Klopapier gegen die Rezession


Bildmontage: HF

23.03.20
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Der Dampfhammer vom Wehebach

An alle

unter dem Corona-Virus

leidende Mitbürger*innen

Stolberg, den 22.03.2020

Liebe epidemiologisch geforderte Solidargemeinschaft,

die Pandemie nimmt mittlerweile unerklärliche und unerträgliche Formen an. Hamsterkäufe, gähnende Leere im Supermarkt, wo sich normalerweise Sanitärartikel stapeln. Es tobt ein täglicher Kampf um das Klopapier. 

Verstörende Hinweisschilder:

Klopapier - ausverkauft und bis auf Weiteres nicht mehr lieferbar!!!

Nachdem ich angesichts dieser schriftlichen Mitteilung am Eingang nicht nur die Suche nach selbigem, sondern auch den intensiven Versuch, eine Erklärung für das diese Krise auslösende Kaufverhalten zu finden, aufgegeben hatte, erinnerte ich ganz plötzlich eine ebenso außergewöhnliche Begebenheit vor 15 Jahren.

Damals rief ein gewisser Herr Schröder, Gerhard Schröder (einige können sich vielleicht erinnern), immerhin damaliger Kanzler unserer Republik alle Mitbürgerinnen und Mitbürger dazu auf, durch verstärkten Konsum die darbende Wirtschaft anzukurbeln. Durch zusätzlichen Konsum, also Einkäufe auf Vorrat, sollte ein solidarischer Beitrag gegen die Arbeitsmarktkrise erfolgen. Oder wie Herr Schröder es leicht verständlich und allgemeingültig auf den Punkt brachte: Durch zusätzliche Einkäufe kann jede und jeder den Arbeitsplatz des Nachbarn sichern.

Soweit so logisch!

Solidarität war angesagt. Also überlegte ich, welchen patriotischen Beitrag unsere Familie zur Förderung unserer Wirtschaft leisten konnte.

Aber was soll ein vielfacher Familienvater denn zusätzlich, sozusagen auf Vorrat kaufen? Lebensmittel einlagern machte keinen Sinn, weil die Truhe zu klein war.

Klamotten auf Vorrat ist auch Quatsch, weil die Kinder schnell rauswachsen. Und Luxuskram konnten wir uns nicht leisten. Kurz bevor wir nun unsere diesbezüglichen Überlegungen resigniert einstellen mussten, stellten wir uns die rettende, strategisch sinnvolle und ultimative Frage.

Was braucht eine vielköpfige Familienschar garantiert. Und zwar selbst, wenn die Zeiten hartzer (hart, härter, hartzer) werden. Ja selbst, wenn Schmalhans Küchenmeister wird.

Natürlich Klopapier! Selbstverständlich Klopapier!

Abgeführt oder wie der Aachener sagt „gekackt“ wird immer, selbst in einer Rezession. Selbst, wenn kaum mehr was zum Beißen da ist!

Ich also umgehend zum Supermarkt um die Ecke, um meinem Nachbarn durch unseren Jahresvorrat an Klopapier die Stelle zu sichern. Die Sorte war mir zunächst egal, scheißegal sozusagen. Mit Hakle-Papier waren wir bisher immer sehr gut gefahren (am A…vorbei).

Nun habe ich aber erst mal rechnen müssen, wieviel Klopapier wir denn so brauchen in einem Jahr. Wir hatten damals 7 Familienmitglieder, die durchschnittlich 7x täglich das Klo benutzten. Das sind täglich 7 x 7 = 49 Klobenutzungen.

Pro Klobenutzung rechnete ich mit einem durchschnittlichen Verbrauch von 10 Blatt.

Das sind also 490 (10x49) Blatt täglich.

Da das Jahr bei uns auf dem Hammerberg in Stolberg zu dieser Zeit 365 Tage hatte, ergab das gerundet 178,850 (365x490) Blatt jährlich.

Da man aber die Klopapierblätter bedauerlicherweise nicht einzeln kaufen kann, habe ich weiter rechnen müssen. Bei unserem Verbrauch von 178,850 Blatt ergab das exakt 894,25 Rollen, wenn davon auszugehen war, dass eine Rolle in der Regel 200 Blatt hat. 8 Rollen bilden beim Discounter ein großes, plastikverschweißtes Paket zum Preis von 2,29 €. Ich musste also nun sage und schreibe 111,78 Pakete mit jeweils 8 Rollen im Wert von rund 260 Euro zur Kasse transportieren.

Dies gelang mir erst, nachdem der gesamte Klopapiervorrat der Filiale und des Zentrallagers herbeigeschafft worden war.

Nun passten unglücklicherweise nur 8 Pakete in einen, für diesen Zweck sicher viel zu limitiert voluminösen, Einkaufswagen, so dass ich schließlich nach einigen logistischen Problemen und unter Aktivierung aller familiären Ressourcen mit 14 Einkaufswagen voll Klopapier sukzessive am Kassenbereich vorgefahren war. Die mir schon lange bekannte, immer sehr freundliche Verkäuferin war ein wenig erstaunt und fragte mich lächelnd, ob wir wieder einen unserer legendären Kindergeburtstag feiern wollen, in dessen Verlauf möglicherweise der gesamte Hammerberg mit Klopapier eingewickelt werden sollte.

Ich erklärte ihr, dass ich mit diesem Klopapierkauf die deutsche Wirtschaft ankurbeln und den Arbeitsplatz meines Nachbarn sichern werde.  Nach diesen Ausführungen und meinem weiteren Hinweis, dass die Begriffe Hartz I bis Hartz IV nichts mit dem Grad der Saugfähigkeit oder der Reissfestigkeit des Klopapieres zu tun haben, verzichtete sie leicht errötend auf weitere Nachfragen.

Als ich schließlich Zuhause auf dem Hammerberg mit meinem VW Bus voller Klopapier mächtig stolz auf meinen außergewöhnlichen Solidarbeitrag vorfuhr, und mir beim Ausladen unser Nachbar über den Weg lief, der nur schweigend den Kopf schüttelte, war ich doch extrem enttäuscht.

Der Tuppes hat sich doch tatsächlich mit keinem Wort bei mir bedankt.

Aber Undank ist eben der Welten Lohn!!!!!

Sicher, man könnte, wie mein Beispiel aus dem Jahr 2005 zeigt, durch Ausweitung der Produktion und zusätzlichen Verbrauch die Wirtschaft erheblich ankurbeln und so eine Rezession verhindern.

Aber bei dieser Art der solidarischen Wirtschaftsförderung muss man natürlich unheimlich aufpassen, dass einem das Klo nicht verstopft.

Das wäre dann nämlich wirklich Scheiße!

In diesem Sinne bleibt alle gesund, solidarisch und passt gut auf, dass euch das Klo nicht verstopft!

Mit epidemiologisch unbedenklichen Grüßen

Euer Forellenflüsterer

Helmut Malmes

 







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