Revolutionäre Theorie in nichtrevolutionärer Zeit

03.11.13
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von Georg Fülberth

Die Veranstalterinnen und Veranstalter haben sich von mir ein Referat gewünscht mit dem Titel:
„Keine revolutionäre Praxis ohne revolu- tionäre Theorie“ 

Das habe ich aus zwei Gründen abgelehnt:
Erstens:
Es gilt ja auch das Umgekehrte. Revolutionäre Theorie ging nie revolutionärer Praxis weit voraus, sondern entwickelte sich immer zugleich mit ihr. Also: Keine revolutionäre Theorie ohne revolutionäre Praxis.

Da wir gegenwärtig keine revolutionäre Praxis haben, gibt es keine revolutionäre Theorie im operativen Sinn. Warum aber gibt es Beides gegenwärtig nicht? Antwort: Weil wir uns weder in einer revolutionären noch vorrevolutionären Situation befinden. Deshalb gilt:

Zweitens: Keine revolutionäre Theorie und keine revolutionäre Praxis ohne revolutionäre Situation.

Und eine revolutionäre Situation haben wir gegenwärtig nicht.

Unter revolutionärer Theorie in der Einladung ist offenbar der Historische Materia- lismus gemeint, Kurzform. der Marxismus. Was aber wird aus dem Marxismus in nichtrevolutionärer Zeit?

Marx und Engels kannten das Problem. Das „Manifest der Kommunistischen Partei“ von 1848 war revolutionäre Theorie in einer akut vorrevolutionären Situation zur Anleitung einer revolutionären Praxis, deren Schritte und Ziele in diesem Manifest ja proklamiert wurden. Die Revolution aber scheiterte, und Marx und Engels hatten sich im Exil mit Revolutionären auseinanderzusetzen, die Revolution in einer nichtrevolutionären Situation machen wollten. Dies hielten sie für putschistisch, und Marx erklärte 1850: „Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.“ (MEW 7: 440)

Damals banden sie also die Erwartung einer Revolution an die Erwartung einer Krise. In diesem Sinne setzten sie Hoffnungen auf die Weltwirtschaftskrise von 1857. Stattdessen brach nach dieser das nichtrevolutionäre viktorianische und wilhelminische Zeitalter, in Frankreich: la belle époque, an und dauerte bis 1914. In seiner Schrift „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ von 1859 bestimmte Marx die Bedingungen von Revolution neu:

„Eine Gesellschaftsordnung geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind. Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen sind.“ (MEW 13: 9)

(Nebenbei bemerkt haben wir hier einen ersten Hinweis auf eine Ursache der Niederlage des Staatssozialismus der Jahrzehnte 1917 – 1991 in der Systemauseinandersetzung.)

Unter diesen Umständen entstand „Das Kapital“ – eine Analyse des Kapitalismus in nichtrevolutionärer Zeit. Dieses Buch hat einen Doppelcharakter: Erstens: Marx ist hier immer noch auf der Suche nach Engpässen der kapitalistischen Entwicklung, die zur Aufhebung des Kapitalismus führen können: AllgemeinesGesetz der kapitalistischen Akkumulation, Tendenzieller Fall der Profitrate, Überflüssigwerden der Kapitaleigentümer in den Aktiengesellschaften, Zentralisation des Kapitals. Aber nirgends ergibt sich daraus eine Zwangsläufigkeit des kapitalistischen Zusammenbruchs, deshalb ist „Das Kapital“ nicht ausschließlich ein Buch, das zeigt, wie der Kapitalismus endet, sondern es analysiert auch, wie er funktioniert. In Russland um 1900 wurde es von der zahlenmäßig kleinen russischen liberalen Bourgeoisie geschätzt und von der zaristischen Zensur nicht verboten. Es zeigte die Perspektiven kapitalistischer Entwicklung auch in diesem Land.

Nichtrevolutionäre Situationen führen dazu, dass auch der Marxismus nichtrevolutionär wird. Er taugt weiterhin zur Analyse des Kapitalismus, wirkt dabei aber im Grunde fast schon affirmativ, denn er zeigt, wie gesagt, wie der Kapitalismus funktioniert. Darauf hat zuerst 1923 Karl Korsch in seinem Buch „Marxismus und Philosophie“ hingewiesen. Seiner Meinung nach bewegte sich um 1900 die revolutionäre Theorie des mittlerweile in die Jahre gekommenen Kommunistischen Manifests weit oberhalb der aktuellen nichtrevolutionären Situation. Insofern sei Eduard Bernstein der bessere Marxist gewesen, denn er analysierte die Gegenwart adäquater.

Dabei ist eine nichtrevolutionäre Situation noch idyllisch im Verhältnis zu einer Situation der permanenten und dynamischen innerkapitalistischen Revolution, wenn also das Kapital selbst zu einem revolutionären Subjekt wird, das die Gesellschaft ständig umwälzt: durch technologische Innovationen und die Mobilisierung von Konsens, in dem die Volksmassen selbst als Subjekt ihres Begehrens zur Weiterentwicklung des Kapitalismus beitragen. Antonio Gramsci nannte dies eine „passive Revolution“: die Unterklassen akzeptieren die Hegemonie des Kapitals und befestigen diese durch ihre eigene Mobilisierung selbst. Für den politischen Überbau nannte Johannes Agnoli dies eine „Involution“. Das deutsche Wahlergebnis vom 22. September 2013 bildet eine solche Entwicklung ab: Vollendung der bürgerlichen Hegemonie. Die peinlicheren Masken kapitalistischer Politik (die FDP) werden abgeräumt und durch das freundliche Antlitz der Kanzlerin ersetzt. Neben ihr steht mit absoluter Mehrheit ein Ministerpräsident der CSU, der aus der Arbeiterklasse aufgestiegen und lange Zeit Vorsitzender der Christlich Sozialen Arbeitnehmerschaft gewesen ist.

In einer solchen Lage wird der historische Materialismus, wenn er nicht völlig verschwindet, akademisch. Ein Beispiel hierfür ist in den USA der so genannte Analytische Marxismus, dessen Vertreter sich um den Nachweis bemühen, dass die Befunde des so genannten methodologischen Individualismus in ökonomischer und politologischer Theorie auch historisch-materialistisch formuliert werden können, wobei dann die Marxisten letztlich dasselbe sagen wie die Nichtmarxisten. Eine zweite Spielart des Akademischwerdens marxistischen Denkens ist die so genannte Neue Marx-Lektüre, die „Das Kapital“ auf reine Begriffslogik ohne Geschichte reduziert.

Zu diesen Entwicklungen scheinen zwei aktuelle Phänomene quer zu liegen. Die erste ist die gegenwärtige Marx-Renaissance. Innerhalb einer einzigen Generation sind zwei neue Marx-Biografien – von Francis Wheen und Jonathan Sperber – und eine Engels-Biographie – von Tristram Hunt – erschienen. Die UNESCO hat den

ersten Band des „Kapital“ in das „Gedächtnis der Menschheit“ aufgenommen, zusammen mit der Himmelscheibe von Neabra und dem Lorscher Arzneibuch. Das bedeutet eine Musealisierung des Historischen Materialismus ohne jede politische Bedeutung, seine Versenkung in den Fundus des 19. Jahrhunderts, von wo er beileibenicht etwa als Wiedergänger im 21. Jahrhundert auftauchen und Ärger machen soll. Die zweite Schein-Aktualisierung ist das gegenwärtige weit verbreitete antikapitalistische Ressentiment ohne praktische Funktion. Es ist ein allgemeines Gemaule über den Kapitalismus ausgebrochen, unter anderem in den Feuilletons. Das ist nur ein Dampfablassen.

Diese beiden scheinbaren Ausnahmen ändern nichts an dem Befund, dass wir im Augenblick schlechte Zeiten für eine revolutionäre Theorie haben. Und das ist genau der richtige Moment für die Gründung eines Marx-Engels-Zentrums. In diesem Marx-Engels-Zentrum kann unter anderem darüber nachgedacht werden, was das denn ist: der Marxismus. Hier eine vorläufige Antwort:

Unter Marxismus kann verstanden werden:

1 historisch-materialistische Analyse von Ökonomie und Klassenverhältnissen,

2 eine auf diese gestützte Theorie der Politik,

3 politische Praxis in der Perspektive einer Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaft.

4. Es ist sinnvoll, eine Bilanz über seine bisherigen Leistungen und Defizite zu ziehen. In einem Punkt hat er sich heute weltweit durchgesetzt: der Materialismus ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Die Begründung des Historischen Materialismus im 19. Jahrhunderts, die Konstatierung der Priorität der materiellen Lebensbedingungenvor dem so genannten Überbau, war eine wissenschaftliche Revolution, deren Ergebnisse das Denken der Gegenwart unrevidierbar bestimmen. Das gesamte bürgerliche Denken des 20. Jahrhunderts: von Max Weber bis zu Foucault und Habermas, ist – gerade dort, wo es sich davon abzusetzen sucht – undenkbar ohne diese vorangegangene Umwälzung. Wir alle und unsere Gegnerinnen und Gegner sind heute Materialisten, auch diejenigen, die es nicht sein wollen. Die Neoliberalen sind ebenfalls Materialisten, und gerade sie. Im Wissenschaftsbereich haben sie die so genannte Ökonomische Theorie der Politik (oder Neue Politische Ökonomie) etabliert.Sie lehrt, dass die Politik der Überbau der Ökonomie sei. Marxisten kommt das sehrbekannt vor. Unter „Ökonomie“ werden von den Neoliberalen dabei ausschließlich „die Märkte“ verstanden und nicht das, was im Historischen Materialismus diesen selbst wieder zugrunde liegt: Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse, Eigentumsverhältnisse. In den Schulen wurde auf Druck der Unternehmer und mit Billigung der Gewerkschaften der Sozialkunde-Unterricht durch das Fach „Politik und Wirtschaft“ ersetzt. Da soll gelernt werden, dass Demokratie marktkonform zu sein hat. Sei’s drum. Gäbe es marxistische Lehrerinnen und Lehrer, könnten sie etwas daraus machen, indem sie die Eigentums-und Machtverhältnisse sichtbar machen, die unter den Märkten liegen.Etwa neunzig Jahre lang, seit dem Erscheinen des dritten Bandes des „Kapital“, hatte die Marxsche Kritik der Politischen Ökonomie eine Achillesferse: die Arbeitswert-und damit die Mehrwertlehre schien nicht beweisbar zu sein. 1983 gab es hier einen Durchbruch: in ihrem Buch „Laws of Chaos“ zeigten die beiden israelischen Mathematiker Emmanuel Farjoun und Moshé Machover, dass die Arbeitswertlehre des ersten Bandes des „Kapital“ logisch stringent und empirisch weitgehend belegbar ist.1 Paul W. Cockshott und Allinn Cotrell haben, daran anküpfend, gezeigt, dass eine arbeitswertbasierte demokratische Planwirtschaft möglich ist.2 Hier in Berlin haben sich Elke und Helmut Dunkhase große Verdienste um die Übersetzung und Propagierung dieses bahnbrechenden Werks gemacht. Eine andere Frage allerdings ist, ob die Menschen das, was möglich ist, auch wollen. Die Wahlergebnisse zeigen, dass dies nicht der Fall ist. Wir befinden uns hier an der schwächsten Stelle des gegenwärtigen Marxismus: der Theorie der Politik und der politischen Praxis. Ideologiepolitisch hängt uns das Scheitern des Staatssozialismus wie ein Mühlstein am Hals. Wir werden uns nicht darum drücken können, Marx und Engels haben sich ja auch nicht gedrückt. Der erste sozialistische Staat, die Pariser Commune, dauerte nur zwei Monate. Marx machte sie zum Thema einer gründlichen Analyse, in seiner Schrift „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ 1871. Diese Arbeit liegt noch vor uns.

Es geht nicht nur um die ungünstigen Rahmenbedingungen. Wir haben zu fragen:
Erstens:
Warum hatten die bisherigen sozialistischen Gesellschaften eine so geringe Arbeitsproduktivität?
Zweitens:
Warum gab es in ihnen so wenig Produktinnovation?
Drittens:
Warum waren sie nicht demokratisch? Einen methodischen Hinweis, weshalb es so kam, fanden wir ja schon in den vorhin zitierten Ausführungen von Marx aus dem Jahr 1859. Beschäftigung mit unserer Vergangenheit sollte nicht darauf hinauslaufen, wie abgedankte Generäle verlorene Schlachten nachzustellen und zu überlegen, wie sie doch noch hätten gewonnen werden können. Da ist nichts. Die sozialistischen Gesellschaften erwiesen sich in ihrer späten Phase – wie vor ihnen der Absolutismus – als konservativ gegenüber der revolutionären Dynamik des Kapitalismus. Inzwischen treibt dieser seine innere Umwälzung weiter voran, und wir sollten nicht ein weiteres Mal hinter abgefahrenen Zügen herpfeifen. Seine überlegene Arbeitsproduktivität schlug den Sozialismus nieder, aber in seinen am weitesten entwickelten Regionen wird ihre weitere Steigerung in ihrer bisherigen Form – anders als die Produktinnovation – auch für ihn zum Problem. Alle seine internen Revolutionen aber vollziehen sich im Rahmen von – schon vorkapitalistisch jahrtausendelang ausgeübter –Verfügungsgewalt von Menschen über Menschen, zwischen den Geschlechtern und Generationen, über die tierische und pflanzliche Mitlebewelt3 sowie über Daten. Revolutionäre Politik muss das aufbrechen.

Das ist viel Holz. Es wird Zeit, dass wir es endlich anpacken.

1 Farjoun, Emmanuel, und Moshé Machover 1983: Laws of Chaos. A Probabilistic Approach to Political Economy. London. Zum gegenwärtigen Stand der Diskussion: Fröhlich, Nils 2009: Die Aktualität derArbeitswerttheorie. Theoretische und empirische Aspekte. Marburg.

2 Cockshott, Paul W., und Allin Cottrell 2012: Alternativen aus dem Rechner. Für sozialistische Planung und direkte Demokratie. 2. Aufl. Köln.

3Tjaden, Karl Hermann: Kann es einen „zukunftsfähigen Marxismus“ geben?
'www.linksnet.de/de/artikel/23986

 


VON: GEORG FÜLBERTH






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