Offener Brief an die anonymen Steinwerfer

23.04.12
BewegungenBewegungen, Debatte, Hessen, TopNews 

 

von Wolfgang Gerecht

Da erneut zu Protesten am 16. bis 19. Mai in Frankfurt/Main aufgerufen wird [1], möchte ich meine Erfahrung von der Bündnis M31 - Demonstration vom Samstag 31.03.2012 in Frankfurt schildern.

Am Samstagnachmittag wurde ich im Bereich Rückseite des Hotels Frankfurter Hof / Berliner Straße mit voller Wucht von einem Pflasterstein im linken oberen Brustbereich getroffen und niedergestreckt.

Eine Handbreit höher hätte der „Wacker“ den Hals- oder Kopfbereich getroffen. Ein Polizist der den Vorfall beobachtete verständigte einen Rettungswagen. Solidarisch blieben auch drei junge Mitprotestierer die ganze Zeit bei mir. Dafür sei Ihnen nochmals herzlich gedankt. Zwei Woche später - klangen die Schmerzen langsam ab.

Ob die Steinwerfer nur ’Militante’, oder staatliche ‘Agent provocateurs’ waren weiß ich selbstverständlich nicht, enttäuschend allerdings waren für mich die Reaktionen all derer denen ich eine gleich lautende Mitteilung über das Vorkommnis machte:" ‘Richtiger Adressat??? Ich wollte Euch mitteilen, dass ich gestern auf der Demonstration mit voller Wucht von einem Pflasterstein im linken oberen Brustbereich getroffen wurde"

Außer Linksnavigator und 4 weiteren Einzelpersonen und ein KV-Vors. der PdL hat das Geschehene überhaupt niemanden interessiert. „Kollateralschaden“, „warum gehst du auch dahin“, Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um“, „es ist doch nicht´s Schlimmeres passiert“, „Du hast doch Glück im Unglück gehabt“ das waren die Reaktionen, in der Regel kam gar keine Reaktion, so z.B. vom Veranstalter M 31, vom Erwerbslosenkreis Hanau, GALIDA, Zusammen e.V. u.s.w.

Zitat einer ehemals führenden Linksparteilerin zum 31.03.2012:
„Was an Gewalt berechtigt und unberechtigt ist, liegt im Auge des Betrachters.“

Mir gingen verschiedene Überlegungen durch den Kopf wie: ‘Gute Zeiten für anonyme „Wacker-Werfer“. Gute Zeiten für all jene, die die demokratische Verfasstheit dieses Staates gänzlich abschaffen wollen.

Besonders belastend empfand ich, dass NIEMAND ansprechbar war und ich als Betroffener die Sache quasi alleine „ausbaden“ musste. Denn alles kam aus der Anonymität und blieb in der Anonymität.

Zu meinen Motiv für die Teilnahme an dieser Demonstration:

Seit 2005 hatten wir in Hattersheim das Hartz IV-Café (Ein Selbsthilfe-Verein für SGB II und SGB XII-Betroffene) gegründet und betreiben es bis heute.

Mein Anliegen war es immer, Verbindungen zwischen den einzelnen Hartz IV-Initiativen herzustellen um einen besseren Informationsaustausch zu fördern und „das Rad immer wieder neu zu erfinden“ zu vermeiden. So kamen Kontakte zwischen der Wiesbadener Initiative für soziale Gerechtigkeit e.V., den Hartz IV-Café Hattersheim, dem Zusammen e.V. und dem Erwerbslosenkreis Hanau zustande.

Dazu habe ich an Demonstrationen teilgenommen um die politische Dimension der von Sozialdemokraten betriebenen Zerschlagung des Sozialstaates mittels AGENDA 2010 in die Öffentlichkeit zu tragen.

Auch trotz dieses Vorfalles bin ich nach wie vor der Meinung, dass Demonstrationen gegen die politischen Maßnahmen der TROIKA richtig und erforderlich sind.

Die vom Bündnis M31 erhoffte „Verbindung mit den Massen“ allerdings ist m.E. durch solche vereinzelten Gewaltakte misslungen, denn anstatt durch diese - auch zahlenmäßig vorzeigbare - Demonstration eine positive Verbindung zur Öffentlichkeit zu schaffen, konnten die bürgerlichen Medien nun propagieren:
„Ein schwarzer Samstag“, „Hunderte Demonstranten griffen Polizei an - Viele Verletzte“, „Ich hatte Todesangst“. Angeblich soll ein Polizist halbtot geschlagen worden sein.

Der Ermittlungsausschuss Frankfurt am Main beklagt in einer öffentlichen Stellungnahme:
„dass die Polizei im Laufe des Abends eine gesamte Demonstration auf Grund mehrerer militanter Aktionen, bei denen am Nachmittag Farbbeutel auf die EZB geflogen und Fenster entglast worden waren, kriminalisiert hat und mit ihren Maßnahmen schwer in die Grundrechte einer Vielzahl von DemoteilnehmerInnen eingegriffen hat.“

Mein Grundrecht auf Demonstration ist jetzt allerdings auf Dauer wegen anonymen Steinwerfern faktisch aufgehoben.

Wenn mein offener Brief ein bißchen dazu beiträgt ein Umdenken und eine Suche nach geeigneteren Methoden des Protestes bei den anonymen 'Wacker'-Werfern einzuleiten - auch um zukünftig den Erfolg der Proteste nicht zu gefährden - wäre meine Verletzung wenigstens nicht umsonst gewesen...

Wolfgang Gerecht
64 Jahre

[1]

http://www.scharf-links.de/47.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=23942&tx_ttnews[backPid]=9&cHash=9cb6036ca1

http://www.scharf-links.de/47.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=23818&tx_ttnews[backPid]=9&cHash=9d154ec9df

http://www.european-resistance.org/de

 

 


VON: WOLFGANG GERECHT






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