Das entspannte strategische Dilemma der Linken des 21. Jahrhunderts


Bildmontage: HF

31.12.15
DebatteDebatte, Linksparteidebatte, Sozialismusdebatte 

 

Die Antwort auf Klaus Horn: Ein Auftakt für 2016

Von Karl-Heinz Reinelt

Heinz Ka(h)lau sorgte in der DDR als geheimer und im Nachfolgestaat BRD als offener Informator mit gebrauchslyrisch-lakonischen Traktaten wie „Heiteres und Bissiges von Marx und Engels“ ganz gewiss vorbildhaft für reichlich fidele „Heiterkeit“.

Dr. Thomas Seibert räumt aber definitiv mit seinen „nicht weniger als 13 Thesen“ zum Auftakt für 2016 inklusive dem Rest des 21. Jahrhunderts ebenso außergewöhnlich „heiter und bissig“ mit dem hierzulande vorherrschenden Irrtum auf, dass das Maß aller Dinge der Unterschichten-Mensch oder altbacken ausgedrückt das „Proletariat“ sei.

Unsereins „proletarischen“ Unterschichtler stimmt es überaus „heiter“, wenn ein Doktor im Namen eines elitär gestylten und ultrasolidarisch hypermodernen Institutes gelehrig postuliert, wir „einfachen“ Leute seien völlig entpolitisierte Objekte, seien uns des Klassencharakters der bestehenden Klassenverhältnisse überhaupt nicht bewusst und könnten uns folglich niemals zu originär revolutionären Subjekten sowie auf gar keinen Fall zu einem essenziellen Teil vielfältiger Fortschrittssubjekte entwickeln.

Des doktoralen Spaßes noch nicht genug, „Unterklassen“ seien zu internationaler Solidarität und Klassenaktionen unfähig und hätten weder ein objektives Interesse an der eigenen noch an der Emanzipation aller Lohnabhängigen, unabhängig von deren konkretem Arbeitsinhalt, Ausbildungsniveau und Lohnhöhe, unterstellt der abgehoben erscheinende Berufsreformist uns ausgebeuteten und beherrschten Unterschichtlern „bissig“, wir seien generell politikunfähig.

Wir „Unterklassigen“ taugen nicht mal mehr als Wahlstimmen-Reservearmee, zumal wir politisch ökonomisch kulturell und sozial Depravierten aus Dr. Seibert'scher Sicht eigentlich gar nicht wirklich existieren, sondern eher als marxistische Schimäre unser „Nichtdasein“ fristen. Schließlich sind nur etwa 85 Prozent der Erwerbstätigen der BRD gezwungen, für die Sicherung ihres Lebensunterhaltes ihre Arbeitskraft zu verkaufen.

Peanuts also für den „erfahrungsgesättigten“ avantgardistischen Führer, des von ihm höchstpersönlich kreierten „dissidenten Drittels“ aus der gediegenen Mittelschichts-Gesellschaft, der am grünen Tisch erheiternd „bissig“ und willentlich das Klassenprojekt der Unterprivilegierten hintertreibt.

Der barmherzige Samariter des Kapitalismus fokussiert dagegen ein ausgesprochen „heiteres“ Klassenprojekt der anakademisierten und vollakademischen Politolog*innen und sonstigen Privilegiert*innen der mittleren und oberen Mittelschicht.

Anscheinend erweist sich seine propagierte transformative Intervention als elektoral äußerst ergiebig und für das System der bürgerlich imperialen Ordnung als metastabilisierend, wie die Wählerprozente der SPD und der Grünen und der Linkspartei unüberhörbar in den siebten Himmel der Kapital-Liebe des ISM schreien.

Nicht nur bourgeois intelligent, sondern auch proletarisch bauernschlau hat der Chefideologe der neuen neoliberalen Mosaik-Linken wohl verstanden, dass die Arbeiter*innenklasse unbedingt ersatzlos zu streichen ist, will er sich selbst zum vermeintlich links intervenierenden Vollzugsorgan eines angeblich revolutionären, faktisch aber total abgespackten retro-reformistischen Planes A küren.

Gefaked-neuer polit-akademischer Wein in uralte neoliberale Schläuche gefüllt, reift während der Lagerung in den systemisch-bruchfesten Think-Tanks im coolen Keller der Geschichte des Instituts für solidarische Moderne zu weinseliger „wahrer Demokratie“ heran, zu einer mittelständisch-repräsentativen parlamentarischen Demokratie, der altehrwürdigen Hostess, der auf Privateigentum basierenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung.

Statt das finanzkapitalistische System aufs Schärfste zu bekämpfen, ist für den wahren Eulenspiegel der ISM-Dialektik die Integration in Selbiges die Vision, die ihn bipolar zum hehren Jupiter mit der marmornen Stirn koagulieren lässt, wobei uns die dabei benutze Neutralelektrode zum ursprünglichen Reformprojekt der institutionell solidarischen Moderne führt.

Anno Tobak 2010 hieß es beim ISM noch, dass ein gesellschaftliches Projekt initiiert werden solle, dessen Ort, neben der institutionellen Politik, auch die Zivilgesellschaft wie die sozialen Bewegungen bilden - gleichberechtigt und auf Augenhöhe, also ein solidarisches Mitte-Unten-Bündnis. Wow!

Das klingt ja fast so, als hätte damals das Unterstützungs-Institut für in Startlöchern verharrende, potenziell regierungsfähige SPD-, GRÜNE- und LINKE-Politiker*innen eine gemeinsame Aktion mit allen außerparlamentarischen Kräften präferiert, die sich gegen das Austeritäts-System oder gegen Teilaspekte der herrschenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung oder auch nur gegen einzelne reaktionäre Maßnahmen von Kabinett und Kapital wenden und dabei fortschrittliche Ziele verfechten.

Damals war es im Institut mutmaßlich noch solidarisch modern, sich mit uns Unterschichtlern auf eine gemeinsame Miniplattform einigen zu wollen, die nicht im Gegensatz zu unseren „Proletarier*innen-Prinzipien stünde, wie beispielsweise die Förderung der Selbsttätigkeit der Arbeiter*innenklasse und die freieste Entfaltung der Arbeiterdemokratie, prinzipiell antirassistisch und antipatriarchal.

Wahrscheinlich hat es das hochherrschaftliche ISM aber gar nicht „heiter“ gestimmt, dass wir Unterschichtangehörige gehörig „bissig“ die Autonomie jeder sozialen Bewegung verteidigen und unsere Instrumentalisierung durch selbsterklärte retro-reformistische Avantgarden bodenständig bekämpfen.

Eine Manipulation von „proletarischen“ Bürgerinitiativen und sozialen Bewegungen, Frauenorganisationen, Umwelt- und Tierschutzinitiativen, Gewerkschaften, antirassistischen und antifaschistischen Zusammenschlüssen durch die SPD, GRÜNEN oder LINKEN lehnen wir Unterschichtler*innen scharf-links ab, denn wir unterstehen mitnichten deren Führungsanspruch.

Umgekehrt wird ein politischer Schuh draus: Wir, das gemeine Volk, kommen schließlich nicht aus dem politischen und organisatorischen Nichts, wie uns die klassische, kapital-affin politisch herrschende Klasse gebetsmühlenartig einzuhämmern versucht.

Nur ein tatsächliches Mitte-Unten-Bündnis, das auch die Interessen der Menschen in prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen vertritt und nicht nur die der lohnabhängigen Facharbeiter-Kernbelegschaften sowie auch soziallibertäre Mittel- und Unterschichten umfasst, also der Zusammenschluss aller „revolutionär“ sozialistischen Kräfte, ermöglicht den Einstieg in  transformatorische Prozesse.

Wenn der mitunter weniger „heitere“ und eher „bissige“ ISM-Wahlverein mit seinem Missachtungs-Furor gegenüber der „Arbeiter*innenklasse und seiner schmeichlerischen Fokussierung auf das fiktive „dissidenten Drittel“ der Mittelschicht-BRD-Gesellschaft realiter Wahlen gewinnen zu können glaubt, bleibt mit Müntefering nur zu wünschen: "Fraktion ist gut, Partei auch. Glück auf!“

Die enormen Aufgaben, die im Jahr 2016 und im restlichen 21. Jahrhundert auf uns Arbeiter*innen zukommen, rufen schließlich nach einem starken R2G-Staat mit Plan A, denn angeblich kann die Zivilgesellschaft die klassischen Staatsaufgaben nicht lösen und der radikale Markt und die neoliberale EU schon gar nicht.

Der SPD-geführte starke Polizei- und Militärstaat nennt sich dann ganz einfach hegemoniefähiges Bündnis mit offener Verständigung aller „linken“ Kräfte, sprich der in die Jahre gekommenen dunkelgrauen SPD, der nato-olivfarbigen GRÜNEN und der rosa-rot-changierenden DIE LINKE, sollte es den starken R2G-Staat-Protagonisten tatsächlich gelingen, allen linken Kräften aus Bewegungen, Gewerkschaften, Verbänden, Wissenschaft und Kultur die entsprechenden Wahlstimmen „aus den Rippen zu leiern“, um es mal „proletarisch“-prosaisch zu formulieren.

Das Institut für Solidarische Moderne kann seine alchimistisch erscheinende Plan A-Wissenschaft bei den anstehenden Landtagswahlen mit Probe auf das Exempel gerne als politisch realisierbar verifizieren.

Macht R2G landauf und landab das Rennen, dann ist unsereins Unterschichtler selbstredend anstandslos bereit, Herrn Dr. Seibert  als den zugänglichsten Menschen zu loben und ihn im politischen Diskurs als „heiter“ und liebenswürdig zu bezeichnen.

Auch wenn, „bissig“ gesagt, dem ISM-Mosaik anscheinend der Unterbau und der Überbau abhanden gekommen ist und sein Mittelbau, aus bunten rautenförmig-flachen Plättchen verschiedenster Substanzen, fundamentlos in der Schwebe verharren muss, gilt dennoch inhaltlich unabdingbar der „heitere“ Sinnspruch von Heinz Kahlau, den er hellseherisch vor zwei Jahrzehnten in der Deutschen Demokratischen Republik zum Besten gab:

„Die gerechteste Sache der Welt kann nicht vorankommen, ohne jemandem Unrecht zu tun.

Solange sie darin nicht ihr gutes Recht sieht, sondern ein Unglück, bleibt sie die gerechteste Sache der Welt.“

 

Karl-Heinz Reinelt



Karl-Heinz Reinelts soziologischer Schichten-Begriff und die Pläne von und für Linke in Europa - 24-01-16 20:29




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