Rassistische Mordanschläge in der Silvesternacht: Die Konstruktion des „wirren Einzeltäters“

02.01.19
AntifaschismusAntifaschismus, Debatte, NRW, Ruhrgebiet, TopNews 

 

Von Michael Lausberg

In Bottrop und in seiner Heimatstadt Essen ist ein Biodeutscher in der Silvesternacht mit seinem Auto gezielt in eine Gruppe von Fußgängern gefahren und hat fünf Menschen zum Teil schwer verletzt. An vier Orten in Bottrop und in Essen ist er aus rassistischer Motivation auf Personengruppen zugesteuert. Nähere Informationen sind augenblicklich (2.1 am Morgen) spärlich und beziehen sich ausschließlich auf offizielle Verlautbarungen von Sicherheitsbehörden. Die Anschläge werden dort als „terroristischer Anschlag“ behandelt.[1]

Einige Minuten nach dem Jahreswechsel habe der Täter in Bottrop zunächst einen einzelnen Fußgänger mit seinem Auto angegriffen, der sich aber retten konnte. Am Berliner Platz im Zentrum Bottrops sei er dann gezielt in eine Gruppe von Menschen gefahren, die mit Böllern und Raketen feierten. Danach flüchtete er nach Essen, wo er noch zwei Mal versuchte, Menschengruppen zu überfahren. Die Polizei nahm konnte den Amokfahrer kurz darauf festnehmen. Fünf Menschen, „darunter auch Syrer und Afghanen“ seien zum Teil schwer verletzt worden.[2] Davon vier Menschen in Bottrop und eine Person in Essen. Eine 46 Jahre alte Frau hat laut NRW-Innenminister Herbert Reul zeitweilig in Lebensgefahr geschwebt. Nach ersten Vernehmungen kam „die klare Absicht von diesem Mann, Ausländer zu töten“ heraus, teilte Reul am Dienstag mit. Außerdem gäbe es „erste Informationen über eine psychische Erkrankung des Fahrers“.[3]

Die Informationen über den Täter stammen ausschließlich aus Behördenkreisen: „Andreas N. stamme aus Essen, er sei arbeitslos und Hartz-IV-Empfänger, sagten Sicherheitskreise. Bei der Vernehmung durch die Polizei habe er geäußert, es sei ungerecht, dass auch arbeitslose Ausländer vom Staat Geld bekommen. Andreas N. habe durchgehend rassistisch geredet, aber auch einen wirren Eindruck gemacht. Es gebe Hinweise, dass N. wegen Schizophrenie in psychiatrischer Behandlung war.“[4] Der Täter sei „deutscher Staatsbürger“[5] und 50 Jahre alt. Ob er in der Vergangenheit schon mal aufgrund rassistischer Angriffe vorbestraft oder zivilgesellschaftlich aufgefallen ist, ist unklar. Ebenso, ob er einer Kameradschaft, einer rechten Partei oder Organisation angehörte oder angehört.

Die These einer „psychischen Erkrankung“ des Täters wird bislang transportiert und dient zur Abwertung und Bagatellisierung seiner offenkundigen rassistischen Motivation. Erinnerungen an die mysteriösen Amokfahrt im vergangenen Jahr in Münster werden zwangsläufig wach: Dort lenkte am 7. April 2018 ein 48-Jähriger im Zentrum von Münster einen Kleinbus in eine Gruppe von Menschen. Vier Personen starben, als 20 wurden zum Teil schwer verletzt. Der Täter erschoss sich anschließend selbst. Dies wurde in weiten Teilen der Medien und offiziellen Stellungnahmen als Suizid mit der Tötungsabsicht Unbeteiligter gewertet.

Diese rassistischen Mordversuche durch einen „wirren Einzeltäters“ zu deuten, verschleiert die gesellschaftspolitischen Hintergründe der Taten, bei der es nur durch Zufall gab es keine Toten gab. Der von Neonazis, AfD und ihren bürgerlichen Stichwortgebern geschürte Rassismus, der nach der Faktenlage der „Mitte-Studien“ von einer Vielzahl von Normalbürgern geteilt wird, gerät durch die Pathologisierung der Mordanschläge nicht in den öffentlichen Fokus. Hass gegen Geflüchtete oder pauschal gegen alles Nichtdeutsche wird systematisch ausgeblendet und darf weiterhin Bestandteil der politischen Kultur der BRD bleiben.

 

 


[1] https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/bottrop-und-essen-behoerden-behandeln-amokfahrt-als-terroristischen-anschlag/23817538.html

[2] https://www.derwesten.de/region/bottrop-auto-amokfahrer-anschlag-id216114521.html

[3] Ebd.

[4]https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/bottrop-und-essen-behoerden-behandeln-amokfahrt-als-terroristischen-anschlag/23817538.html

[5] Ebd.



Leserbrief von A. Holberg - 06-01-19 14:33




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