Über den Begriff der Weltlosigkeit bei Hannah Arendt


Bildmontage: HF

31.01.13
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von Franz Witsch

Vorwort zu Die Politisierung des Bürgers, 3. Teil: Vom Gefühl zur Moral

Die beschleunigte Zerstörung ökonomischer wie sozialer Strukturen liegt, wie in DP2 untersucht, in der wachsenden Unfähigkeit des Subjekts, Mehrwert zu erzeugen, begründet. Sie begrenzt seine Fähigkeiten, moralische Normen und Werte aus sich selbst heraus zu entwickeln mit der Folge, dass diese seinem Innenleben immer autoritärer, von oben herab, appliziert werden, so dass es ihm in einer Zeit erodierender universaler Strukturen der Verheißung, etwa im Glauben an Gott, immer schwerer fällt, diese mit seinen Gefühlen zu besetzen. Über jene Universalien erkennen sich die Menschen nicht mehr als ihresgleichen im Sinne moralischer Verobjektivierung (DP2-3.3.2) oder Kanalisierung ihrer Gefühlen; die Verinnerlichung moralischer Werte haftet nur in dem Maße, wie jene übermoralischen Universalien: über Jahrtausende gewachsen als Glaube an die Verheißung Gottes, überzeugen – definitiv im Sinne eines Allgemeininteresses: einer übergeordneten Moral, an der sich jede besondere Moral zu bemessen hat.(DPB,15,26-31; DP2,27f,109-112)

Heute überzeugen jene großen Glaubens-Universalien nicht mehr; sie geben ein Maß auf gesellschaftsumfassende Weise, an dem sich die Verinnerlichung besonderer moralischer Werte bemisst, nicht (mehr) ab.(DP2-3.1,-3.2) Daher werden sie zunehmend ersetzt durch quasi-universelle Gegenstände der Verheißung, die sich, ohne es wirklich zu sein, lediglich universell gerieren; sei es im Glauben an die Arbeiterbewegung, an eine Ideal-Gesellschaft, an einen guten Kern im Menschen (zur Rechtfertigung zukünftiger Idealität) – bis hin zum Glauben an kleine Schrullen der Verheißung, so der naive Glaube, dass mehr Frauen in Führungspositionen die Gesellschaft humaner machen. (DP2,158) Es sind dies beliebige Gegenstände der Verheißung, in die hinein das Subjekt Gefühle – verobjektivierend: Moral erzeugend – projiziert; dies auf dem Weg vom Gefühl zur Moral, um auf diese Weise auch ohne Gott als Maß aller Dinge seiner Atomisierung zu entrinnen. Jene beliebigen Quasi-Universalien erheben nicht selten den Anspruch, ein Maß für alle sozialen Strukturen: den gesellschaftlichen Kontext, zu repräsentieren, so dass sich dieser letztlich auf Gefühle reduziert sieht (2.4); schon weil das Subjekt primär und fundamental soziale Strukturen, in die es unmittelbar involviert ist, mit Gefühlen besetzt, ohne an den gesellschaftlichen Kontext zu denken. Von einer bewusst hergestellten Subjekt-Gesellschafts-Verbindung kann keine Rede sein; sie entsteht zum Leidwesen des Subjekts gewöhnlich intuitiv, hinter seinem Rücken, um nicht zu sagen: bewusstlos, gedankenlos, als sei sie, und damit der gesellschaftliche Zusammenhalt, auf natürliche Weise gegeben, gleichsam in den Genen des Subjekts verankert.(DEW-OCN;DP4-3.1)

Heute wissen wir: Gegenstände der Verheißung spiegelten reale Weltbezüge schon immer nur vor, während hinterm Rücken des Subjekts, im Windschatten verinnerlichter Idealitäten, soziale Katastrophen, von Gefühlen intensiv besetzt, anschwellen – bis hin zum Faschismus. Es sind dies Katastrophen, die Hannah Arendt mit den Begriffen Weltverlust oder Weltlosigkeit umschreibt.(HEW-HAA,78-84) Das Innenleben bleibt indes außen vor, auch wenn sie von innerer Weltlosigkeit spricht;(aaO,67) ohne aber innere Vorgänge über außersubjektive Strukturen des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems zureichend zu explizieren; so dass dem inneren Vorgang oder Zustand unversehens der Status einer Ursache für die Entstehung sozialer Katastrophen zukommt: die Ursache für den deutschen Faschismus sieht Arendt in einem Bruch der Tradition (der Aufklärung) begründet.(aaO,92ff) Als gäbe es in der geistigen Entwicklung so etwas wie eine gesunde Kontinuität als Voraussetzung für eine gesunde soziale Entwicklung zu wahren, damit Menschen ihren Verstand nicht verlieren. Ja, der Faschismus sei nur möglich auf der Basis von Gedankenlosigkeit, wie sie bei Adolf Eichmann 1961 im Prozess gegen ihn zutage trat.(aaO,56ff) In diesem Zusammenhang prägte Arendt den berühmten wie umstrittenen Satz von der Banalität des Bösen.

Die wesentliche geistige Eigenschaft von Eichmann ist in der Tat banal: seine Gedankenlosigkeit; doch heißt das auch, dass demzufolge der (richtige innere) Gedanke die (äußere) Welt regieren müsse oder könne? Ich denke nein; zumal dafür die (äußeren) sozial-ökonomischen Strukturen nicht entsprechend eingerichtet sind. Aber auch wenn sie es wären, wäre der Satz Richtige Gedanken müssen die Welt regieren belanglos. Eine Trivialität. Nichtssagend. Oder wenn er etwas aussagt, wozu mag er gut sein? Wem mag er dienen? Könnte es nicht sein, dass jener Satz dazu beiträgt, das Tun – die soziale Praxis, den außersubjektiven Bezug, den alltäglichen Nahbereich – zu diskriminieren? Ich fürchte ja, – wenn dem Denken mehr Bedeutung als dem Tun beigelegt wird. Als bestünde sprachgestützte interaktive Kommunikation, der Ort realer und daher wahrer Solidarität, nur aus dem (inneren) Denken. Dann wäre das menschliche Zusammensein tatsächlich nur eine Angelegenheit der Phantasie. Als sei das Denken, die Phantasie, der innere Vorgang, nicht bloß notwendige Bedingung der Kommunikation. Schlichter formuliert: dass wir denken, ist eine Plattitüde, die außer acht lässt, dass das Denken zuweilen gar nichts nützt, vor allem dann nicht, wenn’s in der realen Praxis drauf ankommt: wenn das Kind gerade in den Brunnen fällt. Dann lassen große Geister es fallen; ohne mit der Wimper zu zucken.

Dennoch kann in diesem Diskriminierungs-Kontext der Begriff Weltverlust ein wichtiger Begriff sein, den Arendt nur nicht zureichend expliziert, wie übrigens auch den Freiheits-Begriff, den sie so schwammig wie inflationär verwendet – mit zuweilen rassistischer Einfärbung; so wenn sie gegen gemischtrassige Erziehung- und Bildungseinrichtungen für Kinder plädiert, wenn diese sich nur mit Zwangsmaßnahmen durchsetzen lassen. Das sei gegen die Freiheit (des Einzelnen) gerichtet, zumal mit der guten alten amerikanischen Freiheit unvereinbar.(aaO,56)

Dummes Zeug. Ich würde den Begriff Weltverlust lieber so verwenden, dass er auf eine gestörte Innen-Außen-Beziehung verweist. Dann kann beschrieben werden, was genau auf dem Weg des Gefühls von Innen nach Außen (Welt) schief läuft, an welcher Stelle und warum die Externalisierung des Gefühls scheitert: die Vorstellung nicht zur sozialen Praxis drängt – mit der Folge, dass der alltäglichen Nahbereich diskriminiert oder die Gefühle, die auf ihn verweisen, abgespalten werden; auf diese Weise würde Weltlosigkeit auf Kommunikationsverweigerung (2.1), bzw. strukturelles Desinteresses verweisen.(2.6) Einen solchen Weltverlust hätte man mit einer kritischen Einbeziehung der Theorie von Freud erarbeiten können. Dieser hat zumindest die Begriffe dafür bereitgestellt. So weit ist man bis heute nicht: zu erfassen, was im Innenleben falsch läuft im Sinne eines Quasi-Abdrucks dessen, bzw. einer notwendigen Bedingung dafür, was in der Gesellschaft (Welt) falsch läuft. Das eine, das gestörte Innenleben, ist in der Tat, wie Arendt wohl meint, die notwendige Bedingung dafür, dass etwas in der Welt falsch läuft, nicht aber – und exakt das analysiert Arendt unzureichend – die hinreichende Bedingung, die uns zur wesentlichen Ursache führt; diese sozialphilosophisch und systemtheoretisch begründbare Differenz wird in der heutige Sozialtheorie nicht zureichend berücksichtigt: für die meisten Sozialtheoretiker ist eine notwendige Bedingung gleich schon so etwas wie eine Ursache; unter vielen, versteht sich. Dadurch wird die Analyse indifferent, ein Fehler, der übrigens die ganze TKH von Habermas durchzieht.(S.173f) Mit ein wenig mehr Systemtheorie wäre ihm das vielleicht nicht passiert.

Die Ursache für einen gestörten Weltbezug liegt natürlich in den äußeren sozial-ökonomischen Strukturen begründet, die wiederum genau jene (inneren) Bedingungen hervorbringen, die das (äußere) System braucht, um zum Leidwesen des Innenlebens sozialunverträglich zu funktionieren. Und über deren Analyse überhaupt erst der analytische Zugang zum Innenleben erfolgt. In diesem Sinne bemühe ich mich im dritten Teil um die normativ-moralischen wie emotionalen Modalitäten der Zerstörung; mit diesen ist das Subjekt gehalten, Zerstörungen (des Systems) emotional-moralisch zu begleiten, mehr noch, im Interesse der Verheißung zu exekutieren, in Anlehnung eines sozialen Sachverhalts, den Arendt ganz richtig die Banalität des Bösen nennt: das Subjekt fühlt sich unbeteiligt, gar unschuldig, zurecht, denn es gibt einen Weg vom Gefühl zur Moral, den zu beschreiten das Gefühl nicht umhinkommt; zu beschreiten immer wieder aufs Neue. Ohne diesen iterativen Objektbezug existieren Gefühle nicht; deshalb kommen sie nicht umhin, moralische Urteile zu fällen; krankhaft und krankmachend genau dann, wenn auf dem Weg des Gefühls zum (moralischen) Gegenstand etwas schief geht, – die Externalisierung des Gefühls scheitert; wie gesagt, jeden Tag aufs Neue, wenn keine therapeutisch-(re-)sozialisierenden Hilfen, mithin kein intaktes soziales Umfeld zur Verfügung stehen.

Schief geht immer dann etwas, wenn sich Gefühle auf (welche) Objekte (auch immer) der Verheißung ergießen, etwa den Führer, der alles und nichts repräsentiert, während konkrete, fassbare Gegenstände des alltäglichen Nahbereichs, der Ort wahrer Solidarität, sich dabei diskriminiert sehen, bis zu einem Punkt, wo sie von Gefühlen kaum mehr kontaminiert sind, um schließlich phobisch zu Gegenständen bloßer Verrichtung zu degenerieren, weil sich Gefühle nicht abstellen lassen, sich irgendwann entladen – sozialunverträglich, von moralischen Imperativen begleitet. So etwas werde ich Missbrauch nennen. Er geht einher mit sauberen (Gefühls-)Ausschabungen des Innenlebens: völliger Weltverlust droht dann, wenn von dieser Ausschabung auch ferne Objekte der Verheißung betroffen sind, bis auch sie als Gegenstände der Besetzung ausfallen – Gefühlsbesetzungen dann aber mit Gewalt, von oben nach unten, durchgereicht werden; während die Gegenstände des Nahbereichs sich weiterhin diskriminiert sehen, um schließlich von Gewalt bedroht zu werden – etwa in Form von Kriegen, Terror, Einsätzen der Bundeswehr im Inneren, Gewalt in Familien, wachsender Kriminalität.

Aber schon im Vorfeld weitgehender Gefühlsarmut neigen Gefühle, wenn sie sich auf ferne Objekte der Verheißung ergießen, krank und krankmachend dazu, sich zur obersten Bewertungsinstanz zu erheben über gut und böse, richtig und falsch, schuldig und unschuldig, unverhandelbar, Kommunikation verweigernd, so dass sich, umgekehrt, der moralische wie gesellschaftliche Kontext auf Gefühle reduziert sieht.(2.4) Auch jeden Tag aufs Neue, im Sinne eines iterativen Vorgangs, der allerdings so lange zum Brunnen geht, bis er bricht – mit der Folge umfassender Orientierungslosigkeiten, Gewaltausbrüchen bis hin zum Massenmord.(DP4-1.4.1) Somit gibt es eine Moral, die in die Katastrophe führt.

Dennoch ist die moralische Verantwortung des Subjekts in dem Maße rekonstruierbar wie es im Kontext seiner (Re-)Sozialisierung in immer neuen Anläufen gelingt, die Moral unserer heutigen Gesellschaft im Innenleben als krank freizulegen. Dies wird allerdings umso weniger gelingen wie der ökonomische Spielraum von immer mehr Menschen durch den Mehrwertzwang immer enger wird; dieser, nicht der Kommunismus, ist das eigentliche Gespenst, das, um es mit Derrida zu sagen, zusammen mit anderen Marxschen Begriffen durch die Welt geistert, seit mehr als 150 Jahren, um uns bis heute heimzusuchen.(BRK-VDN)

Quellen:

BRK-VDN: Klaus-Jürgen Bruder, Von der Notwendigkeit, das Gespräch mit den Gespenstern zu führen, ein Aufsatz zu: Jacques Derrida: Marx' Gespenster. Der verschuldete Staat, die Trauerarbeit und die neue Internationale.

Link: http://web.fu-berlin.de/postmoderne-psych/texte/bruder_gespenster.htm

DEW-OCN: Wolfgang Detel, On the Concept of Basic Social Norms, in Analyse & Kritik 30/2008 (Lucius & Lucius, Stuttgart), S. 469–482

Link: http://www.analyse-und-kritik.net/2008-2/AK_Detel_2008.pdf

DPB: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Erster Teil: Zum Begriff der Teilhabe, Norderstedt 2009

DP2: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Zweiter Teil: Mehrwert und Moral, Norderstedt 2012

DP3: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Dritter Teil: Vom Gefühl zur Moral, Norderstedt 2013 (im Februar im Buchhandel)

DP4: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Vierter Teil: Theorie der Gefühle, Norderstedt 2013 (im April im Buchhandel)

 


VON: FRANZ WITSCH






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