Heidegger und kein Ende

05.01.21
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Die Krise als Chance – für reaktionäres philosophisches Gelaber

Von Johannes Schillo

„Das Coronavirus fordert nicht nur viele Menschenleben, es wird auch sehr viel philosophischen Unsinn hervorbringen“, stellte das Feuilleton der Neuen Züricher – erstaunlich hellsichtig und unübertrefflich zynisch – bereits im Frühjahr 2020 (NZZ, 16.4.) fest. Der Fall ist übrigens eingetreten. Aber die Warnung des Feuilletonisten war gar nicht ernst gemeint, sie galt nur dem neuen philosophischen Gelaber, nicht dem altehrwürdigen, das seinen festen Platz in der deutschen bzw. abendländischen Geistesgeschichte hat.

Mit Heidegger dem Lebenssinn auf der Spur

Der NZZ-Autor wartet nämlich gleich mit folgendem Angebot auf: „Die grundsätzliche Kondition des Menschen ist bekanntermassen die: Er muss sich dem Tod stellen. Das klingt nach Heidegger, aber diese Grundkonstellation ist nicht seine Erfindung, und trotzdem hat Heidegger für uns eines getan, was wir heute gut gebrauchen können: Er hat sich – irgendwie phänomenologisch – hinter den Menschen gestellt, ihn verteidigt in seiner Zeitidentität, die stets aktuell ist.“ Schon gewusst, wir müssen alle mal sterben? Nur: Haben wir das auch schon „irgendwie phänomenologisch“ bedacht? Oder uns bloß darüber geärgert – so wie Mitch Ryder in seinem berühmten Antikriegssong: „I don‘t wanna die, I‘ve got plans for tonight“.

Zum Bedenken soll uns jetzt wieder Corona mahnen, wenn man die Zeit für sowas opfern will. Doch kann sich jeder und jede beim angesagten Tiefsinn beteiligen? Mit dem elitären Seinsgeschwafel aus der Heidegger-Schule ist man laut NZZ bestens bedient. Wenn man über seine „Zeitidentität“ informiert ist, habe man schon das Wichtigste erfasst, denn so heißt es weiter: „Das ist schon die halbe Miete, was unser Dasein angeht: Wir brauchen für unser Leben und unser Sterben sehr viel Zeit und eigentlich sehr wenig Raum.“ Was die Seinsphilosophie so alles herausfindet. Raum und Zeit braucht man fürs Sterben, aber mit Mengenunterschied. Der Tod findet z.B. Platz noch in der kleinsten Hütte. Wer das nicht bedenkt stirbt möglicher Weise einfach so vor sich hin und ohne philosophischen Durchblick!

Wer aber Interesse an solchem flachen Tiefsinn zu Raum und Zeit hat, kann im Züricher Weltblatt weiterlesen. Dabei muss man nur einen – irgendwie heiklen, doch im deutschen Geistesleben obligatorischen – Punkt bedenken. Der Autor unterbricht nämlich seine Heidegger-Eloge und bringt recht unvermittelt etwas anderes zur Sprache: „Heideggers Antisemitismus ist mir natürlich unerträglich, und heute können wir über den Meisterlehrer von Hannah Arendt und Jeanne Hersch, zwei genialen Frauen jüdischer Herkunft, so unbefangen sprechen, aber eigentlich ist Heidegger unerträglich, weil er ein Antisemit war. Er hat sich nicht nur mit den Nazis arrangiert...“ Nachdem diese Pflichtübung der deutschen Vergangenheitsbewältigung, die man „natürlich“ auch in der Schweiz kennt, erledigt ist, kann der Autor munter fortfahren: „Und trotzdem: Ich lese sehr gerne seine ‚Holzwege‘...“

Heidegger trotz alledem und für jedermann

So einfach geht das also, auch noch im Jahr 2020, nachdem zahlreiche Dokumente und Selbstauskünfte zum Nazi-Philosophen Hei­deg­ger vorliegen. Im Früh­jahr 1933 trat er in die NSDAP ein, nachdem er mit der Über­nahme des Rek­to­rats der Uni­ver­si­tät Frei­burg seine Treue zu deren Programm bewiesen hatte. Den Macht­an­tritt Hitlers bezeichnete er als „Unver­gleich­lich­keit der Welt­stunde“, die er in seinen philosophischen Entwürfen vor 1933 „irgendwie“ vorausgeahnt oder herbeigesehnt hatte. Er blieb NSDAP-Mitglied bis 1945, legte danach nie ein Schuldbekenntnis ab.

Natürlich kann man mit Heideggers Philosophie – dank ihres Abstraktionsgrades – alles Mögliche anstellen und die Wirkungsgeschichte deckt ja auch ein breites politisches Spektrum von rechts bis links ab. Für Letzteres steht als prominenter Fall der französische Philosoph Jean-Paul Sartre, der aus Heideggers Seinsphilosophie seinen eigenen Existenzialismus extrahierte. Derartiges wird heutzutage unermüdlich fortgesetzt, so gibt es Philosophieren „Mit Marx für Heidegger“ bzw. „Mit Heidegger für Marx“, einen russischen Heidegger-Schüler, der Putin berät, oder neuerdings sehr gefragt, auch in Kreisen der grünen Partei, ein Anknüpfen an „Heideggers Umweltethos“. Hier soll der schwäbische Denker sogar in Gestalt seines Schülers Hans Jonas, Autor der ökophilosophischen Tiefenbohrung „Prinzip Verantwortung“, eine jüdische Philosophie des 20. Jahrhunderts auf den Weg gebracht haben.

In dem Zusammenhang muss man gleich hinzufügen: Islam und Heidegger geht genau so. „Der Islamismus hätte ohne die Thesen europäischer Denker nicht werden können, was er heute ist“, stellt z.B. der Orientexperte Marc Thörner fest (siehe: Rechtspop und Dschihad). Zwischen rechten Populisten und radikalen Islamisten ließen sich zahlreiche Gemeinsamkeiten nachweisen; betrachte man die Schriften und Autoren, auf die sich beide Bewegungen berufen, entdecke man als Bezugspunkt dieselben Denker, etwa Ernst Jünger oder Martin Heidegger. Heidegger gilt dem Experten regelrecht als Vordenker des radikalen Islam, wobei dann eine seltsame Mischung aus frommen, radikalen oder liberalen Islaminterpretationen bis hin zu islamisch-sozialistischen Positionen aufgeboten wird. Das geht auch alles irgendwie zusammen – wenn‘s mal stimmt und keine weitere Erzählung aus Tausendundeine Nacht ist.

Nur noch ein Letztes, um die Komplexität der Sache abzurunden: Am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster, das unter Aufsicht des NRW-Wissenschaftsministeriums und damit für einen modernen, europäischen Islam steht, ist als stellvertretender Leiter ein Professor Karimi tätig. Der greift z.B. in seiner aktuellen Publikation „Warum es Gott nicht gibt und er doch ist“ (2018) nicht allein „auf die reiche Tradition der islamischen Theologie und Mystik zurück“, sondern auch auf den Philosophen Heidegger. So wird hierzulande die Imam-Ausbildung auswärtigen Einflüssen à la DITIB entzogen und dafür gesorgt, dass der Moslem endlich mit christlich-abendländischem Geist geimpft wird.

Persönlich belastet oder konsequent faschistisch?

Im deutschen Wissenschafts- und Kulturbetrieb ist natürlich mittlerweile klar, dass Heidegger ein bekennender Faschist war. Seit Ende des 20. Jahrhunderts sind ja die einschlägigen Dokumente veröffentlicht worden, die diese Haltung belegen. So hat sich der hiesige Modus der Reinwaschung etwas geändert. Wurde die faschistische Einstellung des Philosophen früher ignoriert, dann als biographisches Randproblem abgetan, so muss heute – siehe das pflichtgemäße Bekenntnis des NZZ-Autors – zuerst eine strikte Trennung von Person und Werk vorgenommen werden, um Letzteres dann hochleben zu lassen.

In der jüngsten Zeit, mit dem Erstarken der AfD, der Ausbreitung eines Rechtspopulismus, dem Aufkommen neuer Protestformen à la Identitäre Bewegung und der Präsentation rechter Think Tanks, kommt ein neues Moment hinzu: Heidegger wird zur Berufungsinstanz des modernen Rechtsradikalismus (siehe: Untergrund-Blättle, 4.1.21; Telepolis, 8.2.20). „Was macht Hei­deg­gers Denken so attrak­tiv für die anti­de­mo­kra­ti­sche Rechte?“, fragt etwa der Hochschullehrer Micha Brumlik und kommt zu dem Schluss, dass Heideggers frühes Jahr­hun­dert­werk, das 1927 erschie­nene, als Mark­stein der Exis­tenz­phi­lo­so­phie gel­tende Buch „Sein und Zeit“, auch als „Inbe­griff einer völ­ki­schen Phi­lo­so­phie gelten“ dürfte (https://gegneranalyse.de/personen/martin-heidegger/#).

Einen solchen Angriff auf Heideggers Philosophie selber, also auf die Sache, für die der Mann als Erstes steht und für die er sich – über die verschiedenen Regime hinweg – ein Leben lang engagiert hat, findet man sonst kaum. Explizit vertreten und in deutschen Universitäten bekannt gemacht hat eine solche Kritik die damalige Marxistische Gruppe (MG), die 1988 ihre Schrift „Martin Heidegger – Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist“ vorlegte. Diese ist jetzt in einer aktualisierten Neuausgabe wieder aufgelegt worden (Decker 2020). Sie bezieht sich am Rande auf die neueren Erkenntnisse (auf Víctor Farías‘ Buch „Heidegger und der Nationalsozialismus“ oder auf die Veröffentlichung von Heideggers „Denktagebüchern“), hat aber sonst ihre Stoßrichtung und Argumentation beibehalten, sie nur um einen Anhang erweitert, der exemplarisch zeigt, dass es in Westdeutschland einmal eine elaborierte marxistische Kritik an der bürgerlichen Wissenschaft gegeben hat.

Die Ausführungen dieser Streitschrift zielen auf die Seinsphilosophie, nehmen also nicht die persönlichen Verwicklungen ihres Urheber in Nazi-Machenschaften, sein Agieren in Partei oder Hochschule, ins Visier. Heideggers Polit-Präferenzen und Lebensumstände, die heutzutage meist (bis auf die rechtspopulistische Anhängerschaft) als faschistisch verurteilt werden, sind für sie nur ein Indiz, das nach weiterer Klärung verlangt, und nicht wie üblich der Anlass, um mehr oder weniger verständnisvoll den Kern seiner philosophischen Bemühungen von den zeitbedingten Kontaminationen zu reinigen und so letztlich den Rang dieses Denkers wieder zu retten. Es geht Decker um den philosophischen Gehalt des Heideggerschen Opus, um den hier vorliegenden radikalen Fall von Sinnstiftung, der die Konsequenz aus den Bemühungen der Vorläufer zieht und Philosophie als respektable Instanz von Gegenaufklärung und Antiwissenschaft etabliert.

Untersucht werden daher nicht speziell wie etwa bei Brumlik (der sich auf den berühmten § 74 von „Sein und Zeit“ mit seinen völkischen Ideen konzentriert) die Kategorien einer politischen Philosophie. Heideggers Abstraktionsleistung, eine Trivialität namens „das Sein“, d.h. den substantivierten Infinitiv des Satzglieds „ist“, in den Mittelpunkt zu stellen und damit ein unüberbietbares Universale zu finden, lässt ja sowieso die klassische Aufteilung des Fachs in diverse Abteilungen hinter sich. Diese hielt bei den früheren Philosophen den Schein der wissenschaftlichen Bearbeitung eines Gegenstandes aufrecht, Heidegger dagegen schreitet zielstrebig zur raunenden, wissensfeindlichen Beschwörung eines philosophischen Prinzips fort. Sein Anliegen ist es, eine unwidersprechliche höhere oder tiefere Notwendigkeit festzuhalten, der „der Mensch“ sich unterzuordnen hat. „Als Philosoph will er von nichts Bestimmtem etwas wissen und ist sich gleichwohl – und nur so! – über die letztendliche Begründbarkeit und Wohlbegründetheit von allem sicher.“ (Decker)

Decker untersucht im Einzelnen, wie sich Heidegger den philosophischen Bedarf nach Sinnsuche erarbeitet, nämlich als systematische Absage an wissenschaftliches Denken überhaupt, und wie seine Abstraktionen zustandekommen, die die klassische Metaphysik überbieten und das Sinnbedürfnis in Reinform kultivieren: als Ansage der Notwendigkeit, das eigene „Geworfensein“ angesichts der Not der schweren Zeit bzw. der Zeit der schweren Not auszuhalten, nicht weil es dafür höhere Werte (Gott, Glückseligkeit, ewiger Frieden) gäbe, sondern weil die Bestimmung des Menschen im Aushalten der Seinsgesetzlichkeit besteht. Heidegger lässt dabei die polemische Stoßrichtung gegen Subjekte, die sich anmaßen, eigene Zwecke in der Welt geltend zu machen, deutlich heraushängen. Solche Wichte sind ein Fall von „Seinsvergessenheit“ – und verdienen die Verachtung all derer, die sich am elitären Seinsgeschwafel zu erbauen vermögen.

Die Analyse Deckers zielt also darauf, dass sich im Zentrum von Heideggers Philosophie durchaus Affinitäten zu einem Staatsprogramm finden, „das sich der Vorbereitung eines großen Krieges gewidmet und dafür auf Tugenden seiner Mannschaft Wert gelegt hat, die die fälligen Opfer bis hin zur Aufgabe des eigenen Lebens als sinnerfüllenden Dienst an einem übergeordneten Ganzen erscheinen lassen und nichts als diesen Lohn versprechen.“ Damit – und das ist wohl das provozierendste Ergebnis der Analyse – hat man die Radikalisierung einer Idee vor sich, die alle Philosophen teilen. Also keinen Außenseiter, der auf Abwege geraten ist, sondern den „konsequentesten Philosophen des 20. Jahrhunderts“.

 

Peter Decker, Martin Heidegger – Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist (1988). Neuausgabe, München (Gegenstandpunkt) 2020, https://de.gegenstandpunkt.com/.

 

Links

Rechtspop und Dschihad – Die gemeinsamen Quellen von Islam-Hassern und Islamisten, Autor: Marc Thörner, WDR5, 10.3.2019, https://www.youtube.com/watch?v=e9G_uNTdO_s.

Untergrund-Blättle, 4.1.2021: Vom faschistischen Geist der Philosophie – Der Fall Heidegger, https://www.untergrund-blättle.ch/politik/theorie/der-fall-martin-heidegger-vom-faschistischen-geist-der-philosophie-6176.html.

Telepolis, 8.2.2020: Irre, die AfD hat auch einen Think Tank, https://www.heise.de/tp/features/Irre-die-AfD-hat-auch-einen-Think-Tank-4652670.html.

 







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