Was will der „Gegenstandpunkt“?

27.02.20
DebatteDebatte, Theorie, Organisationsdebatte, TopNews 

 

Von Meinhard Creydt

Die erstaunlich affirmative Botschaft einer vermeintlich „destruktiven“ Kritik

Die seit 1992 in München herausgegebene und vier Mal im Jahr erscheinende Zeitschrift „Gegenstandpunkt“ (GSP) mit einem Heftumfang von 100-150 Seiten hat eine Auflage im mittleren vierstelligen Bereich. In ca. 15 Städten werden regelmäßig öffentliche Vortragsveranstaltungen angeboten. Die kontinuierliche Schulungsarbeit der Anhänger und Sympathisanten ist etwas, das viele linke Organisationen kleinschreiben. Der GSP betreibt dies intensiv.[1] Trainiert wird die Aufmerksamkeit für Verkehrungen in Argumentationen.[2] Der GSP setzt die publizistische Arbeit der „Marxistischen Gruppe“ (MG) fort, die sich 1991 auflöste. In der Frankfurter Rundschau vom 29.10.2008 wurde die MG als „einst zahlenstärkste Truppe der Neuen Linken“ bezeichnet. Im Verfassungsschutzbericht 2018 wird die Zahl der „Mitglieder/Anhänger“ mit 3.000 angegeben. Über das eigene Buchprogramm des GSP-Verlags hinaus erschienen beim VSA-Verlag bislang ca. 20 Bände von Autoren, die dem GSP nahe stehen (Huisken, Krölls, Dillmann u. a.).

Aus den Inhalten, die der GSP vertritt, folgt der Verzicht auf kritisches Engagement in Gewerkschaften oder sozialen Bewegungen. Dem GSP wird oft vorgeworfen, er äußere sich nur ablehnend zu Gott und der Welt und mache nicht deutlich, was er denn selbst „positiv“ wolle. Ich zeige im Folgenden, dass diese Kritik den Kritisierten nicht gerecht wird. Das Thema dieses Vortrags ist, was der GSP in Bezug auf die Arbeit, den Konsum, den Staat und die selbstzweckhaften Verausgabungen in der Freizeit anstrebt.[3]

Die Vorstellungen des GSP vom Konsum

Der GSP bemängelt am Konsum dessen Schranke, die ihm dadurch gesetzt ist, dass am Lohn als Kostenfaktor in der Kapitalverwertung gespart werden muss. Dem GSP zufolge „verdient“„die maßlose Akkumulation des Kapitals Kritik nur, weil sie der Produktion der Lebensmittel einen k o n s u m f e i n d l i c h e n Zweck aufzwingt“ (GSP 4/1996, S. 78). Eine zweite Kritik des GSP betrifft die  I l l u s i o n  der Kompensation. Werde die Ideologie der Wiedergutmachung für im Geschäfts- und Erwerbsleben Erlittenes mit dem Konsum  n i c h t  verbunden, sei am Konsum selbst nichts auszusetzen.

Die Kritik an der Auffassung, Glück sei unabhängig von der materiellen Lage des Individuums, ist richtig.[4] Aus dieser Kritik folgt keineswegs der (auch vom GSP vertretene) Umkehrschluss, die Einkommenshöhe als a l l e i n entscheidend zu erachten.[5] Der GSP sieht davon ab, dass auch mit viel Geld vieles nicht ge k a u f t  werden kann. Nehmen wir als Beispiel die Qualität der Gegenstandswelt im Kapitalismus. Sie setzt der Entfaltung von „Genuss“ und „freien Interessen“ (Dozekal, vgl. Anm. 5) solche Grenzen, die nicht mit den Schranken des verfügbaren Einkommens identisch sind.[6] Gemeint sind bspw. Bauten, die „depressive Elemente in permanenter Weise in den Alltag“ setzen (Mitscherlich 1965, 50) und „menschenverdrängende Anblicke“ schaffen (Handke). „Unser Lebensraum ist von Verarmung bedroht, und diese Verkümmerung wirkt zurück auf unabsehbare Menschenmassen, lässt ihr Interesse an dieser verödenden Umgebung erkalten“ (Adolf Portmann, zit. n. Warwas 1977, 12). Angesichts dessen trifft die GSP-These (vgl. Anm. 5) nicht zu, im Kapitalismus hänge die Frage, wie das Leben des Individuums aussehe,  a l l e i n  von der Höhe seines Einkommens ab. Auch mit hohem Einkommen können sich weder der vereinzelte Konsument noch eine Konsumentengruppe eine andere Stadtbauwelt „kaufen“ oder ein In-der-Welt-Sein ohne gegenseitigen Ausschluss (per Konkurrenz und Privateigentum), ohne Wirtschaftskrisen und ohne problematische soziale Beziehungen. Von all dem sind auch „Reiche“ betroffen. Der GSP ist so fixiert auf die Kritik an „Sein statt Haben“, dass er negativ abhängig von dieser falschen Position bleibt und sich im einfachen Gegenteil zu ihr einrichtet. Er findet am individuellen Konsum im Kapitalismus allein die Quantität (oder die Schranke) des für den Kauf von Konsumgütern oder Dienstleistungen verfügbaren Einkommens problematisch, nicht die Qualität (oder Grenze) des Konsums. Auf Konsummärkten im Kapitalismus ist die Nachfrage der Konsumenten vereinzelt. Sie haben die Freiheit, sich zwischen VW und Opel zu entscheiden, aber nicht die Freiheit, über grundlegende Proportionen zu bestimmen – also z. B. über das Verhältnis zwischen individuellem Autoverkehr und öffentlichem Personenverkehr. „Wahlmöglichkeit im Kleinen garantiert keine Wahlmöglichkeit im Großen” (Elson 1990, 75). Auf Märkten lautet die Frage an jeden Einzelnen: „Willst Du ein Auto?“ und nicht „Wollen alle, dass dem Pkw-Verkehr gesellschaftlich ein hoher Stellenwert zukommt und dass die Städte zu autogerechten Städten werden?“ „Es ist […] der kapitalistischen Gesellschaft eigentümlich, dass sie die Individuen dazu zwingt,  i n d i v i d u e l l, als Verbraucher, die Mittel zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse zurückzukaufen, deren sie sie  g e s e l l s c h a f t l i c h  beraubt hat“ (Gorz 1967, 113).

Sinne, Fähigkeiten und Reflexionsvermögen können sich erst an Gegenständen entwickeln. Die „äußerliche Nützlichkeitsbeziehung“ (Marx, MEW-Erg.bd. 1, 542) sieht davon ab. Sie charakterisiert den bürgerlichen Materialismus, der sich vom philosophischen Materialismus und von der materialistischen Gesellschaftstheorie unterscheidet. Lohnarbeiter, Konsumenten, Geldanleger und Kapitalisten orientieren sich an der instrumentellen Rationalität im Umgang mit den ihnen in der kapitalistischen Gesellschaft zur Verfügung stehenden Mitteln. Jedem von ihnen erscheinen „die verschiedenen Formen des gesellschaftlichen Zusammenhangs [...] als bloße Mittel für seine Privatzwecke, als äußere Notwendigkeit“ (Marx 1974, 322). („Privatzwecke“ haben nicht nur Individuen, sondern auch Gruppen, insofern sie exklusiven, andere ausschließenden Interessen folgen.) Der innere Zusammenhang zwischen der bestimmten Qualität des Objekts und denjenigen Sinnen, Fähigkeiten und Reflexionsvermögen des Subjekts, die sich erst an diesem Objekt bilden können, kann im bürgerlichen Materialismus nicht zum Thema werden.

Der GSP wirft Kritiken am ‚Konsumismus’ pauschal vor, so zu tun, als sei die Lohnarbeit nicht hart und der Lohn nicht gering. Der GSP setzt Kritiken am Konsum erstens gleich mit der Stilisierung der Gesellschaft zur Wohlstand- oder Überflussgesellschaft, zweitens mit dem Angriff auf Interessen per Verzichtsappell. Wie der vorherrschende Konsum die Sinne und Fähigkeiten auf problematische Weise formt und bildet – das ist für den GSP kein Problem. Drittens tut der GSP so, als könne man den Konsum nur e n t w e d e r für eine harmlose Freizeitbeschäftigung halten o d e r sie ideologisch an einen „Sinn“ und „Ideale“ messen.[7] Etwas Drittes gebe es nicht. Diese Argumentationsfigur ist die des ‚falschen Dilemmas’ oder des ‚disjunktiven Fehlschlusses’. Unterstellt wird, es gebe genau zwei Weisen des Handelns. Zusätzlich wird nun eine Handlungsweise der beiden Alternativen als absurd beschrieben. Unter dieser Voraussetzung liegt der Schluss nahe, es könne nur die andere Handlungsweise in Betracht kommen.

Die positiven Vorstellungen des GSP von der Arbeit

An der Arbeit im Kapitalismus kritisiert der GSP, dass sie schlecht bezahlt wird und die Arbeitenden unter schlechten Arbeitsbedingungen zu leiden haben. Die instrumentelle Beziehung des Arbeitenden auf die Arbeit lautet: Ich will möglichst wenig arbeiten, möglichst viel Lohn und solche Arbeitsbedingungen, die mich möglichst wenig erschöpfen. Das ist auch das positive Ziel des GSP. „Arbeit ist kein Spaß, bei einer vernünftigen Organisation der gesellschaftlichen Arbeit ginge es um ein möglichst reiches K o n s u m i e r e n  bei Verkürzung der notwendigen Arbeit“ (MSZ 5/1989, S. 5).

Selbstverständlich hat die Arbeit instrumentelle Zwecke. Sie soll bestimmte Gebrauchswerte schaffen. In der Arbeit findet jedoch immer auch – ob auf kritikwürdige oder zu befürwortende Weise – eine praktische Bildung menschlicher Sinne, Fähigkeiten und Reflexionsvermögen statt. Die Tätigkeits-, Wahrnehmungs- und Reflexionsvermögen entwickeln sich in dem Maße, wie sie sich an ihrem (weit verstandenen) Gegenstand abarbeiten. Indem ich mich auf einen Gegenstand konzentriere und mich auf die meinem unmittelbaren Wollen und Meinen gegenüber heterogene Objektivität des Gegenstands einlasse, nehme ich Abstand von mir. Bei der subjektiven Vorstellung von dem, worauf ich mich beziehe, kann ich es nicht belassen. Im Prozess der Arbeit oder Tätigkeit werden die Sinne, Fähigkeiten und Reflexionsvermögen dadurch zum Thema, dass sie sich an einem Gegenstand zu bewahrheiten haben. Im Mich-Einlassen auf den Gegenstand und in meiner „Abarbeitung“ an ihm kann ich auch auf die Art und Weise, in der ich mich auf ihn beziehe, aufmerksam werden. Wie sich Menschen im Arbeiten und in Tätigkeiten bilden, das ist ein Geschehen, das sich weder auf den unmittelbaren Zweck noch auf das unmittelbare Resultat von Arbeit und Tätigkeit – das Produkt oder die Dienstleistung – reduzieren lässt und deshalb eine eigene Aufmerksamkeit erfordert.[8]

Es geht nicht allein um die Frage, wie Arbeiten instrumentell gelingen und Bedürfnisse effizient befriedigt werden. Zu fragen ist zudem, welches „Menschentum“ (Max Weber) und welche Lebensqualität die Individuen in Arbeiten und Tätigkeiten und in der Bildung von Sinnen, Fähigkeiten und Reflexionsvermögen an Gegenständen außerhalb der Arbeit entwickeln. Übereinstimmend mit dem bürgerlichen Materialismus nimmt der GSP im Verhältnis zu den Arbeitenden den Standpunkt des Konsumenten ein, der daran interessiert ist, dass die Arbeitenden ihn mit Gütern beliefern. Die Kritik an einer Idealisierung der faktisch vorzufindenden Erwerbsarbeit ist richtig. Daraus folgt aber nicht, Arbeit allein als notwendiges Übel aufzufassen. Damit wird diejenige Gesellschaft affirmiert, in der das die Individuen bildende Moment des Arbeitens und der Tätigkeiten keinen zentralen Maßstab bildet.[9] Einzutreten ist für die Verkürzung der psychisch unproduktiven Arbeitszeit innerhalb der notwendigen Arbeitszeit und für die Veränderung der Prioritäten der Technikentwicklung und Arbeitsorganisation – in Richtung einer anthropozentrischen Produktionstechnik oder einer „Technologie vom Arbeiterstandpunkt“. Nach wie vor beispielgebend ist die Initiative der Techniker und Ingenieure des englischen Betriebs Lucas Aerospace in den 1970er Jahren (vgl. dazu Löw-Beer 1981). Sie setzten sich zum Ziel, die Produktionstechnik so umzubauen, dass sie menschliche Sinne, Fähigkeiten und Reflexionsvermögen entfaltet. Ohne eine andere Produktionsorganisation und -technologie kann es keine nachkapitalistische Zukunft geben. Es sei denn, man stellt sie sich so vor, dass sich alles ändert – nur der proletarische Charakter der Arbeit nicht. Der hat sich auch in den Produktionsbedingungen und -mitteln verobjektiviert. Michael Brie hat instruktiv in Bezug auf die DDR bemerkt: „Die gesellschaftlichen Aufwendungen für die Entwicklung der Produktionsmittel sind zumeist nur sekundär oder überhaupt keine Aufwendungen für die Entwicklung der Bedingungen subjektiver Fähigkeitsentfaltung und individuellen Genusses in der Arbeit“ (Brie 1990, 140).

Wenn wir Vergegenständlichung als ein zentrales Moment individueller (und nicht allein kollektiver) menschlicher Entwicklung begreifen, resultieren daraus Positionen zur Technologie und zu ihrem Stellenwert in der Gesellschaft: Ja zu einer Technologie, die entnervende und erschöpfende Arbeiten reduziert. Nein zur Vorstellung einer Freizeitgesellschaft ohne Abarbeitung von Menschen an Objekten. Nein zu einer Vorstellung, die es begrüßt, dass Technologien tendenziell alle Arbeiten und Tätigkeiten zum Verschwinden bringen. Ja zum Sich-abarbeiten am Objekt und zum Sich-Einlassen auf es. Ja zur Bildung von Sinnen, Fähigkeiten und Reflexionsfähigkeiten, die sich in der Auseinandersetzung mit dem Gegen-Stand entwickelt. Hobbies bieten dafür keinen Ersatz. Nein zu einer Vorstellung vom sog. Reich der Freiheit, in dem Hobbies und Spiel den zentralen Stellenwert einnehmen.

Gewiss ist, wenn wir den ökologisch problematischen Energieverbrauch ausklammern, eine Technologie zu befürworten, die die Produktivität der Arbeit steigert und die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit verkürzt. Ebenso eine Produktion, die ein Mehrprodukt schafft, aus dem allererst z. B. das Bildungs- und Gesundheitswesen bezahlt werden können. Allerdings hat die Handarbeit eine zentrale positive und unersetzbare Bedeutung für die Entwicklung menschlicher Sinne, Fähigkeiten und Reflexionsvermögen. George Orwell sagt zu Recht: „Hören Sie auf, ihre Hände zu gebrauchen, und Sie haben ein riesiges Stück Ihres Bewusstseins abgeschnitten“ (George Orwell, zit. n. Bitot 2009, 103). Wenn die Rede ist von der „ Arbeit, wo der Mensch in ihr tut, was er Sachen für sich tun lassen kann“ (Marx, Grundrisse, 231), ist zu unterscheiden: Wo ist es für die Arbeitenden förderlich, sich von schlechter Arbeit durch Maschinen zu entlasten, wo verringern sich durch den Einsatz von Maschinen menschliche Fähigkeiten und Sinne, die für die Entwicklung der Betroffenen wichtig sind? Es gilt, eine Perspektive zu durchdenken, die William Morris bereits am Ende des 19. Jahrhunderts formulierte: Die Perspektive, dass „die Arbeitsproduktion des gewöhnlichen Arbeiters eine Art Volkskunst werde.“ (Vgl. dazu auch Ax 2009, 25f, 38, 40, 62, 67f., 114, 120). Wer beim Stichwort „Volkskunst“ gleich deren kommerzialisierte Form assoziiert und wem zu Volkskunst nur „Musikantenstadel“ und „Kitsch“ einfällt, ist selbst schuld. „Es ist der Hochmut der Intellektuellen und Künstler, zu glauben, dass kreative, selbstbestimmte Arbeit nicht auch im Kontext der ‚normalen’ Arbeit“ möglich ist (Ax 2009, 114).

Das auf den instrumentellen Bezug zur Arbeit reduzierte Verständnis des GSP kann weiterhin nicht die Gegensätze in den Blick bekommen, die existieren zwischen den kapitalistischen Vorgaben für die Arbeit sowie für die Arbeitsresultate und den arbeitsinhaltlichen Bedürfnissen der Arbeitenden, „gute“ Arbeitsprodukte oder Dienstleistungen zustande zu bringen (vgl. dazu Creydt 2014, 35-47.) Politisch artikulieren sich diese Gegensätze bspw. bei Whistleblowern, in der „Agraropposition“ (vgl. deren nationale Manifestation in der jährlichen großen Demonstration zur Grünen Woche in Berlin) oder in kritischen Listen bei den Wahlen zu Ärztekammern. Im „Stern“ H. 37/2019 erschien eine Titelgeschichte mit der Überschrift: „Mensch vor Profit! 215 Mediziner fordern eine Wende im Gesundheitswesen“.

All so etwas interessiert den GSP nicht. Ihm zufolge sollen seine Anhänger, insofern sie z. B. als Lehrer tätig sind, nicht an den Unterrichtsgegenständen ein kapitalismuskritisches Bewusstsein ihrer Schüler fördern. Vielmehr sollen GSP-Anhänger sich in der Schule unauffällig verhalten. Ihre Lehrertätigkeit sei allein als Mittel dafür relevant, vom Gehalt einen möglichst großen Geldbeitrag für die politische Organisation verwenden zu können.[10] Die politische Konsequenz aus dieser Maxime „Lasse Dir in der Arbeit Deine radikale Kritik nicht anmerken“ ist desaströs: Lohnabhängige sollen radikale Gesellschaftskritiker werden, aber dies vor ihren Kollegen verheimlichen.

Die Vorstellungen des GSP vom Staat in der nachkapitalistischen Gesellschaft

Der GSP möchte, dass seine Anhänger an die Macht gelangen und die Gesellschaft zu einer großen Schulungsveranstaltung machen, in der sie die Massen zum „richtigen Denken“ anleiten. Dass eine Kommunistische Partei ohne Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung an die Macht kommt, damit hat der GSP kein Problem: „Dass ein Krieg, keine Revolution, sie zur herrschenden Partei gemacht hatte, ist für sich nichts Ehrenrühriges. Um so mehr wäre es für Kommunisten fällig gewesen, die Erkenntnisse über Lohnarbeit, Staatsgewalt und ‚nationale Identität’ unter die Massen zu bringen, ohne die zwar allerlei Umsturz, aber keine Revolution in Richtung Kommunismus zu machen ist“ (Decker, Held 1989, 39. Vgl. a. 40). Der GSP teilt mit den herrschenden Parteien im früheren sog. „Realen Sozialismus“ das Vorhaben der Erziehung[11] durch den Staat und durch die ihn führende Partei. Der GSP bzw. seine Vorläuferorganisation kritisiert die SED für die Art und Weise, w i e sie diese Erziehung betrieb. Die SED „musste eine Umwälzung der Gesellschaft in Angriff nehmen, die kapitalistischen Produktionsverhältnisse abschaffen, ohne auf eine weitgehende Zustimmung in der Bevölkerung rechnen zu können. Anstatt nun diese Differenz offen auszutragen und die Gesellschaftsmitglieder nach und nach von der Richtigkeit ihres gesellschaftlichen Programms zu überzeugen, präsentierte man ihnen schlicht den kommunistisch beherrschten Staat als den ihren und begann dessen Politik als Vertretung der wahren und wirklichen Interessen des Volkes darzustellen. [...] Der Gegensatz einer kommunistischen Regierung zur Bevölkerung wurde nicht zum Anlass genommen, die Agitation nachzuholen und systematisch allen Mitgliedern der Gesellschaft die Einsicht zu vermitteln, dass nicht allein die Greueltaten des Faschismus, sondern die Gesetzmäßigkeiten einer normalen kapitalistischen Gesellschaft einer vernünftigen Gestaltung der gesellschaftlichen Beziehungen im Wege stehen“ (MSZ Nr. 1, Nov. 1974, S. 6). Im Unterschied zur SED möchte der GSP als Erzieher der Bevölkerung den Gegensatz zur Bevölkerung schärfer betonen. Letztere mache – dem GSP zufolge – „Fehler“ über Fehler und das auch noch „grandios“, weise z. T. sogar ein „verrücktes Bewusstsein“ auf. Oder sei – dem GSP zufolge – „vom Schwachsinn umzingelt“ (GSP 1/2004, 59). Damit gibt der GSP einen Hinweis zum Ausmaß der Aufgaben, die seiner Auffassung nach auf die politische „Agitation“ und die „Vermittlung“ von „Einsichten“ zukommen.

Der GSP hat eine positive Vorstellung von der v i k a r i s c h e n Elite. Vikarisch heißt vertretend oder aushelfend. Die Medizin versteht unter „vikariierend“: den Ausfall eines Organs oder einer Organfunktion ausgleichend. Die vikarische Elite versteht sich nicht als traditionelle Elite, die sich als herausgehobene Gruppe auf Dauer einrichtet. Diese Sorte von Avantgarde beansprucht vielmehr, ihren Führungsanspruch dadurch einzulösen, dass sie die Massen auf ihr Bewusstseinsniveau hebt und sich d a m i t überflüssig macht. Eine Frage liegt nahe: „Wer garantiert, dass die (das Bewusstsein der Mehrheit – Verf.) fördernde Minderheit nicht im Prozess ihrer Selbstaufhebung durch den Impuls gestoppt wird, sich ihre differentia specifica, dank derer sie ‚notwendiges Moment’ ist, zu erhalten?“ (Redaktionskollektiv Schwarze Protokolle 1972, 65). Das Problem bei denjenigen, die die Position einer vikarischen Elite vertreten, ist nicht, dass sie den Satz von Marx nicht kennen würden, der Erzieher müsse selbst erzogen werden. „Die Erziehung der Erzieher ist aber für die Avantgarde selbst nur wieder durch die Avantgarde denkbar. Der Zögling ist höchstens insoweit der Erzieher der Erzieher, als er vom Erzieher zur Erziehung der Erzieher erzogen wird“ (Ebd.).[12]

Die Gestaltung der Gesellschaft durch ihre Mitglieder („starke Demokratie“) ist für den GSP kein Thema.[13] Vielmehr sei derjenige Materialismus der Bevölkerung zu bedienen, den der GSP gut heißt. Als „Materialismus“ soll gelten, zu „unterscheiden, worauf es einzig und allein ankommt, nämlich ob es ihnen (den Menschen – Verf.) gut oder schlecht bekommt – Objekt eines gescheiten V e r s o r g u n g s w e s e n s [...] ist der Mensch ja durchaus gerne, Objekt von Gewalt und Ausbeutung dagegen weniger“ (GSP 4/1996, 88). „Wer als verantwortlicher Planer und Lenker einer sozialistischen Ökonomie nicht einfach den Bau von komfortablen Plattenbauwohungen organisiert [...], wer, statt die Leute vom sozialistischen Programm zu überzeugen, echt volksdemokratische Wahlen […] organisiert, [...] wer sein Volk liebt, statt es dafür zu kritisieren, dass es sich als Volk aufführt, […] der hat sich seinen Platz auf dem Misthaufen derselben (der Geschichte – Verf.) redlich verdient“ (GSP 4/99, 49f.). Was der GSP sich also unter einer anstrebenswerten Gesellschaft vorstellt, wird deutlich: Die Menschen bleiben „Objekte“, bekommen ein „gescheites Versorgungswesen geliefert“ und „komfortable Platttenbauwohungen“.

Technokratische Gesellschaftskonzepte wie das des GSP sehen ab von der  b i l d e n d e n Dimension der öffentlichen Erwägungen und Auseinandersetzungen, der Beratung und Entscheidungsfindung. Die „starke Demokratie“ ermöglicht erst – im Unterschied zur „mageren“, repräsentativen Demokratie – „die bereichernde Gegenseitigkeit geteilter öffentlicher Güter – der gemeinsamen Beratung, Entscheidung und Arbeit“ (Barber 1994, 62f.). In der deliberativen Demokratie „geht es um öffentliches Sehen, nicht um das Erklären von Vorlieben, um gemeinsames Urteilen, nicht um das Sammeln persönlicher Meinungen“ (Ebd., 269). Die deliberative Demokratie hilft, bislang privat gestellte Fragen in öffentliche Fragen zu verwandeln. Gefragt wird dann also nicht mehr „Welche Art von Schule wünsche ich für  m e i n e Kinder?“ Gefragt wird vielmehr „‚Was ist ein gutes öffentliches Bildungssystem für  u n s e r e Kinder?“ Die erste Herangehensweise „erlaubt Bürgern, Bildung für eine Sache persönlicher Vorlieben zu halten und ermutigt sie, die Generationsbande zwischen ihnen und ihren Kindern von den lateralen Bindungen zu trennen, die sie (und ihre Kinder) mit anderen Eltern und Kindern verbinden“ (Ebd., 279).

Arbeiten und Tätigkeiten sowie die Entwicklung menschlicher Tätigkeitsvermögen können nur sinnvoll sein, wenn die Einrichtung des Wirtschaftens und der Lebensweise nicht durch gesellschaftliche Widersinnigkeiten geprägt ist.[14] Erst im Rahmen öffentlicher Auseinandersetzung, Erwägung und Beratung wird es möglich, „die Frage nach dem ‚Sinn’ unseres Tuns, namentlich unseres Arbeitens“ auf „die antizipierende Frage“ zu beziehen: „Was ist der Effekt des Effektes des Effektes der Verwendung des Produktteils, den ich mit-herstelle?“ (Anders 1988, 389).

Die gemeinsame öffentliche Erwägung und Beratung der Bevölkerung über die Gestaltung der Gesellschaft bildet für Anhänger einer Erziehungs- und Wohlfahrtsdiktatur keinen Inhalt, dessen Fehlen ihnen irgendwie negativ auffällt. Im Plauderton offenbart ein Reisebericht über eine Kubafahrt von Mitgliedern dieses „Vereins“ die Welt- und Selbstsicht von selbsternannten Regierungsberatern. „Wir trafen auf den ‚sozialistischen Menschen’, der wohl wissend um den relativen Nutzen des Staates für ihn, dessen Vorhaben vorbehaltlos unterstützt, und der in seinen beschränkten Verhältnissen ein recht zufriedenes und beschauliches Leben führt, den es in seiner Einigkeit mit dem Staat so weder im Westen noch im Osten gibt“ (MSZ 4/1981, S. 70).

Dem GSP geht es um eine Veränderung der Gesellschaft, in der das Kapital enteignet wird und nun der gute, d. h. erziehende und für die Wohlfahrt der Massen tätige Staat das Sagen hat. Diese Position resultiert auch aus einer eigentümlichen Theorie über das Verhältnis zwischen dem Staat und den kapitalistischen Strukturen. Dem GSP zufolge ist der bürgerliche Staat das Subjekt, das den Kapitalismus einrichtet. Ich bin auf die dafür verantwortliche falsche Staatstheorie in Kapitel 4 meines Buches „Der bürgerliche Materialismus und seine Gegenspieler“ (Hamburg 2015) eingegangen. Im Rahmen dieses Vortrags ist nur eines von Interesse: Die kapitalistische Ökonomie erhält bei MG/GSP ein politisches Fundament. Der Staat gilt dem GSP als Souverän gegenüber der Gesellschaft, als etwas, das der Gesellschaft vorgeordnet, ihr enthoben und über sie erhaben sei. Der Staat wird als Moment der kapitalistischen Gesellschaft isoliert, aus den Kontexten der kapitalistischen Strukturen herausgenommen und zum systemerhaltenden und den Kapitalismus einrichtenden Subjekt erhoben. Der Staat wird zum archimedischen Punkt. Dann verengt sich die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung auf die Übernahme der Staatsgewalt. Nach Überwindung des Kapitalismus ließe sich alles durch den Staat von oben zum Guten gestalten.

Entsprechend interessiert den GSP nicht, was Vergesellschaftung der Produktionsmittel an der Basis praktisch heißt. Zu dem Dogma, Alternativen zu Konkurrenz, Hierarchie und Privateigentum seien nicht praktikabel, bildet der israelische Kibbuz ein lehrreiches Gegenbeispiel (vgl. Creydt 2005). Es zeigt: ‚Anders arbeiten – anders leben’ ist möglich. Der Kibbuz war jahrzehntelang ein an Gemeinschaftsbesitz und -leben und an Gleichheit des realen Pro-Kopf-Einkommens orientiertes Projekt. Er stellt eine deutlich weniger hierarchisch strukturierte Organisation dar. In ihr geht es darum, dass Leitungspositionen rotierend von möglichst vielen Personen besetzt werden. Beides führte nicht zu organisatorischem Chaos und nicht zu massiven Einbußen in puncto Produktion und Konsumtion. Die Kibbuzim gelten seit Jahrzehnten als „die weltgrößte kommunitäre Bewegung“ (Feindgold-Studnik 2002, 35) mit einer Beteiligung von bis zu 120.000 Mitgliedern. (Vgl. zur Entwicklung der Kibbuzim Lindenau 2007.) Mir ist nur ein Artikel von der Marxistischen Gruppe bzw. dem GSP zu den israelischen Kibbuzim bekannt. Die Kibbuzim werden dort als „Wehrdörfer“, ihre Mitglieder als „Wehrbauern“ bezeichnet (MSZ 7/8 1985, 33). Aus der e i n e n Eigenschaft einiger, nicht aller Kibbuzim, an der Grenze Israels zu liegen, macht der Artikel ein das Kibbuz i n s g e s a m t bestimmendes Charakteristikum. Zum Gemeinschaftsbesitz der Kibbuzmitglieder bemerkt der Artikel, es handele sich bei ihnen um „Idioten“ (ebd.), insofern sie auf Lohn verzichten würden. Die Autoren sind derart fixiert auf den bürgerlichen Materialismus, also darauf, für einen höheren Lohn des einzelnen Individuums einzutreten, den es dann im Erwerb von Waren umsetzt, dass ihnen entgeht, wie das Kibbuz mit Gemeinschaftsbesitz und demokratischer Selbstverwaltung einen höheren Lebensstandard und eine höhere Lebensqualität im Sinne des guten Lebens (vgl. dazu Creydt 2017) ermöglicht.

Ich mache an dieser Stelle drei Bemerkungen, die hierhin gehören, aber nur vermittelt zum Hauptthema dieses Vortrags beitragen – der Affirmation des bürgerlichen Materialismus durch den GSP. Erstens: Marx’ „Kritik der Politischen Ökonomie“ analysiert den Waren-, Geld-, Lohn- und Kapitalfetisch, die Mystifikationen des Zinses usw. Ein Resultat dieser Analyse lautet: „Es ist […] nicht der Mensch, der sich selbst über die Realität täuscht, es ist die Realität, die ihn dadurch täuscht, dass sie unvermeidlich in einer Form erscheint, die sich dem spontanen Bewusstsein der in der Geschäftswelt lebenden Menschen auf verdrehte Weise zeigt und verbirgt“ (Godelier 1977, 170). Der GSP geht anders vor: Mit dem Wort „Idiot“ stellt er eine geistige Behinderung fest. Schon die Rede vom „verrückten Bewusstsein“ oder von Leuten, die „vom Schwachsinn umzingelt“ sind (GSP 1/2004, 59), tut so, als ob die „Fehler“, die das Bewusstsein mache, nichts mit der Sache zu tun haben, auf die es sich bezieht. Geredet wird stattdessen von Bewusstseinsdefiziten, die eine biologische Ursache haben („Idiot“, „Schwachsinn“) oder in den Bereich der Psychopathologie („verrücktes Bewusstsein“) fallen.

Mein zweiter Einschub betrifft die vom GSP vertretene These, es sei unnötig, über die Strukturen der nachkapitalistischen Gesellschaft nachzudenken. Eine „richtige“ Kapitalismuskritik benenne und analysiere alle Probleme der Gesellschaft.[15] Der GSP meint: Wenn die Probleme, die wir heute erleiden, an den von uns erklärten Ursachen liegen, dann ist damit doch schon alles gesagt über die von uns befürwortete Zukunft. Sie sei ausreichend bestimmt durch die Überwindung derjenigen Ursachen, aus denen diese Probleme resultieren. Der GSP schließt kategorisch aus, dass eine nachkapitalistische Gesellschaft e i g e n e Probleme hat und aus ihnen massive negative Folgen für die Bevölkerung resultieren. Ich habe mich mit diesen Problemen in zwei Büchern auseinandergesetzt (Creydt 2014, 2016). In ihnen geht es um die Frage, wie diese Probleme so bearbeitet werden können, dass die nachkapitalistische Gesellschaft nicht wegen dieser Probleme als untaugliche Alternative zum Kapitalismus gelten muss. Aus der Ignoranz des GSP gegenüber Problemen der nachkapitalistischen Gesellschaft ist er unfähig, auf eine in der Bevölkerung weit verbreitete Position zu antworten. Sie lautet: „Am Kapitalismus mag wohl manches zu kritisieren sein. Aber was sind die Argumente dafür, dass wir mit einer nachkapitalistischen Gesellschaft nicht ein Übel durch ein noch größeres ablösen, also vom Regen in die Traufe kommen?“

Drittens: Wir haben inzwischen einige für den GSP typische Denkfehler kennengelernt. Beim MSZ-Artikel über das Kibbuz war es das pars-pro-toto-Argument (e i n i g e Kibbuzim sind Grenzdörfer, „also“ sind dem GSP zufolge  a l l e Kibbuzim Grenzdörfer). Vorher hatten wir schon den Denkfehler des falschen Dilemmas bzw. disjunktiven Fehlschlusses kritisiert und den Denkfehler, nicht zwischen Schranke und Grenze zu unterscheiden (beim individuellen Konsum im Kapitalismus). GSP-Vordenker machen mit dem Anspruch, nur beim GSP finde sich „richtiges Denken“ Werbung und ihre Anhänger nehmen diesen Anspruch für die Tat. Die Realität des GSP sieht leider anders aus. Einige Beispiele für haarsträubende Denkfehler und faktisch falsche Zuschreibungen in GSP-Stellungnahmen sind wir in einem gesonderten Artikel durchgegangen (Creydt 2019a). In diesem Vortrag geht es nicht um einzelne Fehler des GSP, sondern um seinen bürgerlichen Materialismus.

„Selbstzweckhafte Verausgabungen“ in der Freizeit

GSP-Anhänger verstehen sich in einer Bürger-Kommunist-Dichotomie. In ihrer Arbeit sind sie Bürger. In Bezug auf das, was  s i e  für politische Betätigung halten (die Teilnahme an Schulungen und Veranstaltungen sowie die eigenen Stellungnahme in privaten Kontakten und vielleicht allerhöchstens das Verteilen von Flugblättern), dünken GSP-Anhänger sich als Kommunisten. In ihrer Sicht auf die Welt können sie von Kritik gar nicht genug haben, in ihrer Freizeit verbitten sie sich jegliche Kritik an den Vergnügungen, die sie – ganz so wie der normale Bürger – als unverzichtbare Aufhellung des Daseins schätzen.

Der GSP kombiniert den bürgerlichen Materialismus und den Kognitivismus. Im Horizont einer auf Interessen und Gedanken fixierten Aufmerksamkeit lässt sich die „Erlebnisgesellschaft“ nicht begreifen.[16] Sie ist charakterisiert durch das große Ausmaß, in dem die „Funktionalisierung der äußeren Umwelt für das Innenleben“ (Schulze 1992, 35) stattfindet. „Erlebnisgesellschaft heißt: Man sucht das Arrangement von Situationen, in denen man etwas fühlt, Situationen, in denen man in sich Resonanz verspürt“ und „merkt, dass man noch lebt“ (Prisching 2006, 113). Der Kapitalismus verwandelt materielle Ressourcen in kauf- und verkaufbare Waren. In der Erlebnisgesellschaft soll Leben in kauf- und verkaufbare Erlebnisse verwandelt werden. Ein Beispiel: Der GSP begreift das Auto im modernen Kapitalismus als einen „fahrbaren Untersatz“, mit dem die Lohnabhängigen zur Arbeit kommen.[17] Diese These sieht davon ab, dass das Auto in Deutschland gegenwärtig mehr für freizeit- und urlaubsbezogene Fahrten benutzt wird als für Fahrten, die mit dem Erwerbs- und Geschäftsleben zu tun haben.[18] Die Bedeutung des Autos für den Autofahrer resultiert a u c h aus dem Genuss an der Geschwindigkeit, an der eigenen Fahrtechnik und anderen automobilistischen Kompetenzen. Darauf bezogene Sinne, Fähigkeiten und Leidenschaften übersteigen die unmittelbare Nützlichkeit des Autos als Fortbewegungsmittel und betreffen seine Attraktivität als Objekt, an dem sich selbstbezogene Sinne und Fähigkeiten entfalten. Beim Auto geht es u. a. um die Freude am kraftvollen Motorengeräusch und um den Genuss am Gleiten.[19] Selbst eine Berufspendlerfahrt im eigenen Pkw ist deshalb mehr als eine reine Beförderungsfahrt. Diese Freude am Autofahren trägt faktisch dazu bei, die Aufmerksamkeit für die negativen Effekte der Dominanz des Individualverkehrs beiseite zu drängen. Er erfordert (im Vergleich zu einem vernünftigen öffentlichen Verkehrswesen) ein Übermaß an Arbeit und Material, ist mit vielen Unfällen verbunden und deformiert die Stadt zur autogerechten Stadt.

Der GSP kritisiert die mit dem Konsum verbundene Ideologie der Kompensation (s. GSP 2/2006, 109), nicht aber die problematischen Gebrauchswerte der Konsumgüter selbst. Viele hochwertige Autos stellen bestenfalls kleine technische Meisterwerke dar, müssen aber als dekadentes Spielzeug gelten.[20] Der immense Technikaufwand entspricht nicht dem menschlich-sozialen Wert dieser Produkte. Um von der ökologischen Misere ganz zu schweigen, die durch die massive Fehlentwicklung der Technologie z. B. in der Autoindustrie entsteht.[21] Entsprechende Produkte dienen der egozentrischen „Selbstverwirklichung“.

Die durch die Tourismusindustrie angebotene und geförderte Art des Reisens lebt häufig von der V e r ä u ß e r l i c h u n g. Sie „führt die Fremde vor, [...] ohne sie verstehen [...] zu können“ (Armanski 1980, 78). Der so bediente Tourist „kauft sich schnell das Nötige, Beweisende: schöne Natur, Archaisches, Ethnozoologisches, Religiösmuseales“ (Ebd.). Für den GSP ist unproblematisch, wie Angebote der Tourismusindustrie die Subjektivität formieren und welche Folgen das für das In-der-Welt-Sein hat. Faktisch verallgemeinert sich ein im schlechten Sinne touristisches Modell: „Alles ansehen, alles berühren, aber zu nichts wirklich Kontakt aufnehmen“ (Zygmunt Bauman, zit n. Hastedt 2009, 55f.). Die allermeisten Touristen verlassen zwar „das eigene Zuhause, ohne andererseits wirklich in der besuchten Welt anzukommen. Ausgehend vom realen Tourismus verbreitet sich die Haltung des Touristischen auch in anderen Lebensfeldern“ (Hastedt 2009, 55f.).

Der GSP kritisiert die I d e o l o g i e  der Kompensation, also „falsche“ Vorstellungen  ü b e r  etwas, nicht diejenige Entfaltung von Sinnen, Fähigkeiten und Reflexionsvermögen, die  r e a l i t e r  i m Defensivkonsum, im Überkonsum oder in der egozentrischen Selbstbetätigung stattfindet. Der  D e f e n s i v k o n s u m  beantwortet lösbare, aber aus gesellschaftlichen Ursachen unbearbeitet bleibende Probleme durch die vermeintliche Kompensation oder Überkompensation auf der Grundlage des Fortbestands der Probleme. Nicht zufällig bedeutet das englische Wort Komfort ursprünglich „Trost“. Bspw. wird auf den Zustand der gegenwärtigen Stadtbauwelt geantwortet mit dem Eigenheim im sog. Speckgürtel von Städten. Das Eigenheim führt zu langen Wegezeiten, erschwert Treffen mit Arbeitskollegen, Verwandten und Freunden in der Freizeit und trägt insofern zur Vereinzelung bei. Ökologisch sind die Zersiedelung und die Proportion zwischen Außenwänden und Wohnfläche beim frei stehenden Haus desaströs. Jede Person soll in der bürgerlichen Gesellschaft nach Möglichkeit z. B. einzeln in ihrem Auto fahren, statt dass ein Verkehrssystem eingerichtet wird, in dem die Bahn, der öffentliche Personennahverkehr, öffentlich subventionierte (Sammel-)Taxis, Car-sharing u. ä. den Vorrang hat.

„Überkonsum bezeichnet die Menge an Gütern, die wir nicht kaufen würden bzw. könnten, wenn sie nicht durch Externalisierung verbilligt wären“ (Dahm, Scherhorn 2008, 194). Ü b e r k o n s u m lässt sich in einem weiteren Schritt auch auf die Zusammensetzung der verschiedenen „Anteile“ des Individuums beziehen. Der stoffliche Reichtum an Waren und Dienstleistungen im Konsum soll eine Armut vergessen lassen, die andere Dimensionen des Lebens betrifft. Es handelt sich um das Arbeiten, die Sozialbeziehungen sowie die Gestaltung der Gesellschaft durch die Bevölkerung. Viele Konsumgüter gleichen den Objekten, mit denen Eltern, die keinen guten Kontakt zu ihren Kindern aufbauen können, das Kinderzimmer voll stellen.

Die e g o z e n t r i s c h e  B e t ä t i g u n g  bildet die dritte Form der problematischen Entwicklung von Subjektivität. Sie findet nicht nur in der Freizeit statt, sondern betrifft auch das subjektive Verhältnis zur Arbeit. Wer es vorrangig a u f die Befriedigung an der Tätigkeit absieht, sieht leicht  v o n ihren anderen Voraussetzungen, Wirkungen und Kontexten ab. Was an der gesellschaftlichen Realität Interesse erweckt, sind nun die Gelegenheiten dafür, sein „eigenes Ding machen“ zu können. Nicht selten verhalten sich z. B. Techniker und Ingenieure gleichgültig gegenüber Zweck und Grund des Produktes und der sozialen Abwicklung der Produktion (z. B. Entlassungen, Arbeitshetze, unattraktive Tätigkeit), wenn sie v. a. interessiert, wie sie sich in ihre Tätigkeit subjektiv „einbringen“ können. Von Enrico Fermi, der 1938 den Nobelpreis erhielt und führend an der Entwicklung und dem Bau der ersten Atombombe beteiligt war, ist als Antwort auf Einwände der Satz bekannt: „Lasst mich in Ruhe mit euren Gewissensbissen, das ist doch so schöne Physik“ (zit. n. Ullrich 1977, 234f.). Von diesem Extrem fallen Licht und Schatten auf weniger extreme, aber dafür häufiger vorzufindende Varianten.

Der GSP kritisiert Vorstellungen über die Freizeit, nicht die materialiter vorliegenden Verkehrungen (vgl. Anm. 2) der Sinne, Fähigkeiten und Reflexionsvermögen im Defensivkonsum, im Überkonsum und in der egozentrischen Selbstverwirklichung. Der Kognitivismus des GSP bildet neben dem bürgerlichen Materialismus eine weitere systematische Grenze seiner Herangehensweise. Z. B. vertritt Björn Höcke in seinem Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ (Berlin 2018) nicht nur zu kritisierende Gedanken über die Wirklichkeit. Sein Buch übt praktisch in eine Kitsch-Subjektivität ein. (Vgl. dazu Creydt 2018). Sich in der Auseinandersetzung mit Höcke allein auf die Ebene von Argumenten oder Gedanken zu beziehen bedeutet, ein zentrales Moment seines Wirkens auszuklammern. Es ist so, als würde man sich bei Richard Wagners Opern ausschließlich auf die in ihnen gesungenen W o r t e konzentrieren. Die hunderttausende Mitbürger, die mehrere Male wöchentlich lange Strecken laufen, tun dies nicht nur aus ihren Urteilen über die fitness-steigernden Effekte des Laufens, sondern auch aus dem Genuss an der Ausschüttung von Glückshormonen wie Dopamin, Endorphin und Serotonin. Sie finden Gefallen am „Runner’s High“.[22] Die massenhaften Lauftrainings weisen einen großen Anteil an recht speziellen Emotionen auf. Sie beziehen sich ausschließlich auf innere Zustände des jeweiligen Individuum und nicht auf andere Menschen, auf die gemeinsame Praxis oder in ihr relevante Objekte.

Im modernen Kapitalismus entsteht eine Sorte von Gebrauchswerten, an denen sich Sinne, Fähigkeiten und Leidenschaften auf problematische Weise entfalten. Ein großer Teil der kapitalistischen Ökonomie lebt gegenwärtig davon, z. B. mit dem Auto, mit der Unterhaltungselektronik, mit Tourismus u. a. Angebote zu machen, die nicht mehr wie die Dampfmaschine oder die Eisenbahn Schlüsselprodukte sind, die Bedingungen jeder vernünftigen Ökonomie darstell(t)en. Viele Kapitale verlegen sich auf Produkte und Dienstleistungen für die „Erlebnisgesellschaft“. Diejenigen, die die erlebnisgesellschaftlichen Veranstaltungen goutieren, fragen, was mit dieser Unterhaltung und Zerstreuung sowie diesen Aktivitätsangeboten an Atmosphären und Situationen möglich wird. Die Aufmerksamkeit richtet sich darauf, ob die Effekte „neu“, „interessant“, „reizvoll“ oder „raffiniert“ sind. Das ist der Inhalt, um den es bei ihnen geht. Entsprechend findet das Wort „spannend“ Verwendung weit über den Krimi hinaus. (Das sorgt für eine Vermengung von Geltungsansprüchen, wenn Kriterien, die für Krimis gelten („spannend“), auch auf Argumentationen angewendet werden.) Schon mit dem Fernsehen ging es darum, „unsere Stimmungslagen abzukoppeln von den sie begründenden […] Alltagsprozessen. […] Letztlich sollen unsere Gemütsbewegungen nicht mehr der symptomatische Ausdruck unseres Tagesablaufs und unserer seelischen Großwetterlage sein. Stimmungen sollen isolierbare und dosierbare Ereignisse sein, die man jederzeit hervorzaubern und sich aneignen kann. Das Fernsehen gleicht daher als ‚Hausapotheke fürs Gemüt’ einem bunt-flimmernden Stimmungspillenarsenal, das für jede Seelenpein und jede Tagesverfassung das richtige Mittelchen bereithält“ (Grünewald 2006, 183). In der „Erlebnisgesellschaft“ imponiert die Vielfalt, Buntheit und Reichhaltigkeit subjektiver Empfindungen und Gefühle, Verausgabungen und Erlebnisse. Die eigene Stoff-Fülle der Kultur abstrakter Subjektivität soll reicher erscheinen, als es  j e d e  objektive Realität sein kann. Nicht nur viele Unternehmen der Lebensmittelindustrie, sondern auch der Kulturindustrie orientieren sich am Einsatz von Geschmacksverstärkern. Die Pro-Lethargier werden unterhalten und die Plebejer dürfen den Aufwand proben.[23]

Die mangelnde Gestaltung der Gesellschaft durch ihre Mitglieder in modernen kapitalistischen Ländern und die mangelnde Erfüllung im Arbeiten und in Sozialbeziehungen bilden den Hintergrund und Nährboden der erlebnisfixierten Subjektivität. Sie wiederum steigert die vorausgesetzten Schwierigkeiten, ganz ebenso wie das Symptom die ihm zugrundeliegenden Probleme noch dadurch erhöht, dass es Aufmerksamkeit und Energie von ihrer Bearbeitung abzieht. Das Symptom umfasst neben der Schwäche oder dem Unvermögen auch eine Kreativität. Sie bildet eigene überkompensatorische Sinne und Fähigkeiten heraus. Subjektiv ganz in den „erlebnisgesellschaftlichen“ Veranstaltungen aufzugehen, das lässt sich nur zeitweilig erreichen und bleibt auf bestimmte Bereiche begrenzt. Aber sie immer wieder aufzusuchen, das gilt den Anhängern der „Erlebnisgesellschaft“ als das eigentlich Lebenswerte. Es geht um den „Versuch, im Bewusstsein etwas zu erleben, was im Sein nicht da ist“ (Tillich 1995, 359). Eine mannigfaltige Realität von erlebnisgesellschaftlichen Praktiken entsteht. Im Horizont der entsprechenden „Lebenskunst“ gilt es pragmatisch als unvernünftig, sie in Frage zu stellen. Das könne nur im unglücklichen Bewusstsein enden. Diese Lebensart fußt auf einer felsenfesten Gewissheit: Sich mit der gesellschaftlichen Realität zu befassen mache unglücklich. Dann heißt es, beherzt den Versuchungen allen tristen Realismus’ zu trotzen. Radikale Anhänger der „Erlebnisgesellschaften“ würden sich am liebsten nur noch in ihr aufhalten und der Welt – wenigstens subjektiv – die Realität austreiben. „Ich will nicht Realismus, ich will Magie“ sagt Blanche Dubois im Film „Endstation Sehnsucht“.

Unterschieden wird zwischen Essentiellem, Selbstzweckhaftem sowie Autonomem auf der einen Seite und Existenziellem sowie Heteronomiesphären auf der anderen Seite. Letztere wird als im Großen und Ganzen unabänderlich unterstellt. Die selbstzweckhaften Erlebnisse und Verausgabungen erscheinen dann als eine subjektive Antwort auf eine gesellschaftliche Realität, die aus sich heraus in ihrer ebenso instrumentellen Rationalität schlechterdings nie diejenigen „Intensitäten“ und Bedeutsamkeiten, Erlebnisse und und „Kicks“ liefern könne, die in den vermeintlichen Autonomiesphären möglich seien. (Vgl. dazu Creydt 2010.)

Die beschriebene Kultur selbstzweckhaft erscheinender, überkompensatorischer Subjektivität lässt die Individuen sich subjektiv reicher dünken, als sie es realiter sind. Auf die eigene Nichtentfaltung im Arbeiten, an Gegenständen und in Sozialbeziehungen sowie in der gemeinsamen Gestaltung der Gesellschaft wird geantwortet mit einer Überkompensation, die nicht nur die Misere, auf die sie antwortet, nicht behebt, sondern die eventuelle Aufmerksamkeit für sie erschwert. Nicht nur an Kindern macht sich die Koexistenz von Vernachlässigung und Verwöhnung bemerkbar. Eine Gesellschaftskritik, die dem Stellenwert der erlebnisgesellschaftlichen Praktiken im modernen Kapitalismus gewachsen sein will, bedarf einer Analyse, die (auch) dem GSP völlig fehlt. Diese Analyse verknüpft die Kritik an zentralen Anlagefeldern von Kapitalen, die ökologische Kritik am Überkonsum sowie die für die Individuen essentielle Kritik an der Entfremdung von ihrer Wirklichkeit durch eine diese zu- und verstellende sowie verstopfende Realität an Objekten, Dienstleistungen und Veranstaltungen.[24]

Die Produktion der Objekte und Dienstleistungen für die beschriebene Kultur des Konsum und der Erlebnisgesellschaft bietet der kapitalistischen Ökonomie die Möglichkeit, aus ihrem eigenen Elend Gelegenheiten zu ihrem Florieren zu gewinnen. Solche Gebrauchswerte von Waren und Dienstleistungen, die die beschriebene Subjektivität bedienen, bilden zugleich die notwendige Bedingung dafür, dass den Kapitalen in den reichsten Ländern die Produktionsgelegenheiten nicht ausgehen. Die durch Produktivitätssteigerung entstandene Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit könnte ohne die Ausdehnung der Masse der Arbeiten dazu beitragen, dass die Leute auf „falsche” Gedanken kommen.

Schluss

Die Sorge davor, dass Gesichtspunkte geltend gemacht werden, die die Nützlichkeitsorientierung einschränken oder „relativieren“, überschattet beim GSP alles. Entsprechend erteilt er der Erziehung und Förderung der nächsten Generation eine Absage. Solche „Generativität“[25] gilt dem GSP als zu kritisierende Einschränkung des bürgerlichen Materialismus. Auch eine ökologisch düstere Zukunft müsse laut GSP den legitimerweise im Hier&Jetzt lebenden wahrhaft bürgerlichen Materialisten nicht kümmern. „Und wenn es so wäre, dass durch den Konsum irgendwann die Natur verbraucht wäre – was wäre denn daran schlimm? Dann hätten die Leute halt ein schönes Leben gehabt, und irgendwann wär’s rum. Wem fehlt da dann was?“ (MG 1990, S. 21). Der GSP kritisiert, dass die „äußerliche Nützlichkeitsbeziehung“ (MEW-Erg.bd. 1, 542) beschränkt wird durch das Verhältnis des Kapitals zu den Lohnabhängigen. Die dem bürgerlichen Materialismus von außen gesetzten Schranken in den Blick zu nehmen, heißt noch nicht, seine eigenen Grenzen zu begreifen. (Vgl. Anm. 5.)

Der „G e g e n standpunkt“ stellt  s e i n e  „Kritik“ ins Schaufenster. Der S t a n d p u n k t, von dem aus sie geübt wird bzw. die positiven Zwecke, die dem GSP vorschweben, geraten ins Abseits der Aufmerksamkeit. Der GSP empfiehlt sich als das non plus ultra in Sachen „radikaler Kritik“.[26] Diese kritischen Kritiker zeigen in ihren positiven Vorstellungen vom Konsum, von der Arbeit und von der nachkapitalistischen Gesellschaft einen erstaunlich bescheidenen und affirmativen Horizont. Wer das bestimmte Gegenteil zum äußerlichen Nützlichkeitsstandpunkt des bürgerlichen Materialismus in den Blick bekommen will, wird sich den Prozessen der Bildung menschlicher Sinne, Fähigkeiten und Reflexionsvermögen zuwenden, die im Arbeiten, im Bezug auf Gegenstände außerhalb der Arbeit, in Sozialbeziehungen und in der Gestaltung der Gesellschaft durch ihre Mitglieder stattfinden (vgl. Creydt 2017, 2019).

 

Literatur:

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Creydt, Meinhard 2015: Der bürgerliche Materialismus und seine Gegenspieler. Hamburg

Creydt, Meinhard 2016: 46 Fragen zur nachkapitalistischen Zukunft. Münster

Creydt, Meinhard 2016a: Kapitale Desorientierung. Zur Kritik an Christian Ibers Buch zum ersten Band des ‚Kapital’

Creydt, Meinhard 2017: Die Armut des kapitalistischen Reichtums und das gute Leben. München

Creydt, Meinhard 2018: Björn Höckes gesammelte Drohungen. In: Telepolis, 12.10.2018

Creydt, Meinhard 2019: Was kommt nach dem Kapitalismus? Hg. von Helle Panke/Rosa Luxemburg Stiftung Berlin: Philosophische Gespräche. Nr. 57. Berlin

Creydt, Meinhard 2019a: Pseudokritik, Fehler und Bluff beim „Gegenstandpunkt“. In: Forum Wissenschaft, 38. Jg., H. 1

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[1]   Die Vorgehensweise in diesen Schulungsveranstaltungen wird aus ausführlichen Protokollen deutlich. Vgl. https://de.gegenstandpunkt.com/jfp/jf-protokolle

[2]   In der Verkehrung wird Vernunft zum Unsinn und Wohltat zur Plage. Die Verkehrung ist „nicht nur Umkehrung ins Gegenteil, sondern die Verkoppelung des Wesensverschiedenen“ (Jaspers 1966, 63). Die Verkehrung verwandelt stillschweigend das, worum es geht, in ein von ihm ums Ganze Verschiedenes. Ein Beispiel: Der frühere Bild- und Spiegel-Journalist Nikolas Blome spricht in der RBB-Sendung „Abendshow“ vom 5.12.19 davon, beim „unten-oben-Gegensatz“ in der Gesellschaft sei gegenwärtig in Deutschland nicht allein an arm und reich zu denken, sondern auch an Land (abgehängt wg. Mangel an Infrastruktur) und Stadt sowie schließlich auch an diejenigen, die moralisch „den Ton angeben“ (in Sachen Umwelt, Migration), und diejenigen, die „belehrt“ würden. (vgl. https://www.rbb-online.de/abendshow/die-abendshow-gaeste/nikolaus-blome-bild-live.html) Blome setzt in dieser Reihe drei ganz verschiedenen Gegensätze gleich. Damit verschwindet u. a. der Unterschied zwischen strukturellen Gegensätzen und Gegensätzen zwischen verschiedenen Mentalitäten (zwischen denjenigen, die Blome als Moralapostel gelten, und den „Konsumenten“). Der arm-reich-Gegensatz erscheint als Teilmenge eines umfassenderen Phänomens („soziale Spaltung im Land“), die allen drei Gegensätzen gemeinsam sei.

[3]   Ich zitiere auch aus Publikationen der Vorläuferorganisation des GSP, der Marxistischen Gruppe (MG). Der GSP hat viele dieser Artikel auf seiner Netzseite veröffentlicht und hält sie also nach wie vor für verbreitungswürdig. Es gibt in den meisten Inhalten eine lange Kontinuität. Zu den für die folgenden Ausführungen irrelevanten Ausnahmen vgl. Creydt 2015, S. 73 Anm. 60, S. 95f., S. 183-185. Dieser Band enthält eine weitreichendere und tiefere Auseinandersetzung mit MG und GSP, als sie in einem Vortrag möglich ist.

[4]   „Der Mythos des Nicht-Besitzens geht über die abstrakte Kategorie des ‚privaten’ Individuums nicht hinaus, das in einem ‚Inneren’ eine Identität hat, die gleichgültig gegenüber allen ›äußeren Aktivitäten’ bleibt“ (Lefebvre 1977, 161). „Unter dem Deckmantel einer Anklage gegen das Geld rechtfertigen sie den Reichtum, indem sie ihn zu einem bloßen Akzidens der menschlichen Verhältnisse erklären, deren Kern ein moralischer oder metaphysischer sein soll“ (Ebd., 158).

[5]   Der MG gilt als Tatsache, „dass sich so ziemlich alles am verfügbaren Kleingeld entscheidet“ (MG 1990a, 21). „Die Frage nach dem Einkommen ist in der Marktwirtschaft existentiell. Wie viel Geld ein Wirtschaftsbürger für wie viel Arbeitsaufwand heim trägt, entscheidet über sein Leben; darüber nämlich, ob ihm die Güter des täglichen Bedarfs sowie des Genusses in ausreichender Menge und Qualität zugänglich sind, und ob die für deren Beschaffung erforderliche Arbeit auch noch Lebenszeit und Lebenskraft für Genuss und die Entwicklung freier Interessen übrig lässt“ (Ankündigung einer Veranstaltung mit dem Fachhochschulprofessor Egbert Dozekal am 19.6.08, veranstaltet vom sozialpolitischen Referat des AstA der FU Berlin). Dozekal referiert regelmäßig auf Veranstaltungen von Gruppen, die zum GSP-Netzwerk gehören.

[6]   Die Unterscheidung zwischen Schranke und Grenze stammt von Hegel. Etwas hat eine S c h r a n k e, insofern es aktuell eine bestimmte Ausdehnung (oder Quantität) aufweist, die sich aber verändern lässt. Der Mangel wird dann so verstanden, dass die vorliegende Quantität nicht das ermöglicht, was eine höhere Quantität verspricht. Etwas hat eine G r e n z e, insofern es durch eine bestimmte Qualität charakterisiert ist. Die Schranke eines Feldes lässt sich verschieben, indem ich es erweitere. Das Feld weist dann nicht mehr diejenige bestimmte Schranke auf, die es vorher hatte. Die Grenze eines bestimmten Stück Landes lässt sich nur überwinden, indem ich seine Qualität verändere, also z. B. es aus Ackerland in Bauland verwandele. Schranken lassen sich verschieben, Grenzen nicht.

[7]   Die Marxistische Gruppe (MG), die Vorläuferorganisation des GSP, zitiert eine Schilderung des Konsumismus, die die Mischung aus Vernachlässigung und Verwöhnung vergegenwärtigt: „Da sitzt ein achtjähriges Kind zu Hause, der Fernseher ist eingeschaltet, aus dem Kassettenrecorder tönt Musik, das Kind liest ein Comic-Heft und bedient sich aus einer Tüte Chips, wobei es auch noch ab und zu mit einem anderen Kinde im Raum mittels Satzfetzen wie ‚Echt stark!’, ‚Das bringt’s!’ kommuniziert“ (MSZ 3/1980, S. 64). Die MG kommentiert diese Passage nun wie folgt: „Weil selbst dem abgebrühtesten Verfechter der ‚Konsumterror’-Theorie gegen die besonderen Gebrauchsgegenstände wie Paprikachips und Musik (nach einer These der selben Fraktion haben böse Menschen keine) kein Widerwort einfällt, muss eben die Vorstellung des gleichzeitigen Genusses von Disco-Sound, Wim Thoelke und Micky Maus die gewünschte Überzeugungskraft einbringen.“ Kritisiert wird an der „pädagogischen Menschenfreundlichkeit“, sie wolle „noch in jede Freizeitbeschäftigung einen ‚Sinn’ für ihr Erziehungsziel zwingen“ (Ebd.).

[8]   Auf eine Darstellung sei hingewiesen, weil sie plastisch das positive Potenzial des Arbeitens vergegenwärtigt, das der GSP nicht kennt: Hardensett plädiert dafür, Arbeit nicht allein nach dem Einkommen zu schätzen, sondern „nach ihrer baumeisterlichen Kraft, ihrem handwerklichen Können, ihrer Schaffensfreude und ihrem Gestaltungswillen und Verantwortungsgefühl“ (Har­densett 1932, 123). In der kapitalistischen Ökonomie kommt es „nicht an auf ein gutes [...] Werk, nicht auf eine schöpferische Gestaltung der Energien und Stoffe der Natur, nicht auf ästhetische Offenbarungen oder wissenschaftliche Leistungen, sondern es kommt nur und nur auf einen möglichst großen bilanzmäßigen Überschuss an“ (Ebd., 29f.).

[9]   „Die Arbeitsteilung (überschreitet) just an jener Stelle die Grenze des menschengerechten Maßes in einer enthumanisierenden Weise, wo das Produkt dieses Produktions- oder Bildungsprozesses nicht eine materielle Ware, sondern das bewusste Sein des Menschen selber ist.“ Die Frage stellt sich, „ob die Erzeugung des Humanen als bloßes Nebenprodukt der Erzeugung von Gegenständen überhaupt möglich ist oder ob nicht vielmehr diese Erzeugung erst dann gelingen kann, wenn sie zum vorrangigen Zweck des Produktionsprozesses wird“ (Kilian 1971, 197, 198).

[10] „Die Frage ist nicht [...]: in welchem Beruf kann ich am besten agitieren und den Klassenkampf unterstützen, sondern: welche Berufe, welche Jobs lassen mir die meiste Kraft und Zeit, die notwendigen Aufgaben kommunistischer Politik zu erfüllen?“ (Resultate 1, S. 25). Die ebenso rhetorische wie advokatenhafte Frage des GSP lautet: Sollen denn unsere Anhänger unsere Zeitschrift im Lehrerzimmer verkaufen und an der Schule unsere Flugblätter verteilen? Suggeriert wird, es sei ausschließlich zweierlei möglich: E n t w e d e r  der radikale Kritiker outet sich und riskiert damit seine Entlassung  o d e r  er führt ein Doppelleben und verhält sich in der Arbeit angepasst. Wir haben es wieder mit der Argumentationsfigur des ‚falschen Dilemmas’ oder des ‚disjunktiven Fehlschlusses’ zu tun.

[11] Die Erziehung als zentrales Moment in der DDR beinhaltet, dass jeder ständig zu lernen hat als zu Erziehender und zugleich jeder auch andere erziehen soll. „Der Erzieher wird also in der DDR erzogen. Aber immer vom nächsthöheren Erzieher. [...] Die Erwachsenen geben’s der Jugend, die Funktionäre den Erwachsenen und spezielle Funktionäre den einfachen Funktionären. […] Die ganze DDR wird ihrerseits vom großen Bruder SU erzogen“ (Brückner, Sichtermann 1975, 54). Erziehung findet aber nicht nur von oben, sondern auch horizontal statt: „Die Kollektive [...] sind nicht zuletzt kleine Pädagogenteams: Jeder hat auf den anderen aufzupassen, mit ihm über seine ‚Fehler’ zu sprechen, ihm aber zu sagen, wie er’s besser machen soll“ (Ebd., 54f.). „Die relative Langmut gegenüber den Lernenden hat aber auch selbst ihre repressive Seite: setzt sie doch voraus, der Schüler sei eh’ nicht imstande, (mit)zu entscheiden, was (für ihn) gut oder richtig ist“ (Ebd., 56). Diesem pädagogischen Konzept zufolge wird der Erwachsene „zum Zögling infantilisiert (und zugleich zum Erzieher seines sozialen Umkreises aufgeblasen)“ (Ebd., 57).

[12] Solange der Endzustand eines gehobenen Bewusstseins der Massen nicht erreicht ist, kann und braucht sich die Avantgarde vor den Massen und ihrem dann noch „unentwickelten“ Bewusstsein nicht zu legitimieren. Rosa Luxemburg gilt aufgrund ihrer Polemik gegen Lenin als „undogmatische“ und „gute“ Marxistin. Eine lesenswerte Analyse von Luxemburgs einschlägigen Texten (Redaktionskollektiv Schwarze Protokolle 1972a) zeigt, wie auch Luxemburg in den Aporien des Avantgardeparadigmas verfangen bleibt.

[13] Ohne praktisch-tätige Befasstheit mit der Gestaltung von Gesellschaft geht der „Sinn für die Wirklichkeit verloren. [...] Normalerweise teilen die großen politischen Fragen im Seelenhaushalt des typischen Bürgers den Platz mit jenen Mußestunden-Interessen, die nicht den Rang von Liebhabereien erreicht haben, und mit den Gegenständen der verantwortungslosen ‚Konversation’. [...] Dieser reduzierte Wirklichkeitssinn erklärt nun nicht nur ein reduziertes Verantwortungsgefühl, sondern auch den Mangel an wirksamer Willensäußerung. Jedermann hat natürlich seine eigenen Phrasen, seine Begehren, seine Wunschträume und seine Beschwerden; namentlich besitzt jedermann seine Vorlieben und seine Abneigungen: Aber gewöhnlich entspricht dies nicht dem, was wir einen Willen nennen – das psychische Gegenstück zu ziel- und verantwortungsbewusstem Handeln. De facto gibt es für den privaten Bürger, der über nationale Angelegenheiten nachsinnt, keinen Spielraum für einen solchen Willen und keine Aufgabe, an der er sich entwickeln könnte” (Schumpeter 1950, 414f.).

[14] Widersinnig sind: - der Ausschluss durch das Privateigentum, - die Konkurrenz,

     - die Käuflichkeit von allem, - eine Arbeitsteilung, die auch die Menschen teilt, - die „Gleichgültigkeit der Konsumierenden und der Produzierenden zueinander“ (Marx 1974, 78), - die Dominanz der mehrwertproduktiven Arbeiten&Tätigkeiten gegenüber denjenigen Care-Tätigkeiten, die keinen Mehrwert schaffen, - die Instrumentalisierung von Menschen zur Mehrung des Mehrwerts, - die Profitabilität als entscheidendes Relevanzkriterium dafür, ob Produkte oder Dienstleistungen zustande kommen.

[15] Vgl. den Artikel „Warum wir nicht mit einem ‚durchdachten planwirtschaftlichen Konzept’ für den Kommunismus werben“ in GSP 1/2004.

[16] Ich nehme einige allgemeine Charakteristika der Erlebnisgesellschaft auf, mache mir aber nicht Gerhard Schulzes Theoriekonstrukte zur Erlebnisgesellschaft zu eigen. Vgl. meine Kritik an seinem Buch in Links – Sozialistische Zeitung. Offenbach, 26.Jg., 1994, H. 6.

[17] „Falsch ist das Lob der Wohlstandsgesellschaft eben darin, dass es pure N o t w e n d i g k e i t e n  für die Erfüllung von Funktionen eines Arbeitnehmerdaseins mit dem Siegel des guten Lebens versieht. [...] Als wäre eine mobile Arbeitsbevölkerung, die den räumlich wie zeitlich flexiblen Einsatz in ‚atmenden Unternehmen’ abzuleisten hat, ohne fahrbaren Untersatz zu haben“ (GSP 2/2010, S. 70).

[18] 2014 entfielen im motorisierten Individualverkehr (Auto und motorisiertes Zweirad) 307,7 Mrd. Personen-Kilometer auf Fahrten, die mit dem Erwerbs- und Geschäftsleben zu tun haben, 360,6 Mrd. auf freizeit- und urlaubsbezogene Fahrten (Bundesministerium 2016, 225).

[19] Das „Gleiten als Bewegung“ wird durch „das Kontinuierliche, Mühelose“ attraktiv. „Das Gleiten gibt uns Weite. Darum sind gleitende Bewegungen meist erfreulich. Sie steigern das Erlebnis des Könnens, geben ein Bewusstsein der vitalen Freiheit“ (Straus 1956, 386). In einem Bericht über den „Touareg Hybrid“ heißt es: „Die Luftfederung, die komfortabel einstellbare, die Verbundglasscheiben, die dicken, die Sonnenstrahlen und Schall absorbierenden, sie geben Fahrer und Mitreisenden das Gefühl zu schweben, zu gleiten. Wie ein Dampfer steuert das Dickschiff durch den Verkehr. In der Stadt fühlt man sich erhaben – nicht nur dann, wenn man in manch weniger gut angesehenen Kiezen die Federung auf ‚Sondergelände? stellt und sich das Fahrzeug ein paar Zentimeter höher, weiter nach oben über den niederen Alltag schiebt“ (Brock 2012, 4). In Bezug auf Autos des gehobenen Preissegments heißt es: „Autofahren war früher. Heute besteigt man mobile Inneneinrichtungen.“ Der „Erlebniswert“ des jeweiligen Auto-Innenraumes werde zum „Alleinstellungsmerkmal“ (Die Zeit, Nr. 40/2014, S. 44).

[20] Konrad Lotter (2012) arbeitet die „Verselbständigung der Teile“ sowie „die zunehmende Herrschaft des Toten über das Lebendige“ als Inhalte eines Begriffs von Dekadenz bei Marx heraus.

[21] Verdoppelung des durchschnittlichen Gewichts deutscher Autos in den letzten 30 Jahren (Schindler 2014, 159). Daraus resultieren größerer Schadstoffausstoß und größerer Benzinverbrauch. „Als Argument dient den Herstellern stets das Zauberwort Sicherheit. [...] Airbags, Dämpfer oder abknickende Lenksäulen im Kollisionsfall machten allenfalls 30, 40 Kg Gewicht aus. Der große Rest werde in immer mehr Leistung und immer größeren Komfort gesteckt“ (Ebd., 160). Keine andere Sorte von Fahrzeugen als die SUVs (Sports Utility Vehicles) „hat in den vergangenen Jahren eine ähnliche Erfolgsgeschichte hingelegt“ (Ebd., 162). Die 1995 in Deutschland verkauften Autos verfügten über durchschnittlich 95 PS. 2013 lag dieser Wert bereits bei 138 PS (Ebd., 161).

[22]  „Glückshormone wie Serotonin werden auch bei Drogenkonsum erhöht ausgestoßen, Endorphin ist praktisch ein körpereigenes Opioid. Schmerzen und Stress sind vergessen und kaum spürbar, die Natur und das plötzliche Glück wird voll wahrgenommen. Was ist jedoch der Unterschied zur Ausschüttung der Glückshormone durch Laufen statt durch Medikamente? Beim Laufen sind spätestens zwei Stunden nach dem Training alle Effekte des Läuferhochs verklungen. Man fühlt sich durch die Anstrengung erschöpft und losgelöst“ (https://www.sportbenzin.ch/blog/hormone-und-laufsport-was-sich-im-menschlichen-gehirn-waehrend-dem-laufen-abspielt).

[23] Bereits Goethe kamen Zweifel angesichts der eigenen vom Aufwand ausgehenden Effekte: „Im Theater wird durch die Belustigung des Gesichts und Gehörs die Reflexion sehr eingeschränkt“ (zit. n. Adorno 1963, 70).

[24] „Die Menschen können erst dann die Gegenstände frei in ihr Leben einbeziehen, wenn sie aus der Gebanntheit durch Gegenständlichkeit gelöst sind“ (Kühne 1981, 264).

[25] John Kotre unterscheidet zwischen biologischer Generativität (dem Großziehen eigener Kinder), elterlicher Generativität (dem Sich-Kümmern um fremde Kinder), technischer Generativität (der Weitergabe und Vermittlung von Fertigkeiten und Wissen an die nächste Generation) sowie kultureller Generativität (der Weitergabe und Vermittlung kultureller Werte) (Psychologie Heute 4/2001, S. 26f.).

[26] In meinem Band „Der bürgerliche Materialismus und seine Gegenspieler“ werden die Fehler in der Theorie des GSP in Bezug auf die Produktionstechnologie (S. 85-92), den Staat (62-75), die Psychologie (105-130) und die Paarbeziehungen (102-104) zum Thema. Ebenso die Mentalität von GSP-Anhängern (208-222). Zur Kapitalismustheorie des GSP vgl. a. Creydt 2016a. Zu weiteren Fehlern vgl. Creydt 2019a.

[27] Meine Artikel finden sich unter www.meinhard-creydt.de.

[28] Die Roten Zellen/AK waren die Vorläuferorganisation der Marxistischen Gruppe.







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