Referat auf der Abschlusskundgebung zum Ostermarsch 2012 in Potsdam

08.04.12
BewegungenBewegungen, Brandenburg, News 

 

von Hans Fricke
 
und meine darauf Bezug nehmende E-Mail an Bundespräsident Joachim Gauck


Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

mit Interesse habe ich (81; parteilos) Ihre Äußerungen vor Ihrer Wahl zum Bundespräsidenten und danach zur Kenntnis genommen, und ich mache keinen Hehl daraus, dass viele Ihrer Auffassungen zu Grundfragen der Politik und des Zusamnenlebens im eklatanten Widerspruch zu den Zielen stehen, für die ich mich mein Leben lang eingesetzt habe und weiter einsetzen werde.

Ob in Sachen Hartz IV, Afghanistankrieg oder Finanzkrise, ob im Streit über Atomkraft oder Stuttgart 21, stets ließen Sie keinen Zweifel daran, dass Sie die Standpunkte derjenigen teilen, die ihre "Wahrheiten" gegen Andersdenkende durchsetzen suchen.
 
Der frühere DDR-Bürgerrechtler Pfarrer Friedrich Schorlemmer, warf Ihnen deshalb vor, nur ein Thema zu kennen, und forderte Sie auf, Ihre Themenpalette zu erweitern.
"Es ist wunderbar, dass er das Loblied der Freiheit singt",
sagte Schorlemmer der Berliner  Zeitung. "Aber er müsste auch das Loblied auf die Gerechtigkeit singen, damit sich alle die Freiheit leisten können. Manche seiner Äußerungen über die Schwachen in unserer Gesellschaft empören mich geradezu. Über Hartz-IV-Empfänger redet er so, als müssten sie einfach nur aktiv werden, um wieder Arbeit zu finden. Soziale und bürgerliche Menschenrechte gehören untrennbar zusammen...Wer von der Freiheit spricht, der muss auch von Brot sprechen, vom Wasser, vom Wetter, vom Frieden", mahnte Ihr vormaliger Amtsbruder aus christlicher Verantwortung.
 
Weil die überwiegende Mehrzahl der Menschen in den neuen Bundesländern diese Auffassungen Schorlemmers dick unterstreichen, denn diese Menschen sind ja bekanntlich in besonderer Weise Opfer sozialer Ungerechtigkeit und Ausgrenzung, war bei ihnen die Zustimmung zu Ihrer Wahl als Bundespräsident weit geringer als in den alten Bundesländern.
Selbst in Ihrer Heimatstadt Rostock antworteten im Februar 2012 von 2617 Lesern der Ostsee-Zeitung auf die Frage: "Soll Joachim Gauck Ehrenbürger von Rostock werden?" 60(!) Prozent mit "Nein".
 
Eine Ihrer Erklärungen begrüße ich allerdings mit Nachdruck, nämlich Ihre wiederholt geäußerte Absicht "zu lernen", weil ich daran die Hoffnung knüpfe, dass Ihnen dieser Lernprozess helfen möge, der Präsident  a l l e r Bundesbürger, auch der andersdenkenden, zu sein.
 
Am besten lässt sich nach meinem Dafürhalten Ihre Lern-Absicht dadurch verwirklichen, dass Sie, wie man so sagt, "dem Volk aufs Maul schauen", und weniger den Politikern und Medien glauben, die offensichtliche Mißstände und Ungerechtigkeiten negieren und korrekturbedürftige Verhältnisse schönreden.
 
Welche Sorgen und Probleme unser Volk derzeit vor allem bedrücken, wurde und wird bei den vielen Ostermärschen landauf-landab wie in einem Brennglas deutlich.
Ich weiß nicht, ob Sie Gelegenheit genommen haben, an einer der im wahrsten Sinne des Wortes lehrreichen Abschlusskundgebungen teilzunehmen, bezweifle es aber.
 
Für diesen Fall erlauben Sie mir bitte, Ihnen als Anhang die inhaltsreiche Rede von Dr. Reinhard Thiel auf der Abschlusskundgebung des Ostermarsches Potsdam zu übersenden.
 
Wegen der nach meiner Auffassung großen Bedeutung der Willensbekundungen der vielen Teilnehmer der Ostermärsche in Ost und West im allgemeinen und des Referates von Rainer Thiel auf der Abschlusskundgebung in Potsdam im besonderen für die gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen in unserem Land gestatte ich mir, diese E-Mail an Sie Interessenten zur Kenntnisnahme und weiteren Verwendung zur Verfügung zu stellen.
 
Hochachtungsvoll
Hans Fricke, Rostock


VON: HANS FRICKE






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