"Die Linke sollte zur Klasse zurückkehren"

11.08.09
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Luciano Gallino zur Krise der europäischen und italienischen Linken
Interview von Valentino Parlato, übersetzt und eingeleitet von * Rosso:

"Ehe das Proletariat seine Siege auf Barrikaden und in Schlachtlinien erficht, kündigt es seine Herrschaft durch eine Reihe intellektueller Siege an", so Karl Marx vor rund 150 Jahren.

Trotz einer seit Sommer 2008 dauernden Weltwirtschaftskrise, die die herrschende Produktionsweise in ihren Grundfesten erschüttert, ist davon bislang wenig zu spüren. Kein Beleg dafür, dass der alte "Fundamentalist" Marx mit dieser Voraussage falsch lag, sondern dass wir hier und heute, aller Ratlosigkeit, Panik und Verwirrung der Bourgeoisie und allem Gerede vom "Ende des Kapitalismus" zum Trotz ,noch längst nicht beim letzten Akt dieser Gesellschaftsordnung angelangt sind. Die Möglichkeiten und die Bereitschaft der Herrschenden die Habenichtse mit Almosen und Armenspeisungen ruhig zu stellen, sind keineswegs erschöpft. Insofern ist 2009 eben nicht 1929. Der "Kaiser" ist zwar nackt, aber die Untertanen ziehen es vor möglichst nicht hinzugucken, über die unfreiwillige Entblößung der ach so "effizienten, sozialen Marktwirtschaft" nicht nachzudenken und Untertanen zu bleiben. Anders gesagt: Es mangelt am sozialen Faktor und das hängt auch damit zusammen, dass die sozialen Auffangnetze zwar wesentlich schlechter und löchriger geworden, aber keineswegs verschwunden sind. Der entscheidende Stimulus, zu reflektieren, fehlt.

So verwundert es nicht, dass die Linke (und leider auch die sich als revolutionär und marxistisch verstehende Linke) im Wesentlichen den führenden bürgerlichen Wissenschaftlern vom Schlage des New Yorker Wirtschaftsprofessors und "Krisengurus" Nouriel Roubini (51), des aktuellen Wirtschaftsnobelpreisträgers Paul Krugman (56) und dem geistigen Vermächtnis des 1996 verstorbenen "post-keynesianistischen" US-Ökonomen Hyman Minsky hinterherläuft.

Immerhin, etwas bewegt sich innerhalb der Rest-Linken doch: Im Laufe der letzten Jahre hat man - unter dem Zwang der Verhältnisse - die soziale Frage, die Existenz einer Klassengesellschaft und die grundlegende Bedeutung der Arbeiterklasse (nicht nur ihres prekär beschäftigten Teils!) für jedwedes "emanzipative Projekt" wiederentdeckt. Glücklicherweise passé sind die Zeiten eines den "Abschied vom Proletariat" propagierenden André Gorz (Februar 1923 - 22.9.2007), der mit seinem gleichnamigen, 1980 bei der EVA auf deutsch erschienen Buch der Alt-68er Linken, aber auch vielen nachgewachsenen Autonomen beim "Marsch durch die Institutionen" und an die Fleisch- bzw. Tofu-Töpfe der bürgerlichen Gesellschaft behilflich war (ob bewusst oder unbewusst, sei einmal dahingestellt).

Mindestens eine Generation von Linken ist damit theoretisch und praktisch Baden gegangen und für die Entwicklung zeitgemäßer dialektischer und historisch-materialistischer Analysen ausgefallen. Entsprechend sind es heute oftmals in die Jahre gekommene "Veteranen" (in der BRD beispielsweise ein Karl-Heinz Roth), die interessante Denkanstöße geben, auch wenn sich dabei oftmals viel Richtiges mit mindestens ebensoviel Falschem verbindet. In keinem Land ist dieses Phänomen so gut zu beobachten wie in Italien, wo so unterschiedliche "Große Alte", wie Rossana Rossanda, Pietro Ingrao, Valentino Parlato, Luciano Gallino oder Piero Bernocchi im Wesentlichen die geistige Nahrung liefern, die die Linke südlich der Alpen intellektuell am Leben hält. Auf den Seiten der unabhängigen linken (nominell "kommunistischen", faktisch aber eher linksalternativen bis linkssozialdemokratischen) Tageszeitung "il manifesto" ist das Woche für Woche zu beobachten.

In der Ausgabe vom 25.6.2009 erschien ein Interview des langjährigen Chefredakteurs und jetzigen Verwaltungsratschefs Valentino Parlato mit Luciano Gallino, in dem der heute 82jährige, nimmermüde, ehemalige Soziologieprofessor der Universität Turin (1971 - 2002) den Zustand der italienischen Linken etwas grundsätzlicher untersucht und dabei Erkenntnisse zu Tage fördert, die auch hierzulande von Interesse sein dürften.

Eine kleine Korrektur zum folgenden Text ist allerdings nötig: Noch propagiert der ehemalige und langjährige Generalsekretär von Rifondazione Comunista (PRC), Fausto Bertinotti, nicht den Eintritt in die dem US-Modell nachempfundene mitte-linke Demokratische Partei (PD), sondern nur der ihm sehr nahe stehende, ehemalige Direktor des PRC-Organs "Liberazione" und nach seinem, lange überfälligen, Rausschmiss am 12.Januar 2009 nunmehrige Chef der Mini-Tageszeitung "l'Altro" und Mitarbeiter des kleinen Intellektuellenblattes "il Riformista", Piero Sansonetti. Dass sowohl Parlato als Gallino zum Zeitpunkt des Interviews davon ausgingen, zeigt allerdings, was dem ehemaligen Oberguru der (nicht nur der italienischen) Linken mittlerweile alles zugetraut und wahrscheinlich mittelfristig auch eintreten wird.

Interview:

"Die Linke sollte zur Klasse zurückkehren"

"In der Demokratischen Partei gibt es auch eine linke Komponente, aber dort einzutreten, ist keine Lösung." Es spricht der Soziologe Luciano Gallino: eine europäische Krise, nicht bloß eine italienische.

Valentino Parlato

Luciano Gallino, ist diese Krise der Linken - unter Berlusconi - eine italienische oder eine europäische Krise?

"Ich würde sagen, dass sie - wenn auch mit vielen Unterschieden von Land zu Land - eine europäische Krise ist, die viele Formen besitzt. Da genügt es an das Chaos der Sozialistischen Partei in Frankreich oder an das Abdriften der britischen Labour-Politiker und der deutschen Sozialdemokraten hin zu mitte-rechten Positionen zu denken. Insgesamt würde ich also sagen, dass es ein europäisches Syndrom ist."

In den 70er Jahren war die Linke in Europa und Italien stark. Was könnten die Ursachen dieser Krise sein? Die Kurzsichtigkeit ihres Führungspersonals?

"Der Zusammenbruch der Sowjetunion war ein Faktor von großer Bedeutung. Wenn nicht noch aus anderen Gründen dann zumindest, weil er die Rechte und Mitte-Rechte sehr gestärkt hat. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass die Errungenschaften der Arbeiter in den 60er und 70er Jahren (anständige Löhne, längerer Urlaub, arbeitsfreier Samstag, nationale Gesundheitsversorgung in unserem Land genau wie in anderen) auch deshalb möglich waren, weil die herrschende Klasse die UdSSR mit großer Sorge betrachtete. Natürlich aufgrund ihres Gewichtes auf der Weltbühne, aber auch aufgrund dessen, was sie als - materielle und ideologische - Unterstützung für die linken Parteien im Westen bedeuten konnte. Nachdem die Sowjetunion gefallen war, gewann die Rechte an Stärke und Atem und die Linken war ein bisschen der Boden unter den Füßen weggezogen worden.

Es gibt noch einen anderen Aspekt, der die Niederlage erklärt, das heißt das völlige Missverständnis des Globalisierungsprozesses seitens der Linken und insbesondere der sozialdemokratischen Parteien. Ich beziehe mich hier auf den Austausch, der zwischen dem Westen (der Kapital und Technologie dorthin schickte) und China, Indien etc. (die erbärmlich bezahlte Arbeitskraft zur Verfügung stellten) effektiv stattgefunden hat. Sie haben das nicht begriffen und sind deshalb Opfer einer Sichtweise geworden, die ich als adaptionistisch (anpasserisch) bezeichne: Die Globalisierung findet statt also bleibt uns nichts anderes übrig als uns ihr anzupassen. Das bedeutet, dass man die Partie verloren hat noch bevor sie überhaupt begann."

Aber gibt es nicht auch eine Veränderung in der Welt der Arbeit und einen Bedeutungsverlust der Arbeit, das Ende des Fordismus, die post-industrielle Gesellschaft...? Kann man von einer post-industriellen Gesellschaft sprechen?

"Nein, ich würde das aus zwei Gründen verneinen. Schließlich bleibt die Industrie in allen entwickelten Ökonomien ein Sektor von großer Bedeutung. Zweitens fanden die Organisationsmodelle der Industrie - über den Zeitraum eines Jahrhunderts produzierenden Gewerbes hinweg betrachtet - auch in anderen Bereichen Anwendung. Gegenwärtig nutzen die Agroindustrie, die Schnellrestaurants, die Call Center etc. Modelle der Arbeitsorganisation, die vor einem Jahrhundert erfunden wurden."

Hat sich Ihrer Ansicht nach der tertiäre Sektor industrialisiert?

"Ein Großteil des tertiären Sektors <also der Dienstleitungsbranche> hat industrielle Organisationsmodelle übernommen, die sich zum Großteil auf dem tayloristischen Imperativ gründeten und weiterhin gründen. Motto: ‚Ihr arbeitet, wir denken.'"

Es gibt jenen Satz von Marx, der hin und wieder zitiert wird: "Die Ausbeutung der lebendigen Arbeit wird zu einer sehr armseligen Grundlage für die Entwicklung des Reichtums." Gibt es einen Wertverlust in der Arbeit?

"Ja, mit Sicherheit. Weil seit dem Ende der 70er Jahre eine außerordentliche Durchdringung in der Industrie und der produktiven Aktivitäten allgemein durch die Finanzwirtschaft (finanziarizzazione) stattgefunden hat. Das heißt es wurden immer komplexere Technologien entwickelt, um Geld mit Geld zu machen und dabei den Weg über die Waren so weit wie möglich zu umgehen oder die Waren von den Indern und Chinesen fertigen zu lassen. Die Geldproduktion mittels Geld brachte daher die Abwertung bzw. die Unterbewertung der Handarbeit, der industriellen Arbeit mit sich und in gewisser Hinsicht wurde das auch wissenschaftlich versucht."

Hätten die Parteien, vor allem der <1991 selbst aufgelöste und mehrheitlich in die offen sozialdemokratische PDS bzw. später DS verwandelte> Partito Comunista Italiano (PCI), der bereits zur Sowjetunion auf Distanz gegangen war, nicht widerstehen können? Oder waren das Kapitulanten?

"Ich muss zu meinem Bedauern sagen, dass ich mit dieser Interpretation voll und ganz einverstanden bin. Die Kapitulation der kommunistischen Parteien war voreilig und in gewisser Hinsicht unbesonnen, auch wenn der Zusammenbruch der UdSSR ein kolossales Trauma darstellte. Dass der reale Sozialismus tiefe Risse aufwies, wusste man seit langem. Ich fürchte daher, dass die Bezeichnung Kapitulanten treffend ist."

Kurz und gut, an diesem Punkt haben die Linken die Identität der Vergangenheit abgelehnt, sich aber keine neue Identität gegeben...

"Sicher, weil - ich habe das bereits zu Beginn gesagt - sie vom Globalisierungsprozess nichts begriffen hatten. Sie hatten nicht kapiert, dass die Globalisierung ein Aspekt eines globalen Klassenkrieges ist. Das ist ein Ausdruck, der bei uns auch viele Linke aufspringen lässt. Ich entnehme ihn allerdings einem Buch, dass ich hier auf dem Tisch liegen habe, einem amerikanischen Buch mit dem Titel ‚The global class war' von Jeff Faux, dem Gründer des Economic Policy Institute, der als guter, liberaler Amerikaner keine Angst davor hat, die Worte zu verwenden, die man verwenden muss, das heißt Klassenkampf. Während unsere Linken die Idee der sozialen Klasse verworfen haben."

Was tun, um wieder stark und zu Protagonisten zu werden?

"Seit 1989 sind zwanzig Jahre vergangen. Das, was in zwanzig Jahren demontiert wurde, kann man nicht binnen kurzer Zeit wieder zusammenfügen. Mit Sicherheit wäre eine Rückgewinnung der kritischen Theorie hilfreich - nicht nur verstanden als Rückgewinnung der Denker der Frankfurter Schule, die in jedem Fall eine Menge Sachen zu sagen hatten, sondern auch als Fähigkeit, den Prozess der globalen Wirtschaft in seiner ganzen Tiefe zu analysieren. So wie es zum Beispiel die vielen liberalen, amerikanischen Forschungszentren tun. Weil jemand, der etwas wissen will, daran nicht vorbei kommt. Ein Großteil unserer Mitte-Linken steht sehr viel weiter rechts als die amerikanischen Liberals. Man müsste also bei der Klassenanalyse beginnen, bei einer ernsthaften Analyse des Globalisierungsprozesses."

Jetzt sagt Bertinotti: "Treten wir in die Demokratische Partei ein!"

"Die Demokratische Partei (PD) ist sicher ein etwas einzigartiger Zusammenschluss. Ich muss sagen, dass auf den Veranstaltungen und den Seminaren, die ich mache und den Treffen, zu denen ich häufig auch vom PD eingeladen werde, feststelle, dass viele Gesprächspartner links sind. Es stimmt, dass es eine Art Vorauswahl gibt, weil sie wissen, dass ich links bin. Trotzdem denke ich, dass es im PD wirklich eine linke Komponente gibt. In den PD einzutreten, scheint mir allerdings keine Lösung zu sein."

Und zum Beispiel die Vereinigung von Sinistra e Libertà <Linke & Freiheit, dem Europawahlbündnis aus Grünen, den Resten der Mitte der 90er Jahre an ihrer Korruptheit zugrunde gegangenen Sozialistischen Partei und der neuesten Rechtsabspaltung von Rifondazione, MpS> und Rifondazione Comunista... überzeugt mich nicht. Die könnten sich nicht zusammensetzen und versuchen ein linkes Programm zu entwerfen, sich auf der Grundlage eines Programms dann vereinigen bzw. Übereinstimmung herstellen...

"Ja. Ich glaube, dass der Ausgangspunkt die Analyse, die Kritik, die intellektuelle Opposition, die Vertiefungen der Themen und ein Programm sein muss. Dann kann man auf dieser Grundlage schauen, wie man sich zusammenschließen kann. Bei irgendetwas muss man allerdings anfangen."

Sie sollten aufhören, sich zu streiten...

"Ja, das sorgt wirklich dafür, dass man den Mut verliert."

Letzte Frage: Ich mache dieses Interview, fordere Artikel, gerade um eine Diskussion anzuschieben und zwar genau über die Frage, was die Linke tun soll, wie sich die Linke erneuern und vereinigen kann. Ist es sinnvoll, dass "il manifesto" versucht zu einem Forum für diese Diskussion zu werden?

"Ich würde sagen, ja. Auch weil es keine anderen gibt. ‚Il manifesto' sieht man, macht die Runde und wird gelesen. Sich neue Foren, neue Kommunikationsmittel auszudenken, erscheint mir - so wie die Dinge heute stehen - sehr schwierig. Es ist klar, dass die Positionen, die Stimmungen und die Sensibilitäten sehr unterschiedlich sind, deshalb muss man sehr offen bleiben. Ich habe allerdings den Eindruck, dass es den Raum gibt und dass jede Anstrengung, ihn auszuweiten, sinnvoll sein kann."


Vorbemerkung, Übersetzung und Einfügungen in eckigen Klammern:   * Rosso

Der Name * Rosso steht für ein Mitglied des Gewerkschaftsforums Hannover und der ehemaligen Antifa-AG der Uni Hannover, die sich nach mehr als 17jähriger Arbeit Ende Oktober 2006 aufgelöst hat.
Weitere Texte unter: http://www.freewebtown.com/antifauni/
Kontakt: negroamaro@mymail.ch

 







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