QAnon-Panik und Wikileaks im „Spiegel“

24.09.20
DebatteDebatte, Kultur, TopNews 

 

Von Hannes Sies

Das Bertelsmann-Flaggschiff „Spiegel“ hat seit Wochen nichts zu Wikileaks gebracht. Andere, wie die SZ mühten sich noch um einlullende Ablenk- und Abwiegel-Artikel zum Schauprozess gegen Wikileaks-Gründer Julian Assange. Der Spiegel setzt offenbar auf restlos verdummte und von echter Berichterstattung völlig abgekoppelte Leserschaft. Jetzt erwähnt der „Spiegel“ aber Wikileaks wieder und gleich zweimal: Als gruslige Website im „QAnon-Kult“. Und den hat man gleich zur „gefährlichsten Bewegung unserer Zeit“ erklärt. Damit gewinnt das Blatt, das einst geschätzte zwei- bis dreistellige Millionenbeträge mit den von Julian Assange auf Wikileaks publizierten Dokumenten verdiente, den ersten Preis in der Kategorie „Hexenjagd auf Whistleblower“: Wegducken vor einer angemessenen Prozess-Berichterstattung über den skandalösen Schauprozess gegen den Ex-Spiegel-Informanten Julian Assange, einen Prozess, der Pressefreiheit, Rechtsstaat und Menschenrechte fortgesetzt mit Füßen tritt, bei zugleich hinterhältig eingeflochtener Diffamierung von Wikileaks in diesen QAnon-Reißer.

QAnon: Panikmache mit dümmlicher Gruselstory

Der aktuelle Spiegel-Titel sieht aus wie das Cover eines Horror-Thrillers: Eine schwarze Kapuzengestalt steht drohend in einem blutroten Q auf schwarzem Grund, übertitelt in roter Fettschrift: „DER QANON-KULT“, darunter: „Wie aus einer wirren Lüge die gefährlichste Bewegung unserer Zeit wurde“. Das ist alarmistisch und leicht irreführend, denn es müsste lauten: Wie aus einer offensichtlichen Desinformation die dümmste Ablenkungs-Pressekampagne unserer Zeit wurde. Der Spiegel will sich mit seinem neuen Heft wohl an die Spitze dieser Kampagne setzen. Im Heft warten auf den Leser aber nur eine Kalte-Kaffee-Billig-Reportage, die so gut wie nichts bringt, was man nicht schon vor Wochen, Monaten und Jahren bei „Stern“, „Welt“ usw. las und davor schon bei Wikipedia. Abgerundet wird mit vermeintlichen Sensationen von Pizzagate über Putin-Trolle und Kinderblut bis Trump-Faschisten, gefolgt von schmalzigen Homestories im Claas-Relotius-Stil: Man hat zwei Q-Fans daheim besucht, einen Elektriker und eine Heilpraktikerin, deren verblüffende Leichtgläubigkeit weidlich lächerlich gemacht wird.

Wikipedia trommelt mit

Auch Wikipedia, immer bei Mainstream-Kampagnen mit dabei, sieht in QAnon eine“Verschwörungs-Ideologie“ mit angeblich schon „Millionen Anhängern“ und zitiert vermeintliche „Experten“ herbei, die in QAnon eine „schwere Gefahr für die parlamentarische Demokratie“ sehen wollen. Dort und in allen Artikeln der Kampagne muss der verwirrte Trumpfan herhalten: Edgar Maddison Welch, ein religiöser Waffennarr, der am 4.12.2016 mit seinem Gewehr eine Pizzeria stürmte, um dort von der Clinton-Childporn-Mafia missbrauchte Kinder zu befreien. Was haben wir gelacht. Laut Spiegel-Titelstory hatte die Pizzeria keinen Keller. Wikipedia weiß:

QAnon oder kurz Q nennt sich eine mutmaßlich US-amerikanische Person oder Gruppe, die seit 2016 Verschwörungstheorien mit teilweise rechtsextremem Hintergrund im Internet verbreitet. Das Pseudonym bezeichnet seitdem auch diese Verschwörungsthesen.

Zentral ist die beleglose Behauptung, eine einflussreiche, weltweit agierende, satanistische Elite entführe Kinder, halte sie gefangen, foltere und ermorde sie, um aus ihrem Blut eine Verjüngungsdroge zu gewinnen. US-Präsident Donald J. Trump bekämpfe diese Elite und einen vorgeblichen „Deep State“. Die Behauptungen knüpfen an die von Trump-Anhängern im Präsidentschaftswahlkampf 2016 verbreitete „Pizzagate“-These an, wonach hochrangige Politiker der Demokraten angeblich einen internationalen Kinderhändlerring zur Prostitution Minderjähriger betreiben. Sie werden oft mit weiteren Verschwörungsthesen verknüpft.“ https://de.wikipedia.org/wiki/QAnon

Wirklich mehr als jeder in fünf Sekunden bei Wikipedia finden kann haben die Top-Journalisten des „Spiegel“ auch nicht recherchiert. Aber sie haben alles fantasievoll ausgeschmückt und raffiniert verdreht, um ihre eigene Propaganda mit zu verkaufen, etwa, dass man beim Kennedy-Mord und bei den 9/11-Anschlägen die offiziellen Berichte der US-Regierung als absolute Wahrheit nehmen muss -sonst ist man ein „Verschwörungstheoretiker“. Der „Spiegel“ über seinen QAnon-Elektriker, der wohnt „bei seinen Eltern“ und sagt „...er beschäftige sich schon länger mit den universellen Fragen. Der Tod von John F. Kennedy, die Anschläge vom 11.September, die Corona-Pandämie: All dies hält er für gefälscht und verdreht, als Teil einer riesigen Inszenierung.“ Wie kommt dieser Mann nur darauf?

Spiegel“ erklärt uns, was „Verschwörungstheorie“ sein soll

Ein offizieller Kennedy-Bericht, in dem der kommunistische Einzeltäter Oswald den US-Präsidenten (zufällig als der gerade die CIA reformieren wollte) gleichzeitig aus drei Richtungen mit Kugeln durchsiebte? Offizielle Stimmen, die schon am 12.September 2001 die Identität der bei ihrem Anschlag pulverisierten Attentäter kennen, ihre Verbindungen und Hintermänner, aber vorher nichts davon gewusst haben wollen? Ein 9/11-Abschlussbericht voller Widersprüche in dem gleich eins der drei zerstörten Gebäude komplett vergessen wird, was sollte da „gefälscht oder verdreht“ gewesen sein? Der „Spiegel“ sieht bei den QAnons „jahrhundertealte Fiktionen vom rechten, antisemitischen Rand... Eine Mischung aus Dreyfus-Affäre und Dan Brown.“ An letzteren erinnert der Kapuzenmann vom „Spiegel“-Cover. Und woher hat der „Spiegel“ seinen Antisemitismus? QAnon verbreite den Glauben „an eine angebliche Verschwörung reicher Eliten, darunter viele jüdische Unternehmer“, bei seinem Elektriker hörte der „Spiegel“ die Namen von Rothschild, Zuckerberg, George Soros (aber auch Bill Gates und Rockefeller).

Das schlimme, offenbar antisemitische Wort „Bilderberg“ mutet der „Spiegel“ seinen Lesern in diesem Zusammenhang nicht zu. Es wäre ja auch sehr „verdreht“, wollte man in den jährlichen Bilderberg-Konferenzen eine Verschwörung sehen, wo die westliche Geldelite unseren (oder deren?) Politikern und Medienleuten ganz zwanglos die Marschrichtung für die nächsten zwölf Monate erklärt. Dass diese Bilderberg-Konferenzen 50 Jahre lang strikter Geheimhaltung unterlagen und nur durch Netzaktivisten halbwegs bekannt gemacht wurden, hat sicher nichts mit dem völligen Versagen des Journalismus in dieser Angelegenheit zu tun. Aber der „Spiegel“ sieht noch ein „verstörend bekanntes“ Motiv, das QAnon verbreitet: „Journalisten, die Propaganda verbreiten und sich damit zu Komplizen der Mächtigen machen“. Also wirklich, was für ein Quatsch, schreit der „Spiegel“ seinen Lesern zwischen den Zeilen zu:

„Man könnte QAnon als durchgeknallte Paranoia abtun wie den Irrglauben, dass die Mondlandung gefakt war oder dass die Anschläge vom 11.September von der US-Regierung geplant wurden... QAnon ist auf dem Weg, zum gefährlichsten Kult der Welt zu werden -die erste Ideologie, die aus dem digitalen Raum stammt... mithilfe von Trump-Fans und rechten Giftmischern.“ „Spiegel“ Nr.39/19.9.2020, S.11

Die Diffamierung von Wikileaks mit QAnon-Gewäsch

Soweit nur die erste von acht Seiten, über die sich die dürftige Story in ihrer Panikmache und Vermengung von Unsinn und verdreht als Unsinn hingestellten Skandalen jener Machteliten, zu deren Komplizen sich der „Spiegel“ damit macht. Wo flechtet die Top-Journalisten-Truppe nun ihre Propaganda gegen Wikileaks ein? Unauffällig versteckt im Mittelteil:

„Die Idee, dass eine mächtige Clique linker Politiker Kinder für ihre Zwecke missbraucht, existierte schon vor dem ersten Krumen von Q. Im Frühjahr 2016 stahlen russische Hacker Tausende E-Mails, darunter Nachrichten von John Podesta, dem Wahlkampfleiter der damaligen Präsidentschafts-Kandidatin Hillary Clinton. Die Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlichte die E-Mails... Unter Clintons Gegnern setzte ein Blutrausch ein. Rechte Blogger, Hobbydetektive und Clinton-Hasser wühlten sich durch die Mails der Demokraten...“ „Spiegel“ Nr.39/19.9.2020, S.13

Dann bringt „Spiegel“ die alte Kamelle Pizzagate und führt Tracy Beanz ein, die „tatsächlich Tracy Diaz heißt... bekennender Fan von Donald Trump... Seit vier Jahren veröffentlichte Diaz Videos auf Youtube, anfangs mit wenig Erfolg. Sie sprach zunächst über Wikileaks, angebliche Wahlfälschung und tauchte in die Podesta-E-Mails ein. Sie war eine der ersten, die auf die Andeutungen von Q eingingen.“ „Spiegel“ Nr.39/19.9.2020, S.13

Das sind die beiden Erwähnungen von Wikileaks während in London ein skandalöser Schauprozess auf Leben und Tod gegen den Wikileaks-Gründer Julian Assange tobt. Während dort Pressefreiheit, Demokratie und Menschenrechte auf dem Spiel stehen, salbadert die Mainstream-Meute vom „Spiegel“ über die QAnon-Gefahr, die unsere Demokratie angeblich bedroht. Inklusive Ratgeber-Kasten „Wie Angehörige und Freunde besser mit Verschwörungs-Gläubigen zurechtkommen“ (S.15), wo fettgedruckt hervor springt: „sich abzugrenzen kann sinnvoll sein -auch mit einer Kontaktpause“. Da kann man sich dann in wohligen Grusel und einlullenden Infotainment aus dem „Spiegel“ suhlen, und sich ganz im Einklang mit Regierungen, Konzernen und Machteliten fühlen, deren „Komplizen“ die „Spiegel“-Schreiber natürlich keineswegs sind.

Ob QAnon eine typische Geheimdienst-Desinformation sein könnte, fragt „Spiegel“ nicht. US-Regierungsberater Cass Sunstein hatte bekanntlich vor Jahren angeregt, die kritischen Politblogger im Internet zu unterwandern. Man solle sie kognitiv bekämpfen und verwirren. Dass dies Kritik an Regierung, Konzernen, Machteliten klein halten sollte, sagte Sunstein natürlich nicht öffentlich. Neues sagte er auch nicht, wie schon Gerd R. Rueger in „Die Zerstörung von Wikileaks“ belegte: Was der gefeierte Professor da anriet, ist seit eh und je Geheimdienstarbeit. Wie Snowden, der mithilfe von Wikileaks vor der hasserfüllten Rache der US-Administration nach Moskau fliehen konnte, herausbrachte, ist der Britische Dienst GCHQ darauf spezialisiert. Putin-Trolle? Die ahmen nur ungeschickt nach, was die Trolle ihrer Majestät schon lange tun und ihre Pudelfreunde von der CIA sicher auch. Siehe auch den Skandal um Brexit und Trump-Wahl 2016 um die GCHQ- und CIA-nahe Firma Cambridge Analytica.

Verschwiegen: Der Fall Epstein

Interessant ist vor allem, was der „Spiegel“-Artikel verschweigt. Die zehn (!) Autorinnen und Autoren haben sich offenbar die irrsinnigsten QAnon-Ideen herausgefischt, die sie finden konnten. In einem Gemenge unklarer Herkunft, ob Dunkelmann Q, die Abteilung Desinformation von CIA oder GCHQ, wirklich verrückte Paranoiker, Spaßvögel oder Linksaktivisten, die Trump-Fans in die Irre führen wollen, jeder könnte die Story vom Kinderblut für Zirkel reicher Perverser erfunden haben. Für unsere Mainstream-Schreiber ist klar: Da wollen boshafte „Giftmischer“ wiedermal eine „angebliche Verschwörung reicher Eliten“ simulieren. Dass es einen sehr realen Hintergrund gab, will die zehnköpfige „Spiegel“-Truppe nicht herausgefunden haben: Den Fall Jeffrey Epstein, der, nebenbei gesagt, in QAnon-Kreisen heiß diskutiert wird.

Der in Finanzkriminalität verwickelte Multimillionär Epstein hatte Beziehungen zur israelischen Staatsführung und betrieb offenbar einen Sexring mit teils erst 14jährigen Mädchen -für mutmaßlich reiche Kunden auf seiner privaten Karibikinsel Little Saint James. In seinem Privatjet flog wohl viel Prominenz mit: Ein Saudi-Prinz und Prinz Andrew, Bill Clinton und Donald Trump. Dafür wurde er jedenfalls 2019 verhaftet, kam aber in seiner Zelle ums Leben, ehe er über seine Kundschaft auspackten konnte: Offiziell durch Selbstmord. Eine Verschwörung reicher Eliten? Der Komplizen Journalisten wie die vom „Spiegel“ sind? So etwas gibt es nicht, kann nur „Verschwörungstheorie“ sein. Auch wenn Medienwissenschaftler wie Uwe Krüger die Kumpanei des Mainstream-Journalismus mit den Machteliten schon lange belegt haben.

„Spiegel“-Qualitätsjournalisten schreiben lieber irreale Horrorstories über Kinderblut, die „verstörend“, so S.12 der aktuellen QAnon-Titelgeschichte, „an uralte antisemitische Verschwörungstheorien“ anknüpfen, „von Juden... die das Blut von Christen trinken und die Weltherrschaft anstreben“. Darüber schreibt sich bequemer als über reale Pädophilenringe in den Machteliten, deren Komplize man natürlich nicht gewesen sein will. Fazit: Ein endloser alarmistischer Leitartikel im Leitmedium über eine Bewegung, die eher nach Ablenkung, Zersetzung und Diffamierung oppositioneller Gruppen aussieht als nach "dem gefährlichsten Kult unserer Zeit" (Spiegel). Echte politische Skandale wie der Assange-Schauprozess interessieren den "Spiegel" nicht -weil es da unbequem für die Machteliten wird? Da dürfen sich andere in kleinen Politblogs drum kümmern:

Die Britische Unrechtsjustiz führt derweil ihren skandalösen Schauprozess gegen den kritischen Enthüllungs-Journalisten Julian Assange (WikiLeaks) ungerührt fort -ungeachtet von Foltervorwürfen, des Verdachts einer rein politischen Justiz und gravierender Missachtung der Pressefreiheit. Die angeblich ach so freien Medien von ARD und NDR (Medienmagazin ZAPP) bis Bertelsmann (RTL, Spiegel, Stern und N-TV)   hüllen sich dazu in Schweigen bzw. in Vertuschungen, ignorieren die Proteste, während sie in aller Welt Verletzungen von Menschenrechten und Pressefreiheit lauthals anprangern, in Moskau, Hongkong, Ankara, Venezuela, überall -nur nicht in London.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Jeffrey_Epstein

Das Medien-Imperium schlägt zurück (Daniela Lobmueh/Hannes Sies)

https://www.heise.de/tp/features/Das-Medien-Imperium-schlaegt-zurueck-4524106.html?seite=all

Jeffrey Epstein: Abgründe an der Wall Street, N.Kuls, FAZ 10.07.2019

https://www.faz.net/aktuell/finanzen/finanzmarkt/wall-street-manager-epstein-wegen-sexuellem-missbrauch-angeklagt-16276559.html

 

Der gefährlichste Kult unserer Zeit (Spiegel-Titelstory 19.9.2020 Spiegel 39/2020)

Der antisemitische Verschwörungsglaube QAnon schwappt von Amerika nach Deutschland. Es geht um Kinderblut, Corona als Waffe und eine Elite, die angeblich die Welt versklavt.

Von Patrick Beuth, Marie Groß, Roman Höfner, Max Hoppenstedt, Judith Horchert, Katrin Kuntz, Alexandra Rojkov, Alexander Sarovic, Christoph Scheuermann und Daniel C. Schmidt

18.09.2020, 13.01 Uhr ## PAYWALL: nur 2 Absätze lesbar##

https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/qanon-kommt-nach-deutschland-der-gefaehrlichste-kult-der-welt-a-00000000-0002-0001-0000-000173100094







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz