Vertrauen – Impfzugang – Radikalisierung – Unzufriedenheit: Auswirkungen der Coronakrise auf die Gesellschaft

31.07.21
DebatteDebatte, Soziales, TopNews 

 

Von Universität Konstanz

Konstanzer Forschende untersuchen in repräsentativen Befragungen Wahrnehmungen und Einstellungen zu strukturellen Ungleichheiten in der Coronakrise.

Vertraut die Gesellschaft ihrem Staat noch? Im zweiten Coronajahr gehen sieben Forschende vom Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ dieser zentralen Frage in vier Aspekten nach. Dafür befragten sie in mehreren repräsentativen Befragungswellen mehr als 3.000 Teilnehmende und erforschten deren Wahrnehmungen und Einstellungen zu strukturellen Ungleichheiten in der Coronakrise.

Das Ergebnis der jüngsten Befragung im Mai 2021 sind vier Kurzstudien: Die Autor*innen betrachten das öffentliche Vertrauen in die Krisenresilienz des Gesundheitssystems. Sie untersuchen, ob sich am Zugang zu Impfungen Fairnessdebatten entzünden. Sie richten den Blick auf Mehrbelastungen durch Kinderbetreuung im Lockdown. Schließlich erörtern sie, inwiefern die Corona Eindämmungsmaßnahmen in der Bevölkerung negative Reaktionen bis hin zur Radikalisierung hervorbringen. Die Ergebnisse der Kurzstudien sind in einem Policy Paper auf der Webseite des Progressiven Zentrums veröffentlicht: http://www.progressives-zentrum.org/die-pandemie-trifft-nicht-alle-gleich.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Vertrauen in politische Institutionen: Gesundheitssystem auf dem Prüfstand
Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass das Vertrauen in politische und öffentliche Institutionen und in die Krisenreaktionsfähigkeit des Gesundheitssystems zwischen November 2020 und Mai 2021 teilweise gesunken ist. Die Autor*innen empfehlen, nach Bewältigung der akuten Krise langfristig angelegte Strategien zu entwickeln, die die Krisenreaktionsfähigkeit des Systems nachhaltig und für die Bevölkerung nachvollziehbar verbessern, besonders in den Bereichen Gesundheit und Bildung.

Priorisierungsgruppe oder „Vitamin B“ – Gibt es Ungleichheit beim Impfzugang?
Die Impfpriorisierung wurde in der Bevölkerung verstanden und weitgehend akzeptiert. Ungleichheiten beim Zugang zu Impfungen sind zwar vorhanden, aber moderat: Ärzte im persönlichen Umfeld etwa erhöhen die Wahrscheinlichkeit, geimpft zu sein, nur um rund fünf Prozent. Für den Erhalt einer Impfung ist Eigenmotivation von besonders hoher Bedeutung. Um auch solche prinzipiell impfbereiten Personen zu erreichen, die selbst keine Schritte unternehmen, um geimpft zu werden, empfehlen die Forschenden, allen Bürger*innen ein schriftliches Impfangebot mit Einladung zu einem bereits reservierten Impftermin zu machen, und dafür einen halben Tag Impfurlaub zu ermöglichen.

Radikalisierung der Zweifelnden? Einstellungen zu den Eindämmungsmaßnahmen
Die große Mehrheit der Bevölkerung unterstützte auch im Mai 2021 weiterhin die Corona-Eindämmungsmaßnahmen. Doch die Gruppe derer, die die Pandemie für wenig gefährlich halten, Verschwörungstheorien anhängen und die staatlichen Eindämmungsmaßnahmen ablehnen, ist auf rund 19 Prozent der Bevölkerung angewachsen, ein Anstieg um mehr als zwei Drittel seit der letzten Befragung im November 2020.

Eine weitere „Radikalisierung der Zweifelnden“ sollte nach Ansicht der Wissenschaftler*innen künftig durch eine möglichst konsistente und transparente Krisenkommunikation so weitgehend wie möglich vermieden werden. Dazu gehört auch das ehrliche Eingestehen von Fehlern und insbesondere das Lernen aus diesen in Form sichtbar gezogener Konsequenzen.

Unterschiede in der Lebenszufriedenheit – besondere Belastung von Frauen und Müttern
Die Lebenszufriedenheit ist bei Frauen im Verlauf der Pandemie stärker zurückgegangen als bei Männern. Im Mai 2021 klagten rund 57 Prozent der Frauen über größeren Stress und gestiegene Unzufriedenheit seit Beginn der Pandemie, gegenüber 49 Prozent bei den Männern. Der Anteil der unzufriedener gewordenen Mütter lag mit rund 70 Prozent weit oberhalb des Anteils unzufriedener gewordener Kinderloser.

Nach Ansicht der Autor*innen sollte Krisenpolitik in ihren Maßnahmen wie in ihrer Kommunikation stärker dem Umstand Rechnung tragen, dass Zusatzbelastungen in Krisensituationen Familien in besonders hohem Maße treffen.

Faktenübersicht:

  • Aktuelle Publikation: Ariane Bertogg, Marius R. Busemeyer, Claudia Diehl, Nevena Kuli?, Susanne Strauß, Thomas Wöhler, Felix Wolter (2021): Vertrauen. Impfzugang. Radikalisierung. Unzufriedenheit. Wo die Coronakrise die Gesellschaft ungleicher macht. Policy Papers 07: COVID-19 und soziale Ungleichheit – Thesen und Befunde 06. 29. Juli 2021. Herausgeber: Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ der Universität Konstanz und Das Progressive Zentrum, Berlin.
    Download: http://www.progressives-zentrum.org/die-pandemie-trifft-nicht-alle-gleich.
  • Projektwebseite: https://ungleichheit.uni.kn/forschung/covid-19-und-soziale-ungleichheit-umfrage-programm/.
  • „Das Progressive Zentrum“ ist ein unabhängiger und gemeinnütziger Think-Tank mit dem Ziel, die Vernetzung progressiver Akteurinnen und Akteure zu fördern und Politik für ökonomischen und gesellschaftlichen Fortschritt mehrheitsfähig zu machen. Sitz in Berlin, Aktivitäten in vielen Ländern Europas (u. a. Frankreich, Polen, Großbritannien) sowie in den USA.
  • Ariane Bertogg ist Postdoctoral Fellow am Zukunftskolleg der Universität Konstanz. Sie ist Soziologin und forscht schwerpunktmäßig zu Familie und Arbeitsmarkt, Lebensläufen und dem Wohlfahrtsstaat.
  • Marius R. Busemeyer ist Professor für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Vergleichende Politische Ökonomie an der Universität Konstanz und Sprecher des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Wohlfahrtsstaatenforschung, Bildungs- und Sozialpolitik, Theorien des institutionellen Wandels sowie der Digitalisierung.
  • Claudia Diehl ist Professorin für Mikrosoziologie an der Universität Konstanz und Co-Sprecherin des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“. Ihre Forschungs-schwerpunkte liegen im Bereich der Eingliederungsprozesse von Zuwanderern, der internationalen Migration, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung.
  • Nevena Kuli? ist Adjunct Professor an der School of Economics and Management der Universität Florenz sowie Senior Fellow Alumna am Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“. Sie ist Soziologin und Ungleichheitsforscherin, insbesondere in den Bereichen Familie, Bildung und Gender. Im Sommersemester 2021 vertritt sie die Professur von Susanne Strauß an der Universität Konstanz.
  • Susanne Strauß ist Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Gender Studies und Principal Investigator am Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“. Sie forscht zu Geschlechterungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungssystem sowie in unbezahlten Tätigkeiten, etwa Ehrenamt, Kinderbetreuung und Haushalt.
  • Thomas Wöhler ist Soziologe und Forschungs- und Datenmanager am Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“. Er koordiniert die Befragungsprojekte des Clusters und arbeitet inhaltlich zu verschiedenen Ungleichheitsfragen.
  • Felix Wolter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe für Mikrosoziologie von Claudia Diehl und Mitglied des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“. Seine Forschungsinteressen gelten quantitativen Methoden empirischer Sozialforschung, der sozialen Ungleichheit sowie der Sozialstruktur und Arbeitsmarktsoziologie.






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