Historischer Materialismus oder ‚Verteilungsgerechtigkeit’?


Bildmontage: HF

08.01.16
DebatteDebatte, Theorie 

 

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von TaP

@ „Karl Marx war natürlich getrieben von den elenden Verhältnissen seiner Zeit, der bitteren Armut, den unbeschreiblichen Arbeitsverhältnissen. […]. Sein Werk begann mit seiner Kritik des Holzdiebstahlgesetzes, nicht mit dem Kapital.“

(Nein, nein und nochmals NEIN, verfasst von: anonym. Verfasst am: Di, 05.01.2016 – 11:24 h[1])

Ja, begann. Aber Karl Marx wurde nicht als Kommunist und nicht einmal als Materialist geboren.

Sein Artikel über das Holzdiebstahlgesetze, den er 1842 als 24 Jähriger schrieb (ein Alter, in dem sich die heutige Szene-Linke im Vollbesitz der revolutionären Weisheit fühlt), war weder kommunistisch, noch auch nur antikapitalistisch und/oder materialistisch.

Er war vielmehr der Protest eines linksliberalen Bürgers, der sich auf den moralischen, bürgerlichen  Menschenrechts-Diskurs der revolutionären Bourgeoisie in Frankreich und im Vereinigten Königreich (UK) berief, und damit das deutsche feudal-bürgerliche Bündnis, das unter jeder Kritik stehe[2], verwarf[3].

Marx’ Artikel über das Holzdiebstahlgesetz sprach zwar ein ökonomisches Phänomen an, aber seine Kritik artikulierte er zu jener Zeit vollständig in philosophisch idealistischen und politisch linksliberalen Termini[4].

Seine politische Wende zum Kommunismus vollzog er dann zwar nur zwei Jahre später (als 26-Jähriger: ein Alter, in dem die heutige Szene-Linke schon stark zu zweifeln beginnt, ob es sich lohnt, ‚links’ zu sein).

Aber auch seine (von ihm selbst nie veröffentlichten) Ökonomisch-Philosophischen Manuskripte von 1844, die sich nicht nur an einem Beispiel (Holzdiebstahl), sondern systematisch mit „Ökonomie“ beschäftigten, waren waren idealistische (philosophische), keine materialistischen (wissenschaftlichen) Texte. Marx vertrat zu dieser Zeit einen idealistische Kommunismus.

Das einzige, was Marx in diesen Manuskripten machte, war die Kategorien der kritischen idealistischen Philosophie auf materielle Gegenstände ‚anzuwenden’[5]. Dadurch büßten sie aber nichts von ihrem idealistischen Charakter ein[6]. Auch wurden durch diese ‚Anwendung‘ den Begriffe der bestehenden bürgerlichen Politischen Ökonomie ihre analytische Gültigkeit nicht bestritten; sie wurden allein ‚von außen‘ philosophisch-politisch anders bewertet[7].

Noch ein, zwei Jahre später vollzog er dann die Wende zum Materialismus und den Wissenschaften (statt der Philosophie):

„Wo die Geschichtsphilosophien“ – auch Marx eigene Geschichtsphilosophie vor 1845 – „von Mensch, ökonomischen Subjekt, Bedürfnis, System der Bedürfnisse, Bürgerlicher Gesellschaft, Entfremdung, Diebstahl, Unrecht, Geist, Freiheit, ja auch von ‚Gesellschaft’ sprachen, da hat Marx angefangen von Produktionsweise, Produktivkräften, Produktionsverhältnisse, Gesellschaftsformation, Basis, Überbau, Ideologien, Klassen, Klassenkampf usw. zu sprechen.“[8]

Nun erkennen Marx und Engels die entscheidende Bedeutung der Produktion:

„Produktion des Lebens, sowohl des eignen in der Arbeit wie des fremden in der Zeugung,“ ist die „erste geschichtliche Tat“ (MEW 3, 29, 28 – Deutsche Ideologie [1846]) „Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren.“ (ebd., 28).

Die materialistische „Geschichtsauffassung beruht also darauf, den wirklichen Produktionsprozeß, und zwar von der materiellen Produktion des unmittelbaren Lebens ausgehend, zu entwickeln und die mit dieser Produktionsweise zusammenhängende und von ihr erzeugte Verkehrsform, [...], als Grundlage der ganzen Geschichte aufzufassen und sie sowohl in ihrer Aktion als Staat darzustellen, wie die sämtlichen verschiedenen theoretischen Erzeugnisse und Formen des Bewußtseins, Religion, Philosophie, Moral etc. etc., aus ihr zu erklären und ihren Entstehungsprozeß aus ihnen zu verfolgen, wo dann natürlich auch die Sache in ihrer Totalität (und darum auch die Wechselwirkung dieser verschiednen Seiten aufeinander) dargestellt werden kann. […]. Diese Summe von Produktionskräften, Kapitalien und sozialen Verkehrsformen, die jedes Individuum und jede Generation als etwas Gegebenes vorfindet, ist der reale Grund dessen, was sich die Philosophen als ‚Substanz’ und ‚Wesen des Menschen’ vorgestellt, was sie apotheosiert und bekämpft haben“ (ebd., 37 f.)

Marx und Engels kritisieren dort „Freiheit“, „Humanität“, „Gerechtigkeit“ als „idealistischen Phrasen“ (ebd., 102). Sie kritisieren die Auffassung, nach der das Recht „nicht aus den materiellen Verhältnissen der Menschen und ihrem daraus entstehenden Widerstreit untereinander, sondern aus ihrem Widerstreit mit ihrer Vorstellung, die sie sich ‚aus dem Kopfe zu schlagen’ haben“, folge (ebd., 300 – unsere Hv.)

Noch weitere 21 Jahre dauert es, bis Marx (sach-angemessen) die Verteilung explizit an die zweite Stelle setzt: In der Wechselwirkung von Produktion, Distribution und Konsumtion ist die Produktion, das bestimmende, das ‚übergreifende’ Element:

„Die Produktion greift über, sowohl über sich in der gegensätzlichen Bestimmung der Produktion als über die andren Momente. Von ihr beginnt der Prozeß immer wieder von neuem. Daß Austausch und Konsumtion nicht das Übergreifende sein können, ist von selbst klar. Ebenso von der Distribution als Distribution der Produkte. Als Distribution der Produktionsagenten aber ist sie selbst ein Moment der Produktion. Eine bestimmte Produktion bestimmt also bestimmte Konsumtion, Distribution, Austausch, die bestimmten Verhältnisse dieser verschiednen Momente zueinander. Allerdings wird auch die Produktion, in ihrer einseitigen Form, ihrerseits bestimmt durch die andren Momente. Z.B. wenn der Markt sich ausdehnt, d.h. die Sphäre des Austauschs, wächst die Produktion dem Umfang nach und teilt sich tiefer ab. Mit Veränderung der Distribution ändert sich die Produktion; z.B. mit Konzentration des Kapitals, verschiedner Distribution der Bevölkerung in Stadt und Land etc. Endlich bestimmen die Konsumtionsbedürfnisse die Produktion. Es findet Wechselwirkung zwischen den verschiednen Momenten statt.“ (MEW 13, 631 = 42, 34 – Einleitung zur Kritik der Pol. Ökonomie [1857]; fette Hv. von uns; kursive Hv. i.O.)

Und 1875, als mittlerweile 57-Jähriger, verwirft Marx in der Kritik an dem Gothaer Programm der SPD erneut den Diskurs der Verteilungs-Gerechtigkeit:

„Was ist ‚gerechte’ Verteilung? Behaupten die Bourgeois nicht, daß die heutige Verteilung ‚gerecht’ ist? Und ist sie in der Tat nicht die einzige ‚gerechte’ Verteilung auf Grundlage der heutigen Produktionsweise? Werden die ökonomischen Verhältnisse durch Rechtsbegriffe geregelt, oder entspringen nicht umgekehrt die Rechtsverhältnisse aus den ökonomischen? Haben nicht auch die sozialistischen Sektierer die verschiedensten Vorstellungen über ‚gerechte’ Verteilung?“ (MEW 19, 18)

Zugleich wendet sich Marx dort gegen die Parole, der „Ertrag der Arbeit“ solle „unverkürzt, nach gleichem Rechte, allen Gesellschaftsgliedern“ zugute kommen:

„Nehmen wir zunächst das Wort ‚Arbeitsertrag’ im Sinne des Produkts der Arbeit, so ist der genossenschaftliche Arbeitsertrag das gesellschaftliche Gesamtprodukt.

Davon ist nun abzuziehen:

Erstens: Deckung zum Ersatz der verbrauchten Produktionsmittel.

Zweitens: zusätzlicher Teil für Ausdehnung der Produktion.

Drittens: Reserve- oder Assekuranzfonds gegen Mißfälle, Störungen durch Naturereignisse etc.

Diese Abzüge vom ‚unverkürzten Arbeitsertrag’ sind eine ökonomische Notwendigkeit, und ihre Größe ist zu bestimmen nach vorhandenen Mitteln und Kräften, zum Teil durch Wahrscheinlichkeitsrechnung, aber sie sind in keiner Weise aus der Gerechtigkeit kalkulierbar.

Bleibt der andere Teil des Gesamtprodukts, bestimmt, als Konsumtionsmittel zu dienen. Bevor es zur individuellen Teilung kommt, geht hiervon wieder ab:

Erstens: die allgemeine, nicht direkt zur Produktion gehörigen Verwaltungskosten.

Dieser Teil wird von vornherein aufs bedeutenste beschränkt im Vergleich zur jetzigen Gesellschaft und vermindert sich im selben Maß, als die neue Gesellschaft sich entwickelt.

Zweitens: was zur gemeinschaftlichen Befriedigung von Bedürfnissen bestimmt ist, wie Schulen, Gesundheitsvorrichtungen etc.

Dieser Teil wächst von vornherein bedeutend im Vergleich zur jetzigen Gesellschaft und nimmt im selben Maß zu, wie die neue Gesellschaft sich entwickelt.

Drittens: Fonds für Arbeitsunfähige etc., kurz, für, was heute zur sog. offiziellen Armenpflege gehört.

Erst jetzt kommen wir zu der ‚Verteilung’, die das Programm, unter Lassalleschem Einfluß, bornierterweise allein ins Auge faßt, nämlich an den Teil der Konsumtionsmittel, der unter die individuellen Produzenten der Genossenschaft verteilt wird.“ (ebd., 18 f.)

Weit mehr als eine andere „Verteilung“ kennzeichnet den Kommunismus die Regelung des Produktionsprozesses (in den Grenzen, die durch die vorhandenen Ressourcen und die naturwissenschaftlichen Gesetze bestimmt werden) in kollektiver Selbstbestimmung (statt nach Marktgesetzen / Konkurrenzzwängen) – die kollektive Entscheidung, durch welchen neuen Produktionsmittel die „verbrauchten“ (abgenutzten oder veralteten) Produktionsmittel ersetzt und in welchem Ausmaß die Produktion erweitert; in welchem Ausmaß gearbeitet und in welchem Konsumiert werden soll; darüber, wie die verschiedenen Interessen der Individuen an Konsum, Freizeit und Umweltbedingungen/Gesundheit zum Ausgleich gebracht werden sollen.

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„Man kann diese Entwicklung [der marxistischen Theorie] schematisch nachzeichnen, indem man festhält, daß der Ausgangspunkt, von dem man sich im gewissen Sinne immer weiter entfernt hat, ganz einfach die alte Idee des Antagonismus zwischen den Armen und den Reichen ist, […]. In der letzten Etappe der Ökonomiekritik, die zum Kapital führt, wird die These von der absolute Verarmung (die dem [lassallschen, TaP] ‚ehernen Lohngesetz’ nahesteht) relativiert. […]. Von Bedeutung sind nicht so sehr die Position der Arbeiter auf dem Markt und die Grenzen ihres Konsums, sondern die gesamte Struktur des Produktionsprozesses, wie sie aus den Zwängen der Kapitalakkumulation resultiert. Von Bedeutung sind vor allem die Formen der Arbeitsteilung; […].“

Stichwort „Klassen“ im Kritischen Wörterbuch des Marxismus (Bd. 4, Berlin, 1986, 615 - 626 (622).


[1]Das zitierte Statement steht unter dem Artikel Den Klassenbegriff diskutieren! von systemcrash und mir, der am vom 03.01.2016 bei linksunten.indymedia erschien. Der/die annonyme Statement-Autor/in wendet sich mit dem Statement gegen die vorhergehende These von systemcrash: „es ging ihm gerade nicht um verteilung und ihre gerechtigkeit, sondern er entdeckte die gesetze des kapitalismus in der produktion, die wiederrum auf dem wertgesetz beruht.“ (Arbeitsprozess, Ausbeutung und Unterdrückung – Mo, 04.01.2016 – 20:52 h)

[2]„Krieg den deutschen Zuständen! Allerdings! Sie stehn unter dem Niveau der Geschichte, sie sind unter aller Kritik“ (MEW 1, 380 – Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung [1844]).

[3]„Wenn ich die deutschen Zustände von 1843 verneine, stehe ich, nach französischer Zeitrechnung, kaum im Jahre 1789“ (ebd., 379)

[4]Der junge Marx teilte die common sense-Ansicht, daß es die Aufgabe des Staates sei, das ‚Allgemeininteresse’ zu repräsentieren: „Der Staat hat nicht nur die Mittel auf eine Weise zu agieren, die ebenso seiner Vernunft, seiner Allgemeinheit und Würde, wie dem Recht, dem Leben und Eigentum des inkriminierten Bürgers angemessen ist; es ist seine unbedingte Pflicht diese Mittel zu haben und anzuwenden.“ (MEW 1, 125 – Holzdiebstahl). Marx kritisierte damals ausschließlich, dass der preußische Staat dieser „Pflicht“ nicht nachkam. Eine solche Pflichtvergessenheit des (preußischen) Staates sah Marx bspw. in dem Holzdiebstahlsgesetz, mit dem dieser Staat „seinem Begriff“ (ebd., 136) oder ‚Wesen’, die Allgemeinheit zu repräsentieren, nicht gerecht werde. Der Staat lasse sich herab zur „Anmaßung des Privatinteresses“, im vorliegenden Fall der Waldeigentümer, „dessen dürftige Seele“ nach Ansicht des jungen Marx „nie von einem Staatsgedanken erleuchtet und durchzuckt worden“ ist (ebd., 126).

„Diese Beschwörung“, die Marx dort vornahm, „wendet sich an den Staat als solchen: Er erkenne sein Wesen, und er wird zur Vernunft werden, zur wahren Freiheit der Menschen, und zwar indem er sich selbst reformiert. Die philosophisch-politische Kritik (welche den Staat an seine Pflichten gegen sich selbst erinnert) fasst also das Ganze der Politik zusammen: es ist die freie Presse, die freie Vernunft der Menschheit, welche als solche zur Politik wird.“, so die Kritik von Louis Althusser (Louis Althusser, Für Marx, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1968, 173). – Dreiunddreißig Jahre später hält Marx dann nicht mehr die ‚Erleuchtung durch den Staatsgedanken’ hoch, sondern polemisiert gegen den „Untertanenglauben der Lassalleschen Sekte an den Staat“ (MEW 19, 31 – Kritik der Gothaer Programms).

[5]S. dazu: Althusser, a.a.O. (FN 3), 46 f.; Jacques Rancière, Der Begriff der Kritik und die Kritik der politischen Ökonomie. Von den „Pariser Manuskripten” zum „Kapital“, Merve: Westberlin, 1972, 13, 16 - 18.

[6]Louis Althusser, Ideologie und Ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie, VSA: Hamburg / Westberlin, 1977, 47 f., vgl. 23 f.

[7]Rancière, a.a.O. (FN 4), 15 f., 20 f.

[8]Louis Althusser, Die Bedingungen der wissenschaftlichen Entdeckung von Marx. Über die neue Definition der Philosophie (1970), in: Horst Arenz / Joachim Bischoff / Urs Jaeggi (Hg.), Was ist revolutionärer Marxismus? Kontroverse über Grundfragen marxistischer Theorie zwischen Louis Althusser und John Lewis, VSA: Westberlin, 1973, 77 - 88 (80).







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