Kommunismus - "wieder bei null anfangen"?

23.12.10
DebatteDebatte, Sozialismusdebatte, TopNews 

 

Alain Bandiou am 18. Dezember 2010 im ND, und nun Überlegungen von Rainer Thiel:

1.  Ich provoziere:

"Wieder bei null anfangen", so überschrieb der Chefredakteur von "Neues Deutschland" sein Interview mit dem französischen Philosophen Alain Badiou am 18. Dezember 2010. Hat der Chefredakteur mit der Überschrift etwas präjudiziert, was er nicht verantworten kann? Oder hat er nachfolgend relativiert, was die Überschrift zunächst präjudizierte? In der Mitte des Interviews stellt der Chef die entscheidende Frage: "Ist es nicht ein leichtfertiger Gedanke, neu bei null zu beginnen....? Sie <Herr Badiou> wischen damit die konkreten Erfahrungen mit kommunistischer Politik beiseite." Also müssten die Erfahrungen mit kommunistischer Politik analysiert werden. Doch ich meine: Damit wurde noch gar nicht ernsthaft begonnen.

Badiou gab unter anderem zur Antwort: "Die Frage wird lauten: Wer interessiert sich tatsächlich für Veränderungen? Bislang gibt es darauf keine Antwort, man diskutiert nur Worte." Ich meine: Tatsächlich diskutiert man bisher nur Worte. Wann kommen wir der Wahrheit näher? Wer ist das, der nur Worte diskutiert? Wer? Und wer ist es, der überhaupt nicht diskutiert? Wer? Meine Antwort: Die Partei-Linken diskutieren höchstens Worte. Und das Volk diskutiert überhaupt nicht. (Auszunehmen sind einzelne Parteilinke und einzelne Parteilose an der Basis. Darauf komme ich noch.)

Im Großen und Ganzen besteht also ein polares Verhältnis: Die Partei-Linken und das Volk der Parteilosen. Deshalb heißt ein Buch, das gerade im Kai Homilius Verlag erschienen ist: "Allmähliche Revolution - Tabu der Linken. Zwei Arten Abstand vom Volk: Auf Wunder warten, und ´Gebt eure Stimme bei uns ab´" Als Autor dieses Buches hatte ich zu entscheiden, ob ich dem Titel noch die Worte hinzufüge: "Bleibt untertan der Obrigkeit!". Aber dermaßen sarkastisch wollte ich nun doch nicht erscheinen, man wirft mir ohnehin schon vor, kritisch zu sein, schlimmer noch: kritisch und revolutionär. Deshalb verzichtete ich auf den Sarkasmus "Bleibt Untertanen". Bleibt es also bei der sterilen Polarität von Parteilinken und dem Volk der Parteilosen?

Ein kluger Mann mit Welt-Erfahrung sagte: "Dem Versuch, den Sozialismus als Alternative zum Kapitalismus wieder zu beleben, muss allerdings eine gründliche Analyse der Gründe für das Scheitern der bisherigen Sozialismusversuche vorausgehen." (Saral Sarkar in "Sozialistische Zeitung" Köln, April 2010)

Dieser Analyse hat sich die Partei-Linke bisher verweigert. Schlimmer noch: Es gibt Partei-Linke, die dem Volk immer wieder in den Rücken gefallen sind, zum Beispiel im Jahre 2004 im Bundesland Brandenburg. Das habe ich dokumentiert in dem Buch "Das vergessene Volk - Mein Praktikum in Landespolitik" (2005). Das Buch habe ich Lothar Bisky übermittelt, schließlich habe ich ihn - der Leitfigur zu jener Zeit - aufgefordert, sich bei den Bürgern Brandenburgs zu entschuldigen. Da brach unsre langjährige Beziehung ab. Als im August 2004 Massenproteste gegen Hartz IV ausbrachen, hatte die PDS keine Orientierung bereit. Bisky sagte sogar, man könne nicht immer nur demonstrieren. Doch ich setzte meine Arbeit fort in sozialen Netzen und Bürgerinitiativen, ohne Unterstützung durch die Bisky-Partei, wie seit eh und je.

Der interviewte Philosoph Alain Badiou scheint Ähnliches erlebt zu haben: ".... diese Organisationen sind viel zu sehr in das übliche Spiel des Staates eingebunden. Ihre Vision besteht hauptsächlich darin, gute Wahlresultate zu erreichen. Das ist gewiss nützlich.... Aber es ist nicht das, was ich mir unter einem wirklich neuen Projekt vorstelle. Vor etlichen Jahren war die gewöhnliche Linke noch ein bisschen antikapitalistisch, aber das hat sich verflüchtigt...." Jedoch: "Wir brauchen eine Linke der Linken."

Immer wieder und stets vergebens suchte ich in linken Zeitungen zu Wort zu kommen. Im Sommer 2010 provozierte ich mit einem friedfertigen, dennoch ignorierten Manuskript, darin der Titel und die ersten Zeilen:

"Das Volk will Sozialismus

Gelächter. Oder kein Gelächter? Will das Volk womöglich doch? Und wenn das Volk womöglich möchte - wird es glauben, dass es geht? Was versteht das Volk unter Sozialismus? Wie viele Sparten hat das Volk? Und dann die Partei. Was ist sie? Da kann ich gar nicht lachen. Oder wollen etwa die Medien, die Universitäten, die Talk-Master dem Volke helfen, sich zu orientieren? Was kann die Kirche?" Das waren die ersten Zeilen und die Überschrift.

2.  Aus meiner Analyse: Wie waren wir einst gestartet?

Linke hatten sich einst als Partei der Arbeiterklasse definiert. Deshalb wurde ich 1949 Mitglied der SED, ich hatte Lehrer gefunden: Altkommunisten, Kämpfer. Von ihrer Art gab es nicht viele. Einer von ihnen gab mir - dem Abiturienten - auf den Weg: "Arbeiterklasse und Intelligenz - Hand in Hand." Oft habe ich in der Produktion gearbeitet. Deshalb weiß ich, dass es Kommunisten nicht leicht hatten. Die Arbeiter waren so kurz nach dem Krieg nicht vorbereitet, ihr Eigentum an den großen Betrieben wahrzunehmen. Aber die Partei hatte recht getan zu sagen: Kollegen, ihr wollt besser leben, also müssen wir von eurem Tageswerk etwas einbehalten, damit wir investieren können, jawohl investieren, in der Industrie, in der Bildung, in die Infrastruktur, in den Schutz vor Korruption und Diebstahl. Das hatte schon Marx in seiner Kritik am Gothaer Programm der Sozialdemokratie gesagt. Nur wenige Arbeiter verstanden das. Aber wir hätten es den Arbeitern erläutern können, auf gleicher Augenhöhe, ohne Bumbum.

Arbeiter der Industrie-Betriebe hatten erlebt, dass ihre Maschinen in die Sowjetunion verbracht wurden. Nicht zur Reparatur, sondern als Reparation. Das hat uns weh getan. Trotzdem ertrugen es die einheimischen Arbeiter. Haben sie geschwiegen, weil sie noch nicht vergessen hatten? Die Sowjetunion ist von uns Deutschen verwüstet worden! Oder wollten sie einfach nur Untertanen bleiben, mit einem bisschen Gemosere gegen die neue Staatsmacht? Das fragten sich auch Gesine Schwan und Ernst Busch. Aber durch eine erklärbare Fügung der Welt-Geschichte war Wunderbares geschehen: Von Hitler-Besiegern exportierte Elemente der Revolution begannen Fuß zu fassen. Exorbitant waren die exportierten Elemente keineswegs, sie waren aufs Potsdamer Abkommen der Siegermächte gestützt und analog auch von der West-CDU in ihrem Ahlener Programm vorgesehen, in der Hessischen Landesverfassung sowieso.

Als ich - anno 52 geschasster Student - von meinen Kollegen auf einer Baustelle zum Brigadier gewählt wurde, um die tägliche Arbeit abzurechnen, habe ich mich nicht auf die führende Rolle der Partei berufen. Ich habe meinen Kollegen Zusammenhänge erläutert. Natürlich war das kein Cäsaren-Ritt, kein "veni, vidi, vici". Die Kollegen sagten mir am Sonntag beim Wodka: "Du musst mal verstehen, uns hat der Staat drei Mal beschissen: Beim Kaiser, in der Weimarer Zeit und bei Hitler. Jetzt wollen wir mal den Staat bescheißen." Doch weil ich ihnen ebenbürtig war, akzeptierten sie, dass ich unseren täglichen Erdaushub abrechnete. Und so gaben wir dem Staat von unsrer hoch-prozentigen Norm-Erfüllung den Rundungs-Überschuss: zum Investieren. Andere Brigaden schlugen auf ihre 150 Prozent Normerfüllung noch 50 Prozent drauf und empfingen die Prämien. Das habe ich an der Wandzeitung kritisiert. Als es bei Auflösung der Baustelle zum Abschied kam, sagte mir ein Kollege aus der Nachbar-Brigade: "Am Anfang haben wir uns über dich geärgert, ein Knüppel war schon bereit, aber dann haben wir gemerkt, dass du einer von uns bist."

Genau entgegengesetzt verlief die Entwicklung von Arbeitern, die als Genossen in eine Funktion berufen und bald zu einem Lehrgang delegiert wurden. Sie sollten Zusammenhänge verstehen lernen. Das war bitter nötig. Die Partei musste nicht nur hundert Länder sehen, sie musste auch hundert Jahre Geschichte mit ihren Weltkriegen überblicken, da hatte sich so mancher Arbeiter betören lassen, weil er froh war, endlich einen Arbeitsplatz zu finden: Er dachte an den Lohn für seine Familie. Also baute er fleißig Autobahnen für schnelle Truppenverlegung, und Rüstungsfabriken und Kanonen baute er auch. Nach dem Krieg erzählte mir ein Arbeiter, wie er einen Raupenschlepper der schweren Artillerie gelenkt hatte. Darauf war er stolz. Mit Maschinen kann er umgehen, das imponiert mir. Doch was hatte er dabei gedacht? Ein andrer Kollege meinte in der Frühstückspause: "Wenn keen Kriech gewesen wär, wärn mr nie nach Paris gekomm." Und was hatte er dabei gedacht? In der Frühstückspause kam zur Sprache, was am Sonntag gegessen wurde. Da blieb kaum Zeit, um meinen Kollegen zu erläutern, dass Experten in der Industrie etwas mehr Gehalt kriegen müssen, damit sie nicht in den Westen abhauen. Als sich im Westen die Schaufenster füllten, hatten wir noch nicht mal einen funktionierenden Hochofen. Und als wir gemeinsam mit unsrer Besatzungsmacht noch hungerten, konnten Amerikaner Care-Pakete in ihren Besatzungszonen verteilen. Da musste ich exakt überlegen, wie ich meine Worte setze. Immerhin hatte ich Abitur, viel Volkshochschule und fast sechs Semester Studium hinter mir, darunter Mathematik.

Wie soll aber nun ein Arbeiter in vier Monaten Lehrgang lernen, was zu lernen war? Er lernte Schlagworte, mehr war in der kurzen Zeit nicht möglich, und die Lehrer wussten selber nicht viel mehr. Mit den Schlagworten arbeitete der Arbeiter fortan als Funktionär. Die Arbeiter verstanden ihn nicht. Für sie war der Funktionär kein Arbeiter mehr. Das sehen sie noch heute so, im Jahre 2010. Sie fühlten sich verscheißert und neigten zum Mosern. Umso mehr klammerte sich der Funktionär an die fleißig aufgesogenen Schlagworte. So war er scheinbar Sieger, doch nur scheinbar. Und die Partei schwindelte sich zunehmend in die eigene Tasche. Schon frühzeitig erwies sich Honecker als Schwindler, und seine Kollegen in der Jugendorganisation mit ihm. Die Partei als Ganzes folgte ihm etwas später.

Die Lehrer der Funktionäre hätten selbst viel lernen müssen. Dazu wurde auch Hochschulausbildung geboten, doch dort dominierte Karriere vor der Forschung. Einst war man angetreten: "Wenn wir nicht reden, redet der Klassenfeind." Das habe ich auch gedacht. Aber im Laufe von fünf Jahren hätte das besser werden müssen: Jetzt müssen wir anfangen zu forschen, zum Beispiel in Philosophie, im Fach "Wissenschaftlicher Sozialismus". Und endlich die Klassiker studieren, denn wir kannten nur Splitter. Wer aber Professor werden wollte, duckte sich vor den Apparatschiks, die nun auch im Zentralkomitee zu herrschen begannen und an ihre scheinbare Weisheit glaubten. Selbst das wenige, was auch Karrieristen richtig sahen, drückten sie rein akademisch oder bürokratisch aus.

Soeben las ich Dokumente des Schicksals von Ernst Busch, des legendären Kommunisten, Sängers und Brecht-Darstellers (1900 - 1980), vorgelegt von Carola Schramm und Jürgen Elsner, anno 2006 im trafo verlag Berlin. Bürgerliche Medien hatten ihn - Häme mit Hochachtung kombinierend - "Barrikaden-Sänger" betitelt und rang-gleich dem berühmtesten Sänger bürgerlicher Herkunft, dem Richard Tauber, auf den allerhöchsten Sockel gestellt. Was Busch in den Jahren 1936 bis 1960 mit der "Partei der Arbeiterklasse" erlebt hatte, erinnert mich an meine Erfahrungen seit 1949.

Insofern brauchen wir nicht bei Null anzufangen. Wir könnten Analysen unserer Erlebnisse haben, es fehlt nur, dass linke Medien Analysen auch veröffentlichen.

3.  Aus der Analyse von Badiou

Was Alain Badiou im Interview als Ergebnis seiner Analysen mitteilt, scheint heute den meisten Linken und Halblinken als einleuchtend, als mainstream-gerecht: "Lenin organisierte einen Aufstand, und er blieb siegreich.... Aber Lenins Sieg hatte einen enormen Preis. Daran können wir also nicht anknüpfen.... Das System der politischen Arbeit im Leninschen Sinne müssen wir aufgeben. Es war ein Apparat, der für die Rebellion entwickelt wurde, für die Revolte, den Aufstand.... Und weil die Partei für den Bürgerkrieg gebaut war, konnte der Partei-Apparat auch eine Stalinsche Gewalt hervorbringen .... Diese Form der militärischen Organisation kann nicht unsere sein. .... Die Idee der Avantgarde war an den Klassengedanken und die Partei als Vertreterin des Proletariats gebunden...." So sagt es Badiou.

Ich meine aber: Das ist zu kurz gedacht.

Lenin wollte ja nicht nur einen Aufstand. Der Aufstand sollte die Machtverhältnisse zugunsten der Arbeiter und der Bauern verändern. Dabei sollten sich Arbeiter und die Bauern selber verändern: Grob gesagt: von Sklaven zu freien, solidarisch verbundenen Menschen. Das war aktuell, zu deutsch up to date. Was soll da die Forderung, wir müssten zurück zur Zeit vor Lenin? Und wer ist "wir"? Wer? Lenin hatte den Sozial-Demokraten in West- und Mittel-Europa ein Beispiel gegeben, wie Machtverhältnisse zu ändern sind. Nach Rosa Luxemburg cum grano salis.

Doch die Sozial-Demokraten in West- und Mitteleuropa waren 1914 mehrheitlich dem Kriegskurs der Herrschenden verfallen. Millionen Menschen verübten kollektiven Selbstmord auf den Schlachtfeldern. Wie hatte das kommen können? Müssten vielleicht die Sozial-Demokraten in West- und Mittel-Europa bei Null anfangen zu denken? Gab es nicht wenigstens Ausnahmen unter ihnen, die up to date gewesen sind? Ja, es gab sie, doch weil es nur wenige waren, die sich unterm Logo "Spartakus" zu sammeln begannen, gelang ihnen nicht, was Lenin und den Bolschewiki 1917 gelungen war. Dass den wenigen das nicht gelang, war die größte aller Tragödien. Sie barg das Risiko zu einer Kette von Katastrophen.

Das erste Glied in dieser Kette war im Februar 1918 der bewaffnete Einmarsch kaiserlich-deutscher Truppen in die Region von Lenins legendärem Aufstand. Der Petrograder Frühling wäre fast im Blut erstickt. Der jungen Räte-Macht der Leninisten und der linken Sozialrevolutionäre entstand unermesslicher Schaden. Doch in West- und Mitteleuropa hat die bürgerlich gepolte Geschichtsschreibung keine Notiz genommen. Das wirkt sich aus bis heute, man braucht nur Schulkinder zu fragen, was sie davon wissen. Millionen Opfer allein schon der kaiserlich-deutschen Truppen werden nun zum zweiten Mal getötet: durch Geschichts-Unterricht. Und Leningrad heißt wieder nach einem Zaren.

Nicht ignoriert, doch unterbelichtet blieb die verheerende deutsch-kaiserliche Okkupation des Kerngebiets der jungen, leninschen Räte-Republik auch im Bewusstsein ihrer selbst und ihrer Anhänger in West- und Mitteleuropa. Gleichviel warum. Für west- und mitteleuropäische Anhänger der Räte-Republik wurden Ausmaß und Folgen der kaiserlich-deutschen Okkupation erst voll erkennbar durch das fundamentale Werk "Die Sowjetmacht. Das erste Jahr", in deutscher Übersetzung 2010 im MEHRING Verlag. Autor ist der us-amerikanische Historiker Alexander Rabinowitsch.

Wer nun die Frage stellt, wessen Denken "von Null anfangen" muss, kommt an diesem Werk nicht vorbei. Ich meine, von Null anfangen muss jeder, der das Schicksal der Räte-Republik bis zu deren bitterem Ende einfügt in seine Überlegungen über Links-Politik. Damit rückt die Frage, ob Lenin alles richtig gemacht hat, in den Hintergrund. Alain Badoui kann nicht länger aufrecht halten, die Lenin-Anhänger müssten wieder von Null anfangen. Nein, es sind die Opfer der bisherigen Geschichtsdarstellung, die Bürger Europas, die erneut anfangen müssen, beginnend mit Null.

4.  Alternative zu Badouis Axiom

Wer mit Null anfangen muss wie auch die west- und mitteleuropäischen Linken, die Intellektuellen und die Halblinken, braucht auf sicheren Boden nicht zu verzichten. Man braucht sich nur anzusehen, wie (!!!) Marx die Rolle der Arbeiterklasse aufgedeckt hat. Man muss nur bereit sein wahrzunehmen, dass Marx kein Empiriker im Sinne der heutigen Soziologen gewesen ist. Er hat nur Recherchen von Soziologen und Fabrik-Inspektoren in seinen Werken zur Illustration herangezogen. Und als Marx junger Journalist war, hat er sich vom Phänomen des Holzdiebstahls der armen Leute beeindrucken lassen. Ebenso wenig wollte Marx Berufs-Historiker sein, auch wenn er Struktur und Entwicklung des Kapitalismus am englischen Beispiel studiert hat. Marx weiß, dass zur Analyse ökonomischer Formen weder Mikroskope noch chemische Reagenzien dienen können: "Die Abstraktionskraft muss beide ersetzen." Und so sind die wichtigsten Marx-Werke - auch das "Kommunistische Manifest - Modelle der Struktur und der Entwicklung gesellschaftlicher Verhältnisse (Vgl. die Vorworte von Marx zu DAS KAPITAL Erster Band). Und so bleibt auch heute gültig, was Marx der Arbeiterklasse zuerkannt hat.

Nun meinen Leute heute, den Linken sei das revolutionäre Subjekt abhanden gekommen, das Marx (gemeinsam mit Engels) im Kommunistischen Manifest modellhaft präsentiert hat. Heute habe sich das alles erledigt. Das ist zu kurz gedacht. Marx hatte nämlich nicht nur die Theorie von der Ausbeutung und ihrer Überwindung geschaffen. Marx hatte auch Grundlagen einer Theorie der Entfremdung geschaffen. Also gibt es im Werk von Marx zwei Brennpunkte: A) die Ausbeutung und deren revolutionäre Überwindung; B) die Entfremdung, welche der revolutionären Entwicklung entgegengesetzt wirkt. Nach Marx gibt es also zwei entgegengesetzt wirksame Tendenzen: Jahrzehntelang dominierte A), seit Ende des 19. Jahrhunderts dominiert B). (Vgl. auch R. Thiel: "Marx und Moritz - Unbekannter Marx. Quer zum Ismus". Trafo Verlag 1998) Das erklärt, warum in West- und Mitteleuropa nicht gelang, was in dem rückständigen Russland gelungen war. Und es erklärt, warum das revolutionäre, aber kapitalistisch zurückgebliebene Russland vom Militär des kapitalistisch fortgeschrittenen West- und Mitteleuropa nahezu erdrosselt werden konnte, ab Februar 1918, gerade mal drei Monate nach dem siegreichen Oktoberaufstand. Lenin hatte sich nur insoweit getäuscht, als er unterschätzte, wie weit schon B) - die Entfremdung - in West- und Mitteleuropa die revolutionären Potenzen der Arbeiterklasse ausgehöhlt hatte. Davon abgesehen ist Lenin der modernere gewesen, die Sozial-Demokraten im Westen waren viel tiefer in das kapitalistische System verstrickt, nämlich durch B), die fortgeschrittene Entfremdung, sodass den Arbeitern die Orientierung fehlte, dem Vorbild Lenins zu folgen.

Das ist der erste von zwei Gründen, aus denen Badoui seine Art "Neubestimmung der Perspektive" nicht aufrecht halten kann. Insofern hat der Chefredakteur recht mit seiner Warnung vor Leichtfertigkeit.

Es gibt noch einen zweiten Grund: Badoui meint, die Leninsche Idee von der Partei als Avantgarde sei an den Gedanken gebunden gewesen, die Partei müsse die "Vertreterin des Proletariats" sein. "Avantgarde" und "Vertreterin" sind aber einander entgegengesetzt. Dass die Linkspartei das Volk "vertrete", ist im Gegensatz zu Lenin zur bevorzugten Auffassung der Linkspartei geworden: "Gebt eure Stimme bei uns ab, im übrigen könnt ihr ja Untertanen bleiben, wir wollen nicht eure Avantgarde sein, sondern eure Vertretung, damit ihr Untertanen bleiben könnt."

Lenin dagegen wollte die Arbeiterschaft als aktiv handelnde, selbstbewusste Population, und die Partei habe dem Volk zu helfen, gesellschaftliche Zusammenhänge zu erkennen; sie habe die Pflicht, den Massen Orientierung zu bieten. Lenin sieht das Volk in seiner ganzen Würde als potentiell handlungsfähiges Subjekt; die heutigen Parteilinken sehen es als Zettelkasten-Bediener und sich selbst als Steuer-finanzierte Parlaments-Beamte.

Lenin stand also turmhoch über der Masse heutiger Partei-Linker. Lenin sah die Parteimitglieder als Brüder der Proletarier, auf gleicher Augenhöhe mit den Parteilosen, als Spender orientierender Ideen, insofern als Avantgardisten, doch ohne Vorrechte und fern von jeder Eitelkeit, fern von Selbstzufriedenheit und Selbstbezogenheit, fern von Sektierertum und Autismus, woran ja schon die SED gescheitert war. Die Parteilinken müssen also vorwärts zu Lenins Auffassung von Partei. Im Gegensatz dazu haben heutige Partei-Linke allzu viel Überheblichkeit und Selbstzufriedenheit aus der SED in die Gegenwart transferiert. Also wird Badoui auch seine Bezugnahme auf den Avantgardismus nicht bewahren können.

Dass es in der Sowjetunion nicht gelungen war, Lenins Ideal zu verwirklichen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Ich habe darüber berichtet in "Allmähliche Revolution - Tabu der Linken...." Kapitel 11 und dort in Abschnitt 11.4 über die Gründe, die nach der militärischen Okkupation durch kaiserlich-deutsche und andere Kapital-Mächte entstanden war für die junge Räte-Republik in einem kapitalistisch zurückgebliebenen Land. Letzten (!!!) Endes führte das zu dem Phänomen, das man nicht sehr treffend "Stalinismus" nennt. Diese Namensgebung rührt von der kaiserlichen und der neudeutschen Unsitte her, tief wurzelnde Erscheinungen am Namen einzelner Stars festzumachen, wie das in der Bundesrepublik und ihren demokratischen Medien geschieht. (dazu a.a.O. Abschnitt 11.4)

5.  Worin ich mit Badoui übereinstimme

Die Lage in Europa ist also bescheiden. Linksparteien sind zu Phantomen geworden, das Volk gibt nicht mal mehr viel Zettel ab, und obendrein schweigt es.

Doch Badoui schaut um sich und bemerkt, wie man als Linker mit seinen Mitbürgern sprechen kann. Wir beide brauchen keine Plattformen oder Fraktionen, wir wissen, worin wir einig sind. Mag Badoui annehmen, wir brauchen überhaupt keine Partei. Ich meine, eine Partei im Sinne Lenins könnte dem Volk helfen zu verstehen, dass Sozialismus oder Kommunismus seinen Bedürfnissen entspricht. Vor allem könnte eine Partei im Sinne Lenins helfen, damit vorankomme, wofür Bardoui und Thiel und tausende Mitbürger schon längst im Einsatz sind: "Man muss so viele Leute wie möglich zusammenbekommen, die denken, dass man eine andere Gesellschaft entwickeln kann." Wie wäre es denn, wenn Parteilinke, statt sich mit sich selber zu befassen wie im Priesterseminar, verärgerte Mitbürger versammeln würden, um sich über die Regierung gemeinsam zu ärgern? Von unten nach oben? Gerade starten Künstler ein Projekt "systemfehler_neustart kämpft für soziale Gerechtigkeit" (Siehe ND/Mustroph 22.12. Seite "Außerparlamentarisches".) Was hatte schon Goethe gesagt?: "Ein Komödiant könnt einen Pfarrer lehren."

Von R. Thiel erschien gerade bei edition ost "Neugier - Liebe - Revolution. Mein Leben 1930 - 2010". Bestellung im Buchhandel mit Angabe des Verlages.







<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz