Gesundheitspolitisch sinnvoll, aber unzureichend – zur Verlängerung des Semi-Lockdowns

03.12.20
DebatteDebatte, Soziales, TopNews 

 

von Detlef Georgia Schulze

Gliederung:

Abschnitt 1: Vom Sommer zum Herbst

Abschnitt 2: Vom Herbst zum Winter

Abschnitt 3: Politische Priorität: Unschöne Bilder vermeiden

Vor einer Woche – am Mittwoch, den 25.11. – haben sich die Bundeskanzlerin und die ChefInnen der Landesregierungen auf eine Verlängerung und eine leichte Verstärkung der am 28.10. vereinbarten zusätzlichen Infektionsschutzmaßnahmen[1] verständigt.[2] Dies ist gesundheitspolitisch sinnvoll, aber unzureichend.

In einem längeren Artikel, der am Montag bei de.indymedia erschien[3], habe ich gezeigt, daß es mit den halbherzigen Bund-Länder-Vereinbarungen vom 14.[4] und 28. Oktober zwar zunächst immerhin gelungen war,

•    ein Sinken der Geschwindigkeit des Anstieges der Zahl der Neuinfektionsbestätigungen[5]

und

•    ein Sinken der Geschwindigkeit der Zunahme der daraus folgenden Effekte (Zahl der Covid-19-IntensivpatientInnen und Covid-19-Todesfälle) zu erreichen. Außerdem scheint es darüber hinaus inzwischen gelungen zu sein, die Zahl der wöchentlichen Neuinfektionsbestätigung bei in etwa 125.000 zu stabilisieren[6] (also ein weiteres Wachstum der Zahl der neuen Fälle zu vermeiden – aber die Gesamtzahl der Fälle wächst weiter).

Gemäß dieser Entwicklung der Zahl der Neuinfektionsbestätigungen ist es – wie gesagt – auch gelungen,

•    die Geschwindigkeit des Anstiegs der Zahl der Covid-19-IntensivpatientInnen zu reduzieren; aber auch in der 47. Kalenderwoche kamen 324 PatientInnen und in der 48. Kalenderwoche fast 200 mehr neu hinzu als verstarben oder die Intensivstationen anderweitig verlassen konnten[7]. (Oder anders gesagt: Auch ein weiteres Sinken der genannten Zahl auf Null würde kein Sinken der Zahl der Covid-19-IntensivpatientInnen bedeuten, sondern nur deren Stabilisierung auf gleichbleibendem Niveau: Es kämen gleich viel Covid-19-PatientInnen rein in die Intensivstationen wie raus.)

•    Der Anstieg der Zahl der Covid-19-Todesfälle geht steil weiter, wenn auch – prozentual gerechnet – nicht mehr ganz so steil, wie von der 42. bis 45. Kalenderwoche[8].

Der Anteil der positiv ausfallenden Tests[9] und der Anteil der Todesfälle an den letzteren[10] sowie die absolute Zahl der Covid-19-Todesfälle und die Zahl der Covid-19-IntensivpatienInnen steigen aber weiterhin. Für alle drei Indikatoren ist weiterhin nicht der – wünschenswerte – Rückgang zu verzeichnen ist. Die Zahl der Covid-19-Todesfälle ist dabei mittlerweile wieder so hoch, daß erneut Übersterblichkeit zu verzeichnen ist (siehe dazu S. 4 f. [Abschnitt „Übersterblichkeit“] meines indymedia-Textes).

Neben der Übersterblichkeit ist dabei insbesondere der Anteil der positiv ausfallenden Tests an der Gesamtzahl der Tests (sog. Positivquote) – für den Vergleich mit dem Frühjahr und den Sommermonaten – ein verläßlicher Indikator, da er durch einen Anstieg der Anzahl der Tests nicht nach oben getrieben, sondern nach unten gedrückt wird (umfangreicheres = tendenziell wahlloseres Testen = geringere Wahrscheinlichkeit auf Infektionen zu stoßen).

Vom Sommer zum Herbst

In meinem genannten Papier demonstriere ich unter anderem: Die tatsächliche Situation von der 24. (Juni) bis ca. zur 35./36. (Ende Aug. / Anfang Sept.) Kalenderwoche entsprach folgender Logik / folgendem Schema: Wird die Zahl der Tests größer, so reduziert sich – bei ansonsten gleichbleibenden Bedingungen – die Wahrscheinlichkeit, einen Treffer (mit schweren – oder gar: zum Tode führenden – Symptomen) zu landen.

Ab der 35./36. Kalenderwoche kam es dann allerdings zu einer Änderung der Bedingungen: Das reale Infektionsgeschehen verstärkte sich (so können wir schlußfolgern), so daß die Zahl der Treffer (mit schweren – oder gar: zum Tode führenden – Symptomen) nun schneller stieg als die Zahl der Tests. Auch tritt insbesondere seit der 43. KW wieder Übersterblichkeit auf.

Diese Änderung wird im Kontrast zwischen:

•    Schaubild 6 (24. bis 36. KW) und Schaubild 7 (35. bis 47. KW) – beide in Bezug auf die ‚positiven‘ (SARS-CoV-2 nachweisenden) Testergebnisse im Verhältnis zur Test-Anzahl –

•    Schaubild 2 (24. bis 36. KW) und Schaubild 4 (35. bis 47. KW) – beide in Bezug auf die hospitalisierten (= Krankenhaus-) Covid-19-Fälle im Verhältnis zur Test-Anzahl –

sowie

•    Schaubild 3 (24. bis 36. KW) und Schaubild 5 (35. bis 47. KW) – beide in Bezug auf die Covid-19-Todesfälle im Verhältnis zur Test-Anzahl – augenfällig: Zunächst (24. bis 36. KW) stiegen die Kurven der negativen Indikatoren (positive Tests, Hospitalisierungen, Todesfälle) langsamer[11] als die Kurve der Testanzahl; inzwischen steigen erstere schneller als letztere. (Ob wir uns ca. seit der 48. KW erneut an einem Wendepunkt – nunmehr zum etwas Besseren – befinden, muß sich erst noch zeigen.)

Vom Herbst zum Winter

Gelingt es nicht, die Zahl der Neuinfektionen und der Covid-19-IntensivpatientInnen zu reduzieren, dann wird es auch in Zukunft bei rund 1.500 (oder mehr) Covid-19-Todesfällen pro Woche[12] bleiben. Das sind dann jede Woche ca. 10 Prozent des bisherigen Gesamtstandes[13] von Covid-19-Todesfällen in der BRD.

Diejenigen, die sich mit der jetzigen Stabilisierung Zahl der Neuinfektionsbestätigungen zufrieden geben, arrangieren sich also auch mit den z.Z. täglich mehreren hundert Covid-19-Todesfälle in der BRD.

Politische Priorität: Unschöne Bilder vermeiden

Der deutsche Staat tut also – mit seinen eingangs erwähnten Vereinbarungen – gerade soviel für den Infektionsschutz, wie nötig ist, um die unschönen Bilder überlasteter Intensivstationen zu vermeiden. Aber er unterläßt es – neben dem familiären Bereich, der Gastronomie und der Kultur-/Freizeitindustrie – auch das Kapital in den Bereichen der stofflichen Produktion zum Infektionsschutz heranzuziehen. In der stofflichen Produktion soll weiterhin gearbeitet werden, und das Bildungssystem für Nachschub der Ware Arbeitskraft sorgen.

Sozialistische Gesundheitspolitik hätte

•    den SchülerInnen und Studierenden nicht nur zeitweise unterrichts- bzw. vorlesungsfrei, sondern ein ganzes Jahr prüfungsfrei gegeben (und damit den Nachschub der Ware Arbeitskraft für ein Jahr unterbrochen), um nicht nur das Problem von Menschenansammlungen in kleinen Klassen- und Seminarräumen, sondern auch das Problem der soziale Segregation der außerschulischen Bildungsmöglichkeiten kurzfristig auszuschalten (ein Jahr Freizeit statt Leistungsdruck im Bildungssystem),

und

•    die Produktion von Gütern, die nicht dem täglichem Bedarf dienen, im Frühjahr und Herbst eingestellt. Dies wäre konsequente Kontaktreduzierung und damit Reduzierung von Infektionsmöglichkeiten und tatsächlichen Infektionen gewesen: Menschenansammlungen in Fabriken sowie im öffentlichen Nah- und Regionalverkehr vermieden worden.

Kontaktbeschränkungen in privaten Wohnungen sind dagegen kaum kontrollierbar – also, trotz ihrer juristischen Form, de facto nur Empfehlungen (was ein weiterer Grund ist, warum das corona-leugnerische Gerede über „Notstand“, „Diktatur“ und „Ermächtigungsgesetz“ lächerlich ist [siehe dazu schon meine am Ende genannten Artikel aus dem April]) –; und Privatwohnungen, die keine Villen von Kleinfamilien sind, sind per se Infektions-hot spots, da sich dort relativ viele Personen auf relativ engem Raum aufhalten.[14] Eine effiziente Infektionsschutzpolitik müßte also gerade außerhalb der Privatwohnungen ansetzen, um die Einschleppung der Viren in die Privatwohnungen möglichst gering zu halten. Dafür müßte freilich stärker an der Kapitalakkumulation geknabbert werden.

Dies wird allerdings lohnabhängigen WohnungsmieterInnen weder von Unions- und SPD-PolitikerInnen noch gar von corona-leugnenden schwäbischen KleinkapitalistInnen und deren ideologischen Fußtruppen geschenkt werden. Wünschenswert wäre eine klassenkämpferische Gesundheitspolitik, für die Infektionsschutz nicht an der Eingangspforte von Fabriken und Großraumbüros endet.[15]

Immerhin wurde in der neusten Bund-Länder-Vereinbarung vom 25. November etwas beim Infektionsschutz in großen Geschäften nachgebessert: Es gilt nun,

„dass sich in einer Einrichtung a) mit einer Verkaufsfläche von bis zu 800 qm insgesamt höchstens eine Person pro 10 qm Verkaufsfläche, b) mit einer Verkaufsfläche ab 801 qm insgesamt auf einer Fläche von 800 qm höchstens eine Person pro 10 qm Verkaufsfläche und auf der 800 qm übersteigenden Fläche höchstens eine Person pro 20 qm Verkaufsfläche befindet. Für Einkaufszentren ist die jeweilige Gesamtverkaufsfläche anzusetzen. Durch ein abgestimmtes Einlassmanagement müssen Einkaufszentren und Geschäfte verhindern, dass es im Innenbereich von Einkaufspassagen oder Einkaufszentren zu unnötigen Schlangenbildungen kommt.“[16]

Auch dies ist aber noch deutlich weniger als die weitgehenden Geschäftsschließungen, die am 23. März vereinbart worden waren. Diejenigen, die sich nun – sei es als WissenschaftlerInnen oder als Ministerpräsident – hinstellen und bekunden:

•    „die Annahme, dass man während des Winters ein ‚Zurück‘ auf Zahlen wie im August erreichen kann, entbehrt jeder Grundlage.“ (eine – mit einer Ausnahme – männliche Runde von ‚GesundheitsstrategInnen‘)[17]

•    „Es wird nicht einfach sein, das Infektionsgeschehen auf das Niveau von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner zu senken“ (Hessens Ministerpräsident Bouffier)[18], reden verlogenes Zeugs[19] – insbesondere wenn sie sich, wie Bouffier, am 14. und 28. Oktober sowie am 25. November für besseren Infektionsschutz hätten einsetzen können – und in ihrer jeweiligen Landesregierung ohnehin.

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Siehe außerdem:

I.

•    Redaktion Aufruhrgebiet, Vor einem neuen Lockdown?, in: trend 11/2020

http://www.trend.infopartisan.net/trd1120/t271120.html

und darauf die Repliken von

•    systemcrash (aka Achim Schill)

Corona und und der Zwang zu politischen Entscheidungen, in: trend 12/2020

http://www.trend.infopartisan.net/trd1220/t111220.html

und

•    mir selbst (aka TaP)

Wenn die Waldgeister durch das Aufruhrgebiet tollen, in: ebd.

http://www.trend.infopartisan.net/trd1220/t261220.html

II.

•    Angst, Covid und Angst vor der Angst?

[3/4-stündiges Interview mit dem Freien Senderkombinat (FSK) Hamburg vom 11.11.2020]

https://www.freie-radios.net/105246

•    Fehlschluss-Didaktik, in: Telepolis vom 19.11.2020

https://www.heise.de/tp/features/Fehlschluss-Didaktik-4962373.html

•    Corona-Pandemie: Evidenz als Phrase, in: ebd. Vom 05.11.2020

https://www.heise.de/tp/features/Corona-Pandemie-Evidenz-als-Phrase-

4946503.html

•    Alles nur Angsthasen, in: trend 10/2020

http://trend.infopartisan.net/trd1120/t091120.html

•    Notstand – was ist das eigentlich?, in: de.indymedia vom 02.04.2020[20]

https://de.indymedia.org/sites/default/files/2020/04/Notstand_-_was_ist_das.pdf

•    Über schiefe Vergleiche. Wider das – vermeintlich kritische – Notstands- und Ausnahmezustands-Gerede, in: trend 4/2020

http://www.trend.infopartisan.net/trd0420/t310420.html.

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[5] Siehe: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Daten/Testzahlen-gesamt.xlsx?__blob=publicationFile (vom 02.12.20; wird immer mittwochs veröffentlicht), Tabelle 2 „Testzahlen“, Spalte D (Positiv getestet) + Schaubild 1 in meinem genannten Artikel (Markierung „Abflachung“ von der 44. zur 45. KW).

[6] ebd., Zeile 39 - 42 (45. - 48. KW) (das Sinken der Zahl der positiven Tests von der 45. zur 46. und von der 47. zu 48. Woche ist dabei teilweise ein Effekt des Sinkens der wöchentlichen Gesamtzahl der Tests – überzeichnet also die halbwegs erfreuliche Entwicklung) und https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Daten/Fallzahlen_Kum_Tab.xlsx?__blob=publicationFile (vom 30.11.) + eigene Berechnung der Summe für die 45. bis 48. Kalenderwoche. (Die eine Tabelle bezieht sich auf das Datum der Testdurchführung; die andere auf den Meldungseingang beim RKI.)

[7] https://www.intensivregister.de/#/intensivregister, Reiter „Zeitreihen“, Graphik „Anzahl gemeldeter intensivmedizinisch behandelter COVID-19-Fälle“ und dann auf „Daten herunterladen“ klicken (Daten bis Sonntag, den 29.11.) + eigene Berechnung.

[8] Schaubild 14 und die vorstehende Tabelle in meinem genannten Artikel (beides dort auf S. 14).

[9] Allein von der 47. zur 48. Woche kam es zu einem leichten Sinken von 9,34 auf 9,28 %. Das kann aber eventuell eine statistische Verzerrung sein, da gleichzeitig auch die Zahl der meldenden Labor von 197 auf 185 sank.

[10] Tabelle 4 auf S. 11 meines genannten Artikels; vgl. auch die sehr vorläufigen neusten Zahlen in Tabelle 5 auf S. 12.

[11] Die Kurve der Todesfälle sank sogar etwas.

[12] Siehe:

    https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Daten/Fallzahlen_Kum_Tab.html (Datei vom 02.12.2020), Tabelle „Fälle–Todesfälle–gesamt“, Spalte F + eigene Berechnung der Summe für die 47. und 48. Kalenderwoche (16. bis 22. bzw. 23. bis 29.11.): 1.537 bzw. 2.101

und

    https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Daten/Klinische_Aspekte.html (Datei vom 1.12.), Zeile 46, Spalte K: 1.383 (für die 46. Kalenderwoche; sowohl für 46. Woche als auch für die beiden dort genannten folgenden Wochen, ist noch mit einem mehr oder minder deutlichen Anstieg zu rechnen, weil unter den ab der 46. Kalenderwoche gemeldeten Infektionsfällen die Todesfälle erst nach und nach eintreten).

Der Unterschied zwischen beiden Zahlen liegt darin, daß

    die erste Zahl auf die Kalenderwoche bezieht, in der der jeweilige Todesfall berichtet wird,

    die zweite Zahl dagegen auf die Kalenderwoche, in der jeweilige Infektions-Fall (dem der etwaige Tod erst deutlich später folgt) berichtet wurde.

[14] Daß die Praktizierung von Infektionsschutz in Privatwohnungen schlecht kontrollierbar und in beengten Privatwohnungen auch nur schwierig praktizierbar ist, sollte freilich nicht davon abhalten, ihn, soweit als möglich, zu praktizieren. – Die meisten Menschen dürften freilich eh eher geneigt sind, auf MitbewohnerInnen und andere nahestehende Personen als auf unbekannte Dritte Rücksicht zu nehmen.

[15] Ihn dort nicht enden zu lassen, hieße freilich nicht, dafür statt dessen an anderen Stellen auf Infektionsschutz zu verzichten.

[19] Es fehlt nicht an Möglichkeiten, sondern am Willen: Der fehlende Wille wird in die Phrase von der Unmöglichkeit gekleidet.







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