Anknüpfen macht auch nicht immer schöner

22.04.12
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von Ofenschlot

Kleiner Koalitionsvorschlag

In der Jungle World gibt es eine Diskussion über die aktuellen Krisenproteste (sogenannten Krisenproteste, well). Ein Text aus der Disko-Serie hat Anlass zum Weiterdenken gegeben:
Peter Nowak forderte in der Ausgabe vom 12. April »Zurück zu den Alltagskämpfen«, und die zentrale Passage Nowaks scheint mir diese zu sein:

Wenn die Parole, die Symbolik hinter sich zu lassen, ernst gemeint ist, müsste man die Alltagskämpfe am Arbeitsplatz, im Jobcenter, an der Universität oder im Stadtteil zum Ausgangspunkt der Proteste machen. Die Großdemonstration wäre dann nur das Forum, auf dem sich die Menschen mit ihren jeweiligen Protesten präsentieren, sich koordinieren, aber auch voneinander lernen können.

Abgesehen davon, dass es ein bisschen weltfremd ist, eine »Großdemonstration« zu einem Ort zu deklarieren, wo Menschen »sich koordinieren« – eine Demo ist gerade kein Forum, wo gegrübelt wird, sondern man zeigt sich der Welt; die Koordination fand vorher statt –, ist es auch nur ein Postulat, das er formuliert, und er sollte, wenn ich seine Autorentätigkeit richtig verfolgt habe, es besser wissen. Wenn … dann … müsste. Wenn ich es ernst meine, dass ich mit dem Auto in den Urlaub fahren will, dann muss ich vorher den Führerschein gemacht haben. Naja.

Jede linke Agitation, jede Kampagne von radikalen Gruppen ist doch nur dann von Relevanz – soll heißen: bleibt über den unmittelbaren Anlass hinaus etwas länger im Gedächtnis – wenn sie an Alltagskämpfen anknüpft.

Das ist doch eine so grundlegende Praxis- und Erkenntnisbedingung, dass ich mich wundere, wenn sie überhaupt noch mal formuliert wird.1 Das Anknüpfen an reale Konflikte vor Ort ist Voraussetzung – nicht das Rätsel. Die Fragestellung müsste einen Schritt weitergehen: Wieso geht das häufig so furchtbar schief, wenn an »Alltagskämpfe«2 angeknüpft wird – und was geht da schief? Nur daraus können die Konsequenzen bestimmt werden.

Das Interessante ist doch, dass Nowak – wie übrigens viele Linke – offensichtlich etwas grundlegend verdrängt: Die Linke hatte erst kürzlich, sozusagen: gestern, großen Erfolg mit dem »Anknüpfen« gehabt. Genauer gesagt: DIE LINKE, also die Partei bzw. das, was dann zur Partei wurde. Denn woraus ist dieser West-Aufschwung, dieser Durchbruch zu erklären? Aus der Anti-Hartz-Bewegung 2004, aus den Agenda-Gesetzen 2003, aus den unterschiedlichen Wellen der neoliberalen Bildungsreform.

Es sind drei Gruppen gewesen, die den Durchbruch resp. die erfolgreiche Linksabspaltung von der SPD möglich gemacht hatten:

1. Frustrierte Betriebsräte, die die Erosion der Sozialpartnerschaft in ihren Betrieben durchlitten und sich an der Nibelungentreue der Gewerkschaften zur SPD aufgerieben hatten – ein gewerkschaftlicher Mittelbau, der von der Bürokratie in regelrecht verheizt wurde und der noch basisnah genug war/ist, um die – diffuse, gewiss – Wut von unten zu spüren.

2. Anti-Hartz-Aktivistinnen und -Aktivisten, Leute aus der Arbeitslosenbewegung.

3. Ein akademisches Prekariat, das die Trostlosigkeit der Bildungsreformen, die Verhunzung von Forschung & Lehre frontal zu spüren bekommen hat.
Da haben wir drei Alltagskonflikte, dreimal Anknüpfen – und schließlich eine bundesweite Koordination. Natürlich kann man a priori sagen: Wenn es schon eine Partei sein muss, dann sollen sich die Leute nicht weiter wundern, dass es so schief geht, die Parteiform ist doch per se des Teufels. Aber man muss schon genauer hingucken, um dahinter zu kommen, was da kaputt gemacht worden ist.

Es ist offensichtlich, dass die Partei die Anti-Hartz’ler als Mobilisierungstruppen verheizt hat und das die Leute selber in der West-LINKEN keine Rolle mehr spielen, alle Forderungen aus dieser Bewegung, die, wie verkrümmt auch immer, Ansätze zu einer radikalen Kritik der (Lohn-)Arbeit enthielten, kommen nicht mehr vor. Die Partei stützt sich auf das Protestreservoir, das – im Hinblick auf Wahlkampagnen und Parlamentsarbeit, sicher auch auf zukünftige Koalitionen – am stabilsten und berechenbarsten erscheint: das Gewerkschaftsmilieu (dementsprechend der Aufstieg von Klaus Ernst zum Parteichef); die Akademikerinnen und Akademiker dienen eher dazu, so etwas wie eine neoliberal-kritische Diskurshegemonie vorzubereiten, sind also für den Parteiapparat nicht unmittelbar zentral und dürfen sich auf Kosten der RLS austoben.

Wir haben also drei Gruppen: die einen sind an Gegenmacht im Betrieb interessiert, an einem neuen Gesellschaftsvertrag zwischen Kapital und Arbeit, der »der Arbeit« wieder mehr Rechte einräumt; die zweiten haben als Aussortierte sicherlich die radikalste Perspektive, sind gewillt, sich in Kampagnen und Mobilisierungen besonders engagiert reinzuhängen; die dritten leiden darunter, dass sie ihr akkumuliertes Wissen nicht adäquat einsetzen können, sie sind die frustrierte Bildungselite, bereit zum, naja, vorsichtigen Klassenverrat.

Die übergreifende Organisationsform ist die der Partei, genauer: des neuen Westflügels einer bereits existierenden Partei, und übernimmt damit nolens volens alle Voraussetzungen, um als solche anerkannt zu werden: Akzeptanz demokratischer Institutionen; Teilnahme an den vorgeschriebenen politischen Willensbildungsprozessen; Vorrang von Wahl(kampagn)en. Alles, was heterogen ist, wird dem untergeordnet, alles Radikale darf allein als Mobilisierungstreibstoff vorkommen.

Die Linkspartei interessiert mich nicht, aber die Absorption von Bewegungsenergie. Es ist einfach zu sagen: Es hat so kommen müssen. Natürlich hat es so kommen müssen. Aber die Bewegungen »von unten«, aus denen die Westlinke entstanden ist, waren real, und dass betriebliche Interessen – also Interessen von Lohnabhängigen in sog. Normalarbeitsverhältnissen – gegen die Bedürfnisse des Prekariats gleichsam verrechnet werden, ist nicht selbstverständlich. Aber wieso ist das gelungen?

Und was hätte dagegen unternommen werden müssen? Wo gibt es die Spaltungen von oben – etwa die Behauptung, Arbeiterinteressen sind von denen der Prekarisierten erst mal unterschieden und darin auch höherwertig? Wo hätte die radikale Linke die Spaltung von unten betreiben müssen?

Über sowas müsste man diskutieren, was ein Interesse an Geschichte voraussetzt (und auch ein Interesse an der Klärung der Frage, wieso Geschichte so häufig verdrängt wird – und sei es diejenige unserer unmittelbaren Gegenwart), aber auch an kompromissloser Analyse – wieso will z.B. die FAU unbedingt Gewerkschaft spielen?

Wieso artikuliert sich deren Kritik am DGB ausschließlich als Bürokratiekritik, aber nicht als eine der Form? Klar – weil diese dann auch die FAU selber miteinschließen müsste.
Zum Schiefgehen: Das liegt am Vermittlungswahn. »Wie kriegen wir das alles unter einen Hut?«. Linke denken endlos darüber nach. Ja, wie geht das wohl alles zusammen, die Kämpfe der einen und die Kämpfe der anderen?

Eigentlich kann man da nur sagen: lasst es. Nicht vermitteln, sondern radikalisieren. Das zeigt die Geschichte: Wenn sich die amerikanische Arbeitslosenbewegung in den 30er Jahren auf die »offiziellen« Organisationen und Gewerkschaften verlassen hätte und eben nicht allein losmarschiert wäre, wäre es Essig gewesen.

Die Radikalität einer Bewegung, kann die gesamte mitreißen, die Aktion eines Teils der Klasse kann für die ganze stehen – das ist die Wahrheit, oder kleiner gehangen: der historische Sinn der Avantgarde, die man nicht mit Elite verwechseln darf. Die schwarzen Arbeiter, die sich 1968 in Detroit in eigenen Organisationen versammelt haben, taten das nicht aus Separatismus und Black-Panther-Nationalismus, sondern um die Klassenkämpfe insgesamt voranzubringen, und zwar über die Artikulation ihrer Bedürfnisse.

Die unabhängige Organisierung kommunistischer Feministinnen intendierte nicht die Entdeckung weiblicher Differenz (das kam später und ist schon als Backlash zu verstehen), sondern war notwendiger Ausdruck der Selbstbehauptung. Der Klassenkampf bringt durchaus das Element der Besonderung und Abspaltung hervor – muss es hervorbringen, um nicht eingemeindet, befriedet zu werden.

Und das Mittel der Radikalisierung? Hat mal jemand so auf den Punkt gebracht:
»Proletarier gegen Bourgeois ist eine Formel, um die gegenwärtige Gesellschaft marxistisch zu beschreiben, nicht eine marxistische Formel der Revolution; die richtige heißt: Kommunismus gegen Kapitalismus.«3
http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/20/anknuepfen-macht-auch-nicht-immer-schoener/#fn1334953920316n

  1. Jede Stadtteil-Aktivistin weiß, dass die Leute in ihrer Nachbarschaft, die die Schriften, also die theoretisch-historischen Selbstverständigungen, ihrer Heimatorganisation lesen, schreiend davon laufen müssten. Wenn die Aktivisten, na, Respektsperson sein sollen, Gestalten, auf die Verlass ist, dann weil sie sich auf das, was bei ihnen im Quartier passiert, einlassen, weil sie immerhin gelernt haben, die Leute nicht gleich mit Zizek-Gefuchtel zu nerven, sondern zuhören können.
  2. Gibt es eigentlich nicht-alltägliche Kämpfe? Wenn ich gegen AKWs kämpfe, dann doch weil die Gefahr alltäglich ist!
  3. Oder Lenin in »Staat und Revolution«:
  4. Wer NUR den Klassenkampf anerkennt, ist noch kein Marxist, er kann noch in den Grenzen bürgerlichen Denkens und bürgerlicher Politik geblieben sein. Den Marxismus auf die Lehre vom Klassenkampf beschränken, heißt den Marxismus stutzen, ihn entstellen, ihn auf das reduzieren, was für die Bourgeoisie annehmbar ist. Ein Marxist ist nur, wer die Anerkennung des Klassenkampfes auf die Anerkennung der DIKTATUR DES PROLETARIATS ERSTRECKT. Hierin besteht der tiefste Unterschied des Marxisten vom durchschnittlichen Klein- (und auch Groß-) Bourgeois. Das muß der Prüfstein für das WIRKLICHE Verstehen und Anerkennen des Marxismus sein.

http://ofenschlot.blogsport.de/2012/04/20/anknuepfen-macht-auch-nicht-immer-schoener

Ofenschlot

…geschichtliche Abläufe so rekonstruieren, daß sie nie als irreversibel erscheinen, sondern als Ensemble von Flucht- und Wendepunkten, von Möglichkeiten des Umkehrens und Unterbrechens, des Neubeginnens und Ausführens alter halb geäußerter Wünsche vergangener Generationen…

 

 

 


VON: OFENSCHLOT






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