Krasses zu Grass

05.04.12
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von Anton Holberg

In der linksliberalen Wochenzeitung "Der Freitag" schrieb ein gewisser Michael Angele am 5.4.2012 zur Diskussion über Günter Grassens "Israel-Gedicht" folgendes:

"Günter Grass als Mephisto"
Die überwältigende Kritik am Nobelpreisträger und seinem Gedicht zum Atomkonflikt zeigt:
Er könnte doch noch zur Kraft werden, die das Gute schafft.
Die Zeit ist noch nicht so lange her, da war Grass-Bashing en vogue. Hart angegangen wurde der Schriftsteller nicht nur von der konservativen Seite, die in ihm einen "Gutmenschen" sah, der künstlerische Defizite mit aufdringlichem Moralismus überspielte (Karl Heinz Bohrer), sondern auch von einer aufgeklärten Linken, die in Günter Grass – genau das gleiche erkannte.

Ausdruck fand diese Verachtung in dem Buch Literatur als Qual und Gequalle. Über den Kulturbetriebsintriganten Günter Grass. Herausgegeben wurde es 2007 in der edition Tiamat von Klaus Bittermann. Seither kann man Grass relativ risikolos beschimpfen, egal, wo man steht.

Als freier Geist hätte man ihn darum in der aktuellen Lage aufs Äußerste zu verteidigen. Aber es geht nicht, beim besten Willen nicht! Selbst Thomas Steinfeld, der ja in der SZ erklären müsste, warum seine Zeitung das Gedicht abgedruckt hat, kann nur sagen: So ist er halt, der Grass, einen anderen kriegen wir auch nicht mehr.

Grußbotschaft

Aber eines lässt sich zu seiner Verteidigung dann doch sagen: Es geht eine gewisse faustische Tiefe von ihm aus. Mit seinem unsäglichen Gedicht könnte er wie weiland Mephisto "Teil von jener Kraft“ werden, „die stets das Böse will und stets das Gute schafft". Etwas sehr Gutes ist ja schon geschehen. Überwältigend war die Kritik. Fast alle haben gesagt: So geht das nicht, Grass, man kann nicht Ursache und Wirkung verwechseln.

Nicht Israel bedroht den Iran, sondern der Iran respektive sein Machthaber wollen Israel von der Landkarte tilgen. Tausendfach wurde der Link auf die Website der israelischen Botschaft mit den Worten des Gesandten Nahshon bei Facebook geteilt, vielfach die brillante Interpretation von Frank Schirrmacher kopiert und gelobt. Und das alles soll nur geschehen sein, weil nicht gesagt werden darf, „was gesagt werden muss" (Grass)? Ist doch Quatsch, es ist geschehen, weil die Leute wirklich so empfinden."

Ob das inkriminierte Grass-Gedicht literarischen Wert hat, wage ich zu bezweifeln, aber das ist auch unerheblich. Angesichts des Zwergenaufstands, der in den bundes-deutschen Medien ausgebrochen ist (ob freiwillig oder vielleicht auf einen der Öffent-lichkeit nicht bekannten Ukas einer hinter den Kulissen wirkenden 'Reichschrifttums-kammer' hin weiß ich auch nicht und ist ebenfalls unerheblich), genügt es, sich der zentralen "Argumentation" des Textes von Herrn Angele zu widmen, denn diese ist die einzige "Argumentation" die überhaupt vorgebracht wird.

Ob es eine besonders mutige Tat ist, wenn ein recht alter Literaturnobelpreisträger Fakten aufgreift, die seit Jahrzehnten jedem der hören und verstehen will, geläufig sind, ist im übrigen auch fraglich. Die wichtigste Feststellung Günter Grassens, die im o.a. Text von Herrn Angele ohne weitere Begründung geleugnet wird, ist die, dass in der Tat die Bedrohung von Israel und nicht vom Iran ausgeht. Und so muss es auch sein.

Bereits die Gründung Israels als zionistischer Staat 1948 stellt eine Aggression gegen ale nicht-jüdischen Bewohner Palästinas und damit der umliegenden arabischen Staaten dar, denn sie war nur durch deren Entrechtung und Ver-treibung zu realisieren. Alle militärischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und seinen Nachbarn sowie den Palästinensern waren die notwendige Folge, wenn man einmal die Möglichkeit, dass die Opfer der Staatsgründung diese mit Vergnügen akzeptiert hätten außer Acht lässt, eine Idee, die im übrigen auch den zionistischen Führern der damaligen Zeit als völlig abgeschmackt erschien.

Was nun den Iran und Israel anbelangt: die iranische Führung ist reaktionär und Feind der Mehrheit der Iraner, sie hat auch einige fanatische religiöse Ideen, aber sie besteht nicht aus Irren und Selbstmördern. Ihr Hauptinteresse ist die Erhaltung ihrer eigenen Macht. Dazu gehört eine Propaganda, die nationalistische und/oder religiöse Emotionen anheizt, um von ihren mangelnde Leistungen im Interesse der arbeitenden Massen im Iran abzulenken (damit unterscheidet sie sich übrigens höchstens quantitativ von anderen Regierungen auf der Welt).

Zu dieser Propaganda gehört die von der Befreiung des "islamischen" Palästina. Zur Rationalität des Regimes aber gehört, dass es sich hütet, deswegen n einen direkten bewaffneten Konflikt mit Israel zu treten, denn Israel verfügt über 200 - 300 Atombomben und wird von allen imperialistischen Staaten - insbesondere den USA und der BRD - finanziell und militärtechnisch ausgehalten, weil - und solange - seine Existenz ihren strategischen Interessen in der Region nutzt (oder in ihrer Vorstellung zumindest zu nutzen scheint).

Der Iran hingegen verfügt über keine Atombombe, hat mit Israel keine gemeinsame Grenze und kann deshalb nicht einmal alternativ einen konventionellen Krieg gegen Israel führen. Den Gipfel seiner Leistungskraft in dieser Hinsicht hat er durch die Unterstützung für die libanesische Hezbollah in ihrem erfolgreichen Kampf zur Vertreibung der israelischen Invasoren vom libanesischen Boden - und nicht mehr! - erreicht.

Sollte der Iran, was er ja bekanntlich dementiert, "demnächst" auch "die Atombombe" bauen können, so hat er immer noch keine 300 davon und verfügt immer noch nicht über die strategische Unterstützung des gesamten imperialistischen Lagers (das unmittelbar vor seiner Haustüre im persisch-arabischen Golf militärisch höchst präsent ist).

Selbst wenn also das oft kolportierte Zitat von Präsident Ahmadinejads über die "Auslöschung" Israels stimmen sollte - was zumindest fraglich ist bzw. unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten beinhaltet - bleibt die Tatsache bestehen, dass der Versuch, diese Drohung wahrzumachen, für den Iran nur ein vollkommenes Desaster hervorrufen könnte.

Angesichts des Kräfteverhältnisses nutzt hingegen jede militärische Krise den herrschenden Zionisten in Israel, weil sie ihnen erlaubt, ihre Herrschaft einerseits gegenüber der jüdischen Bevölkerung in Israel zu festigen und andererseits der "demographischen Bedrohung" des zionistischen Projekts durch die euphemistisch als "Transfer" bezeichnete Vertreibung der arabischen Bevölkerung der Westbank in die Nachbarstaaten zu begegnen.

Nichts von diesen Fakten und Argumenten wird die Hofsänger der zionistischen Unterdrückung der Palästinenser (nicht wenige davon direkt von geostrategisch interessierter Seite direkt bezahlt), und so auch Herrn Angele, von ihrem so lohnenden Job abbringen. Aber es muss dennoch immer wieder gesagt werden, damit sich ein wachsender Teil der Bevölkerung darüber klar wird, dass ihre Interessen und die der staatstragenden Medien völlig verschieden sind.




VON: ANTON HOLBERG






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