Pauli Levi versus Clara Zetkin-Geschichte aktuell


Paul Levi (ca. 1920); Foto: Wikimedia Commons

02.09.19
DebatteDebatte, Theorie, TopNews 

 

Von Max Brym

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kommunistischen Internationale und speziell der deutschen KPD in den zwanziger Jahren ist äußerst aktuell. Die Weltökonomie gerät gegenwärtig ins Wanken. Der Vortanzvorsitzende von BASF forderte eine neue Agenda 2010. Die Wirtschaft wächst nicht mehr. Alle Widersprüche spitzen sich zu. Zur gleichen Zeit erleben wir eine politische Legitimationskrise der bürgerlichen Herrschaft. Einstige „Volksparteien“ erodieren. Die Gegenwartsfanatiker innerhalb der „Linken“ eiern weiter erfolglos herum. Die Rechte wird in Deutschland zur Scheinalternative. Die Bourgeoisie setzt zunehmend auf den modifizierten Brüning Verschnitt Friedrich Merz als Kanzler. Es steht eine tiefe ökonomische und politische Krise an. Wir stehen vor scharfen Klassenkämpfen. Die Beschäftigung speziell mit den Revolutionsjahren 1918 bis 1923 ist daher unumgänglich.

Anmerkungen zum Artikel: “ Weshalb scheiterte die deutsche Revolution 1918- 23?" von Walter Held

Es fällt mir ungeheuer schwer einen Artikel des Genossen Walter Held welcher Opfer des stalinistischen Terrors wurde zu kritisieren. Dennoch ist es notwendig bestimmte Aussagen in dem historischen Artikel zu hinterfragen. Keinesfalls geht es mir darum die Fehler der Komintern in der oben genannten Phase und des Fehlens einer wirklichen leninistischen Parteiführung in der deutschen KPD infrage zu stellen. Dazu ist im Artikel vieles richtig und treffend formuliert. Allerdings gibt es in dem Artikel oberflächliche und fehlerhafte Akzente. Es finden sich in dem Artikel einige unhaltbare Aussagen. Beispielsweise ist folgendes zu lesen:“ Das politische Niveau des Gespanns Maslow-Fischer befand sich in der Nähe der Hooligans der extremen Rechten, dem Pack um Streicher und Strasser.“ Eine solche Aussage kann und darf so nicht getätigt werden. Es ist unmöglich bei aller Fehlerhaftigkeit von Maslow und Fischer, diese mit Strasser oder gar Julius Streicher gleichzusetzen.

Die Märzaktion 1921

Völlig richtig wird in dem Artikel auf die Fehlerhaftigkeit und den Subjektivismus der sogenannten Offensivtheorie hingewiesen. Es war in der Tat ein ultralinker Fehler ohne die Mehrheit der Arbeiterklasse in Deutschland, hinter sich zu wissen einen Revolutionsversuch zu unternehmen. Inhaltlich hatte Paul Levi mit seiner Kritik an der Aktion völlig recht. Es ist nur unhaltbar ohne kollektive Diskussion, individuell eine Broschüre zu veröffentlichen in der mit Kraftausdrücken, die deutsche KPD niedergemacht wird. Im März 1921 hatte die KPD die Mehrheit der Arbeiter im mitteldeutschen Industriegebiet speziell im Raum Halle-Merseburg hinter sich. Der sozialdemokratische Polizeipräsident Hörsig begann die Arbeiter in dieser Region zu provozieren zu entwaffnen und ihre Kontrollmöglichkeiten über die Produktion außer Kraft zu setzen. Völlig richtig kritisierte Karl Radek auf dem Dritten Weltkongress der Kommunistischen Internationale die KPD wegen der „Verwechslung von Defensive und Offensive“. Radek empfahl den deutschen Genossen doch“ beim alten Clausewitz nachzusehen und sich über den Unterschied zwischen Defensive und Offensive kundig zu machen.“ Nach Radek wäre es richtig gewesen, die Arbeiter in Deutschland zur Verteidigung einer bereits errungene Position in Mitteldeutschland aufzurufen. Das war eine klare Distanzierung vom Aufruf zur Revolution entsprechend der Offensivtheorie in Gesamtdeutschland, welchen die abenteuerliche ultralinke KPD Führung unternahm. Auch Sinowjew, genauso wie Leo Trotzki, kritisierten vielleicht in etwas zu vorsichtigen Worten, die ultralinken Aktionen und die ihr zugrundeliegende Offensivtheorie in Deutschland. Klara Zetkin kritisierte inhaltlich ähnlich wie Paul Levi die Märzaktion in Deutschland. Sie brachte allerdings die Disziplin auf, den Weltkongress abzuwarten, um für ihre Position zu werben. Die Beschlüsse des dritten Weltkongresses mit ihrer Zielstellung, „nicht mit der Revolution zu spielen und die Mehrheit der Arbeiterklasse mittels der Einheitsfronttaktik zu erobern“ gaben weit gehend der Kritik von Klara Zetkin und anderer Anhänger von Paul Levi recht. Nichtsdestotrotz wurde Paul Levi scharf kritisiert. Diese Kritik erfolgte zu Recht. Mitten im Kampf kann nicht ein Individuum mit Kraftausdrücken wie der „größte Bakunisten Putsch in der deutschen Geschichte“ oder“ die Turkestaner“ gemeint waren die Vertreter der Komintern, den kämpfenden Arbeitern von denen 7000 Inhaftiert wurden in den Rücken fallen. Der Genosse Lenin sprach in einem Gespräch mit Klara Zetkin von der Tatsache.“

Das Pauli Levi den Kopf verloren hätte, obwohl er wenigstens einen zu verlieren hatte.“ Aus den Erinnerungen von Clara Zetkin geht hervor, wie Lenin, Paul Levi eine Brücke bauen wollte. Er schlug vor, Levi solle „unter Pseudonym einige wertvolle Artikel für die Parteipresse verfassen, um dann, wieder eine wichtige Rolle in der deutschen Partei auszufüllen“. Bekanntlich lehnte Paul Levi all dies ab. Ganz im Gegenteil, Paul Levi veröffentlichte im Jahr 1922, die Artikel von Rosa Luxemburg zur Russischen Revolution, welche sie im Gefängnis geschrieben hatte und nie veröffentlicht haben wollte.Levi ging es darum mit diesem Schritt die Russische Revolution zu diskreditieren. Ab diesem Zeitpunkt distanzierte sich Klara Zetkin scharf von Levi. Mit diesem Schritt stellte sich Levi bewusst der kommunistischen Bewegung entgegen. All das kommt in dem Artikel von Walter Held nicht zur Sprache. Auch nicht der Fakt, dass unter der Leitung von Ernst Meyer, ab Frühsommer 1921 die KPD aus den Fehlern lernte und eine erfolgreiche Politik gemäß den Beschlüssen des Weltkongresses durchführte. Leider wurde Meyer im Januar 1923 von Heinrich Brandler auf Initiative Sinowjews als Parteichef abgelöst.

Einige Anmerkungen zur Person Paul Levi

Levi war ein glänzender Jurist, welcher unter anderem Rosa Luxemburg verteidigte. Auch in der Weimarer Republik war er als Rechtsanwalt tätig und verteidigte als linkes SPD Mitglied, viele Arbeiter gegen die bürgerliche Klassenjustiz. Auf dem Gründungsparteitag der KPD hielt er ein glänzendes Referat bezüglich der Teilnahme der KPD an den Wahlen zur Nationalversammlung. Bekanntlich lehnte die ultralinke Mehrheit die Vorschläge von Luxemburg, Levi und Liebknecht, ab. Beim Heidelberger Parteitag im Oktober 1919 setzte Levi Beschlüsse gegen die ultralinken Stimmungen innerhalb der Mitgliedschaft der KPD durch. Dies führte zur Spaltung und zur Gründung der KAPD. Die KAPD bekam auf dem zweiten Weltkongress der Kommunistischen Internationale, den Status einer sympathisieren Organisation. Dieser Beschluss wird von Walter Held in dem Artikel kritisiert. Diese Kritik ist falsch. Anfang der Zwanzigerjahre wollten alle möglichen Leute mit denen sich teilweise Paul Levi solidarisierte-Mitglied der kommunistischen Internationale werden. Davon zeugt die Affäre um die italienischen Zentristen Turruti und Serrati (Konferenz in Livorno) mit denen, sich Levi solidarisierte. Völlig zu Recht wies die Kommunistische Internationale auf dem zweiten und dritten Weltkongress daraufhin, dass der Hauptgegner nicht links, sondern rechts stehe. Genau aus diesem Grund formulierte der zweite Weltkongress die berühmten 21 Bedingungen zur Aufnahme in die Kommunistische Internationale. Offensichtlich hatte Paul Levi damit seine Probleme wie seine Haltung zur italienischen Frage zeigte. Im Jahr 1920 schrieb Lenin sein berühmtes Buch“ „Der linke Radikalismus als Kinderkrankheit des Kommunismus“. In der Tat, eine Kinderkrankheit ist leichter zu bekämpfen als rechts opportunistischer Altersschwachsinn. Aus diesem Grund wurde die KAPD als sympathisieren Sektion in die Kommunistische Internationale aufgenommen . Nicht um ihr inhaltliche Zugeständnisse zu machen sondern, um sie von den ultralinken Kinderkrankheiten zu heilen. Diese Herangehensweise war Levi fremd. Eine unmögliche Haltung hatte Levi zur Räterepublik in Bayern speziell in ihrer kommunistischen Phase in München. Er verurteilte die Teilnahme der Kommunisten und ihre aktive Rolle in der letzten Phase der Räterepublik in München durch Eugen Levine in mehreren Artikeln.Natürlich hatte Eugen Levine die Teilnahme an der Scheinräterepublik in München bis Mitte April 1919 abgelehnt. Als aber am 14. April 1919 bewaffnete Einheiten der Konterrevolution, die Arbeiter in München angegriffen war Levine klar, dass die Kommunisten nicht beiseite stehen dürften. Sie mussten trotz der Isolierung der Arbeiter in München ihren Widerstand gegen die Konterrevolution so gut als möglich organisieren. Levi hingegen kritisierte die Teilnahme der Kommunisten am im wesentlichen bewaffneten Widerstand gegen die „wild gewordene Soldateska“ als „Abenteuer“ auf dem Heidelberger Parteitag 1919. Wer die politische Biografie von Paul Levi näher betrachtet, wird nicht darum herumkommen festzustellen, dass es sich um einen gebildeten links stehenden Menschen handelte welcher aber ständig zwischen Marxismus und Zentrismus hin und her schwankte. Solche Erkenntnisse kommen in dem Artikel von Walter Held nicht vor.

Der deutsche Oktober 1923

Die opportunistischen Fehler der Brandler Thalheimer Führung im Deutschen Oktober 1923 werden im Artikel richtig benannt. Völlig zu Recht verweist Held auf die bremsende Rolle Stalins bezüglich der Machbarkeit der deutschen Revolution im Jahr 1923. Den meisten Ausführungen des Autors Walter Held ist zuzustimmen. Aber auch hier muss ich einige kritische Bemerkungen anfügen. Es ist in der deutschen Linken heutzutage Mode Karl Radek, wegen seiner „Schlageter Rede“ im Frühsommer 1923 zu verurteilen und ihm nationalistische Abweichungen zu unterstellen. Völlig ausgeblendet wird in diesem Diskurs, die Überlegung von Radek, die deutsche Rechte zu verwirren zu desorganisieren und zu paralysieren. Radek ging davon aus, dass im Zuge herannahenden Revolution, es die deutsche Arbeiterklasse mit der Reichswehr, den Polizeieinheiten, sowie der reaktionären deutschen Rechten zu tun bekäme. In seiner berühmten Rede nannte Radek-Schlageter einen: „Wanderer ins Nichts“ und „einen mutigen Soldaten der Konterrevolution“. An diesen Ausführungen ist nichts zu kritisieren. Schlageter war in der Tat, „Soldat mutig“ und ein „Konterrevolutionär“. Mit seiner freundlichen Worten startete Radek den Versuch dem reaktionären Kleinbürgertum nahe zulegen, sich aus der kommenden Auseinandersetzung zumindest herauszuhalten. Man mag das für ein gewagtes Verwirrspiel des Zockers Radek halten aber mit Nationalbolschewismus hatte diese Herangehensweise nichts zu tun. Eine andere Frage ist wie die deutsche KPD Führung mit der Rede von Radek umging. Es gab real wirklich nationalistische Abweichungen in der KPD-Presse, speziell als man die Zeitungsspalten für einen Grafen Reventlow und andere öffnete. Gleichzeitig wurde aber auch ein Antifaschistentag mit Massencharakter im August 1923 durchgeführt.

Fazit

Der Artikel von Walter Held aus den Archiven ist hervorragend geeignet, um speziell junge Revolutionäre und die marxistischen Kader auf kommende revolutionäre Schlachten vorzubereiten. Eine scharfe Kritik an dem Artikel von Walter Held ändert daran nichts. Wir müssen uns mit Geschichte auseinandersetzen. Geschichte ist gewonnene Erfahrung, die es für heute zu nutzen gilt.







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz