Der tendenzielle Fall der (Durchschnitts-) Profitrate


Bildmontage: HF

24.01.17
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oder Warum der notwendige Zusammenbruch des Kapitalismus ausbleibt

Von Karl Wild

In einem eigenen, dem dritten Abschnitt des 3. Bandes des „Kapitals“ hat Karl Marx *) resp. sein Herausgeber Friedrich Engels nach der Entwicklung der Kategorie Profit dessen Entwicklungsmöglichkeiten diskutiert und zu einem provisorischen „Gesetz“ (221) über den Fall der Profitrate erhoben. Provisorisch deshalb, da es sich um ein nach seinem Tode von Engels herausgegebenes hinterlassesnes Manuskript handelt. Bevor wir dieses darstellen können, arbeitet Marx erst den Unterschied zwischen Wert, Mehrwert und Profit heraus.
„Der Wert jeder kapitalistisch produzierten Ware stellt sich dar in der Formel: W=c+v+m..“ (34) c, der konstante in einer Ware und v, der variable Lohnanteil, bilden das vom Kapitalisten vorgeschosene Kapital C, dass aus der Zirkulation als G für eine bestimmte Summe Geld kommend, zu G‘ anwächst oder als größere Geldsumme in der Zirkulation realisiert wird. Hinter der Größe G‘ steht nichts anderes als das Verhältnis m/C, wobei der in der Produktion durch kostenlose Verausgabung von Arbeit gewonnene Mehrwert nun in Verhältnis zum verausgabten C gesetzt die Formel für die Profitrate ergibt:

p‘ = m/c + v………p‘ = 100/600 + 300 = 11,11 %

Ein Zahlenbeispiel soll verdeutlichen: In einem Jahr verkauft ein Unternehmen Waren G‘ im Wert W von 1 Mrd. €. Dazu benötigt es Energie, Roh,- Hilfs- und Fertigprokte, Abschreibungen auf Maschinen, Gebäude etc. von 600 Mio € = c.An Lohnkosten fallen 300 Mio € = v an. Als Ergebnis der Produktionsfaktoren**) erscheint nun der der Überschuss von 100 Mio € nicht mehr als der Geldwert der unbezahlten Arbeit, sondern als dem Kapital zuzurechnender Profit von 100 Mio € oder als Profitrate p‘ von 11,111 Prozent.***)

Marx untersucht nun aber die Durchschnittsprofitrate des gesamten in einer Volkswirtschaft „arbeitenden“ Kapital. Er kommt nun zum Ergebnis, dass mit der Entwicklung der Produktivkraft der „lebendigen“ Arbeit die „tote“, in Maschinen etc.verkörperte Arbeit anwächst, da nur so ein Fortschritt der Gesellschaft voran kommt.

Das Gesetz vom tend. Fall der geselschaftlichen Durchschnittsprofitrate

Zwei Beispiele: Im Jahr 1990 ist der Ouput eines Landes W = 1 Bio €, die sachlichen Vorleistungen = c betragen 600 Mrd, die gezahlten Löhne und Sozialleistungen v = 300 Mrd. und die Unternehmens- und Kapitaleinkünfte m = 100 Mrd. 2010 hat sich der Output auf 2 Bio ehöht, c beträgt 1,3 Bio, v = 550 Mrd. – als m verbleibt somit 150 Mrd. €.

1990 p‘ = 100/600 + 300 = 11,1 %……..2010 p‘ = 150/1.300 +550 = 8,1 %

Obwohl alle Indikatoren wachsen, hat der überproportionale Anstieg von c = 216,666 Prozent bewirkt, dass die gesamtgesellschaftliche Profitmasse nun ein C =c+v von 1,85 Bio € befriedigen muss. All die drei Größen m, c und v sind einem beständigen Wechsel und Größenveränderung unterworfen, sowohl durch die nationale Konkurrenz als auch durch den internationalen Wettbewerb der Nationalstaaten. Kern der Marxschen Theorie ist die durch die unaufhörliche Steigerung der menschlichen Fähigkeit, immer mehr und bessere Güter zur Reproduktion des menschlichen Lebens in immer kürzerer Zeit herzustellen. Eine gewalttätige Maschine wird die kapitalistische Konkurrenz, die alle Marktteilnehmer diese immanten Mechanismen als äußere Zwangsgesetze vermittelt.

Zusammenbruchstheoreme

Nach Rosa Luxemburg kommt der Kapitalismus an eine unaufhebbare Grenze, wenn er alle Sektoren und Gebiete inwertgesetzt hat, da die Nachfrage nichtkapitalistischer Quellen der Ausbeutung von Außen dem Kapital beständig Profite zuführen müssen. Versiegen diese, versiegt die Akkunmulation und die kapitalistischen Gesellschaften kollabieren, Ist die Welt erst einmal unter die konkurrierenden Kapitale aufgeteilt, siehe Lenins Imperialismustheorie, winkt die soziale Revolution.
Diese statische undialektische Sicht der Verabsolutierung bestimmter Annahmen findet sich auch bei Henryk Grossmann****), der angesichts der Krisen des Kapitals nach dem Weltkrieg das Marxsche Gesetz des tend. Falls der Profitrate als Begründung für den notwenigen und zwangsläufigen Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung annimmt. Wissenschaftlich sei durch Marx bewiesen, dass der Kapitalismus aus inneren Gründen der Profitschwäche scheitern muss.

„Entgegenwirkende Ursachen“ (242) des tendenziellen Falls der Profitrate

Marx begründet skizzenhaft, warum der Fall der Profitrate nur eine Tendenz ausbildet. Als erste Ursache nennt er die „Erhöhung des Expöoitationsgrad der Arbeit“ durch die „Verlängerung des Arbeitstages und Intensifikatuion der Arbeit.“ (242) Gerade durch die indRevolution 4.0 wird der geregelte Arbeitstag weltweit aufgehoben und durch angeblich selbstbestimmte „all around the clock“ workers ersetzt. Jeder Lohnabhängige wie kleiner Selbständiger ist gefordert, das Maximale aus seiner Tätigkeiten herauszuholen. Nicht mehr der Rythmus der Fabrik bestimmt die Arbeit, sondern individuell zugeschnittene Ziele. Gleichzeitig erfährt die einfache Arbeit der frühkapitalistischen Manufaktur (z.B. das Verlagswesen) eine Renaissance. Weiter nennt Marx en passant als eine der „bedeutendsten“ Möglichkeit, die Tendenz zu konterkarieren, das „Herabdrücken des Arbeitslohnes nter seinen Wert“. (245) Wo dies geschieht, spricht selbst die Wirtschaftspresse von „schamloser Ausbeutung“.Nehmen wir unser Beispiel von 2010 mit einem Output (G’/W) von 2 Bio €:

p‘ = 300/1.300 + 400 = 17,6 %

Unrealistisch? Bei gleichbleibenden Output und unveränderten Produktionsverfahren und der Kosten für das Sachkapital c sinken die Aufwendungen für die angewendete Arbeit von 550 auf 400 Mio €, gleich 27%. Das muss nun nicht unbedingt bedeuten, dass weniger Arbeiter fürs Kapital schuften, ihr Lohn kann sinken, z.B. durch Leiharbeit. Oder mit weniger Arbeitern, die länger arbeiten müssen oder deren Arbeitszeit (z.B. urch Streichung von Pausen) intensiver ausgenutzt wird, wird dasselbe BIP geschaffen. (siehe Entwicklung in Deutschland 2004 ff)

Grundsätzlicher und von großer Bedeutung ist die „Verwohlfeilerung der Eemente des konstanten Kapitals“ (245). Durch den technischen Fortschritt verbilligen sich die Aufwendungen für immer bessere Maschinen, fpr Kommunikation und Logistik. c fält bei gleichem Output auf 1.000 Mrd. €,v bleibt bei 550 Mrd:

2010 p‘ = 450/1.000 +550 = 29%

Unrealistisch? Gerade im Zeitalter der Diitalisierung und der Revolutionierung der Produktions-, Komunikation- und Transportmittel sind in einzelnen Bereichen noch größere Fortschritte alltäglich:
Weiter nennt Marx als dem Fall der Profitrate entgegenstehende Ursachen ferner die „relative Überbevölerung“ (246) als beständigen Druck auf die Lohnarbeit, sich um jeden Preis sich zu verkaufen, weiter den „auswärtigen Handel“ (247), der v und c verbilligt, und als letzten Punkt die „Zunahme des Aktienkapitals“ 8250), da dieses in der Form der Dividende den Profit bis zur Höhe des Durchschnittszinsen absenken kann. Zum Abschluss ein alle Fakoren berücksichtendes Bispiel, nahe an der Wirklichkeitr: W = 3 Bio €, c = 1 Bio, v = 1,5 Bio m Jahr 2000. 2020 steigt W= 3,2 Bio, c = 1,1 Bio, v = 1,8 bio

2000 p‘ = 500/1.100 + 1.500 = 20%……….2020 p‘ = 450/1.150 + 1.600 = 16,4 %

Annahmen: Im Krisenprozess der Umstellung auf Industrie 4,0 falen erstmals hohe Kosten für die Umstelung der Produktionsprozesse an (c=+15%) und der Krisenprozess bewirkt eine sehr niedrige Zunahme des Preises der Lohnarbeit – unterstellt nur 6,66 % in 10 Jahren – und des BIP, welches nur mit der selben Rate wächst, da die Nachfrageseite dümpelt.
Insgesamt ist zu konstatieren, dass im Gefolge der neoliberalen Revolution die Profit weltweit explodiert sind und der rasche Anstieg der Weltbevölkerung einen permanenten Druck auf die Einkommen der Werktätigen ausübt. In vielen Weltgegenden sinken die Einkünfte der Werktätigen auf ein obszönes Niveau. Seit derWeltwirtschaftskrise 2009ff im Zeichen der diversen Blasen bei der Verwertung (Banken, Immobiien) akkumuliert das Kapital auf sehr hohem Niveau schwächer. Bleibt zu hoffen, dass es in den kommenden Jahren gelingt, eine Alternative zum Raubtierkapitalismus zu beffördern. Ansonsten wird auch auf der „Insel der Glückseligen“, der BRD, die Zeit des relativen Wohlstandes zu Ende gehen.

*) Im zweiten und dritten Band des „Kapitals“ geht es Marx nicht mehr darum, „allgemeine Reflexionen“ über die „wirkliche Welt“ anzustellen, sondern die „konkreten Formen“ des „Bewegungsprozeß des Kapitals“ herauszufinden. „Die Gestaltungen des Kapitals … nähern sich also schrittweis der Form, worin sie auf der Oberfläche der Gesellschaft … der Konkurrenz, und im gewöhnlichen Bewußtsein … selbst auftreten.“ (KIII, S.33)
**) Neben den Sachleistungen stehen die Lohnarbeit und die unternehmerische Leitungstäigkeit
***) Dieser Profit verteilt sich nun auf viele Taschen, nicht zu vergessen den Staat
****) Er war der ökonomische Theoretiker der frühen Frankfurter Schule, der kritischen Theorie

Zitate: Karl Marx, Das Kapital, 3. Band, MEW 25, Berlin







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