Die Sichtweise eines bekennenden „Lockdown-Linken“

28.01.21
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Von Matthias Nomayo

Mit dem Begriff „Lockdown-Linke“, wie er hier in der online-Zeitung Scharf-Links verwendet wurde, fühle ich mich direkt mit angesprochen: Ich verorte mich politisch links, und ja, ich bin nicht nur ein „Lockdown“-Befürworter, sondern ein richtiger Lockdown-Befürworter, im Sinne von „ZeroCoVid“.

Wenn also jemand im Indikativ (also als Tatsachenbehauptung) „Lockdown-Linke“ wörtlich wie folgt diffamiert: < das sind jene „Sozialisten“ die in krimineller Weise die anti-demokratische Politik der herrschenden Klasse unterstützen >, dann erfüllt er konkret gegen meine Person den Straftatbestand der Beleidigung und Verleumdung. Ich habe es nicht nötig, mich von solchen Leuten (einen dazu passenden Kraftausdruck lasse ich weg) krimineller (= strafbarer) Handlungen bezichtigen zu lassen. Indem diese Ungeheuerlichkeit in einem öffentlichen Medium gegen eine ganze und durch die Aussage inhaltlich klar definierte Bevölkerungsgruppe vorgetragen wurde, erfüllt dies damit meines Erachtens auch den Straftatbestand der Volksverhetzung.

Für mich bedeutet „links Sein“ in erster Linie, den Sozialdarwinismus in all seinen Facetten grundsätzlich abzulehnen und zu bekämpfen. Von daher bedeutet für mich „links Sein“, dass ich mich nicht über das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit schwächerer Bevölkerungsgruppen achtlos hinweg setze. Von daher bedeutet für mich „links Sein“, dass ich nicht 1000 Tote pro Tag in meiner politischen Sichtweise einfach hinnehme, weil es so etwas schon öfter gegeben hat und immer wieder mal geben wird.

Auch wenn jemand ein paar Monate später sowieso gestorben wäre, ist er dann ein Corona-Toter, wenn das Corona-Virus seine Konstitution zusätzlich so geschwächt hat, dass er deshalb früher verstorben ist, als wenn er sich das Virus nicht eingefangen hätte. Die Zählung von Toten als „Corona-Tote“, die mit einer CoVid-Infektion gestorben sind, ist schon deshalb korrekt, weil es sich überwiegend um Menschen mit (Alters-)geschwächter Konstitution und oder mit Vorerkrankungen gehandelt hat, so dass eine einzelne Todesursache gar nicht auszumachen ist, sondern die Summe dem Menschen den Rest gegeben hat. [Interessanterweise gelangt man sogar zu größeren Zahlen, wenn man statt der offiziellen RKI-Toten der einzelnen Altersgruppen die Übersterblichkeit der gleichen Altersgruppen gemäß den Zahlen des statistischen Bundesamtes (2020 gegen den Schnitt von 2016 bis 2019) heranzieht. Dort erkennt man nämlich, dass die massive Übersterblichkeit bei den über 80-Jährigen im Gesamtschnitt der Altersgruppen durch z.T. unterdurchschnittliche Sterberaten jüngerer Altersgruppen teilweise nivelliert werden, weil die Infektionsschutzmaßnahmen offensichtlich zu einem Rückgang bei anderen Infektionskrankheiten geführt haben. Die Übersterblichkeit in der Altersgruppe der über 80-Jährigen liegt deutlich über der Anzahl der RKI-gemeldeten Corona-Toten in der gleichen Altersgruppe.]

Es gibt aus meiner Sicht nichts dagegen einzuwenden, wenn die „RCIT“-Splittergruppe für ihre Argumentation Weltbank-Zahlen heranzieht, um festzustellen, dass in den Pandemien der Jahre 1968 bzw. 1957 bis 1958 weltweit vergleichbare, bzw. sogar geringfügig höhere Sterberaten erreicht wurden als 2020. Ein wissenschaftlich halbwegs akzeptabler Umgang mit statistischen Daten scheint hingegen Glückssache zu sein:

  1. Wenn Relativ-Daten herangezogen werden (in der Form „Tote pro Millionen Menschen der Weltbevölkerung“), dann ist in diesen Daten das Bevölkerungswachstum bereits berücksichtigt. Die Zahlen müssen nicht weiter herunter gerechnet werden.
  2. Wie in dem „RCIT“-Machwerk selbst betont wird, wurden in den Jahren 1968 bzw. 1957 – 1958 keine, bzw. zumindest keine auch nur ansatzweise mit den heutigen Infektionsschutzmaßnahmen weltweit vergleichbaren Maßnahmen ergriffen. OBWOHL also in 2020 weltweit massive „Lockdown“-Maßnahmen ergriffen wurden (und das nicht nur von der in manchen Kreisen vermuteten „jüdisch-bourgeoisen Welt-Verschwörung“, sondern auch von der chinesischen kommunistischen Partei), reichten die Sterberaten der SARS-CoV2-Pandemie an die der beiden anderen genannten Pandemien heran. - Und die SARS-CoV2-Pandemie ist noch lange nicht vorbei. Es zeigen also gerade die von „RCIT“ selbst ins Feld geführten Daten, dass wir es bei dieser Pandemie eben doch mit einer „Qualität“ zu tun haben, die die beiden anderen genannten deutlich übertrifft. - Zusätzlich sollte nicht in Vergessenheit geraten, in welch höherem Maße SARS-COV2 in US-Amerika, Italien, Spanien, Brasilien … gewütet hat und noch wütet, die nicht mehr rechtzeitig mit massiven Lockdown-Maßnahmen reagieren konnten oder z.T. nicht wollten. Es genügt aber auch schon ein aktueller Blick in die „Querdenker“-Hochburgen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR.

Die „spanische Grippe“ ist als Vergleichskriterium ziemlich untauglich: Aufgrund der Wirren des 1. Weltkrieges waren breite Bevölkerungsschichten auch ohne Infektion bereits gesundheitlich bis an die Grenzen der Überlebensfähigkeit geschwächt – und ein einigermaßen adäquat reagierendes Gesundheitswesen war nirgendwo auszumachen.

Wir können jetzt noch mit Naturkatastrophen aller Art vergleichen und mit der Pest-Pandemie, die knapp ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung dahin gerafft hatte, und, und, und … . Welchen Nährwert soll das haben?

Unabhängig von Tragödien und Fehlern der Vergangenheit sowie von Unterlassungen schlimmsten Ausmaßes, die auch heute noch begangen werden, stellt sich doch einfach hier, jetzt und konkret bezüglich SARS-CoV2 die Frage: Sollen wir allein hier in Deutschland 1000 vermeidbare Todesfälle und mehr pro Tag akzeptieren, oder nicht? Steht das Rechtsgut, ohne Maske Party feiern zu dürfen, über dem Recht von Menschen auf Leben und körperliche Unversehrtheit? - Für mich als „Lockdown“-Linker ist die Antwort eindeutig: Nein, das ist in keinem Fall zu akzeptieren.

Und statt mich mit verquerem Gedanken“gut“ von Dumpfbacken auf eine Stufe (vor dem Reichstag) zu stellen und mit diesen in solidarischem geistigen Sturzflug Querfronten gegen eine vermeintliche „jüdisch-burgeoise“ und gleichzeitig „chinesisch-bolschewistische“ Weltverschwörung zu bilden, schaue ich mir lieber die konkreten Maßnahmen an, die vorgenommen werden, und die, die weggelassen werden, und lege lieber konkret da den Finger in die Wunde, wo tatsächlich ein Missbrauch der Pandemie durch die Machthaber zu verorten ist. - Ich streite doch nicht ab, dass Politiker dieser Versuchung erliegen.

Zurück zur Sache (und zur Sachlichkeit): „ZeroCoVid“ hat erstmal nichts mit Klassenkampf zu tun, sondern ist der Versuch möglichst schnell von den hohen Infektions- und Sterberaten herunter zu kommen, auch mit dem Ziel, danach hoffentlich schneller wieder zu einer „Normalität“ zurückkehren zu können. Hinter der Forderung stecken Konservative, Spezialdemokraten, Grüne, kriminelle „Lockdown-Sozialisten“ wie ich, Virologen, und, und, und … (ach ja, Juden sind auch dabei). Im Gegensatz zu dem derzeitigen „Lockdown-light“, durch den sich die hohen Infektions- und Sterberaten nur ewig auf hohem Niveau hinziehen, und durch den kleine Unternehmer seit nunmehr schon wieder zwei Monaten in unbeschreiblicher Weise letztlich für nichts und wieder nichts geschädigt wurden, nimmt „ZeroCoVid“ keine Rücksicht auf Großkonzerne, Waffenproduzenten, Urananreicherungsanlagen, Brennelementfabriken …, sondern meint tatsächlich „Maschinen stopp und Licht aus“.

So, und um die Folgen einer so extremen Vorgehensweise zu begrenzen, ist es aus meiner Sicht notwendig, mindestens für einen solchen Zeitraum die kapitalistische Zins- und Zinseszins-Maschinerie abzuschalten und damit auch einen „Lockdown“ der Ausbeutung durchzusetzen. - Da bin ich wieder bei meinem kriminellen Sozialismus.

Wie ich mir so einen Lockdown vorstelle, habe ich hier bei Scharf-Links schon geschildert.

Nix für ungut!

Matthias Nomayo



Antwort auf den Leserbrief von Volker Ritter - 31-01-21 14:34
Leserbrief: Antwort an Matthias Nomayo zur ZeroCovid-Kampagne - 29-01-21 14:26




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