Anmerkungen zu D. G. Schulzes "Linke Kapitalismuskritik": Wichtige Hinweise!


Bildmontage: HF

30.07.09
DebatteDebatte, Theorie, TopNews 

 

Von 'Kai aus der Kiste'

Der Artikel von D. G, Schulze zur Fragestellung, ob mit den zur Zeit modischen Erklärungsmuster der "Gier" die kapitalistische Krise erklärbar und die ökonomisch  und politisch handelnden Personen richtig kritisiert werden, enthält wichtige Hinweise zur Funktionsweise kapitalistischer Ökonomie. Sein Credo lautet: Wer Kapitalismus und die Krise verstehen will, muß zurück zu Marx und muß mit Marx die Unterschiede vor- und frühkapitalistischer Gesellschaftsformationen von den entwickelten zu unterscheiden lernen. Der Politikansatz vieler Strömungen der Partei die Linke sei idealistsich bzw. verharre in vorkapitalistischen Erklärungsmustern.

Diesem Denkansatz ist grundsätzlich zuzustimmen.

Allerdings soll nicht verkannt werden, daß für die Menschen in unserem Land das Phänomen massiv  sich steigernder Verarmung bei gleichzeitiger und aus der Verarmung resultierender sich ungeheuer steigernder Bereicherung als Momente der "Gier" erleben und verstehen. Diese Beobachtungen sind real und wirklich, müssen also genauer erklärt werden.

Meines Erachtens geht G. D. Schulze zu wenig auf heute zu beobachtende "moderne" Ausformungen und Weiterentwicklungen kapitalistischer Ökonomie ein.

Ein Wesensmerkmal, meines Erachtens Ergebnis langjähriger Überakkumulation und Unterkonsumtion ist in der Tat ein sich verselbständigender Finanzsektor, der Anlage für überschüssige Gelder nur noch in "Finanzprodukten" finden kann und so notwendig spekuliert. Das agieren des Finanzsektors an sich wird von den Menschen als undendliche "Gier" wahrgewnommen, ein Geldverdienen mit Geldhandel, ohne materielle Produktion und damit der Erzeugung wirklicher, "brauchbarere" Dinge, wird von den Menschen intuitiv als pervers empfunden.

Wichtiger noch scheint mir die Frage zu sein, wie sich die handelnden Akteure als Klasse und soziale Schichtung in der modernen kapitalistischen Ökonomie darstellen. Klasse und Schichtung deshalb, weil neben dem Kapital als sozialer Klasse zur Schichtung der handelnden Akteure formal abhängig Beschäftigte oder nicht kapitalbildende Selbständige gehören, nämlich Manager, Politiker, Berater u.s.w., die wesentliche Funktionen der Klasse mit übernehmen, insbesondere entscheidende Teilhabe an der Entscheidungsgewalt über die Verwendung von Kapital und Ertrag.

Seit Gramcsi wissen wir, daß sich Kapitalmacht in der Regel nicht direkt, sondern über eine Vielzahl sozialer und kultureller Fäden gesellschaftlich als "Hegemonie" vermittelt. In der Klasse und Schichtung, die in diesem Sinne herrschend ist, kann man seit längerem beobachteen, wie im obigen Sinne eine sich verselbständigende Denk- und Handlungsstruktur als normal und unhinterfragt, also "hegemonial" herausbildet, deren Kern das Eliteselbstverständnis ist. Sie ist gekoppelt an immer extensiver werdenden, aber als selbstverständlich angenommenen persönlicher Verbrauch und Konsum, ausgedrückt in "Gehältern und Boni", wobei "dienstliches" und "privates" fließend ineinander übergeht, ebenso wie konsumtielle und investive (Aktien, Optionen) Geldausgabe immer mehr verschwimmen und dadurch wiederum Klasse und Schichtung tendenziell verschmelzen.

Wichtig ist, dies weitesgehend als eine Frage der Klasse im marxschen Sinn zu analysieren und zu verstehen.

Marxistisch wäre demzufolge die Frage zu stellen, ob der moderne Kapitalismus (Fragen seiner staatlichen und nationalen / übernationalen Organisation, sprich des Imperialismus sollen hier nicht erörtert werden) nicht Erscheinungsformen früh- und vorkapitalistischer Ökonomien wiedergebiert, und sich in diesem Sinne aus der erreichten Produktivität und Geldumlaufhöhe neue Tendenzen herausbilden, die der alten "Schatzbildung" oberflächlich ähneln - bzw der "Exzeß" tendenziell die Regel wird. Und am Rande sei vermerkt: die angesprochenen "Regulierungen" des kapitalistischen Systems werden ja gerade jetzt auf allen Ebenen "dereguliert".

 



Noch einmal Kapitalismusanalyse und Kapitalismuskritik: - 06-08-09 21:52
Leserbrief von Uwe Dresner zu
"Anmerkungen zu D. G. Schulzes "Linke Kapitalismuskritik": Wichtige Hinweise!"
 - 31-07-09 17:08
Linke Kapitalismuskritik muß treffender werden - Geht eine Kritik an Geiz, Gier und Verantwortungslosigkeit wirklich an die Wurzel – oder am Ziel vorbei?  - 29-07-09 22:43




<< Zurck
Diese Webseite verwendet keine Cookies. Hier erfahrt ihr alles zum Datenschutz