Was will 'der' 'Feminismus'?


Bildmontage: HF

21.06.19
DebatteDebatte, Feminismus, TopNews 

 

Von systemcrash

(Anlyseversuch einer Sternstunde Philosophie-Diskussion)

Als 'Marxist' war mein bisheriges Verhältnis zum 'Feminismus' eher ein (ziemlich) kritisches. Nicht, weil ich was gegen Verbesserungen der weiblichen (Lebens)Situation habe, sondern weil ich ihn in strategischer Hinsicht als eine Sackgasse angesehen habe. Die Vergangenheitsform ist ganz bewusst gewählt, weil die strategische Kritik, die von marxistischer Seite vorgebracht wurde, meines Erachtens für die heutige Situation so nicht mehr gültig ist[1]. Von daher ist es wichtig, diejenigen feministischen Ansätze, die mit den programmatischen Anliegen (Plural!) des 'Marxismus' (den es natürlich auch nicht in der Einzahl gibt) konvergieren, in das eigene politische Konzept zu integrieren. Und da es eine grundlegende Übereinstimmung darin gibt, dass die 'Frauenfrage' (ein historisch antiquierter marxistischer Begriff) von strategischer Bedeutung ist, sollte dies auch prinzipiell möglich sein. Dazu ist es aber notwendig, vorher die verschiedenen feministischen Theorien zu sichten.

Verschiedene Feminismen

In der Diskussion wurden verschiedene feministische (Theorie)Ansätze benannt, die zwar nicht alle Theorieunterschiede darstellen, aber doch vlt. die Wesentlichen. Einmal der Unterschied zwischen dem Gleichheits- und dem Differenzfeminismus. Dieser besteht im Kern darin, dass der Gleichheitsfeminismus die Gleichheit aller Menschen betont (also vor allem unabhängig vom Geschlecht), und meint, dass die biologischen Unterschiede die sozialen Unterschiede nicht rechtfertigen können. Während im Gegensatz dazu, der Differenzfeminismus eher die Unterschiede der Geschlechter betont[2] und daraus spezifische Forderungen für Frauenanliegen entwickelt. Obwohl beide Ansätze durchaus kontrovers liegen, können sie sich aber auch im Idealfall ergänzen.

Die zweite Kontroverse liegt in der Unterscheidung von einem 'bürgerlichen' und einen 'ArbeiterInnen-Feminismus'. Ich habe diesen Ausdruck so vorher noch nicht gehört. Es gibt natürlich einen 'sozialistischen Feminismus', aber einen 'ArbeiterInnen-Feminismus' müsste man wohl eigentlich eher einen 'proletarischen Feminismus' nennen. Aber hier zeigt sich auch gleich das eigentliche Hauptproblem: wenn schon die 'traditionelle' Klassenanalyse nicht mehr (so richtig) hinhaut, und man eigentlich auch nicht richtig weiss, ob es überhaupt noch ein 'Proletariat' gibt und ob es noch eine Arbeiterbewegung gibt, dann kommt einem natürlich das Begriffs-Ungetüm 'proletarischer Feminismus' mindestens doppelt schwer über die Lippen.

Zum 'bürgerlichen Feminismus' ist wohl noch zu sagen, dass – im Gegensatz zu dem, was der Ausdruck suggeriert – es sich noch nie um eine soziologische oder Klassenanalyse gehandelt hat, sondern - jedenfalls im deutschen Sprachraum - historisch der marxistische 'Negativ-Kampf-Begriff' für jeden Feminismus und auch noch heute für falsch gehaltene Theorien über das Geschlechterverhältnis, - unabhängig von der tatsächlichen Klassenlage der VertreterInnen und AnhängerInnen dieser Theorien.

Richtig finde ich aber die Kritik, dass das Anliegen des 'bürgerlichen Feminismus', mehr Frauen in die Chefetagen zu hieven, die ungleichen sozialen Ausgangsbedingungen für Frauen (und Männer!) ignoriert, oder doch zumindest vernachlässigt.

Dies ist aber kein Argument dagegen, die geschlechtsspezifische Chancenungleichheit zu verringern oder zu verringern zu versuchen. (Ob sie sich ganz beseitigen lässt, wage ich nicht zu prognostizieren.)

Care-Arbeit vs. Lohnarbeit?

Ein zweiter Aspekt in der Diskussion ist die Bedeutung der 'Arbeit' in der feministischen Theoriebildung. Dabei wurde die These vertreten, dass es eine 'Aufspaltung' zwischen Care-Arbeit und Lohn- und Erwerbsarbeit gäbe. Problematisch finde ich den (tendenziellen) Gegensatz von Care- und Erwerbsarbeit (Lohnarbeit ist eine Unterkategorie der Erwerbsarbeit). Wenn man davon ausgeht, dass der Sinn der Ökonomie die Reproduktion der Gesellschaft ist[3], dann kann sowohl die 'generative' als auch die wirtschaftliche Reproduktion (de facto ist diese Trennung allerdings eine 'künstliche', oder – wenn mal so will – eine 'ideologische') nur im Zusammenspiel von Frauen und Männern funktionieren. Dass diese Reproduktion in unserer Gesellschaft (und auch schon historisch viel älter) mit einer sozialen [Herrschafts]-Hierachie verbunden ist, ist allerdings eine (ganz) andere Fragestellung.

Kritisch liesse sich allerdings fragen, ob der (zusätzliche) Begriff der Care-Arbeit nicht sogar dazu beiträgt, die Frage der Entlohnung (bzw. nicht Entlohnung) zu verschleiern.[4]

Für einer 'Verringerung' der sozialen Hierachie wurde einmal auf die alte 'Lohn für Hausarbeit'-Debatte zurückgegriffen (70er-Jahre) und zum anderen für einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert der Care-Arbeit plädiert.

Wie immer man zu diesen Konzepten stehen mag, auffällig scheint mir jedenfalls zu sein, dass diese Ansätze die grundsätzliche geschlechtshierachische Arbeitsteilung nicht in Frage stellen, sondern sie – im besten Falle – 'sozialstaatlich' absichern; aber dadurch zugleich auch verfestigen.

Dass Arbeit mehr ist als Wertschöpfung, ist zwar völlig richtig, aber gerade der Kapitalismus hält sich eben nur durch die Wertschöpfung am Leben (Kapital ist sich selbst verwertender Wert [Marx]). Und der gesamte Care-Bereich ist zwar eine gesellschaftliche Notwendigkeitkeit, wird aber in der 'Gesamtreproduktionsabrechnung' unter 'Kosten' abgespeichert. Das ändert aber nichts daran, dass Teile der Care-Arbeit auch nach nach Profitprinzipien organisiert sind (Kommodifizierung), während der private Care-Bereich früher unter fordistischen Bedingungen hauptsächlich über den 'Familienernährer-Lohn' finanziert wurde; was heute zunehmend durch den ökonomischen Druck des 'Neoliberalismus' erodiert wird.

(Der kommerzielle Care-Bereich kann sich aber auch nur finanzieren durch eine Umschichtung des Lohn und Gehaltsfonds; der notwendige Care-Aufwand, der im Fordismus über den Familierernährerlohn meist bezahlbar war, wird heutzutage den ohnehin schon 'knappen' (prekären) Löhnen abgezwackt, bei gleichzeitig zunehmender Erodierung noch vorhandener familiärer Hilfs- und Unterstützungsstrukturen. Schöne neue 'neoliberale' Welt!) 

Dies führt auf der einen Seite zu einer 'Krise der traditionellen Geschlechterbeziehungen', zwingt aber auf der anderen Seite, und hier besonders die Frauen, nach neuen gesellschaftlichen Modellen und 'Lösungen' Ausschau zu halten[5]. Ob dieser gewachsene ökonomische Druck 'progressiven' Lösungen einen Vorschub leistet, bleibt abzuwarten. Ich selber stehe 'Revolutionstheorien', die auf 'Verelendung' beruhen, eher skeptisch gegenüber.

Letztlich kann aber das (berechtigte) Anliegen der Aufwertung der Care-Arbeit nur mit einer antikapitalistischen (oder transkapitalistischen) Strategie verfolgt werden. (Das bedeutet aber nicht, dass der Kapitalismus die Ursache der geschlechtshierachischen Arbeitsteilung ist)

Natur und Kultur

Der berühmte Satz von Simone de Beauvoir »Man ist nicht als Frau geboren, man wird es.« ist der Ausgangspunkt einer langen Debatte über das Verhältnis von 'Natur' und 'Kultur'. Meines Erachtens ist es aber schon ein Missverständnis, Natur und Kultur in einen Gegensatz zu bringen. Vielmehr bilden beide ein Wechselverhältnis, die sich gegenseitig 'verschränken'.

Konkret heisst das, dass es zwar gesellschaftliche Ideen ('Stereotype') gibt, die 'zuweisen', was eine Frau oder ein Mann zu sein hat; aber diese 'Ideen' funktionieren nur deshalb, weil es eben auch diese Naturunterschiede (biologische Unterschiede) gibt.

Die 'Biologie' (der Körper [6]) ist daher durchdrungen von 'sozialen Ideen', und eine dieser Ideen ist die Vorstellung, dass der weibliche Körper letztlich der 'Mutterschaft' dient (zu dienen hat). In dieser Hinsicht kann man sagen, dass Frauen stärker ihrer 'Biologie' ausgesetzt sind als Männer (selbst wenn das – letztlich –nur auf 'Ideologie' beruhen sollte). Und obendrein hat Mutterschaft die fatale Tendenz, dass sie sich als 'sozialer Nachteil' erweisen kann, wenn sich die wirtschaftlichen Verhältnisse verschlechtern (noch immer liegt die Hauptsorge für den Nachwuchs bei der Frau, egal, wie man die Gründe dafür analysieren will). Im übrigen haben Frauen auch immer eine gewisse (materielle) Abhängigkeit vom (männlichen) 'Versorger'. Hier stellt sich das Problem, ob unter kapitalistischen Bedingungen, eine (völlige) Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und (Klein)Familie überhaupt hergestellt werden kann. An diesem Problem würde meines Erachtens auch ein 'Grundeinkommen' nichts (jedenfalls nicht viel) ändern, da es – wie bereits erwähnt – eher zu einer Verfestigung der geschlechtshierachischen Arbeitsteilung beitragen würde.

***

Die Geschlechternormen müssen als 'soziale Denkleistung' verstanden werden und können sich aber auch als tradierte Denkmuster 'verselbständigen'.

Eine Form der tradierten Denkmuster ist die Sprache, wie z. b. das generische Maskulinum, das zwar die ehrenvolle Absicht hat, eine (scheinbar) 'neutrale' Ausdrucksweise herzustellen, in Wirklichkeit aber die geschlechterhierachische Konstitution der Gesellschft zu stabilisieren und zu reproduzieren.

Eine Stellenausschreibung, in der nur die männliche Form verwendet wird, wird Frauen kaum ansprechen oder vlt. sogar abschrecken.

'Geschlechtergerechtigkeit' und strategische Problemstellungen

Zum Abschluss scheinen mir zwei Punkte besonders wichtig zu sein: ich halte es für völlig falsch, identitätspolitische Fragestellungen und 'soziale Fragen' gegeneinander stellen zu wollen. Vielmehr gehören beide Aspekte immer eng zusammen. Wenn man für höhere Löhne kämpft, hat das nicht nur was mit Brot und Butter zu tun, sondern auch mit (persönlicher) Würde. Und genauso ist der Kampf für die Anerkennung (s)eines 'Lebensstils' (auch) eine 'soziale Frage'.

Und zum anderen wurde erwähnt, dass die feministische Theoriebildung sehr stark von Philosophinnen geprägt wurde (z. B. Simone de Beauvoir und Judith Butler). Dabei scheint es mir wichtig zu sein, dass die Philosophie ihre Theoriebildung nicht nur im (akademischen) Elfenbeinturm betreibt, sondern selbst aktiver Bestandteil sozialer Bewegungen ist (oder sich zumindest im Austausch mit sozialen Bewegungen befindet). Denn nur dann kann es gelingen, dass nicht deckungsgleiche Verhältnis von Theorie und Praxis einander näher zu bringen.

Und nur dann kann es vielleicht – vielleicht! – was mit der (R)evolution werden. ;)

 

[1] Vergleich: "Und was die 'Dialektik von Reform und Revolution' betrifft, da mache ich es mir ganz einfach: da es keine relevanten 'revolutionären' Bestrebungen gibt, kann es auch keine strategische Bestimmung von Reformen (in 'revolutionärer' Perspektive) geben! Und mit der Verteidigung der '(bürgerlichen) Freiheiten' hat die 'Linke' schon genug alle Hände voll zu tun." (Linke und Grundgesetz)

[2] Hier spielt vor allem die Frage rein, ob die Unterschiede sozial (kulturell) oder 'natürlich' (biologisch) begründet sind.

[3] Nach der materialistischen Auffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte: die Produktion und Reproduktion des unmittelbaren Lebens. Diese ist aber selbst wieder doppelter Art. Einerseits die Erzeugung von Lebensmitteln, von Gegenständen der Nahrung, Kleidung, Wohnung und den dazu erforderlichen Werkzeugen; andrerseits die Erzeugung von Menschen selbst, die Fortpflanzung der Gattung.” – Friedrich Engels, http://www.mlwerke.de/me/me21/me21_027.htm

[4] Diesen Hinweis verdanke ich DGS.

[5] Eine Diskutantin verwies auf kollektive Eigentumsformen in archaischen Stammesgesellschaften; also eine 'Rückkehr' zu etwas sehr 'Altem'.

[6] These: das gilt sowohl für Frauen als auch für Männer, aber für Frauen tatsächlich stärker. (Die Frage, ob es mehr als zwei Geschlechter gibt, klammere ich hier aus. Ich denke aber, dass man sich darauf einigen können müsste, dass für die biologische Reproduktion zwei Geschlechter notwendig sind. Die 'soziale' Existenz von Zwischen, Misch- oder Übergangsformen muss davon nicht zwangsläufig (negativ) betroffen sein.)

 







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