Sehr geehrter Klaus Horn!


Bildmontage: HF

03.12.13
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von Dieter Braeg

Als Dieter Braeg bitte ich Sie, die folgende Er- klärung entgegenzunehmen, von der ich fürch- te, daß Sie sie noch weniger verstehen werden als das, was erklärt werden soll. Aber dann könnte man halt nichts machen, und es kommt doch nur darauf an, daß man alles versucht hat.

Ich habe Ihnen also als Sprechsteller, der der deutschen Literatur als Außenseiter angehört, durch polemische Schriften Anteil an den Vorgängen der Umwelt zu nehmen schien und sich nun von deren Dummheit angegriffen, ja bis zur Erkenntnis seines Unvermögens überwältigt fühlt, das Folgende zu sagen:

Da ich als Verfasser von Texten nun einmal, für das Sie hauptsächlich interessierende Thema, den durch Sie unterstellten Vorsatz angeblich ausgesprochen hat, stumm zu bleiben und auch nicht »warum« zu sagen; da aus diesem Grunde noch mehr gefragt wird und mithin vielleicht doch ein Hindernis im Weg stände, wenn ich tun wollte, was mir beliebt, nämlich zu den kleinen Themen im Gebiete des Geisteslebens übergehen; da es mir schwer fällt, die unterbrochene Verbindung mit den Interessen der Sprache, der Kunst, der Menschheit höhern Ranges ohne ein vermittelndes Wort aufzunehmen, so schwer, wie ein solches zu sprechen, womit ich eben keinem innern Gebot gehorchte gleich jenem, das die Vermeidung des eigentlichen Themas auf die Dauer seiner Aktua- lität erzwungen hat; da aber der Satz würde so lang wie diese, während der Anfang einer begehrteren und gleich in 'medias res' gehenden Abhandlung kurz gelautet hätte: »Mir fällt zu diesen Parteien, auch der DIE LINKE. nichts ein.«

Wohl wäre die Erläuterung, die gerade dieser Notstand erfordert, umfänglich gewesen und von vielerlei Einfällen begleitet, die inzwischen als Kleingeld unter die Leute gekom- men sind - geschöpft aus dem Bereich jenes lähmenden Zaubers, der zum ersten Mal der politischen Phrase die Tat, dem Schlagwort den Schlag entbunden hat und dem die Stirn zu bieten nicht mehr im Schutz der Metapher gewährt ist.

Um diese wahrhaft geistesgeschichtliche Neuerung, um das Ereignis, daß die Faust aufs Auge passt, hätte sich alle Betrachtung gruppiert. Doch wie könnte solcher Erlebnis- inhalt einer Generation, die durch den Bericht um das Erlebnis gebracht ist, nahe gehen? Und er hätte ihr doch so nahe zu gehen, daß sie ihn überhaupt nicht mehr als Lesestoff begehrte!

Verstände sie, daß Erschütterung vor dem Unsäglichen den Verzicht erzwingen kann, es zu sagen? Dort ist eine Welt durch die Redensart, die man beim Wort nahm, zur Tat auf- gebrochen; hier ist eine zurückgeblieben, die, kaum von Fall zu Fall erlebend, immer noch den Rückweg für gangbar hält, die von ihr verluderte Freiheit mit Worten besch- wörend, als lebte sie nicht in der Wirklichkeit, die sie beschreibt, immer noch wähnend, die Tat lasse mit sich reden.

Was sich die Zivilisation, unwert ihrer Erfolge, da eingebrockt hat, nimmt sie, wo die Kraft ihrer Lenden protestieren gegangen ist, als »Reaktion« zur Kenntnis, als politisch- en Rückschlag, den sie »Grosse Koalition« nennt, pochend auf Urväterhausrat einer politischen Opposition, die ein schönes Auskommen mit jener Tyrannei garantierte, deren Verkehrsformen von einem unwiederbringlichen kulturellen Inhalt bezogen waren.

Glückliche Anlage einer Demokratie, die noch immer glaubt, sie sei dem Schutze des Publikums empfohlen, wenn nicht gar unter Denkmalschutz gestellt, welchem die deut- sche Sozialdemokratie ihr Parteiarchiv vertraute, als Hannibal schon 'intra portas' war.

Und vollends die unsrige, die unverwüstliche komische Alte, die sich den Luxus leisten kann, gegen die eigene Programmatik zu »kämpfen«, prinzipiell entschlossen, die Leb- ensrettung durch den sogenannten »Beelzebub« abzulehnen; dieser Glückspilz unter den Parteien, der nach jeglichem Unwetter phraseologisch gedeiht, von der Natur mit dem Talent ausgestattet, den Zusammenbruch als Unterpfand des Aufstiegs zu betrachten und noch am Grabe den »Wellenberg« aufzupflanzen, wenn man längst im Neandertal angelangt ist.
Nein, sie machen keine Phrase, wenn sie sagen: »Wir bleiben die Alten!«

Was tun?
Wieso?

Dieter Braeg - oderauchnicht!


VON: DIETER BRAEG


Keine Frage, hallo Dieter Braeg, - 04-12-13 20:44




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