Antwort an „Systemcrash“ auf meinen Leserbrief zu „Systemcrash“ zu Israel/Palästina


Bildmontage: HF

08.08.17
DebatteDebatte, Internationales 

 

Von A.Holberg

Zunächst einmal möchte ich mich dafür bedanken, dass die in diesem Fall durch meinen Leserbrief Angesprochenen geantwortet haben, was ja heutzutage leider eher selten passiert. Allerdings wird meine Antwort deutlich kürzer ausfallen müssen – nicht zuletzt aus Zeitgründen. Mein Gesamteindruck ist der, dass es zwischen mir und „Systemcrash“ in dieser Frage einen grundlegenden Unterschied bezüglich der Einschätzung der geschichtlichen Fakten gibt. Die Literatur zum Thema hat bekanntlich riesige Ausmaße. Was die nichtzionistische Darstellung auf Deutsch betrifft, weise ich nur auf drei Arbeiten hin (1. Ali El-Hashash: Der Palästinakonflikt. (Dissertation), Focus Verlag, Gießen 1994, 2. Livia Rokach: „Israels Heiliger Terror“ (US-Ausgabe: Belmont Mass., 1980, dtsch.Ausgabe, Pfungstadt 1982, 3. Daniel Cil Brecher: Der David – Der Westen und sein Traum von Israel. Köln 2011). Für die des Englischen Mächtigen weise ich auf diese aktuell im Internet auffindbare Rezension hin: „What Zionists want suppressed

Tony Greenstein reviews: Thomas Suarez, State of terror - how terrorism created modern Israel, Skyscraper Publications, 2016, pp418, £20 (http://weeklyworker.co.uk/worker/1166/what-zionists-want-suppressed/).

Eine sinnvolle Diskussion des Themas setzt nicht zuletzt eine mehr oder weniger generelle Übereinstimmung bzgl. der grundlegenden historischen Fakten voraus.

            Darüberhinaus jedoch möchte ich in einigen anderen Fragen Dissens anmelden:

ad A – D:  Es ist mir relativ egal, was „Linke aller Couleur und auch einige trotzkistische Gruppen“ zum Asylrecht sagen. Die Parole „Offene Grenzen“ halte ich für sinnlos, denn offene Grenzen sind keine Grenzen und diese grenzenlose und also staatenlose Welt ist bestenfalls unter der Bedingung einer weltweiten klassenlosen (also kommunistischen) Gesellschaft zu realisieren. Dennoch bin ich natürlich dafür, dass wegen ihres Einsatzes für Menschenrechte Verfolgten Asyl gewährt wird. Allerdings finde ich es etwas merkwürdig, wenn vornehmlich sozial privilegierte Angehörige der Gesellschaften, die führend in der Organisierung der Verfolgung waren, nun vornehmlich unterprivilegierte Angehörige einer Gesellschaft, die das nicht war (die palästinensische Gesellschaft nämlich) zwingen wollen, den Opfern  der Erstgenannten Asyl zu gewähren. Das zu tun, wäre zweifellos ein Akt immenser menschlicher Größe, scheint mir aber angesichts der von Seiten der Asylsuchenden bzw. deren politischer Führung damit von Anfang an verbundenen Pläne deutlich übertrieben, weil – wie sich gezeigt hat - eben selbstmörderisch, zu sein. Dass der Beginn der zionistischen Landnahme durch Landkauf von lokalen Großgrundbesitzern geschah ist richtig, macht das aber in Hinblick auf die Masse der palästinensischen bäuerlichen und städtischen Werktätigen nicht erträglicher. Richtig ist auch, dass es seit jeher in Palästina Juden gab. Aber deren Zahl war derart klein, dass sie nicht auf die Idee kamen, einen jüdischen Staat dort zu errichten (zumindest nicht vor dem Erscheinen des Messias). Im übrigen zeigt deren fortlaufende Existenz dort (trotz z.B. des Massakers an Juden in Jerusalem durch die Kreuzritter), dass es keinen „exterminatorischen Antisemitismus“ seitens der lokalen Muslime und Christen dort gab. Soweit es in der muslimisch-arabischen Welt Konflikte mit den dort – natürlich in der Tat nicht mit den Muslimen gleichberechtigten - lebenden Juden gab, waren diese nicht religiöser, sondern politisch und sozialer Natur (s. dazu u.a. bzgl. Ägyptens: Ya’acoub Daoud Eskandarany: Egyptian Jewry – why it declined. In: “Khamsin #5“, London 1978)

ad E – G: Selbstverständlich gilt das nationale Selbstbestimmungsrecht für alle Nationen gleichermaßen. Der Unterschied aber z.B. zwischen dem Recht der Araber, das Osmanische Reich zu verlassen, und dem der seit ca. 2000 Jahren außerhalb Palästinas und vornehmlich in Europa beheimateten Juden, ihr nationales Selbstbestimmungsrecht gerade in Palästina zu verwirklichen, liegt eben darin, dass die Araber ihr Recht auf staatliche Trennung eben nicht auf dem Boden Anatoliens oder gar Thrakiens wahrnehmen wollten (und wahrgenommen haben), wohl aber jüdische Europäer auf dem Boden Palästinas. Und entgegen der Darstellung von „Systemcrash“ (#G), wurde dieses jüdische Selbstbestimmungsrecht eben nicht von der jüdischen Bevölkerung Palästinas in dieser Form wahrgenommen, sondern von der in Europa entstandenen und bis zum Ende des 2 Weltkriegs im Wesentlichen auf dieses (incl. USA) beschränkte zionistische Bewegung. Dass nach der Gründung Israels die alteingesessene jüdische Bevölkerung der arabischen Welt überwiegend nach Israel auswanderte, war sowohl der Borniertheit der reaktionären arabischen Machthaber (in dieser Hinsicht waren das alle) als auch – wo das nicht genügte, die dortigen Juden zum Verlassen ihrer Heimat zu nötigen - gezielten Maßnahmen zionistischen Agenten geschuldet, die beispielsweise Bomben in jüdischen Cafés legten und diese Untat arabischen Chauvinisten in die Schuhe schoben.

ad 3b: in der Tat sind die Palästinenser nicht die Einzigen, denen das nationale Selbstbestimmungsrecht verwehrt wird. Ein anderes Beispiel sind die Bewohner der ehemals spanischen Westsahara (Sahraouis), denen das Selbstbestimmungsrecht durch die marokkanische Besetzung verwehrt wird. Insofern liegt „jener“  „Systemcrash“  so befremdende „Sonderstatus, der alleine an Israel angelegt wird“ bei Nicht-Antisemiten zum einen daran, dass die Region, in der Israel liegt, für die Weltpolitik eine immense Bedeutung hat, und zum anderen daran, dass die imperialistische Bourgeoisie, insbesondere die deutsche, den Prozionismus zum Staatsraison erklärt. Dass dem nun auch einige „Leninisten“ folgen, hätte Lenin und Trotzki sicher auch „befremdet“.

            Zum Schluss: mir scheint, dass die „Unterordnung des Klassenkampfes unter den antizionistischen Kampf“ (#3b) möglicherweise den Aussagen Karl Marxens zur irischen Frage geschuldet ist, dass nämlich ein Volk, das ein anderes unterdrückt, sich nicht befreien kann, dass also die englische Arbeiterklasse sich solange nicht von der englischen Bourgeoisie befreien kann wie sie deren nationale Unterdrückung der Iren mitträgt.

(http://www.scharf-links.de/48.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=61737&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=e22c68055c)

 



Antwort auf die Rückantwort von A. Holberg (v. 08.08.2017) zu Israel/Palästina - 18-08-17 20:48
Antwort auf den Leserbrief von A. Holberg v. 31.7. zum Israel/Palästina-Konflikt - 05-08-17 20:50




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