheit glaubhaft machen zu müssen, gleichzeitig aber einen Kurs zu vertreten, der von diesem Ziel wegführte. Das warf für die SED die Frage auf, wie tradierte nationale Legitimationsmuster und Werte formal beibehalten werden, aber inhaltlich den eigenstaatlichen Weg der DDR legitimieren könnten.

Geisteswissenschaftler_innen in der DDR waren darum bemüht, die Zwei-Nationen-Theorie ideologisch zu untermauern. Der Philosoph Alfred Kosing stellte die These auf, dass die „Herausbildung und weitere Konsolidierung der sozialistischen deutschen Nation in der DDR (…) ein gesetzmäßiger Prozess“ sei.[9] Kosing erläuterte: <cite>„Je erfolgreicher sich die DDR im friedlichen ökonomischen Wettbewerb mit dem monopolkapitalistischen Westdeutschland durchsetzt, um so anziehender wird der Sozialismus auf die Werktätigen in der Bundesrepublik wirken und um so mehr werden die Positionen des deutschen Imperialismus untergraben.' Nur auf diese Weise kann es in Westdeutschland zu einer solchen Veränderung des politischen Kräfteverhaltnisses kommen, daß die friedliebenden Kräfte das Übergewicht erlangen und in der Lage sein werden, die Kräfte des aggressiven Monopolkapitals und der Militaristen zu entmachten. Daher hängt das Schicksal der deutschen Nation tatsächlich in erster Linie von der weiteren Festigung und erfolgreichen Entwicklung der DDR ab. In diesem Zusammenhang wird klar, daß jede Leistung, welche zur Stärkung der DDR führt, eine nationale Tat ist."</cite>[10]<cite> </cite>

DDR-Historiker_innen wurden von der SED-Führung dazu angehalten, eine „DDR-Identität“ mit Hilfe von regionaler Geschichtsschreibung und „Heimatkunde“ zu erzeugen, um ein „Nationalbewusstsein“ in der DDR zu schaffen.[11]

Spätestens im letzten Jahrzehnt ihrer Existenz erlebte die DDR dann eine Renaissance jener preußischen Traditionen und Tugenden. Der Reformator Martin Luther, der Preußenkönig Friedrich der Große und der „Eiserne Kanzler“ Otto von Bismarck wurden als nationale Symbole entdeckt.

 


[1] Der Autor begreift den Begriff „Nation“ als Konstrukt und folgt der Argumentation von Balibar und Wallerstein, die diagnostizierten: (…) „Sicher ist indessen, dass es uns beiden gleichermaßen wichtig erscheint, die Nation und das Volk als historische Konstruktionen zu denken, dank derer die heutigen Institutionen und Antagonismen in die Vergangenheit projiziert werden können, um den ‚Gemeinschaften’ eine relative Stabilität zu verleihen, von denen das Gefühl der individuellen ‚Identität’ abhängt.“ Vgl. Balibar, E./Wallerstein, I.: Rasse Klasse Nation. Ambivalente Identitäten, Hamburg/Berlin 1990, S. 15

[2] Lemke, M.: Nationalismus und Patriotismus in den frühen Jahren der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 50/2000, S. 11-19, hier S. 15

[3] Neues Deutschland vom 26.4.1952

[4] SAPMO-BArch, NY 4090/200 Blatt 48

[5] Zitiert aus Borchers, A.: Neue Nazis im Osten. Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit. Hintergründe, Fakten, Perspektiven, München 1993

[6] Assheuer/Sarkowicz, Rechtsradikale in Deutschland, a.a.O., S. 98

[7] Zitiert aus Borchers, A.: Neue Nazis im Osten. Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit. Hintergründe, Fakten, Perspektiven, München 1993

[8] Riebau, B.: Geschichtswissenschaft und Nationale Frage in der Ära Honecker, in: Deutschland Archiv, 22, 1989, S. 533-542, hier S. 540

[9] Kosing, A.: Sozialistische Gesellschaft und sozialistische Nation in der DDR, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 37/1989, S. 913

[11] Riebau, B.: Geschichtswissenschaft und Nationale Frage in der Ära Honecker, in: Deutschland Archiv, 22, 1989, S. 533-542



Leserbrief von Reinhold Schramm - 27-10-16 14:54




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