Vorsicht Sackgasse !


Bildmontage: HF

03.08.09
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Replik von Matthias Nomayo auf "Einer sozialistischen Alternative nichts von ihrer realen Schärfe im Verhältnis zum Bestehenden nehmen" von Detlef Georgia Schulze

Wie heißt es im Artikel des Genossen Detlef Georgia Schulze so schön: Wir dürfen "einer sozialistischen Alternative nichts von ihrer realen Schärfe im Verhältnis zum Bestehenden nehmen".
Damit stimme ich voll und ganz überein, ebenso mit der Auffassung, dass dazu gehört, die Klassengesellschaft als solche nicht zu leugnen und den Klassengegensatz nicht zukleistern zu wollen. Nur sollten wir uns darüber im Klaren sein, wie die Arbeiterklasse, um deren Rolle es geht, in der heutigen Zeit eigentlich zu definieren ist. Dass es sich dabei offensichtlich nicht mehr einfach um das Industrieproletariat des ausgehenden 19. Jh. handeln kann, räumt der Genosse Schulze sogar selbst ein - schon für den Klassenstandpunkt der Oktoberrevolution war dieser verengte Klassenbegriff bereits nicht mehr ausreichend.
Der "Arbeiter" von heute kann durchaus auch gleichzeitig Aktienbesitzer und in dieser Eigenschaft "Kapitalist" sein, ebenso kann ein "Unternehmer" ein Mensch sein, der zwar "selbstständig" ist, dessen Existenz aber noch schlimmer zum Spielball der großen Player geworden ist (oder schon immer war - wenn seine "Selbstständigkeit" an sich schon eine Verzweiflungstat war) als die eines regulär sozialversicherten Lohnarbeiters. So simpel sind also die Unterscheidungsmerkmale nicht mehr. Auch wenn der "Selbstständige" möglicherweise ein oder zwei Lohnarbeiter beschäftigt (und zweifellos vom Mehrwert deren Arbeit profitiert), so ist er möglicherweise kein schlimmerer Ausbeuter als der relativ gut situierte Lohnabhängige, der möglicherweise über seinen Aktienbesitz oder seine Fondsanteile weit stärker an der Ausbeutung von Lohnabhängigen verdient und damit weit üblere Formen von Ausbeutung gerade auch in Konkurrenz zu unserem kleinen Selbstständigen unterstützt. - Selbst der "Ringschluss" ist heute keine Seltenheit mehr: Der Lohnabhängige, der mit seinen als "vermögenswirksame Leistungen" unterstützten Ersparnissen den Institutionellen erst die Macht in die Hand gibt, ihn als Lohnabhängigen zu versklaven oder nach gusto zu feuern.
Den Klassenstandpunkt zu vertreten, ist aus meiner Sicht nach wie vor ok., aber wir müssen die Klasse der Werktätigen (den Begriff halte ich bereits für treffender) vernünftig definieren. Mein Vorschlag für eine solche Definition lautet folgendermaßen: In unserer kapitalistischen Gesellschaft besteht etwa ein Drittel des Volkseinkommens aus Einkünften aus Kapital und Vermögen. Wer also als Lohnabhängiger weniger als ein Drittel seines Lebenserwerbseinkommens aus Kapital und Vermögen bezieht, der kompensiert dadurch gerade mal einen Teil dessen, was ihm an Mehrwert seiner eigenen Arbeit verloren gegangen ist - er ist sicher kein Ausbeuter. Auch dem Unternehmereinkommen entspricht rechnerisch ein Anteil aus dem eingesetzten Kapital und ein Anteil "Unternehmerlohn" für die eigene Arbeit, die der Unternehmer in sein Unternehmen hineinsteckt. Es ist nur recht und billig, auch ihm den Status eines Werktätigen dann anzuerkennen, wenn auch bei ihm der "Unternehmerlohn" den Löwenanteil seines Einkommens repräsentiert.

Statt also Selbstständige ausgrenzen zu wollen, die genauso hart wie die meisten Lohnarbeiter ihr Brot verdienen müssen, wäre es sinnvoll, ihnen zu verdeutlichen, dass auch sie Verlierer der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sind und ihnen einen vernünftigen und mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbaren Klassenstandpunkt nahe zu bringen. Nicht Selbstständigkeit steht im Widerspruch zum Sozialismus (die "neue ökonomische Politik" Lenins schloss selbstständige Erwerbsformen ausdrücklich wieder mit ein), sondern die Möglichkeit, dass sich  Kapital ohne Zutun von selbst vermehrt und, dass an Kapital nur kommt, wer über ein entsprechendes materielles Vermögen verfügt. Die beiden letztgenannten Merkmale des Kapitalismus sind es, gegen die sich die Stoßrichtung linker Politik richten muss - und das radikal.

Viva la Revolucion !

Matthias Nomayo



Noch einmal Kapitalismusanalyse und Kapitalismuskritik: - 06-08-09 21:52
Einer sozialistischen Alternative nichts von ihrer realen Schärfe im Verhältnis zum Bestehenden nehmen  - 02-08-09 21:37




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