Der Streit im Kinderzimmer der Bundestagswahl

05.06.21
DebatteDebatte, Linksparteidebatte, Ökologiedebatte, Umwelt, TopNews 

 

Von Knarx

Oder: Die unerträgliche Leichtigkeit der LINKEN Selbstgewissheit, wenn sie mit der unerträglichen Leichtigkeit der GRÜNEN Selbstgewissheit in Kontakt kommt

Es ist schwierig, fürchte ich. In linken und grünen Debatten sind nämlich viele nicht bereit den Sinn ihres aktuellen politischen Handelns schlüssig zu erklären. Gleichwohl sind sie offenbar fest im Glauben.

Da fällt ein respektabler Teil der Parteiprominenz der LINKEN über die Benzinpreiserhöhung her, die sich, nach Vorstellungen der GRÜNEN Partei, segensreich auf die Einsparung von Treibhausgasen auswirken würde. Bestandteil des GRÜNEN Vorschlags ist eine anteilige Umverteilung der Erlöse aus der CO2 Steuer an Menschen mit geringerem Einkommen. Die GRÜNEN beschweren sich, dass die LINKEN ihren Umverteilungsvorschlag verheimlichen. Daraufhin rechnen die LINKEN vor, dass die Belastungen trotzdem ungerecht verteilt seien. Was für ein gewaltiger Fortschritt für die Bekämpfung der Klimakatastrophe!

Die GRÜNEN wollen den Klimawandel mildern (auch bei Anvisieren des <20 C Zieles kann von vermeiden nicht die Rede sein). Die LINKE will den Klimawandel unter besonderer Berücksichtigung der sozialen Gerechtigkeit mildern. Manche in der LINKEN wollen auch „soziale Gerechtigkeit in den Grenzen der Nation - first“ – und dabei ein bisschen auf den Klimawandel achten. Das ist eine beachtliche Konversion der weltbekannten Formel von Donald Trump, erweitert um die Sachgebiete Sozial- und Klimapolitik.

Die LINKE gleicht einem Kind, welches im brennenden Haus sitzt und dessen ganzes Streben sich auf das begehrte Spielzeug konzentriert, das ihm der große Bruder immer vorenthalten hat. Der böse Bruder machte sich derweil, angeregt durch den Rauch, auf die Suche nach einem feuersicheren Raum.

Die GRÜNEN geben derweil den Quacksalber, der seinem Lungenkrebskranken Patienten eine andere Zigarettenmarke empfiehlt. Die Verpackung sei auch viel hübscher, nämlich grün. Der Sensemann steht derweil hinter dem Krankenbett, kann sich vor Lachen kaum auf den Beinen halten und lässt beinahe die Sense fallen.

Was soll das bedeuten?

Den meisten Menschen ist nicht bekannt/klar, dass sie, so sie noch ca. 50 Jahre leben, die Folgen des Klimawandels am eigenen Leib spüren werden, von ihren Kindern ganz zu schweigen. Wir sind bekanntlich im 3,50 – 4,50 Korridor unterwegs - und es gibt bisher keinerlei politische Aussichten, da raus zu kommen. Dieses Szenario bedeutet mit fast 100%iger Sicherheit Krieg (siehe entsprechende SIPRI – Studien und unzählige andere)  – und zwar mit nuklearen Waffen. Was werden Pakistan und Indien tun? Beide liegen in tropischen Klimazonen, also Gebieten, die unbewohnbar werden. Beide verfügen über Nuklearwaffen und beide rasseln gelegentlich damit. Was werden die USA, was Russland, was China tun, wenn es um die verbleibenden Ressourcen geht?

Die beobachtbare Aufrüstungsstrategie in allen entwickelten Staaten ist so evident wie nie zuvor. Die Zunahme des Mittelaufwandes übersteigen, weltweit zusammengerechnet und am Inlandsprodukt der Länder gemessen, alle Steigerungsraten, die im kalten Krieg je gesehen wurden. Sie verteilen sich nur auf andere Länder. Die Fingerübungen der EU mit Frontex sind ein Phänomen, welches nicht nur nie wieder verschwinden wird, sondern ein, vor Klimaflüchtlingen abgeschottetes Europa einleiten, dem zwangsläufig ein entsprechend autoritäres Binnenregime „zur Seite“ stehen wird.

Wenn ich Linke nach dem Klimawandel und seinen Folgen frage, antworten mir die weitaus meisten immer noch mit „steigendem Meeresspiegel“ – und stellen sich das Ganze wie ein Spiel „alle müssen Holland werden“ vor. Viele Grüne sind nicht viel besser drauf.

Gemeinsam finden sie sich in einem tiefen Loch namens „Apokalypse – Blindheit“.

Die anthropologischen und sozialpsychologischen Kenntnisse zum typisch menschlichen Umgang mit Krisen die allumfassend wirken, (also ökologischen Krisen) stehen zur Verfügung (Literaturtipp: Jarred Diamond, „Kollaps“, Fischer Verlag). Angewendet auf die gesamte planetare Zivilisation wurden sie zuerst vor etwa anderthalb Jahren von den australischen Wissenschaftlern, die zu ihrem eigenen Entsetzen einen vollständigen Zivilisationszusammenbruch in den Simulationen vorfanden.

Der wird uns in ca. 50 Jahren treffen.

Dem entgegen entstehen haufenweise typisch menschliche Abwehrstrategien.

In den allermeisten Menschen, die diesen Text lesen, wird schnell der Gedanke/das Gefühl aufkommen, ob es sich hier nicht um eine panikverursachte Übertreibung handelt. Der scheinbar „vernunftbetonte“ Skeptizismus gegenüber apokalyptischen Prognosen ist eine normale Reaktion, schließlich ist die ganze Geschichte der Menschheit voller Propheten des Untergangs – und bisher hatten die alle augenscheinlich unrecht. Das beruhigt und das hat auch die Eliten aller, in Ökoziden untergegangenen Kulturen beruhigt. Von den Osterinsulanern über die Grönlandwikinger bis hin zu den Maya haben die Eliten nur dafür gesorgt, dass sie zuletzt starben. Die Reaktionen dieser Kulturen beruhten auf Nichtverstehen der ökologischen Zusammenhänge. Sie reagierten mit Religionskonstrukten und einer Abkehr in die alltäglichen Kämpfe um soziales Prestige und materiellen Wohlstand.

Die aktuelle Prognose beruht auf gesicherten, wissenschaftlichen Fakten und umfasst nun erstmals das gesamte planetare Habitat. Umso stärker wirken die Ablehnungsreflexe. Von Christian Lindner, der neue Technologien beschwört (das ist der moderne Ersatz für religiöse Konstrukte), bis zur Postulierung des „unbedingten Primats der sozialen Gerechtigkeit“, durch Parteimitglieder der LINKEN (das entspricht der Besinnung auf Traditionen, die doch bisher immer halfen), reichen die Versuche, den Blick auf die Fakten zu vermeiden.


Für die Fakten gibt es ein einziges, alleserklärendes Bild:

 

Die primitive Leugnung des Klimawandels ist nicht die Gefahr. Die Verniedlichung der physischen Einzelfolgen ebenfalls nicht. Was die Handlungsfähigkeit der Menschen auf diesem Planeten zerstört, ist das „nicht wahrhaben wollen“ der vollständigen Machtlosigkeit gegenüber einer zunehmenden, selbstverstärkenden Dynamik, die, einmal ausgelöst, alle Handlungsoptionen der Politik oder von Sonstjemandem auf Null setzt.

Das ist die Aussage, die so harmlos daherkommt: „Wir haben weniger als 10 Jahre Zeit“. 

Das „<10 Jahre – Faktum“ ist weltweit wissenschaftlicher Konsens.

Unter diesem Aspekt darf man die Frage nach der vermeintlichen oder tatsächlichen „Gerechtigkeit“ irgendeiner winzigen klimapolitischen Maßnahme durchaus augenverdrehend kommentieren.

Die LINKE lobt sich selbst für das „beste Klimaaktionsprogramm“. Die GRÜNEN für die längste Tradition einer Umweltpartei. Der Gedanke, das, gemessen an den physischen Fakten, auch das Programm der LINKEN weit entfernt von einer angemessenen Wirkung sein würde, wenn es denn vollständig realisiert werden könnte, existiert überhaupt nicht. Die GRÜNEN haben erst garkeinen konkreten Aktionsplan.

Politisch angemessen wäre eigentlich eine sofortige „Koalition der Vernunft“, am besten klassenübergreifend. Dieser Gedanke wird postwendend, wie die Leser gewiss zugeben müssen, mit dem Argument der Realitätsferne, von manchen geschmückt mit dem Vorwurf des Verrats, zurückgewiesen.

Wir spielen also im Kinderzimmer weiter und achten auf die „Realität“ der Ungerechtigkeit im Umgang mit dem Spielzeug. Die Anerkenntnis der Realität des Feuers im Haus, überlassen wir dem bösen Bruder. Der Feuerlöscher ist hier ein Symbol für die Maßnahmen, welche die zurzeit offenbar stärkere Fraktion der herrschenden Klasse ergreift (das sind, wie historisch so häufig, die Brutalos): Aufrüsten, bürgerliche Freiheiten in den Kernländern einschränken, geostrategisch Ressourcen sichern, Eigentumsverhältnisse weiter verschärfen, Binnenabschottung gegen vorhersehbare Fluchtbewegungen ergreifen.

In kurz: Vorbereiten auf das Überleben der herrschenden Klasse zulasten aller anderen. Es gibt natürlich andere Fraktionen in dieser durchaus heterogenen Gruppe, die weitaus vernünftiger sind. Darüber wird in der LINKEN gewöhnlich kein Wort verloren. Die GRÜNEN kennen keine Klassen und sind daher jetzt raus.

Eine Diskussion mit Bill Gates (den konnte ich mir jetzt nicht verkneifen????), könnte durchaus wichtiger sein, als ein Streit mit der einzigen Partei (das gilt jetzt wechselseitig), die überhaupt für eine realistische Einstellung zu Klimaschutz zu haben sein könnte.

Sollte es einer der Beteiligten um mehr gehen als um die zum Erbrechen wiederholte Selbstbestätigung des eigenen Weltbildes, wäre ein Streit um mehr Wirkung auf das teuflische Diagramm vielleicht angebracht.

Mit Cristoph Lichtenberg möchte ich sagen: Lasst uns von der „Anbetung der (eigenen) Asche„ bitte endlich zur „Weitergabe des Feuers“ übergehen und messt den Erfolg gefälligst am Mauna Loa Observatorium.

Ökosozialistische Grüße

Euer Knarx









<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz