Abschliessende Bemerkungen zum Verhältnis von "Gewalt" und "Politik" (aber noch lange nicht das „Ende“)


Bildmontage: HF

18.07.17
DebatteDebatte, Bewegungen 

 

Von systemcrash

Rebellion entsteht aus Hoffnung“

(Star Wars)

Geschichte(n) als "Narrative der Macht"

dass geschichte von den "siegern" geschrieben wird, ist keine ganz neue erkenntnis. insofern könnte man sagen, dass geschichte eine abfolge von "Macht-narrativen" ist. das klingt "postmodern" und ist es wahrscheinlich auch und vermutlich ist es auch nicht die ganze wahrheit, aber es ist zumindest ein brauchbarer methodischer zugang, sich geschichtlichen "realitäten" anzunähern. realität steht deshalb in anführungszeichen, um a) ihre erkenntnismässige unvollständigkeit  und b) ihre interessen- und Macht-geleitete "konstruiertheit" auszudrücken. es heisst aber nicht, dass keine (geschichtliche) wahrheit gäbe. (auch wenn der „wahrheits-begriff“ nicht ganz frei von erkenntnistheoretischen tücken ist).

zwei ereignisse in meiner politischen sozialisation waren wohl ziemlich prägend für mich, obwohl ich es zu dem zeitpunkt der ereignisse selber gar nicht wusste und schon gar nicht (politisch) einordnen konnte (ich war viel zu jung dafür). das erste war das ende des Vietnam-krieges und die dadurch einsetzende politisierung/radikalisierung nach "links" (damals wirkte noch die 68er-bewegung nach). das zweite war der "deutsche herbst". man könnte auch noch die „volksfront“ und den Putsch von Pinochet und den Tod von Allende in Chile  erwähnen, aber das war für mich doch insgesamt ziemlich "weit weg". aber alle drei haben ein zentrales und gemeinsames thema: die "gewalt".

ein  (eher entfernter) bekannter von mir, der schon eine politische schulung in diversen "trotzkistischen" gruppen hatte, sagte mal zum thema "gewalt und Macht" sinngemäß (das muss so um die zeit des "deutschen herbstes" gewesen sein, bin mir aber nicht sicher): ein terrorist, der verliert, bleibt (im ansehen) ein terrorist. ein terrorist, der gewinnt, wird ein staats-chef (er bezog das auf Andreas Baader und Fidel Castro).

das hat mich damals schwer beeindruckt und da ist auch sicher was dran. aber es gibt keine hilfestellung für die frage, die uns hier beschäftigen soll: die frage nach der "legitimität von gewalt als "politisches mittel". es wird deutlich (damals wusste ich das natürlich nicht), dass in dieser aussage „gewalt“ ziemlich „instrumentell“ betrachtet wird, ohne dass die ethische dimension berücksichtigt wird (bzw. sie wurde mit sicherheit gar nicht gesehen und wenn sie gesehen wurde, dann nicht als [politisches] problem. es scheint mir aber nicht „marxistisch“ zu sein, politik auf eine reine „Machtfrage“ zu reduzieren [das ist sogar ziemlich „bürgerlich“, im schlechten sinne, da es den aspekt des politischen bewusstseins breiter bevölkerungsschichten „vergisst“]. vlt können deshalb einige „postmoderne“ auch ganz gut mit Lenin?!)

"Mittel" und "Zweck"

dass die mittel dem zweck entsprechen müssen, ist natürlich eine binsenweisheit, auch wenn sie trotzdem richtig ist. im falle der gewalt scheint mir diese "mittel/zweck"-relation aber eine "denkfalle" zu implizieren. diese denkfalle besteht in einer instrumentellen betrachtung der gewalt, die die ethisch/moralische dimension ausblendet oder zumindest zuwenig berücksichtigt.

die frage der "legitimität" müsste also anders gestellt werden, ist gewalt überhaupt geeignet, "emanzipatorische" effekte zu erzielen? auch wenn man nicht der Benjaminschen geschichtsmetaphysik des teufelskreises von gewalt und gegengewalt anhängt, so ist diese frage doch trotzdem berechtigt.

die argumention des pazifismus lautet ungefähr so: höherwertig als das "gerechte leben" ist das "leben an sich". Benjamin hält diese aussage für "falsch und unedel" und begründet das damit, dass das leben niemals "an sich“ sei (blosses dasein), sondern sich immer übersteige (transzendiere) - man könnte auch sagen: ziele verfolgt, die die bestehenden grenzen überschreiten.

"»töte ich nicht, so errichte ich nimmermehr das Weltreich der Gerechtigkeit ... so denkt der geistige Terrorist ... Wir aber bekennen, daß höher noch als Glück und  Gerechtigkeit eines Daseins ... Dasein an sich steht«.
So gewiß dieser letzte Satz falsch, sogar unedel ist, so gewiß deckt er die Verpflichtung auf, nicht länger den Grund des Gebotes in dem zu suchen, was die Tat am Gemordeten, sondern in dem, was
sie an Gott und am Täter selbst tut. Falsch und niedrig ist der Satz, daß Dasein höher als gerechtes Dasein stehe, wenn Dasein nichts als bloßes Leben bedeuten soll..."

obgleich dieser hinweis auf die transzendenz des lebens "richtig" ist, überzeugt mich dieses argument nicht. transzendenz ist doch nur dann im "dasein" wirk-sam und wirk-lich, wenn man sich ihrer auch bewusst ist. aber es gibt doch genug menschen, die sind mit ihrem leben (egal, wie "beschränkt" [aus der sicht anderer] oder bescheiden) zufrieden und im reinen, auch wenn sie keine "höheren ziele" anstreben. bedeutet das im umkehrschluss, dass das "dasein an sich" einen "geringeren wert" hat als das streben nach einem "gerechten leben" (zumal gar nicht so klar ist, was ein "gerechtes leben" sein soll)? das kanns ja wohl nicht sein, oder?! (die assoziation mit dem "unwerten leben" war von mir jetzt gar nicht beabsichtigt, aber sie drängt sich halt auf.)

nein, von einem "moralischen" standpunkt aus (sei er religiös oder humanistisch begründet) rechtfertigt nichts gewalt gegen andere menschen (gemeint ist hier "offensive" gewalt, nicht notwehr- oder widerstandsrecht)!

aber auch das hilft uns noch nicht richtig weiter bei der beurteilung nach der "legitimität der politischen gewalt", denn es ist mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit klar, dass "gewaltlosigkeit" kein mittel  gegen eine welt sein kann, die vollkommen von gewalt geprägt ist. das 'kleine' problem ist „nur“, dass es sanktionierte und nichtsanktionierte (also nicht rechtmässige) gewalt gibt.

meiner meinung nach ist es nicht möglich, politische gewalt von einem rein "rationalen" oder "programmatischen" standpunkt aus zu beurteilen, weil man sich immer in einem widerspruch zwischen der gewaltförmigkeit der handlung und der moralischen grundintuition befinden würde. dieser widerspruch verschwindet auch nicht durch den hinweis auf die "gerechtigkeit der ziele".

die einzig mögliche "betrachtung" (die aber eigentlich keine betrachtung ist, sondern eine "leidenschaftliche" lebenshaltung, die aber auch nur in konkreten situationen greifen kann) ist die exististentielle oder situative.

"Kiergekaard ist ein gegner von Hegel, ein geistiger begründer des existentialismus.
er betonte die bedeutung des individuums.
es gibt keine wahrheit, sondern wahrheiten.
sujektive wahrheiten, die für das eigene leben bedeutung haben.
und weil sie für unser leben bedeutung haben, haben wir kein rationales verhältnis zu ihnen, sondern ein leidenschaftliches. diese leidenschaft ist kein intellektueller diskurs.
es ist ist eine frage auf leben und tod—vielleicht nicht für die gesellschaft, aber für den einzelnen. objektive wahrheiten –1+1=2, die winkelsumme eines dreiecks beträgt 180° – umtreiben uns nicht, sie berühren uns nicht, sie haben keine existentielle bedeutung für uns. wenn wir ins wasser fallen und uns das ertrinken droht, denken wir nicht über die chemische zusammensetzung des wassers nach…wir kämpfen einfach um unser überleben…instinktiv, ohne nachdenken, aus dem bauch raus. wenn wir von einem pfeil getroffenn werden, denken wir nicht über die beschaffenheit des schaftes oder ob er wohl vergiftet sein mag oder im welchem winkel er ins fleisch eingedrungen ist nach—wir wollen einfach, daß uns jemand hilft, den pfeil rauszuziehen und die wunde versorgt...alle diese fragen sind existentielle fragen, nicht verstandesfragen—darum können wir sie auch nicht (nur) mit dem verstand beantworten. dies ist leidenschftliche existentielle haltung…"

wenn wir dies mutatis mutandis auf die politische gewalt anwenden wollen, dann kann es nur bedeuten, dass gewaltförmiges handeln nur dann "gerechtfertigt" ist, wenn unsere "leidenschaftliche, existentielle" haltung uns dazu zwingt (dies scheint mir eine grosse argumentative nähe zur "affekthandlung" und zur "notwehr" zu haben). In einem strengen sinne müsste man sogar sagen, dass diese gewalthandlungen nicht (moralisch)"gerechtfertigt" sind, sondern juristisch schuldausschliessend, da der "täter" sich in einer "ausnahmesituation" befindet, die eine zurechenbarkeit ausschliesst oder zumindest (stark) relativiert. (im deutschen strafrecht ist sogar der notwehrexzess straffrei, also die überschreitung der notwehr durch überzogene, unverhältnismässige Mittel.)

eine politisch/gesellschaftliche "ausnahmesituation" als schuldausschliessend zu begründen, dürfte aber auf einer immanent juristischen ebene äusserst prekär sein.

eine "ethische perspektive" (die strafrechtliche ist im rahmen dieses artikels nicht thematisiert) kann jedenfalls allenfalls nur bei bewusster oder "vorsätzlicher" gewalthandlung in betracht kommen.

Was ist "revolutionäre Gewalt"?

was ist nun "revolutionäre gewalt" im unterschied zu "rechtserhaltender gewalt"? auf der ebene der "Macht" gibt es keinen unterschied, denn sowohl die 'erhalter' als auch die 'erneuerer' müssen ihre (unterschiedlichen) vorstellungen mit gewalt (=Macht) durchsetzen.

"Denn unter dem Gesichtspunkt der Gewalt, welche das Recht allein garantieren kann, gibt es keine Gleichheit, sondern bestenfalls gleich große Gewalten." -- Benjamin

und dies stimmt eben auch für die "revolutionäre seite".

"Rechtsetzung ist Machtsetzung und insofern ein Akt von unmittelbarer Manifestation der Gewalt." -- Benjamin, aaO

der unterschied kann (wenn überhaupt) also allein in den zielen (zwecken) begründet sein. nur leider verliert genau an dieser spannenden stelle Benjamin seine (im engen sinne) politische brauchbarkeit und verweist uns an eine "höhere instanz".

"Gerechtigkeit ist das Prinzip aller göttlichen Zwecksetzung, Macht das Prinzip aller mythischen Rechtsetzung."

ich bitte den geneigten "atheistischen" leser jetzt nicht einfach die flinte ins korn zu werfen und die lektüre hier abzubrechen, denn vlt kann den benjaminschen gedanken ja doch noch das eine oder andere abgewonnen werden, auch wenn ich weiss, dass es nicht einfach ist. aber ich denke, das thema ist es wert, sich tiefer in die problematik der gewaltdiskussion einzulassen; denn mit diesem thema wird das "linke spektrum" immer konfrontiert sein und konfrontiert werden. und auf diesem gebiet kommt man leicht in erklärungsnöten.

fangen wir mit der "leichteren" frage an: wäre in einem hypothetischen "ArbeiterInnenstaat", der auf „arbeiterdemokratischen“ räten basiert und nicht von einer bürokratischen nomenklatura beherrscht wird, die rechtsetzung "mythisch"? sie würde zweifellos auf "Macht" basieren (nämlich der [Staats-]„Macht“ der werktätigen "Massen") -- in diesem "staatstheoretischen" punkt scheiden sich marxisten von anarchisten --, und sie würde vlt auch noch reste der "alten" rechtshorizontes mit sich herumschleppen, aber ihr hauptbestreben wäre doch sicher, 'unnötige' ungerechtigkeiten und ungleichheiten zu beseitigen (natürlich im rahmen der gegebenen „objektiven“ bedingungen). und der ArbeiterInnenstaat wäre sich vor allem bewusst, dass er auf seine (historische) aufhebung hinarbeitet. ein "staat", der eigentlich schon ein "halb-staat" wäre, arbeitet auf seine eigene aufhebung hin - das hat in der gesamten menschheitsgeschichte vorher nicht gegeben!

gut, wir alle wissen, dass es in Russland nicht 'geklappt' (etwas salopp formuliert) hat. aber heisst das, dass es für alle ewigkeit nicht klappen kann?

und egal, ob "gerechtigkeit" eine "göttliche" quelle hat oder ein menschlich eingeborenes bestreben ist: im ziel sind sich marxisten, anarchisten und religiöse sozialisten einig: eine welt, die dem menschlichen wesen endlich gerecht(er) wird. und warum sollten sie dann in bestimmten bereichen und situationen nicht sogar zusammenarbeiten können?

"Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d. h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus Humanismus, als vollendeter Humanismus Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflosung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung." -- Marx

"Darum ist das Reich Gottes nicht das Telos der historischen Dynamis; es kann nicht zum Ziel gesetzt werden. Historisch gesehen ist es nicht Ziel, sondern Ende." -- Benjamin

(warum das „reich gottes“ kein „ziel“ sein kann, ist mir nicht klar. vlt weil der „zugang“ zur „theosphäre“ nicht rational, sondern nur transrational möglich ist. damit wäre es „ausser-politisch“ und in einem gewissen sinne „ausser-geschichtlich“ oder vlt besser „über-geschichtlich“. aber warum sollte es nicht auch eine „transrationale“ 'politik' geben können, die die politik selbst übersteigt und auf die 'weltliche' politik zurückwirkt? wenn Jesus eine ehebrecherin vor der steinigung rettet oder geldwechsler aus dem tempel peitscht [sic!], handelt er dann nicht eminent politisch?)

sicher wird es nicht das "ende" allen leidens sein, denn das leiden ist ein teil unser menschlichkeit. aber das leiden wird menschlich gefasst verständlich(er) sein und dadurch sinnhafter; und der erkannte sinn macht es erträglicher und uns menschen versöhnter mit den widersprüchen unserer eigenen existenz. die widersprüche aber werden nicht aufhören, denn sie sind der motor der (weiter)entwicklung. aber sie werden uns nicht mehr als eine fremde Macht erscheinen, die uns beherrscht. sondern umgekehrt werden wir sie beherrschen, weil sie zu unserer Macht über uns selbst und (bis zu einem gewissen grad, der aber steigerungsfähig ist) unserer umwelt (soziale und biologische) gehören. Mit mehr wirtschaftlicher planung, ökologischer nachhaltigkeit, gesellschaftlicher gerechtigkeit, individueller freiheit und – last but least – Frieden.

ein frieden, der aber auch das „Kainsmal“ der „existentiellen gewalt“ durch seinen ursprung mit sich tragen wird. Und die erinnerung (und trauerarbeit) daran muss einen würdigen platz in der „neuen gesellschaft“ finden; vlt als ewige warnung an die „Flut“ (Brecht, An die Nachgeborenen), aus der er hervorgegangen ist.

Aber bitte keine „hungerspieleà la panem et circenses deswegen veranstalten! ;) auf Diktatoren sollte die menschheit, wenn sie sich denn als menschheit versteht, dann gut verzichten können. die „Macht“ wird dann, so weit es eben geht, „vergesellschaftet“ sein (man denke an die leninsche „Köchin“, die die staatsgeschäfte übernehmen soll); und was gleichmässig verteilt ist, neutralisiert sich in der gesamtwirkung in einer „stabilen [gesellschaftlichen] struktur“, die aber immer noch genügend raum lassen sollte für jegliche kreative weiter- und höherentwicklung; ad infinitum.

Möge es so kommen.

Mein Fazit aus der Diskussion 'der' „Gewalt“: es gibt eigentlich kein klares "ergebnis", vielmehr eine abwägung unterschiedlicher aspekte, die sich aus der problematik der gewalt ergeben, die aber trotzdem immer in sich ein dilemma und widersprüchlich bleiben. Diese widersprüchlichkeit kann auf einer rein „theoretischen“ ebene nicht aufgelöst werden, nur in handelnder leidenschaftlichkeit zu einer Entscheidung aus einer [moralischen] Not- oder Zwangslage geführt werden, und dadurch mit (mehr) menschlichkeit (Güte) und verständnis (Gnade und [Selbst]Vergebung) beurteilt werden: auf welcher seite willst du stehen? tertium non datur!

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.“ (Brecht, aaO)



Überlegungen zu einer politischen Philosophie der Gewalt - 16-07-17 20:48
Anmerkungen zum „linken/linksradikalen“ Gewaltdiskurs im Nachgang zu G20 - 15-07-17 20:56




<< Zurck
Ja, auch diese Webseite verwendet Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz