Überlegungen zu einer politischen Philosophie der Gewalt


Bildmontage: HF

16.07.17
DebatteDebatte, Bewegungen 

 

Von systemcrash, 16.07.2017

„Alle Gewalt ist als Mittel entweder rechtsetzend oder rechtserhaltend. Wenn sie auf keines dieser beiden Prädikate Anspruch erhebt, so verzichtet sie damit selbst auf jede Geltung. Daraus aber folgt, daß jede Gewalt als Mittel selbst im günstigsten Falle an der Problematik des Rechts überhaupt teilhat.“ (Walter Benjamin)

bei mir sind nach dem schreiben des artikels über den "linken gewaltdiskurs" noch einige fragen offen geblieben. mehr durch zufall bin ich bei meinen recherchen auf den namen von "Walter Benjamin" gestossen, dessen name mir zwar bekannt ist, aber mit viel mehr wissen über ihn kann ich leider nicht glänzen. von ihm gibt es einen aufsatz "Zur Kritik der Gewalt", mit dem ich leider nicht allzu viel anfangen kann, da er eher eine "rechtstheoretische" diskussion vollführt; und da fühle ich mich nicht kompetent genug für.

gott sei dank habe ich etwas sekundärliterastur dazu gefunden (bzw. wurde darauf hingewiesen :) ), die mir ausreichend scheint, eine "philosophische" und "politische" kritik der gewalt zu wagen.

zu Benjamin kann  ich nur so viel sagen, dass er mir einer der wenigen denker zu sein scheint, die ernsthaft an einer "synthese" von "religion" und "marxismus" gearbeitet haben, und dies ist natürlich mein thema schlechthin :) ! (man könnte noch Erich Fromm dazu nennen, aber mein gefühl sagt mir, dass man Fromm nur schlecht mit Benjamin vergleichen kann.)

Zunächst zur naheliegendsten Frage: was ist überhaupt Gewalt?

wir verwenden solche begriffe in der alltagssprache ganz "selbst-verständlich", ohne gross darüber nachzudenken. aber wenn man uns fragt, was bestimmte begriffe eigentlich beinhalten, merken wir, dass sie doch nicht ganz so "selbstverständlich" sind, wie wir denken oder dachten. beim gewalt-begriff muss man allerdings sagen, dass sein inhalt und die alltagsintuition darüber schon recht eng beieinander liegen, zumindest was die körperliche gewalt betrifft. "psychische" oder gar "strukturelle" gewalt setzten allerdings eine "höhere" reflektionsebene voraus.

die wikipedia-definition scheint mir dem kern der "sache" schon nahe zu kommen, wenn sie allerdings auch wieder eine weitere differenzierung erforderlich macht:

"Als Gewalt (von althochdeutsch waltan „stark sein, beherrschen“) werden HandlungenVorgänge und soziale Zusammenhänge bezeichnet, in denen oder durch die auf MenschenTiere oder Gegenstände beeinflussend, verändernd oder schädigend eingewirkt wird. Gemeint ist das Vermögen zur Durchführung einer Handlung, die den inneren oder wesentlichen Kern einer Angelegenheit oder Struktur (be)trifft."

beim ersten lesen verblüfft diese definition ein bisschen. da stehts nichts über ohrfeigen, faustschäge und hintern versohlen; dinge, an die man doch als erstes denkt, wenn man das wort "gewalt" hört, oder?

selbst der satz "handlungen, die schädigend einwirken" würden diese beispiele zwar "theoretisch" abdecken, aber auch nicht zu 100%. es gibt z. b. leute, die sich aus sexuellen gründen (freiwillig) schlagen lassen. da würde das mit dem "schädigen" schon nicht mehr hinkommen. natürlich gibt es bei definitionen immer ausnahmen. und auch bei gesetzen gibt es ja häufig "zusatzregelungen", um eben genau diese "ausnahmen" zu erfassen. aber auch das ist letztlich ein fass ohne boden, ein ewiges "wettrennen" gegen die "wirklichkeit", weil das leben immer komplexer ist als die elaborierteste theorie (egal, auf welchem gebiet).

bei den drei verben "verändern, beeinflussen, schädigen" ist nur "schädigen" eindeutig negativ konnotiert. schon merkwürdig für eine "gewalt-definition"! aber ist denn das "vermögen" (beachte die doppelbedeutung!) einen "wesentlichen Kern einer Angelegenheit oder Struktur" betreffend zu "verändern" oder "zu beeinflussen" nicht etwas "positives"? "beeinflussen" könnte allerdings im sinne von "manipulation" auch etwas "negatives" sein.

hier stossen wir auf das "fundamentale" problem, dass "gewalt" tatsächlich einen ambivalenten bedeutunggehalt hat. schon die wortwurzel "stark sein" deutet das an (stark sein ist doch was gutes, oder?) aber selbst beim problematischeren "beherrschen" finden wir eine doppelbedeutung: jemand kann z. b. sein handwerk gut "beherrschen", aber "beherrschen" kann auch auf ein "unterdrückungsverhältnis" hinweisen.

selbst wenn wir das die eine seite der "gewalt" (im sinne von handlungsfähigkeit) als "vermögen" (positiv) ansehen und die andere ("unterdrückung" [1]) als "destruktiv" [2] ansehen, dann ändert diese differenzierung aber nichts darin, dass auch die fähigkeit zur destruktion ein "vermögen" darstellt. Auch wenn dieses spezielle 'vermögen' sehr wahrscheinlich auf psychische probleme (charaktermängel) hinweist. Aber umso gefährlicher sind dann solche gewalt-inhaber. Wer jetzt spontan an Trump denkt, liegt richtig.

"Gewalt" und "Macht"

an dieser stelle müssen wir einen kleinen logischen "sprung" machen, damit wir der doppelwertigkeit von gewalt weiter auf der spur bleiben können. ich hoffe, dass der "sprung" nicht so gross ist, dass die nachvollziehbarkeit der argumentation darunter leidet. wir müssen nämlich jetzt quasi die sphäre des "politischen raums" betreten, im dem sich die (individuelle) "gewalt" mit anderen (gesellschaftlichen) "kategorien" verbindet, ja regelrecht legiert.

die ganze bisherigen ausführungen deuten es schon an, dass gewalt sich in einem engen verhältnis zum "Macht-begriff" befindet. dazu noch mal wikipedia:

"Im soziologischen Sinn ist Gewalt eine Quelle der Macht. Im engeren Sinn wird darunter häufig eine illegitime Ausübung von Zwang verstanden. Im Sinne der Rechtsphilosophie ist Gewalt gleichbedeutend mit Macht (englisch power, lateinisch potentia) oder Herrschaft (potestas). Zivilrecht und Strafrecht basieren auf dem allgemeinen Gewaltverbot (siehe hierzu auch Gewaltmonopol des Staates)."

das vermögung zur gewaltausübung ist also eine form von "Macht" (das das lateinische potentia die sprachwurzel von "potenz" ist, sei hier nur am rande bemerkt, da ich unmöglich die gewaltfrage auch noch mit der "geschlechterfrage" verknüpfen will, obwohl der zusammenhang evident ist. der artikel würde dann aber eine nicht vertretbare länge bekommen. vlt als planung im hinterkopf für einen dritten teil einer "gewalttrilogie"?

aber auch hier wieder die bekannte doppelbedeutung: "Fähigkeit des Mannes, den Geschlechtsakt zu vollziehen" und "Stärke, Leistungsfähigkeit".)

auf die unterscheidung von "Macht" und "Herrschaft" möchte ich hier nicht weiter eingehen, da sie meines erachtens für die untersuchung des gewalt-begriffs nicht wesentlich ist. den begriff "zwang" würde ich ebenfalls unter dem gewalt-begriff subsumieren wollen.

"Staat" und "Recht"

"Macht" kann es sowohl auf einer "persönlichen" ebene geben (z. b. in heterosexuellen beziehungen) als auch auf einer "gesellschaftlichen". bei der gesellschaftlichen ebene denkt man "natürlich" an den Staat. ich kann hier nicht einmal in ansätzen eine"staatstheorie" entfalten, die diesen namen verdienen würde; denn dies würde den rahmen eines artikels weit sprengen. ich muss mich hier auf die ebene des "Rechts" beschränken und das ist schon kompliziert genug.

ich muss gestehen, dass ich die rechtstheoretische diskussion bei Benjamin nicht verstehe. ich weiss nicht, was der unterschied zwischen einer "naturechtlichen" bestimmung des rechts ist im gegensatz zum "positiven recht". vlt kann ein jurist oder rechtstheoretiker dazu noch was sagen. jedenfalls waren dadurch seine weiteren ausführungen für mich nicht weiter interessant. was ich aber, zumindest meine ich das, verstanden habe, ist, dass es keine gewalt ausserhalb des rechts gibt. wenn gewalt diesen bezug nicht herstellt, bleibt sie ohne geltungsanspruch (vergleichbar mit einer horde herumziehender marodeure, die natürlich auch keinen "politischen" anspruch haben; ihr einziger "anspruch" ist, zu überleben. aber diesen anspruch haben ja wohl alle. die frage ist nur, unter welchen [gesellschaftlichen] bedingungen.)

Raul Zelik [alle zitate, so weit nicht anderes vermerkt, stammen aus diesem text] hat in einem aufsatz über die gewaltkritik bei Benjamin den zusammenhang von "Gewalt und Recht" so formuliert:

"Gewalt und Recht sind untrennbar miteinander verknüpft, wobei die Gewalt zwei grundlegende Funktionen ausübt: Entweder wirkt sie rechtsetzend oder rechtserhaltend. Die rechtserhaltende Gewalt, wie sie in der Polizei, dem Justizwesen oder – auf extremste Weise – in der Todesstrafe zum Ausdruck kommt, erfüllt dabei nicht die Aufgabe, die Bürger von konkreten Verbrechen abzuhalten. Sie ist vielmehr eine Herrschaftsdemonstration, durch die wortlos an Ursprung und Essenz des Rechts erinnert wird: an die durch Gewalt gesetzte Macht."

ich denke zwar, dass diese formulierung übertrieben einseitig ist, denn natürlich hat (Straf)Recht auch eine präventive funktion (was bei der todesstrafe sicher fraglich ist, die ich aber ohnehin gänzlich ablehne). trotzdem stimmt es auch, dass es eine "Machtdemonstration" ist.

viel interessanter finde ich aber die formulierung, dass der "ursprung“ des Rechts gewalt und Macht sind; ja, dass das sogar seine "essenz" sei. denn wenn das stimmt -- und ich glaube, dass es stimmt! -- dann stellt sich auch sofort und massiv die frage nach der "legitimität" des Rechts (was ja schon selbst eine tautologische 'zirkelfigur' darstellt).

wenn ich es richtig verstehe, behaupten die naturrechtler, dass das vermögen zur gewalt zur "menschlichen" grundausstattung dazu gehört, während die positivrechtler die gewalt nur im rahmen des rechts sehen wollen, aber nicht die gewalt als solche in frage stellen.

„Benjamin verweist hier auf den bemerkenswerten Umstand, dass für den liberalen Staat nicht die Gewalt als solche ein Problem darstellt, sondern die Ausübung durch Nichtbefugte."

Benjamin wendet sich gegen beide standpunkt und das meines erachtens zu recht. dass er sich auch gegen den "pazifismus" stellt, sei hier nur vermerkt, denn die "begründung" dafür ist äusserst "theologisch" (für mich nicht nachvollziehbar). dies kann man aber im lesenswerten aufsatz von Zelik selbst nachlesen.

interessant ist auch, dass Benjamin in der einschätzung von recht und gewalt mit einem eher "rechten" rechtstheoretiker übereinstimmt: Carl Schmitt.

"Dort, wo es keine Ordnung gibt, so [Carl] Schmitts Credo, herrsche auch kein Recht; und Ordnung wiederum werde gewalttätig geschaffen. Das ist der Kern des berühmten Schmittschen Dezisionismus: Im Inneren des Rechts befindet sich die erfolgreiche Entscheidung [sic!!! anm. v. mir]: die Durchsetzung einer Ordnung, die in Krisensituationen auch mit aller Gewalt verteidigt werden muss."

wieder stellt sich die frage, wer legitimiert diese "entscheider", oder man könnte auch fragen: wer legitimiert die legitimierer [3]? im staat hat sich also die "ursprüngliche" gewalt eine form gegeben, die über einen längeren zeitraum tradiert werden kann. wenn sich so etwas über mehrere generationen hinzieht, dann weiss irgendwann niemand mehr, wie das alles mal anfing; der gewaltursprung des staates wird nicht mehr wahrgenommen und er verselbständigt und institutionalisiert sich, wird nicht mehr in frage gestellt ... bis es irgendwann mal eine gesellschaftliche krise gibt.

(dass das gewaltmonopol des staates auch seine guten seiten hat, darauf sei hier nur hingwiesen).

an dieser stelle kommen wir nun zum eigentlichen clou in der gewaltkritik bei Benjamin. dass, was für alle staatsgewaltigkeit gültig ist, gilt nämlich auch für die "revolutionäre gewalt".

"Das Dramatische an Benjamins Überlegungen ist nun, dass dieser Zusammenhang auch für revolutionäre Gewalt gilt. Auch sie etabliert einen Ordnungszustand, der das Kainsmal der Willkür nicht loswird. Daraus ergibt sich für Benjamin auch eine Art Pendelbewegung zwischen den Funktionen der Gewalt. Da die rechtserhaltende Gewalt ihren Unrechtscharakter nicht abschütteln kann, provoziert sie aufständische Reaktionen, die neues Recht zu setzen versuchen. Das aber bedeutet: Die revolutionäre Gewalt ist nicht in der Lage, den Zirkel von Herrschaft und Aufstand zu verlassen.

hier müssen wir mal kurz durchatmen. was unterscheidet "revolutionäre gewalt" von "rechtserhaltender gewalt“ oder gibt es eigentlich gar keinen unterschied?

"Recht" und "Gerechtigkeit"

jetzt müssten wir eigentlich von der "philosophischen" betrachtung zur (programmatischen) bewertung und "handlungsbrauchbarkeit" kommen in sachen "politischer gewalt". leider macht uns Benjamin diesen "sprung" nicht gerade leicht.

Benjamin behauptet nun, die bürgerliche Rechtsordnung folge dem griechisch-mythischen Prinzip, die Gerechtigkeit hingegen sei dem judaischen zugeordnet: „Rechsetzung ist Machtsetzung und insofern ein Akt unmittelbarer Manifestation der Gewalt. Gerechtigkeit ist das Prinzip aller göttlichen Zwecksetzung, Macht das Prinzip aller mythischen Rechtsetzung“. Mit dieser theologischen Volte distanziert sich Benjamin auch vom Pazifismus. Es ist nicht nur so, dass das Mittel der Gewalt die Ziele kontaminiert, wie Pazifisten wohl behaupten würden. Bei Benjamin besteht der Zusammenhang eher umgekehrt: Die Gewalt wird durch den Zweck kontaminiert. Eine Handlung wird erst dadurch zum Macht- und Gewaltakt, dass sie etwas durchsetzen soll. Die „göttliche Gewalt“ hingegen ist eine, die keinen Interessen dient, gar keine Rechtsordnung errichten will."

ich muss zugeben, dass ich damit wenig anfangen kann, obgleich ich mich durchaus auch als 'spiritueller' mensch verstehe. zur jüdischen religion kann ich nichts sagen, weil ich da null ahnung habe. dass das "bürgerliche recht" einen "mythologischen" ursprung hat, da würde ich noch mitgehen. ich würde aber nicht sagen, dass das bürgerliche recht nur "Machtsetzung" ist (aber auch). "gerechtigkeit" als ein "göttliches prinzip" zu bezeichnen, selbst das könnte ich noch akzeptieren, aber unter "marxisten"würde ich mir damit sicher keine freunde machen ;) .

aber was ist eine "handlung", die nichts "durchsetzen soll"? das klingt ja schon fast wie ein ZEN-koan! und was ist eine gewalt (selbst eine "göttliche"), "die keinen interessen dient"? menschen (die nicht "göttlich" sind, höchstens nach einem ethischen ideal streben können) haben nun mal "interessen", und sie müssen sie auch durchsetzten, weil sie sonst schlecht(er) leben würden oder vlt sogar sterben müssten; aus sozialen gründen, nicht biologischen.

"Benjamin verweist hier auf den bemerkenswerten Umstand, dass für den liberalen Staat nicht die Gewalt als solche ein Problem darstellt, sondern die Ausübung durch Nichtbefugte. Um dies genauer zu verstehen, erörtert Benjamin eine Gewaltform, die der Staat gerade noch toleriert: den Streik. Nun lässt sich einwenden, dass der Streik weniger ein Gewaltmittel als eine Form der Verweigerung ist. Aber immerhin kann man festhalten, dass der Streik ein durchaus kämpferisches Mittel ist, um die eigenen Interessen gegen Widerstand durchzusetzen. Seltsamerweise, so Benjamin weiter, ist diese Kampfform legal, wenn sie die Unternehmer zu etwas Konkretem, z.B. Lohnerhöhungen, zwingt, hingegen illegal, wenn sie droht, die Regierung zu stürzen. An diesem Beispiel zeige sich, dass nicht das Mittel das Problem darstellt, sondern die damit verfolgten Intentionen.

ja, das ist doch mal was handfestes! also nicht die gewalt (in welcher form auch immer) ist das problem, sondern ihre ziele! ja, wunderbar und halleluja, kann ich da nur sagen. wenn die gewalt also dient, die herrschaft der "wenigen" über die "vielen" aufrechtzuerhalten, ist sie "ungerecht" und umgekehrt ist sie "gerecht"!  - also, quasi siech im volkskriech ;)

nee, ganz so einfach ist es dann doch nicht. denn es bleibt immer noch das problem, dass neue "rechtsetzungen" nicht die spirale von gewalt und "gegengewalt" beenden können. und mit pazifistischer gewaltlosigkeit kann man zwar mächtige symbole schaffen (Jesus, Gandhi, Martin Luther King), aber so richtig am herrschaftlichen status quo rütteln sie bestenfalls durch einen anstoss für eine höherentwicklung des gesellschaftlichen bewusstseins, ohne aber an den strukturen etwas zu ändern, oder ändern zu können.

Wie kommt man aus diesem Gewalt-Dilemma heraus? 

"Doch Benjamins Essay ist kein politischer Strategietext; er formuliert ein Problem: Er zeigt auf, wie das liberale Recht an die Willkürherrschaft der Gewalt gefesselt bleibt, und legt damit nahe, dass auch revolutionäre Gewalt nur mythische Formen des Rechts hervorbringen kann. Die soziale Revolution als Befreiung, als „Tigersprung unter dem freien Himmel der Geschichte“ ... müsste auf etwas Anderem fußen: auf der Verständigung von Menschen, auf neuen, radikalen Formen der Demokratie. Hannah Arendt, die zu den wenigen gehörte, die Benjamins Essay vor der Neuveröffentlichung Mitte der 1960er Jahre kannte, griff diese Überlegung auf, als sie in On Revolution die Amerikanische Revolution (mit ihren räteähnlichen Strukturen) gegen das französische Jakobinertum verteidigte. Konstituierender Prozess statt Grande Terreur. Zwar idealisiert Arendt in ihrem Buch die USA, indem sie die systematische Auslöschung der native americans, Rassismus, Sklaverei und bürgerliche Herrschaft als Teil der Staatsgründung ausblendet. Aber sie bleibt Benjamins Einwand doch in einer Hinsicht treu: Es gilt, den geschlossenen Zirkel von Gewalt, Rechtsetzung und Umsturz zu unterbrechen.

Subversive, politische Gewalt mag legitim, in manchen Fällen auch unvermeidbar sein: Ohne die Partisanen Süd- und Osteuropas wäre der Nationalsozialismus nicht besiegt worden. Und hätten die deutschen Arbeiterparteien 1933 den bewaffneten Kampf aufgenommen, dann hätten die Kräfte Nazi-Deutschlands für Auschwitz und die Besetzung Europas vermutlich nicht mehr gereicht. Es wäre idiotisch zu leugnen, dass politische Gewalt eine unverzichtbare Form des Widerstands sein kann. Aber als Mittel, um Gerechtigkeit herzustellen, taugt sie offensichtlich nicht. Wenn es in bewaffneten Aufständen soziale Emanzipation gegeben hat, dann nicht wegen, sondern trotz der Gewalt.“

und in einem artikel im FREITAG heisst es ähnlich:

Die Ablehnung jeglicher Gewalt mit dem Argument, sie sei „moralisch böse“, verstärkt jedenfalls die Verschleierung der systemischen Gewalt, die in kapitalistischen Gesellschaften alltäglich herrscht und zahlreiche Opfer fordert, von den Toten im Mittelmeer bis zu Obdachlosen in den Metropolen. Gewalt kann (oder muss) unter bestimmten historischen Bedingungen ein Mittel im politischen Kampf darstellen. Aber: Gerechtigkeit lässt sich nicht mit ihr allein und schon gar nicht automatisch herstellen. Der Kreislauf der Herrschaft muss nicht nur unterbrochen, es muss auch eine neue, radikalere Form der Demokratie entwickelt werden.“

im prinzip haben wir es hier mit einer argumentativen zirkel-diskussion zu tun: "gewalt" ist keine kösung, weil sie wieder eine neue [willkürliche] (un)rechtsordung hervorbringt, so, als ob in jeder revolution die konterrevolution schon inhärent wäre. und diese sichtweise stimmt sogar mit dem bisherigen geschichtsverlauf überein. Aber muss das so sein – für alle zukunft?

Und was folgt aus dieser erkenntnis? man kann natürlich sagen, weil der bisherige verlauf der geschichte eine geschichte der gewalt ist, lehne ich sie ab. aber so eine haltung führt nur zu einer individuellen verweigerung, die vlt dem eigenen gewissen guttut, aber keine gesellschaftlichen veränderungsmöglichkeiten bietet. unsere probleme liegen nicht in der vergangenheit, sondern in der zukunft. aber ohne die lehren der geschichte finden wir sie auch nicht. was würde eine 'armee' von pazifisten tun, wenn sie einer echten armee gegenüberstünde? und die herrschenden ordnungen sind bis an die zähne bewaffnet. ist es eine berechtigte hoffnung, dass diese gewaltapparate kampflos abdanken, um einer 'besseren' welt platz zu machen? ich denke nicht, aber ich wünschte, es wäre möglich.

womit wir es also wirklich zu tun haben, ist die ungleichzeitigkeit von gesellschaftlichem bewusstsein und revolutionären prozessen. die menschheit kann sich nicht in einem einzelnen emanzipativen akt von allen schlacken und muttermalen der alten gesellschaften befreien. das ist unmöglich! so einen bewusstseinsstand innerhalb bürgerlicher gesellschaften wird es niemals geben und kann es nicht geben! wenn es sowas geben könnte, könnte es auch "friedliche" "sozialistische revolutionen" geben, ja wir könnten gleich zum „kommunismus“ oder zur „anarchie“ übergehen. aber allein, die wirklichkeit verurteilt diese vorstellung zu einer unerfüllbaren utopie, auch wenn es wünschenswert wäre, dass sie eine realität werden könnte. aber leider richtet sich das leben nicht nach unseren wünschen, sondern nach (historischen) notwendigkeiten.

"freiheit ist einsicht in die notwendigkeit"? - solange wir in klassengesellschaften leben, ja!

aber es gibt eine vision "höherer freiheit":

"In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben:
Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!" -- Marx, Kritik des Gothaer Programms

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse sich erweitern; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehen, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehen. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann.
Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung.“ -- Marx, Das Kapital, Bd. III 

 

können die "verdammten dieser erde" aufhören, für ihren platz als menschliche wesen unter der sonne zu kämpfen? - nein und nochmals nein! die "revolution" (und sei es "nur" als idee) wird niemals aufhören, zu sagen: ich war, ich bin und ich werde sein! Und in diesem sinne ist sie auch „permanent“.

aber nur die "mittel" sind tauglich, die dem "zweck" entsprechen. der kampf um diese frage ist noch nicht entschieden und er wird erst entschieden sein, wenn der mensch seine "heimat" gefunden hat; nicht im jenseits, sondern im echten 'hier'. über das "jenseits" kann dann jeder denken und glauben, wie er es für richtig hält, solange er damit nicht seine nachbarn ärgert. ;)

"Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ -- Ernst Bloch 

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[1] siehe auch die definition von "hierachie" bei Riane Eisler: “der ausdruck “herrschftshierachien”
bezeichnet hierachien, die sich auf gewalt
bzw offen oder verdeckt angedrohte gewalt gründen.
solche hierachien unterscheiden sich grundsätzlich
von denen, die man beim fortschreiten von niederen
zu höheren funktionsniveaus antrifft…
hierachien dieses typs könnte man als verwirklichungshierachien bezeichnen, weil sie die funktion haben, das potential des organismus zu vergrössern.
auf gewalt oder gewaltandrohung basierende menschliche
hierachien dagegen hemmen nicht nur die persönliche
kreativität, sondern erzeugen ein soziales system, das die niedrigsten menschlichen eigenschaften
verstärkt und das höhere streben (etwa züge wie mitgefühl
und einfühlungsvermögen, wahrheits- und gerechtigkeitsliebe)
systematisch unterdrückt.” (Riane Eisler, zit nach Ken Wilber;
Eros Kosmos Logos)

[2] Erich Fromm hat darüber ein dickes buch geschrieben mit dem titel: Anatomie der menschlichen Destruktivität. es ist aber lange her, dass ich es gelesen habe.

[3] "Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. Sie muß daher die Gesellschaft in zwei Teile - von denen der eine über ihr erhaben ist - sondieren." -- Marx

 



Abschliessende Bemerkungen zum Verhältnis von "Gewalt" und "Politik" (aber noch lange nicht das „Ende“) - 18-07-17 20:56
Anmerkungen zum „linken/linksradikalen“ Gewaltdiskurs im Nachgang zu G20 - 15-07-17 20:56




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