Ein paar Sätze zu Marx


Bildmontage: HF

31.03.18
DebatteDebatte, Theorie, Sozialismusdebatte, TopNews 

 

– anlässlich seines 200. Geburtstags am 5. Mai 2018.

Hier und da durchaus persönlich

von

Egbert Scheunemann

Stand: 14. März 2018

Der Alte hängt an der Wand, an der mein Schreibtisch steht, seit fast vierzig Jahren. Ein Porträt aus gewebter Seide chinesischer Produktion auf – von mir selbst – Spanplatte gezogen. Da hängt er und guckt seitdem auf mich herab. Und ich immer wieder zu ihm hinauf. Ich kaufte sein Konterfei, quasi im Vorbeigehen und überhaupt nicht geplant, gleich zu Beginn meines Studiums, Politik und Philosophie, bei einem Buchhändler, der seinen Stand direkt vor der Mensa auf dem Campus der Universität Hamburg aufgeschlagen hatte. Für fünf Mark. Fand ich irgendwie witzig. Und den ollen Marx mochte ich schon damals, Ende der 1970er-Jahre. Vor allem für seinen Satz, den ich schon als früh politisierter Jugendlicher kannte, auswendig fast, nämlich dass es gelte, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (MEW Bd. 1, S. 385).

     In meinem jugendlichen Sturm- und Drangwahn dachte ich noch, ich könne mit meinem Studium hinten anfangen und vorne aufhören. Chronologisch zumindest. Also fing ich bei den Philosophen mit den Vorsokratikern an, von denen Heraklit mich am meisten beeindruckte, beackerte die griechischen Klassiker, Sokrates, Platon, Aristoteles – um dann, hops waren vier Semester vorbei, zu Kant und Hegel zu springen. Und zu Marx. Und auch bei ihm wollte ich mit dem Frühwerk beginnen – um irgendwann Band 44 der MEW, der Marx-Engels-Werke, gelesen aus der Hand zu legen. Auch das hat nicht ganz geklappt. Das Frühwerk zu lesen, ja – aber dann wieder der große Sprung zu den drei Bänden des „Kapital“ (MEW Bd. 23-25). Mit Zwischenstopp, unter anderen, bei Band 17, Pflichtlektüre bis heute, in dem sich Marx‘ brillante Analyse des Klassenkampfes und Bürgerkriegs in Frankreich (1848 ff.) und seine programmatisch-paradigmatische Darstellung und Analyse der Pariser Kommune von 1871 finden – jene berühmten wenigen Stellen seines Gesamtwerkes, an denen Marx formulierte, was er sich unter einer sozialistischen, gar kommunistischen Gesellschaftsordnung eigentlich vorstellte.

     Und was las ich? Ich las in seinen Frühschriften, speziell den auch „Pariser Manus­kripten“ genannten „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ (1844), dann aber auch im „Kapital“ (1867 ff.) und in „Der Bürgerkrieg in Frankreich“ (1871) glänzend formulierte, empirisch-historisch zutiefst fundierte und argumentativ schneidend stringente Analysen eines tiefen Humanisten, brennenden Aufklärers und überzeugten Basisdemokraten, der sich über die tiefe Entfremdung und Ausbeutung der arbeitenden Menschen in der – gerade zusammenbrechenden – feudalistischen und – gerade entstehenden – kapitalistischen Produktion und Gesellschaftsordnung empört und Wege aufzeigt, wie dieses Elend beseitigt werden kann, und vor allem Gründe benennt, wie es sich womöglich ganz von selbst beseitigt: durch die systemnotwendig erfolgende große Krise, den großen Zusammenbruch, die große Revolution der vom Kapitalismus selbst produzierten verelendeten proletarischen Massen.

     Eines Basisdemokraten? Ja, eines Basisdemokraten! Denn alles, was Marx in seiner, wie gesagt: programmatisch-paradigmatischen Darstellung und Affirmation der Pariser Kommune von 1871 an grundlegenden Prinzipien einer sozialistischen Gesellschaft formuliert (imperatives Mandat, Rotationsprinzip, jederzeitige Abwählbarkeit aller politischen Funktionsträger, Bezahlung Letzterer wie Facharbeiter etc.), findet sich nicht etwa in den Programmstatuten welcher (historischen) kommunistischen Partei auch immer (KPdSU, KP Chinas, DKP etc.) – sondern im ersten Programm der bundesdeutschen Grünen! Man fragt sich, wenn man Marxens basisdemokratische Lobeshymne auf die Pariser Kommune liest (die wohlgemerkt 1871, also Jahre nach dem „Kapital“ und den anderen, sagen wir mal: eher ökonomistischen Grundlagenwerken des ‚wissenschaftlichen‘ Sozialismus ausformuliert wurde), wie Menschen jemals vom Marxismus-Leninismus sprechen konnten, also Marx, mit Engels der Theoretiker des Absterbens des Staates als Herrschaftsinstrument (vgl. MEW Bd. 19, S. 224), in eine Reihe stellen konnten mit Lenin, dem Großtheoretiker des ‚demokratischen Zentralismus‘ und des autoritären Kriegskommunismus, dem Umdeuter der „Diktatur des Proletariats“ – die nach Marx und Engels in der basisdemokratischen Revolution der Pariser Kommune ihre reale Ausdrucksform, ihre paradigmatische Verwirklichung gefunden hatte (MEW Bd. 17, S. 625) – in die Diktatur der bolschewistischen Partei und vor allem ihrer Führung und ganz speziell ihres Führers. Diesen Degenerationsprozess historisch-empirisch detailliert nachzuzeichnen und zu erklären (zu erklären – also nicht gutzuheißen), ist zwar möglich, aber Fassungslosigkeit verursacht diese Pervertierung noch immer. Zumindest bei mir.

     Um die Gründe, warum der Versuch, in einem völlig rückständigen Feudalstaat wie Russland (und nicht etwa in einer weit fortgeschrittenen, entwickelten bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft samt all ihrer – im Vergleich zum Feudalismus – Errungenschaften in Sachen politischer Demokratie und bürgerlicher Freiheitsrechte) eine sozialistische Revolution zu initiieren und, so die spätere Doktrin Stalins, den ‚Sozialismus in einem Land‘ aufzubauen, scheitern und in der ‚realsozialistischen‘ leninistisch-stalinistischen Diktatur enden musste, nur kurz anzudeuten: Man kann mit Horden autoritärer Zwangsneurotiker, die in völlig autoritären, freiheitsfeindlichen feudalistischen Verhältnissen sozialisiert worden sind, keinen freiheitlichen, demokratischen Sozialismus aufbauen – am allerwenigsten revolutionär, also quasi von heute auf morgen. Der universell entwickelte freie Mensch ist ebenso Voraussetzung wie Ziel eines demokratischen, freiheitlichen Sozialismus, der seinen Namen verdient! Wie Marx und Engels es im „Kommunistischen Manifest“ (1848) mit Blick auf eine nachrevolutionäre sozialistische Gesellschaft formulierten: „An die Stelle der alten bürgerlichen [!! E.S.] Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“ (MEW Bd. 4, S. 482)

     Was für ein großer, wunderbarer Satz! Und wie viele andere wunderbare Sätze habe ich bei Marx und Engels gelesen, Manifeste dialektischen Denkens und dialektischer Formulierungskunst – etwa: „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ (MEW Bd. 1, S. 385) Oder: „In Deutschland dagegen, wo das praktische Leben ebenso geistlos als das geistige Leben unpraktisch ist (…)“ (MEW Bd. 1, S. 390) Oder auch: „Der König, indem er das Volk für sein Privateigentum erklärt, spricht es nur aus, daß der Privateigentümer König ist.“ (MEW Bd. 1, S. 391) Und schließlich: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken (…)“ (MEW Bd. 3, S. 46) Was für Sätze im Vergleich zu jenen, die man etwa in den Gutachten der neoliberal gleichgeschalteten, ebenso markt- wie kapitalhörigen heutigen ‚Wirtschaftsweisen‘ lesen muss, die ihren Namen verdienen wie die Kuh auf der Weide die Dichterlesung! Kathe­dralen neben Hundehütten!

     Und apropos Dialektik: Ich würde noch viel öfter zum Seidenporträt des Alten hochblicken, wenn Marx sich nicht, vor allem in seiner Frühzeit, so sehr an Hegel abgearbeitet und vergeudet hätte. Und wenn er sich nicht, zumindest in filtrierter, um nicht zu sagen: dialektisch „vom Kopf (…) auf die Füße“ (MEW Bd. 21, S. 293) gestellter Form, zu sehr am idealistischen Blödsinn vom großen hegelschen Weltgeist, von den vermeintlichen Gesetzen, nach denen sich die Historie vollziehe, hätte blenden – und anteilig auch leiten lassen. Wobei Engels hier weit mehr Schuld trifft als Marx – Engels, der es vor allem war, der Marxens durchaus ambivalentes, vielschichtiges, sich langfristig entwickelndes und differenzierendes Denken (in aller Kürze: weg vom Revolutionsautomatismus und hin zum Klassenkampf als permanente, langfristige Aufgabe) und Marxens schriftliche Artefakte in eine ‚wissenschaftliche Weltanschauung‘ verwandelte, spätestens in seiner Schrift von 1882 „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ (MEW Bd. 19, S. 185 ff.). Von Lenin und Stalin ganz zu schweigen, die Hegel quasi wieder von den Füßen auf den Kopf stellten, indem sie Hegels Weltgeist, den Allmächtigen, dessen reale Manifestationen als Wirklichkeit auch das Vernünftige sein sollen („Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ – so lautet Hegels berühmt-berüchtigtes Postulat in seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“) in Form der allmächtigen bolschewistischen Partei neu inaugurierten, die Allwissende, die Vernünftige, die immer recht hat. Per Dekret. Qua Existenz. Als Manifestation des Weltgeistes. Wer widerspricht, also ‚unvernünftig‘ ist, kommt in die Psychia­trie, ins Lager oder wird gleich erschossen.

     Hierzu wären Bände zu sagen. Aber ich möchte es mit einem Satz nur andeuten: Aus der großen Verelendung und dem großen Zusammenbruch, aus der ausgebeuteten, verdummten, verrohten Masse entspringt im dialektischen doppelten Rittberger nicht der neue, freie, universell entwickelte Mensch wie Phönix aus der Asche – sondern ohne Gnade der autoritäre Apparatschik, der seinen Dienst tut, in der Partei, in Militär und Geheimpolizei, in der Fabrik, im Gefängnis, im Konzentrationslager. Oder der Anhänger der AfD. Selbst dann, wenn er sich von ökonomischem Abstieg, sozialer Deklassierung oder kultureller Entfremdung auch nur bedroht fühlt.

     Ich verachte als alter Humanist und Aufklärer, als alter Sozi, Freiheitsfanatiker und Anarchist jede Form von Herrschaft – und vor allem Personenkult zutiefst. Menschen, die vor anderen auf die Knie fallen, symbolisch oder real, widern mich regelrecht an. Aber ich habe großen Respekt vor Menschen, deren Wirken diese Welt etwas weniger unmenschlich, etwas freundlicher, etwas schöner, etwas aufgeklärter hinterlässt. Und das trifft für wissenschaftlich-analytische Leistungen wie die von Karl Marx ebenso zu wie für viele künstlerische Artefakte, die Skulpturen und Gemälde Leonardo da Vincis, die Symphonien Gustav Mahlers oder John Coltranes „Naima“ – oder auch ‚nur‘ die Leistung eines Koches oder einer Köchin, den Bekochten das Lächeln kulinarischer Beglückung oder auch nur gestillten Bärenhungers aufs Antlitz zu zaubern. Marx war ein Arbeitstier vor dem Herrn, der Inbegriff eines Universalgelehrten, ein messerscharf denkender Analytiker und ein Humanist und Aufklärer, wie es in der Menschheitsgeschichte kaum einen zweiten gab – dafür von der politischen Reaktion durch halb Europa gejagt und verfolgt, oft krank, immer in Geldnot. Marx hat mein geistiges und politisches Leben beeinflusst wie nur wenige andere Denker. Was soll ich sagen? Ich sage einfach mal: danke.

     Um mit einer eher skurrilen Koinzidenz zu schließen: Karl Marx, dieser „gewaltige Denker“, wie ihn Engels in seiner Grabrede nannte (MEW Bd. 19, S. 337), starb am 14. März 1883. Auch an einem 14. März, im Jahre 1879, kam Albert Einstein zu Welt – noch so ein Geistestitan, der mein mentales Leben und vor allem kritisches Denken stark beeinflusst hat. Und ebenso an einem 14. März, 1998, kam meine Tochter Hannah zur Welt, nur um am gleichen Tag wieder zu sterben. Sie wäre in diesem Jahr 20, Marx 200 geworden. Auch dieses Datum verbindet mich also mit dem Alten, regelmäßig, immer wieder.

     Gerade eben habe ich wieder kurz zu ihm hochgeschaut.







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