Gramsci und die Oktoberrevolution


Bildmontage: HF

19.03.17
DebatteDebatte, Sozialismusdebatte 

 

Die Revolution ist kein wundertätiger Akt, sie ist ein dialektischer Prozess der historischen Entwicklung“. Gramsci, 1919

Von René Lindenau

In den Beiträgen zur Geschichte der Arbeiterbewegung ( Berlin 33, 1991,1, S. 3-12) verwies Prof. Harald Neubert darauf: Ihr (gemeint waren R. Luxemburg und A. Gramsci) theoretischer Beitrag, wäre geeignet gewesen, die Herausforderungen der Zeit besser zu erkennen und zu bewältigen. Dies blieb jedoch in der kommunistischen Bewegung und in den sozialistischen Ländern weitestgehend unbeachtet. Und später ergänzte er: „Viele seiner (Gramscis) großartigen Ideen wurden von den parteipolitischen Eliten nicht einmal als Herausforderung betrachtet; sie wurden ignoriert oder stillschweigend geduldet, nicht aber begriffen“.

Wollen wir hiermit gegen jene Ignoranz und stillschweigende Duldung anschreiben – im einhundertsten Jahr der Oktoberrevolution und zum achtzigsten Todestag, des so schwer „Begreifbaren“: Antonio Gramsci (1891-1937).

Für den Sozialisten und späteren Mitbegründer und Generalsekretär der KP Italiens, Antonio Gramsci, wurde die Oktoberrevolution zu einem prägenden politischen Ereignis für das eigene politische Denken und Handeln seiner Zeit, die wie man weiß, so knapp bemessen war.

Demzufolge fand die Oktoberrevolution ihren Ausdruck in zahlreichen – Schreibarbeiten – Gramscis. Auf einige seiner Gedankengänge dazu, sei an dieser Stelle eingegangen.

Schon die Februarrevolution unterstütze er. In einem Artikel vom 29. April 1917 charakterisierte Gramsci, sie als eine „proletarische Revolution“, „die natürlich in ein sozialistisches Regime einmünden muss“. Schließlich begrüßte der Theoretiker der „Philosophie der Praxis“ (so verstand er den Marxismus) die Oktoberrevolution. Aber er tat es nicht blind., wie so viele orthodoxe Parteisoldaten.

So ist schon die Überschrift eines Aufsatzes recht provokant, der erstmals am 24. November 1917 in der Mailänder Ausgabe der „Avanti“ erschien: „Die Revolution gegen das „Kapital“.

Da heißt es unter anderem: „Die Revolution der Bolschewiki ist mehr von der Ideologie als von den Tatsachen hervorgebracht worden“. Später liest man: „Die Tatsachen haben die Ideologie überholt. Die Tatsachen haben die kritischen Schemata ad absurdum geführt, denen zufolge die Geschichte Russlands sich nach den Grundprinzipien des historischen Materialismus hätte entwickeln müssen“.

Für manche mag jene seiner Position auch widersprüchlich sein: So vertrat Gramsci die Auffassung, das Russland nicht reif für eine sozialistische Revolution war. Ebenso ist von ihm zu lesen, dass es gelingen werde, die reale Kluft zwischen der Rückständigkeit Russlands und dem sozialistischen Inhalt der Politik zu schließen.

Neben dem schon zitierten Beitrag „Revolution gegen das „Kapital“ findet sich in „Antonio Gramsci - vergessener Humanist? ( Dietz-Verlag Berlin, 1991) ein Brief an das ZK der KPdSU (B). Nach Angaben von Palmiro Togliatti soll ihn der frühere Komintern-Vertreter der italienischen KP in der ersten Oktoberhälfte des Jahres 1926 verfasst haben.

Darin äußerte Gramsci unter anderem: „Wir kennen aus der Geschichte keine Situation, in der die herrschende Klasse in ihrer Gesamtheit unter Bedingungen lebt, die schlechter sind als jene von bestimmten Elementen und Schichten der beherrschten und unterdrückten Klasse“. Eine Gefahr für die weitere Entwicklung der Sowjetunion sah er bei den Auseinandersetzungen innerhalb der Führung nach Lenins Tod, namentlich zwischen Stalin und Trotzki. Er fürchtete die Spaltung oder gar die Auflösung der Partei. Die Meinungsverschiedenheiten in der KPdSU-Führung bekümmerten den „kritischen Kommunisten“ nicht, hingegen waren es die Art und Weise, wie sie ausgetragen wurden. Sinowjew, Trotzki, Kamenjew nannte der Briefautor zum Beispiel als Genossen, die uns zur Revolution erzogen hätten. Sie waren unsere Lehrer, was bedeutete, sie könnten keine Feinde der Revolution sein. So formulierte es Gramsci, der in der Oktoberrevolution immer auch ein Vorbild für eine sozialistische Revolution in Italien sah. Wenn auch nicht als ein Modell, das man mechanisch auf Italien anwenden könnte.

Doch einen Stalin kümmerte das nicht. Er versetzte jene Lehrer im Zuge seiner Säuberungen in den Tod.

Wie sehr Gramsci sich mit dem – Roten Oktober – von 1917 verbunden fühlte, lässt die Erinnerung eines journalistischen Zeitgenossen, Piero Gobetti, deutlich werden. Beide publizierten damals in der Il Grido popolo (Volksstimme). Der Autor der Biographie „Das Leben des Antonio Gramsci“ (Rotbuch, Verlag, 2013), Giuseppe Fiori, bietet dafür den Platz zu dieser Erinnerung. Gobetti: „Aus der kleinen Propagandazeitschrift der Partei wurde 1918 eine Zeitschrift des kulturellen und intellektuellen Lebens. Sie veröffentlichte die ersten Übersetzungen der russischen Revolutionsschriften und versuchte eine politische Einschätzung des bolschewistischen Vorgehens. Die Anregung zu diesen Studien ging von Gramsci aus“.

Antonio Gramsci vertrat den Anspruch, man müsste immer etwas für ewig schaffen. Der Sarde hat es wohl geschafft. Nennen wir nur sein Hauptwerk, die zehnbändige Ausgabe der Gefängnishefte (Argument Verlag).

Aber die Oktoberrevolution? Nach vierundsiebzig Jahren gingen „Staat und Revolution“ (geschrieben von Lenin, 1917) unter. Nichts mit ewig!

Cottbus, den 19. 03. 2017 René Lindenau



Leserbrief von Wolfgang Kulas - 20-03-17 14:00




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