Avi Loeb: Ausserirdisch. Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten

12.07.21
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Rezension von Hannes Sies

Ein Astronom und Militärtechnologe plaudert über SDI-Weltraumkrieger, Einstein und seinen Freund Stephen Hawking. Loeb bringt uns das faszinierende Himmelsobjekt Oumuamua näher, das 2017 Schlagzeilen machte, und erweist sich dabei auch als begnadeter Selbstdarsteller.

Avi Loeb ist einer der renommiertesten Astronomen unserer Zeit. Und er ist sich sicher: Wir sind nicht allein im All. Denn Form und Eigenschaften des unbekannten Flugobjekts, das im Oktober 2017 durch unser inneres Sonnensystem schoss, ließen nur eine Erklärung zu: Oumuamua, wie man es nannte, war Alien-Technologie, von einer außerirdischen Zivilisation entwickelt und auf Erkundungsflug.

So preist der DVA-Verlag das Buch „Ausserirdisch“ etwas zu reißerisch an, denn im Text plädiert Autor und Astronomie-Professor Loeb eher für die Erklärung: Oumuamua war Weltraumschrott, genauer: ein Solarsegel. Das würde gut zur flackernden Helligkeit und der asymmetrischen Form passen. Da Avi Loeb auch ein Experte für Solarsegel-Technologie ist, wurde ihm daraufhin Voreingenommenheit vorgeworfen -wer einen Hammer besitzt, sähe überall Nägel.

Am 19. Oktober 2017 erlebte die Welt eine astronomische Sensation: Das Objekt 1I/?Oumuamua wurde durch das Pan-STARRS-Teleskop auf Hawaii entdeckt. 1I bedeutet dabei, dass es das erste interstellare Objekt war (inzwischen fand man ein zweites, aber langweiliges), das jemals in unserem Sonnensystem gesichtet wurde. Zudem verhielt sich Oumuamua anders als alle anderen bisher beobachteten Himmelsobjekte, es nahm Fahrt auf, ohne nachweisbar Masse zu verlieren -was Kometen sonst unter Sonnenstrahlung tun und dabei beschleunigen, aber unregelmäßiger als Oumuamua. Der bewegte sich auf einer Bahn, die fast senkrecht zu der Ebene stand, auf der die Umlaufbahnen der Erde, der Planeten und Asteroiden liegen, nahm Fahrt auf, nachdem es die Sonne passiert hatte und verschwand in Richtung des Sternbilds Pegasus. Am 14. Oktober 2017 flog Oumuamua in einem geringsten Abstand von etwa 24 Millionen Kilometern an der Erde vorbei, was etwa nur 60-mal so weit entfernt ist wie der Mond -eine erstaunlich enge Begegnung mit unserem Heimatplaneten.

Hier erzählt Loeb von der ersten Sichtung dieses »interstellaren« (aus einem anderen Sternensystem kommenden) Besuchers, belegt die hohe Wahrscheinlichkeit außerirdischen Lebens und stellt die Frage, welche Konsequenzen das für uns hat: für Wissenschaft und Religion, für die Zukunft der Menschheit und des Planeten Erde. Sein Buch ist eine Reise an die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens.“

So DVA weiter und tatsächlich erörtert Loeb diese Themen, wenn auch etwas unsystematisch und weitschweifig. Die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens als SF-Leser erreicht Loeb zwar noch lange nicht, zeigt sich aber fantasievoller als die herrschende Meinung seiner Fachkollegen. Die wollen in Oumuamua nur einen sonderbar geformten Kometen sehen, was Loeb ihnen leidlich überzeugend widerlegt, hier am Beispiel einer Astrophysikerin, deren Namen er nicht nennt:

Sie rechnete aus, dass die mittlere Dichte eines porösen Oumuamua außergewöhnlich niedrig sein musste, hundertmal dünner als Luft, damit das Sonnenlicht den benötigten Schub produzieren konnte. Stellen sie sich nur einmal eine längliche Zigarre oder einen Pfannkuchen von der Größe eines Fußballfelds vor, die so stabil sind, dass sie sich alle acht Stunden um sich selbst drehen können, aber so luftig locker für ihre Größe, dass sie hundertmal leichter als eine Wolke sind.“ Loeb S.66

Astronomie als Militärwissenschaft

Avi Loeb beschreibt in seinem Buch nebenher auch seine steile Karriere in Militär, Wissenschaft und Militärwissenschaft in Israel und den USA. Die begann im „Nerd-Bataillon“ Talpiot der israelischen Armee, wo er ein physikalisches Modell entwickelte, dass zu einer patentierten Methode führte, Projektile besser zu beschleunigen. Sein Projekt erhielt in den 80er Jahren sogar Finanzierung aus Ronald Reagans Strategic Defense Initiative (SDI), damals besser bekannt als Starwars-Programm. Loeb rühmt SDI dafür, dass es den Zusammenbruch der Sowjetunion beschleunigt habe und seine Doktorarbeit über Plasmaphysik befeuerte. Sein akademischer Weg über Princeton auf einen renommierten Lehrstuhl in Havard lag nahe.

2015 warb ihn der Silicon Valley-Milliardär Juri Milner für seine Starshot Initiative an, die noch zu unseren Lebzeiten eine Erkundungssonde in das nächste Sonnensystem mit einem bewohnbaren Exoplaneten schießen will. Loeb berichtet, wie Milner mit Sergej Brin (Google), Mark Zuckerberg (Facebook) und anderen den Breakthrough Prize auslobte, den Starshot wohl verdienen würde. Ein weltraumgestützter Hochleistungslaser soll ein Sonnensegel-Mikroraumschiff auf 20 Prozent Lichtgeschwindigkeit beschleunigen, was Proxima Centauri b in Reichweite binnen Jahrzehnten brächte. Avi Loebs Spekulation zu Ufos und Oumuamua ist eigentlich nur die ausgemalte Version eines Alien-Starshot-Projektes. Man fragt sich nur, warum Loeb nicht auf die Idee kam, als lohnendes erstes Ziel für Starshot Oumuamua anzusetzen. Ein Schwarm seiner Minisonden hätte vermutlich Chancen, binnen Jahren per Fotobeweis die Frage nach Alien-Technologie zu klären.

Woher kam Oumuamua?

Unklar bleibt auch die Herkunft Oumuamuas, weil Loebs Erklärung eines „lokalen Ruhesystems“ LSR (local standard of rest) unverständlich bleibt. Das interstellare Objekt soll sich jedenfalls in diesem astronomisch seltenen Bewegungszustand befunden haben, ehe es ins Sonnensystem eindrang. Loeb spekuliert weiter, wie dies Sinn ergäbe, wenn Oumuamua eine interstellare Sonde wäre: „Wenn man ein Objekt in das LSR bringt, dann wird dadurch verschleiert, wer es in diesen Zustand gebracht hat.“ (S.110) Soll heißen, woher genau es kommt. Dies ist auch deshalb unverständlich weil Loeb noch auf S.19 geschrieben hatte, das Objekt hätte sich von Sternsystem Vega aus zu uns bewegt, welches 25 Lichtjahre entfernt ist. Mit Spekulationen über Aliens hält sich Loeb sehr zurück.

Spinnen wir Loebs Spekulationen weiter, ergäbe sich eine Erklärung für die etwa einmal je Dekade auftretenden Wellen von Ufo-Sichtungen: Es könnte das Ausschwärmen einer jeweils neuen Generation von Sonden nach Eintreffen eines weiteren Mutterschiffs sein, das per Atmosphärenbremsung unseren Planeten erreichte. Von diesen Wellen berichtete der SPIEGEL in seiner Ufo-Titelstory vom 26.6.2021, anlässlich der Pentagon-Publikation geheimer Ufo- bzw. neuerdings UAP- (Unidentified Arial Phenomena) Akten, die es bis in die ARD-Tagesschau schaffte. Das Bertelsmann-Flaggschiff hatte Avi Loeb als Experten herbei zitiert:

Jetzt setzt Loeb noch eins drauf. UAP-Gefährte könnten mit dieser Sonde in Verbindung stehen und ihr im Vorüberziehen gesammelte Informationen über die Erde aufgespielt haben. Das ist natürlich reine Spekulation, wie Loeb zugibt. Daher möchte er gern mehr Klarheit schaffen und empfiehlt sich selbst als Leiter eines globalen Forschungsvorstoßes zu UAP.“ SPIEGEL 26/2021, S.87

Loebs Chancen auf den designierten Posten eines globalen Chef-Ufo-Forschers stehen vermutlich nicht schlecht, denn er ist ein Meister der Werbung in eigener Sache. In seinem Buch stellt er sich, in aller Bescheidenheit nur angedeutet, aber wiederholt, in eine Reihe mit Albert Einstein und Steven Hawking, den bisherigen Jahrhundert-Physikern. Er beschreibt, wie sein Freund Stephen sich in gemeinsamen Projekt engagierte und, wie er, Loeb, auch für die Mediensensation des ersten Fotos eines Schwarzen Loches 2019 einen bahnbrechenden Beitrag leistete. Dies ist allemal interessanter als Loebs theologische Ausführungen, die man in echter SF schon packender las.

Sowohl das Black Hole-Foto (damals auch ein Titel des SPIEGEL, der nicht zu maßvollen Darstellungen neigt) wie Oumuamua, mangels Foto mit künstlerischen Darstellungen, brachten es in die Weltmedien. Loeb betont mehrfach, niemals auf Öffentlichkeit oder Ruhm erpicht gewesen zu sein. Sein Buch ist jedoch neben einem inspirierenden Wissenschaftskrimi auch ein äußerst gelungenes Beispiel für mediengerechte Selbstdarstellung, von der eingestreuten Homestory über seine Frau und zwei Töchter, eine erstaunliche Serie von wissenschaftlichen Erfolgen bis hin zu aufsehenerregenden Thesen und Spekulationen. Dabei mahnt er immer wieder eine Haltung der Demut an, der sich ein Wissenschaftler befleißigen sollte,wobei manche ihn anders gesehen haben: „Es war nie meine Absicht, zu dem zu werden, als was mich die Wissenschaftsjournalistin Michelle Starr bezeichnete: 'das Enfant terrible der Astrophysik von Havard'.“ Loeb, Ausserirdisch S.94

Avi Loeb, Ausserirdisch: Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten, Deutsche Verlagsanstalt, München: 2021, 265 S., 22,00 Euro







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