Frostige Zeiten

27.02.21
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Ein Kommentar von Georg Korfmacher, München

Der Mann, den Boris Johnson verniedlichend "Frosty" nennt, kann so manchem einen schaurigen Frost über den Rücken jagen. Seit Michel Barnier sich ab 2020 in den Brexit-Verhandlungen mit diesem Mann auseinandersetzen musste, dominierte auf britischer Seite mehr denn je Arroganz statt Argumente. Und nun wird diesem mittlerweile zum Lord mutierten Bürokraten ab 1. März 2021 die Verantwortung für die Zukunft der Beziehungen zur EU anvertraut. Aber wer ist dieser David Frost, den noch vor zwei Jahren kaum jemand kannte?

Wie kann es anders sein, hat der ehrgeizige aber orientierungslose Frost erst einmal die Oxford University irgendwie und unauffällig hinter sich gebracht., um dann als "middle manager" im Auswärtigen Amt anzuheuern. Von dort wechselte er in einen nicht besonders attraktiven Job als britischer Botschafter in Dänemark. Aber Frost wollte in die Politik, selbstverständlich ohne die schäbigen Wahlprozeduren und Auseinandersetzungen mit den lästigen Wählern. Also, zuück ins Auswärtige Amt als Direktor für europäische Angelegenheiten in der Wirtschaftsabteilung. Aber 2013 warf er auch dort hin und suchte sein Heil als CEO der Scotch Whisky Association.

Seine wahre Stunde schlug dann 2016 mit dem Brexit-Referendum. Flugs biederte er sich beim rechten Flügel der Konservativen an und verkündete im Telegraph stolz, dass man sich über den Brexit nicht so aufregen und besser die Erfolge dieses „great country“ realisieren solle, was immer man mache „whatever we do“. Wie Johnson sah er im Brexit eine Chance für sich selbst. Und prompt holte Boris Johnson, damals Aussenminister, den fleißigen Diener als Sonderberater in sein Amt, um seinen Kumpel Frosty dann 2020 und in einem frechen Bruch des Verfassungsprinzips, wonach ein Regierungsberater niemals einen Sitz in der Gesetzgebung haben darf, zum Baron Frost von Allenton zu machen.

Ab 1. März will nun Frosty, hoppla Lord Frost, zeigen, wo in Europa der Hammer hängt. Da ist sein Blog im offiziellen No 10 media blog aufschlussreich, in dem er seine Vision von England in der Welt offenlegt. Nach den bisherigen nicht eingehaltenen Versprechen und hohlen Lobpreisungen in Sachen Brexit sind aber Zweifel an der Kompetenz von Lord Frost angezeigt, zumal er selbst seine Mission zunächst als erfüllt sieht. Das britische Volk, Handel und Industrie aber leiden heute ohne Ende und hatten sich den Brexit ganz anders vorgestellt.

Und in diesem selbstverschuldeten Gewürge kommt nun eben der an die Macht, der es geschaffen hat. Nun kann man aber Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind (A. Einstein). Also frostige Zeiten oder ein kafkaeskes Szenario, in dem der Brexit sich in Luft auflöst und den Bodensatz für eine neue Bürokratie à la Lord Frost hinterlässt (Franz Kafka). Insofern steht die EU vor einer endlosen Reihe mühevoller Dispute, um die Beziehungen mit dem Inselreich wenigstens einigermaßen in Gang zu halten. Frostige Zeiten, nicht nur für Groß-Britannien.







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