Thylejren - alternative Selbstorganisation

04.01.12
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von Helga Hof

Erlebnisbericht aus Dänemark


Einige Leser dürften Christiania, die „Freie Stadt“ in Kopenhagen kennen. Der besetzte Stadtteil, der inzwischen nach langen Diskussionen aufgekauft werden kann. Neben all diesem Medienrummel wird Christianias Herkunft leicht vergessen. Ursprünglich von 'Det Ny Samfund' (Die Neue Gesellschaft) gegründet, hat Christiania ein Pendant auf dem Land.

Ein Jahr vor Christiania, im Sommer 1970, entstand das Camp namens 'Thylejren'. Nach einem Woodstock-orientierten Festival beschloss eine Gruppe junger Menschen, dass sie das unbenutzte Land nicht wieder verlassen wollten.

Sie nannten ihre Gruppierung 'Die Neue Gesellschaft' und setzten sich folgende Ziele: Direkte Demokratie, gemeinschaftlicher Besitz und gemeinschaftliche Nutzung von Land, globales Bewusstsein und Umweltschutz, vor allem im Sinne einer Balance zwischen Natur und Produktion.
Zuerst wurden diese Ziele nur auf das Land in Thy angewendet, ein Jahr später auch auf das besetzte Gelände und die Gemeinschaft in Kopenhagen.

Im September /Oktober 2011 hatte ich durch ein Stipendium die Möglichkeit, Thylejren mit seinen 85 „Einwohnern“ für einige Wochen zu besuchen und mit eigenen Augen zu sehen, inwiefern sich die Interpretation und Durchsetzung dieser Ziele in den letzten 41 Jahren verändert haben.

Globales Bewusstsein und Umweltschutz – das wurde in den Siebziger Jahren so interpretiert, dass globale Ausbeutung von Menschen und Natur nicht unterstützt werden darf. Das Camp, damals auch noch ohne Strom- und Wasserversorgung, beschloss, sich selbst zu versorgen. Es wurden diverse Obst- und Gemüsesorten relativ planlos angebaut.

Davon sind heute viele Mirabellenbäume und ein paar Tomatenpflanzen in den Gärten übrig geblieben. Dazu kommt ein kleiner Laden, der einzige in Thylejren. „Bixen“, verkauft organisches und biologisches Essen und ein paar Basis-Gebrauchsgegenstände wie Gummistiefel, Klopapier und Wasserfarben. Die Preise gleichen denen in jedem herkömmlichen Alnatura-Supermarkt und neben den Kartoffeln vom nächsten Bauernhof liegen Einweg-Rasierer made in China.
In den Achtziger Jahren wurde auch Stromversorgung eingeführt.

Obwohl es inzwischen im Zentrum des Camps auch minimale Wasserversorgung gibt, eine Bar, einen Kino- und einen Computerraum, hat man es in fast einem halben Jahrhundert nicht geschafft, Toiletten einzurichten. So stehen im Wald eben ein paar Dixie-Klos und jeder Bewohner schafft sich seine eigene Version eines Plumpsklos. Ob das nun das letzte Stückchen trotzigen Idealismus’ ist (wegen Wasserverbrauch, chemischen Reinigern und was sonst noch an solchen Anlagen zu kritisieren ist) oder aber ein peinliches Versäumnis, mag jeder selbst beurteilen.

Nicht nur die ernährungstechnische Selbstversorgung ist weitgehend gescheitert sondern auch die finanzielle. Inzwischen lebt ein Großteil der etwa 85 Bewohner vom dänischen Arbeitslosengeld – verglichen mit dem deutschen Hartz IV ist dieses relativ hoch und beträgt umgerechnet gute 800€ im Monat. Dazu kommen bei Krankheiten oder psychischen Problemen Zulagen von einigen tausend Kronen.

In Thylejren ist die Orientierung an Konsumartikeln und die Identifikation über solche aber weit weniger ausgeprägt als ansonsten in den Industriestaaten üblich. So wird denn auch weniger Geld für technische Spielereien oder Kleidung ausgegeben.

Das, was übrig bleibt, fliesst meist in das schwarze Loch des Camps: „Svampen“. Nachdem irgendwann ein Bierwagen begonnen hatte, das eigentlich Anti-Alkoholische Camp regelmäßig mit Bier zu versorgen, nachdem etliche Diskussionen geführt und schließlich mit knapper Mehrheit abgestimmt wurde, führte man schließlich die Bar ein. Sie steht neben Bixen im gemeinschaftlichen Zentrum und hat von früh morgens bis spät abends geöffnet.

Mit einem jährlichen Umsatz von einigen tausend Kronen ist sie der einzige Laden im Camp, der ein Profit macht, der wiederum für die Gemeinschaft eingesetzt wird. Der Preis dafür ist aber nicht allein das Geld der Bewohner. Selbst für den typischen Dänen, der gern auch mal einen Kräuterschnaps zum Frühstück trinkt, sind die Mengen an Alkohol, die in Svampen konsumiert werden, bedenklich.

Ein Tag, gute zehn Stunden in der Bar – dabei kommen einige dutzend Bier zusammen. Täglich.
Die typische Geschichte des Alkoholismus in Thylejren geht so: Gibt es eine Weile nichts zu tun, im eisig kalten Winter zum Beispiel, findet man sich in dem gut beheizten, verrauchten Raum zusammen und trinkt ein Bier nach dem anderen. Die Enthusiasten spielen dabei vielleicht noch ein Kartenspiel. Und schließlich gibt es irgendwann irgendwo wieder etwas zu arbeiten, zu reparieren, zu lesen, aber inzwischen ist der Alkoholiker selbst dazu nicht mehr in der Lage. Die Freiheit, nicht arbeiten zu müssen, verwandelt sich mit der Gewöhnung daran in Langweile und schließlich in einen Zwang - in die Sucht nach Cannabis oder Alkohol.

Es gibt keine festen Zuständigkeiten oder konkrete Bildungs- oder Förderanreize in Thylejren und es scheint, als wäre ein großer Teil der „Neuen Gesellschaft“ an der Anforderung, sich selbst zu motivieren, gescheitert. Natürlich gibt es auch Ausnahmen. Menschen, die vermeintlich hart arbeiten. Doch die Rückgezogenheit von der üblichen Gesellschaft verbietet schließlich jegliche seriöse Resonanz auf die Arbeit. Neben den durch Drogen verlangsamten und oft weitgehend handlungsunfähigen Menschen in Thylejren ist es leicht, sich aktiv und diszipliniert zu fühlen. So besitzt das Camp zwar gemeinschaftlich eine Bar, die dafür aber dieselbe Gemeinschaft von innen zerrüttet.

Das Ziel der direkten Demokratie wurde über all die Jahre in seiner ursprünglichen Form beibehalten. Die größte Entscheidungsmacht hat die Generalversammlung, die einmal jährlich am 21. August stattfindet. Eine höhere Autorität gibt es in der Neuen Gesellschaft nicht. Dem Prinzip der direkten Demokratie folgend, werden alle Entscheidungen durch die absolute Mehrheit getroffen.

Jährlich werden ein Protokollant,  ein Vorsitzender, und die Administrationsgruppe (darunter zwei Buchhalter) gewählt.
Mitbestimmungsrecht hat jeder, der einen geringen jährlichen Mitgliedsbeitrag bezahlt. Auf der Generalversammlung wird über den jeweiligen Betrag für das Folgejahr abgestimmt. Außerdem hat nur die Generalversammlung das Recht, finanzielle Entscheidungen zu treffen, die mehr als 80% des Gesamtvermögens der Neuen Gesellschaft betreffen.

Die restliche Entscheidungsmacht liegt bei den monatlichen kleinen Versammlungen. Eine Woche vorher wird ein Zettel ausgehängt, auf den jeder die Themen schreiben kann, die besprochen werden sollen. Für größere Projekte wie z.B. ein Kinderhaus werden Arbeitsgruppen gebildet. Monatliche Updates über den Finanzstand des Ladens Bixen und der Bar Svampen geben gewählte Buchhalter.
Auch hier wird unabhängig von der Zahl der Anwesenden am Ende jede Entscheidung mit absoluter Mehrheit beschlossen; vorher versucht man aber, einen Konsens zu finden. Obwohl anfangs eine Tagesordnung ausgearbeitet wird, sind die Versammlungen meistens eine relativ zähe Angelegenheit. Die Interessen sind so vielfältig, dass über einen Themenpunkt Ewigkeiten diskutiert werden kann. Auch wenn sich von dreißig Anwesenden  nur drei für diesen Punkt interessieren. Trotzdem muss nach dem Prinzip der demokratischen Meinungsfreiheit jedes Thema durchgearbeitet werden.

Ein schönes Beispiel ist die Frage, wer den gemeinsamen Wäschetrockner wann und in welchem Umfang benutzen darf. Ist das fair, wenn nicht alle dran können? Kann das funktionieren, 85 Leute und ein herkömmlicher Wäschetrockner? Wie soll man die richtigen Benutzer finden, was weist einen Menschen aus, der wahrlich berechtigt ist, einen Wäschetrockner zu verwenden?

Mittlerweile nehmen nur noch ca. ein Drittel der Bewohner an den Versammlungen teil, einige regelmäßig bekifft oder alkoholisiert. Unter diesen Umständen unterscheidet oft kein Quorum darüber, welche Punkte diskutiert werden sondern wer am lautesten brüllt.

Thylejrens Versammlungen sind ein Paradebeispiel für die Kluft, die zwischen Theorie und Praxis der direkten Demokratie herrscht. Einerseits müssen alle das Recht haben, sich gleichwertig einzubringen, andererseits liegen aber die Interessen und Forderungen durch die verschiedenen Charaktere und Lebensgeschichten oft so weit auseinander, dass es schwierig ist, einen Konsens zu finden.
Und auch bei einer Abstimmung mit absoluter Mehrheit kann eine große Minderheit sehr unzufrieden sein.

In Thylejren sowie an vielen anderen Orten, wo direkte Demokratie praktiziert wird, fehlt ein gut funktionierendes System der Prioritätensetzung bezüglich der Themen und Vorgehensweisen. Hauptursache für den Versammlungsverdruss ist oft die Langwierigkeit der Entscheidungsprozesse. Es braucht lange, bis ein Großteil der Anwesenden sich dazu durchringen kann, einem Thema den Vorzug zu geben und dadurch ein anderes als weniger wichtig zu deklarieren.
Bis überhaupt die Themen nach Priorität geordnet sind, vergeht eine ganze Weile.

Außerdem begreift jede/r diese demokratischen Prozesse anders. Für die einen ist die Versammlung nur ein Werkzeug, um Entscheidungen gemeinsam und möglichst fair zu treffen.
Es gibt aber auch immer andere, die dort, wo sie die Aufmerksamkeit vieler haben, auch das ihrer Meinung nach nötige Vorwissen anbringen wollen und dabei gerne einmal tief in ihren Wissensfundus blicken lassen. Solche, die also die Versammlung nicht nur als Entscheidungsinstrument begreifen, sondern auch als bildungs- und aufklärungsförderndes Mittel.

Ich denke, es wäre theoretisch ein guter Ansatz, dazu vorher diverse Gruppen und Diskussionsforen einzurichten. Das Entscheidungsrecht zu einer Thematik könnte dadurch gewichtet werden, wie stark sich die jeweilige Person vorher in der entsprechenden Gruppe engagiert hat. So wäre es möglich, von einem ähnlichen Informationsniveau auszugehen, wenn die Entscheidung getroffen wird. Ohne dass vorher die wertvolle Zeit der Versammlung dazu genutzt wird, einigen zu erklären, was andere schon wissen und in Fernen der Theorie abzuschweifen.

Es gibt aber durchaus Vorzüge in einem solchen basisdemokratischen Camp. Dazu gehört z.B. Solidarität. Diese Mentalität hat sich schon so eingeprägt, dass sie für Bewohner von Thylejren völlig selbstverständlich ist.
Mir wurde oft sehr konkrete Unterstützung angeboten, z.B. Versorgung mit Essen und einem Schlafplatz, ohne dass es wie eine reine Höflichkeits- oder Pflichtform schien. Vor allem die Bedingungslosigkeit dieses Zusammenhalts fiel mir auf. Auch Leute, von denen ich nicht das Gefühl hatte, dass sie mich speziell mochten, boten mir ihre Hilfe an.

Diese Solidarität leitet sich von einem sehr starken Gemeinschaftsgefühl ab und stützt es dabei gleichzeitig.
In Anbetracht aller Meinungsverschiedenheiten und Probleme und dem gleichzeitigen Zusammenhalt sagten mir mehrere Leute, die Campbewohner seien eben wie eine Familie. Diese Metapher passt ganz gut. Eine Familie sucht man sich nicht aus und trotzdem liebt man sie (meistens) oder ist ihr zumindest sehr eng verbunden.
Man könnte annehmen, jeder hätte die Entscheidung, sich in die Gemeinschaft von Thylejren zu begeben, sehr bewusst getroffen, vielleicht sogar länger geplant und durchdacht. Tatsächlich war Thylejren aber für mehrere wie ein Fangnetz, als sie nicht mehr wussten, wohin sie sonst gehen sollten.
Ich würde sagen, die Menschen dort verstehen sich nicht rational als Gemeinschaft sondern sie fühlen sich emotional als eine solche.

Ersteres setzt das relativ bewusste Annehmen von Idealen und Zielen dieser Gruppe voraus, letzteres folgt aus einer tendenziell unbewussten, stark emotional geprägten Integration. Die Solidarität wird nicht aus idealistischen Gründen so hoch geschätzt, sondern wegen dem bewussten oder unbewussten Begreifen, dass die „sichere“ Welt, die das Camp darstellt, sonst nicht weiter existieren könnte.

Die Gründe für das solidarische Verhalten sind damit eher pragmatisch. Gegenseitige Hilfe und gemeinsame Konfliktlösung sind an einem derart abgeschotteten Ort schlichtweg unabdingbar, ohne sie wäre das Projekt schon sehr schnell gescheitert.

Insgesamt ist mein Eindruck von Thylejren der eines nie zu ende gedachten/gelebten Ansatzes einer anderen Gesellschaft. Viele Denkrichtungen und Lebensweisen vermischen sich dort, aber kaum eine kommt in ihren wichtigsten Aspekten zum Tragen.
Das liegt meiner Meinung nach nicht unbedingt daran, dass diese Einstellungen sich gegenseitig komplett ausschließen. Im Gegenteil, es gibt eigentlich viele Überschneidungen, um die sich aber weniger gekümmert wird als um die Differenzen.

Die tatsächliche Behinderung liegt darin, dass es fast unmöglich scheint, bei den wenigen absoluten Fragestellungen (z.B. Selbstversorgung oder Außenversorgung, Arbeit im und für das Camp oder Arbeitsstelle außerhalb u.v.m.) einen Konsens zu finden. Denn dieser wird am Ende doch immer benötigt, um eine solche Gemeinschaft zusammen zu halten. Thylejren ist eine Wahlheimat und wem diese nicht gefällt, kann sie einfach verlassen.

Irgendwie wird also versucht, es allen recht zu machen – auch wenn das bedeutet, dass sich keiner der umstrittenen Ansätze durchsetzt. So balanciert das ganze Konzept auf dem schmalen Grat zwischen alternativer Lebensweise und gewissen Annehmlichkeiten, die dieser eigentlich widersprechen. Indem sich das Camp so doch zum Teil an den üblichen materiellen Werten orientiert, verneint es automatisch die Frage, ob eine alternative Lebensweise auch ohne große Einschränkungen möglich sei.

Gäbe es dieses mühsame Schwanken zwischen Fernsehen und Internet einerseits, aber Toilettenmangel andererseits nicht, wäre ein Vergleich mit der Außenwelt nicht so dauerhaft präsent und ein wirklich unabhängiges Wertesystem könnte sich bilden. Nur so könnte sich der Ort wirklich einer Bewertung nach den - materiell extrem anspruchsvollen - Maßstäben der westlichen Welt entziehen.

Aber durch die halbherzige Umsetzung von Ideen, die eigentlich den Anspruch auf das Absolute stellen, wird das Konzept eher ins Lächerliche gezogen. Selbstanbau, dann aber doch lieber einkaufen; scheinbar frei, aber materiell abhängig vom Sozialstaat; tausend Pläne aber immer weniger Engagement.
Thylejren glaubt, alternativ zu sein, ist aber vor wirklich radikalen alternativen Ideen zurückgeschreckt.

Statt dass neue Wege aufgezeigt werden, wie eine alternative Lebensweise funktionieren könnte, beschränken sich die sachlichen Unterschiede zwischen Thylejren und der normalen Gesellschaft inzwischen hauptsächlich auf Mängel, die wie aus einem letzten Trotz nicht behoben werden. Es existieren zwar andere Entscheidungsmenchanismen und Mentalitäten in der Gemeinschaft, faktisch gibt es aber nur wenig wirklich alternative Prinzipien. Und diese, wie zum Beispiel die relativ freie Arbeitswahl, funktionieren auch nur, weil die Gesellschaft, der die Bewohner eigentlich den Rücken zukehren wollten, sie über Wasser hält.

Letztendlich kann ich Thylejren also eigentlich nicht als völlig eigene, alternative Gesellschaft bewerten, da das Camp in sich vom äußeren System abhängt.

Trotzdem bin ich der Meinung, dass solche Projekte gut für die Menschen sind und unterstützt werden sollten, egal ob das ursprüngliche Konzept im Grunde gescheitert ist oder nicht. Unterstützung ist schon deshalb sinnvoll, weil solche alternativen Konzepte Menschen ein Netz bieten, das sie fängt, wenn sie in dem jetzigen System nicht mehr länger leben wollen.

Schon allein die Pluralität der Lebensweisen finde ich verteidigenswert. Ob so ein Lebensentwurf auf die Allgemeinheit übertragbar ist, ist noch einmal eine andere Thematik. Trotzdem kann so eine Alternative probiert und gelebt werden. Aus den Beobachtungen kann auch die restliche Gesellschaft viel lernen.






VON: HELGA HOF






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