Das Vermächtnis der „Geistigen Republik Zitzer“

23.04.12
BewegungenBewegungen, Internationales, Bremen, TopNews 

 

von Wieland von Hodenberg

Vor 20 Jahren verweigerte ein jugoslawisches Dorf geschlossen den Kriegsdienst und proklamierte einen fiktiven Friedensstaat

Von Beginn an stellten die kriegerischen Auseinandersetzungen 1991 im damaligen Jugoslawien für die Friedensbewegung eine besondere Herausforderung dar. Die zentrale Reizfigur, an der sich die Geister heftig schieden, war Belgrads Staats- und Regierungschef Slobodan Milosevic, der zuvor die Nachfolge Titos angetreten hatte, dessen großes Verdienst es war, den Vielvölkerstaat Jugoslawien nach dem Zweiten Weltkrieg wieder geeint zu haben. Milosevic wurde von den westlichen Regierungen, den meisten Medien und großen Teilen der Friedensbewegung die Hauptschuld an dem langen, blutigen Vertreibungskrieg angelastet, der im April 1999 im Bombenkrieg der NATO, dem sogenannten Kosovokrieg gipfelte.

Feindbilddenken spaltete Friedensbewegung

Was als Bürgerkrieg gegen die örtlichen Parteiapparate der Belgrader Zentralregierung begonnen hatte und zum Flächenbrand geworden war, löste in der europäischen Friedensbewegung viel Irritation und heftige Diskussionen aus, was vom antikommunistischen Feindbilddenken wesentlich mitgeprägt wurde und ein wirksames Friedensengagement jahrelang erschwerte.

Hinzu kam, dass die Partei Bündnis 90/Die Grünen dem Antimilitarismus ,Lebewohl’ gesagt hatte und ebenfalls Militäreinsätze der Bundeswehr forderte. Als Koalitionspartner der SPD-geführten Bundesregierung trug sie sogar den NATO-Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung mit, und wurde damit selbst zur Kriegspartei. Im Mai 1999 gründeten über 200 Menschen – darunter Aktive des Friedensforums – das Bündnis „Bremerinnen und Bremer gegen den Krieg“. Es initiierte Demonstrationen, Unterschriftensammlungen, Mahnwachen und Veranstaltungen.

Widerstand und Unterstützung gegen den Krieg


Während der langen militärischen Auseinandersetzungen seit 1991 bildeten sich in ganz Jugoslawien Antikriegs- und Versöhnungsgruppen, die von deutschen Organisationen wie „Ohne Rüstung leben“ und „Pax Christi“ wesentlich unterstützt wurden. Der frühere Bremer Bürgermeister Hans Koschnick spielte in Mostar als Vermittler zwischen den verfeindeten Volksgruppen eine wichtige Rolle. Er war von der EU in die fast völlig zerstörte Kulturmetropole in der südlichen Herzegowina entsandt worden, wo er mehrere Jahre versöhnend zwischen den verfeindeten Volksgruppen wirkte und den Wiederaufbau von Schulen, Kindergärten und anderen sozialen Einrichtungen organisierte. Damals entging er nur knapp zwei Anschlägen auf sein Leben.

Ein widerständiges Dorf, eine „verrückte Idee“, und heraus kam ein Konsulat


Weniger schlimm erging es FriedensfreundInnen in der serbischen Vojwodina, die eine Gruppe von 200 Kriegsgegnern direkt vor Ort unterstützten. Im Mai 1992 weigerten sich die männlichen Einwohner der 2000-Seelen-Gemeinde Tresnjevac/Oromhegyes nahe der ungarischen Grenze, am Krieg teilzunehmen und gründeten in der einzigen Dorfkneipe (Pizzeria) die „Geistige Republik Zitzer“. Sie verstand sich als „grenzübergreifendes Staatswesen ohne territoriale Ansprüche“ mit eigener Verfassung, und damit als geistiges Band zwischen allen Menschen weltweit, die Militärdienste jeglicher Art ablehnen. Während Panzer das Dorf vorübergehend umstellt hatten, solidarisierte sich das Bremer Friedensforum mit den Bedrängten – und gründete 1994 in Anwesenheit von hohen „Regierungsmitgliedern“ aus dem Friedensdorf in der Bremer Villa Ichon das erste „Konsulat“ der Bundesrepublik.

Zum „Konsul“ wurde in einem feierlichen Rahmen der Verfasser dieses Beitrags ernannt, der dem Friedensforum seit seiner Gründung angehört. Die „Regierung“ in Tresnjevac und ihre Auslandsvertretungen, deren Anzahl in den Folgejahren ständig wuchs, vermittelten weltweit über 8000 „Staatsbürgerschaften“. Das Bremer Konsulat steuerte etwa 500 bei. Im Februar 1995 wurde der „Geistigen Republik Zitzer“ der Friedenspreis des Helmut-Michael-Vogel-Bildungswerks in Nürnberg verliehen.

Der „Konsul“ organisierte Veranstaltungsrundreisen von jugoslawischen FriedensaktivistInnen durch die Bundesrepublik mit. Auf dem Höhepunkt der Repressionen gegen führende Mitglieder der „Geistigen Republik“ fand im Kulturzentrum Schlachthof in Zusammenarbeit mit den Studierenden der Kunsthochschule ein Benefizkonzert statt.

Das „Konsulat“ und Mitstreiter aus dem Friedensforum unterstützten gleichzeitig Deserteure und setzten sich in zahlreichen Appellen an den Senat für deren Aufnahme und Betreuung in Bremen ein. Als Vorbild dienten andere deutsche Städte wie Osnabrück und Münster. Ein Schwerpunkt war stets auch der Einsatz für die Menschenrechte und gegen die Abschiebung von Asylsuchenden.

Die „Regierung“ in Tresnjevac gibt es inzwischen nicht mehr, aber das Vermächtnis lebt weiter, und der politische Kampf für Abrüstung und Frieden, Bleiberecht für Flüchtlinge, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte wird in ihrem Sinne fortgesetzt. Das „Konsulatsschild“ mit dem „Staatswappen“, drei Billardkugeln und eine angedeutete kreisrunde Pizza in Anlehnung an den Geburtsort Zitzers, ziert weiterhin den Eingang der Villa Ichon am Goetheplatz 4.





VON: WIELAND VON HODENBERG






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