Chomsky: "Was ist die heutige anarchistische Bewegung?"

23.04.12
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von Noam Chomsky via systempunkte.org

Noam Chomsky beantwortet diese Frage aus der 'reddit Community'

In einem Video vom März 2010 beantwortet Noam Chomsky einige Fragen aus der reddit Community.
Eine der Antworten hat
systempunkte.org in der deutschsprachigen Übersetzung transkribiert:

reddit community: Was sind einige deiner Kritikpunkte an der heutigen anarchistischen Bewegung? So effektiv wie möglich zu sein ist etwas, was viele Anarchisten übersehen, und du bist vielleicht die produktivste Stimme zu diesem Thema, sodass deine Gedanken dazu sehr einflussreich wären.

Noam Chomsky: Nun ja, ich stimme zwar dem Kommentar am Ende nicht zu, aber meine Kritik der heutigen anarchistischen Bewegung ist ein wenig wie die Kritik der Kognitionswissenschaft [s. vorherige Frage]. Was ist die heutige anarchistische Bewegung? Ich meine, es gibt eine Menge Leute, tatsächlich eine beeindruckende Zahl an Menschen, die sich auf die eine oder andere Weise dem verpflichtet fühlen, was sie Anarchismus nennen. Aber gibt es eine anarchistische Bewegung? Fällt einem da etwas ein wie z.B. damals... - vor zwanzig Jahren war ich zufällig am 1. Mai in Madrid. Und es gab riesige Demonstrationen, Maidemonstrationen, hunderttausende Menschen von der CNT, der alten anarchistischen Arbeiterorganisation. Nun kann man alles mögliche an der anarchistischen Bewegung in Spanien kritisieren, doch zumindest gab es da etwas, auf das man zeigen konnte, es war etwas da, was man kritisieren oder unterstützen konnte oder versuchen konnte es zu verändern.

Doch der heutige Anarchismus in den USA, so weit ich das überblicke, ist extrem verstreut, hochgradig sektiererisch (jede der einzelnen Gruppen bringt viel Zeit damit zu irgendeine andere Tendenz zu attackieren), er tut manchmal nützliche, wichtige Dinge, aber... Dies trifft nicht nur auf diejenigen zu, die sich Anarchisten nennen, sondern auf die gesamte aktivistische Linke. Man zähle einmal durch: Es gibt genügend Leute, ich meine, mehr als je in der Vergangenheit soweit ich mich erinnern kann, außer vielleicht für kurze Momente in den späten 60ern oder die CIO-Organisation in den 30ern. Aber die Leute interessieren sich für alles mögliche. Wenn du die Gänge dieser Universität entlanggehst, siehst du Studierende an ihren Schreibtischen, sehr aktiv, sehr engagiert, eine Menge tolle Belange, aber hochgradig fragmentiert. Es gibt sehr wenig Koordination. Dazu eine Menge Sektiererei und Intoleranz, gegenseitige Intoleranz, das Beharren auf genau meiner bestimmten Entscheidung darüber, was die Prioritäten sein sollten.

Also denke ich, dass der Hauptkritikpunkt an der anarchistischen Bewegung ist, dass sie jetzt schlicht die Kurve kriegen sollte, und Spaltungen und Kontroversen akzeptieren sollte.
Wisst ihr, wir sind nicht im Besitz all der Antworten - wir haben vielleicht Leitlinien für die Art von Gesellschaft, die wir haben wollen, keine spezifischen Antworten, niemand weiß so viel. Und es gibt sicherlich genügend Raum für gesunde und konstruktive Meinungsverschieden-heiten bezüglich Taktik und Prioritäten und Meinungen, allerdings sehe ich, wie zu wenig davon auf eine kameradschaftliche, zivilisierte Art und mit einem Sinn für Solidarität und gemeinsame Zielsetzung behandelt wird.

Zur Frage, wie man so effektiv wie möglich ist: Ja, genau das ist der springende Punkt. Was sollen wir angehen? Man muss die Probleme nicht auflisten, denen die Welt gegenübersteht. Manche davon sind extrem gravierend. So gibt es zum Beispiel solche, die wirklich das Überleben der Spezies in Frage stellen, mindestens zwei, vielleicht mehr. Eins davon ist die Existenz von Nuklearwaffen. Jemand, der uns vom Mars aus beobachtet, würde es für ein Wunder halten, dass wir die letzten 60 Jahre überlebt haben, und es ist auch jetzt extrem gefährlich. Ich sehe also nicht, wie das keine hohe Priorität haben kann. Das andere ist die sich abzeichnende ökologische Krise. Und das ist etwas, dem sich Anarchisten besonders widmen sollten, denn das beinhaltet... - einerseits beinhaltet es technologische Fragen, z.B. wie wir Solarenergie zum Einsatz bringen und so weiter.

Und in dieser Hinsicht steht die anti-wissenschaftliche Tendenz im Anarchismus, die tatsächlich existiert, sich selbst völlig im Weg. Ich meine, es wird hochentwickelte Technologie und wissenschaftliche Entdeckungen benötigen, um der menschlichen Gesellschaft das Überleben zu ermöglichen. Es sei denn wir entscheiden, sie sollte nicht überleben, wir sollten das Ganze auf 100 000 Jäger und Sammler reduzieren. Okay, abgesehen davon, wenn es uns ernsthaft um die Millarden von Menschen auf der Welt geht - und ihre Kinder und Enkel - werden wissenschaftliche und technologische Fortschritte erforderlich sein.

Auf der anderen Seite wird aber auch radikaler sozialer Wandel notwendig sein. Es gab seit dem 2. Weltkrieg - insbesondere in den USA, aber anderswo ebenfalls - massive sozialtechnische Projekte durch Staat und Konzerne - sehr selbstbewusst, sie verstecken nicht was sie tun - um ein Gesellschaftssystem zu konstruieren, das entscheidend von der verschwenderischen Ausbeutung fossiler Brennstoffe abhängt. Das ist es, was es bedeutet Suburbanisierung voranzutreiben, Autobahnen zu bauen und Schienennetze zu zerstören, und so weiter in der ganzen Reihe von Planungsmaßnahmen, die unternommen wurden. Das bedeutet, dass erhebliche gesellschaftliche Veränderungen anstehen, und Anarchisten sollten darüber nachdenken.

Aber wisst ihr, darüber nachzudenken bedeutet nicht bloß: "Ich wünsche mir eine freie und gerechte Gesellschaft". Wir müssen da unterscheiden, wenn wir effektiv sein möchten. Das ist die Frage: Wenn wir effektiv sein wollen, müssen wir unterscheiden zwischen, sagen wir, Vorschlägen und Verfechtung. Ich meine, du kannst vorschlagen, dass alle in Frieden leben sollten, sich lieben sollten, wir sollten keine Hierarchien haben, alle sollten zusammenarbeiten, und so weiter. Okay? Ein netter Vorschlag, gut für ein akademisches Seminar.

Verfechtung erfordert mehr als bloß Vorschlag. Es bedeutet, dass man sich Ziele setzt (Vorschlag), aber auch einen Weg von hier nach dort skizziert (das ist die Verfechtung). Und der Weg von hier nach dort benötigt fast immer kleine Schritte. Er erfordert die Anerkennung der sozialen und ökonomischen Realität wie sie existiert, und Ideen darüber, wie die Institutionen der Zukunft innerhalb der existierenden Gesellschaft gebaut werden können, um Bakunin zu zitieren - aber auch die Veränderung der existierenden Gesellschaft. Das heißt, es müssen Schritte unternommen werden, die der Realität Rechnung tragen, die ihre Existenz nicht leugnen ("Weil es mir nicht gefällt, beziehe ich es nicht mit ein"). Nur so lässt es sich effektiv sein.

Man sieht das, wenn man sich die ernsthaften, gehaltvollen anarchistischen Zeitschriften anschaut. Wie beispielsweise Freedom aus England, die vielleicht die älteste oder eine der ältesten anarchistischen Zeitschriten ist, die es schon seit Ewigkeiten gibt. Wenn man darin liest, befasst sie sich hauptsächlich mit milder reformistischer Taktik. Und das ist keine Kritik. Es sollte so sein. Sie sollte sich mit Arbeitsrecht, spezifischen Umweltproblemen, Armut und Leid, Imperialismus und so weiter befassen. Ja, genau damit sollte sie sich befassen, wenn das Ziel ist langfristigen, erheblichen gesellschaftlichen Wandel hin zu einer freieren und gerechteren Gesellschaft zu verfechten, und ich kann mir keinen anderen Art vorstellen effektiv zu sein.

Auf der Reinheit des Vorschlages zu bestehen schottet dich stattdessen bloß von effektivem Aktivismus ab, und sogar davon die eigenen Ziele zu erreichen oder ihnen überhaupt näher zu kommen. Und es führt zu der Art von Sektiererei und Engstirnigkeit und Mangel an Solidarität und gemeinsamer Zielsetzung, die immer eine Art Krankheit marginaler Kräfte gewesen ist, insbesondere der Linken. Doch hier ist es besonders gefährlich.

systempunkte.org/article/chomsky-was-ist-die-heutige-anarchistische-bewegung
http://deu.anarchopedia.org/Noam_Chomsky

https://de.wikipedia.org/wiki/Noam_Chomsky

"Studenten sollen Anarchisten werden"
http://www.zeit.de/campus/2011/04/sprechstunde-chomsky

ZEIT Campus: Sie sagen häufig, Sie seien Anarchist. Was meinen Sie damit?

Chomsky: Anarchisten versuchen, Machtstrukturen zu erkennen. Sie verlangen, dass sich diejenigen, die Macht ausüben, rechtfertigen. Meistens gelingt diese Rechtfertigung nicht. Dann arbeiten Anarchisten daran, die Strukturen zu enttarnen und sie zu überwinden - ganz egal, ob es sich um patriarchalische Familien, um ein mafiöses internationales System oder um die privaten Tyranneien der Wirtschaft, also die der Unternehmen, handelt.

ZEIT Campus: Was war das Schlüsselerlebnis, das Sie zum Anarchisten machte?

Chomsky: Es gab keins. Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich angefangen, in New Yorker Antiquariate zu gehen. Viele von ihnen wurden von Anarchisten betrieben, die aus Spanien stammten. Deshalb erschien es mir damals ganz natürlich, Anarchist zu sein.

ZEIT Campus: Sollen alle Studenten Anarchisten werden?

Chomsky: Ja. Studenten sollen Autoritäten herausfordern und sich damit in eine lange anarchistische Tradition einreihen.

ZEIT Campus: »Autoritäten herausfordern« - auch ein Liberaler oder ein moderater Linker würde diese Aufforderung unterschreiben können.

Chomsky: Sobald jemand illegitime Macht erkennt, herausfordert und überwindet, ist er Anarchist. Die meisten Menschen sind Anarchisten. Mir ist egal, wie sie sich nennen.

 


VON: NOAM CHOMSKY VIA SYSTEMPUNKTE.ORG






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