Bemerkungen über den Mehrwert – 21. Teil

15.01.12
TheorieTheorie, TopNews 

 

von Franz Witsch

1. bis 20. Teil siehe http://www.film-und-politik.de/C26.pdf

14.6.6.2 Psyche und strukturelle Gewalt


Ein Allgemeininteresse ist dem gesellschaftlichen Körper leider nicht in die Wiege gelegt; es bedarf der permanenten Einschreibung in die Gesellschaft über Erziehungsprozesse (Kap. 14.6.6.1), in die alle Mitglieder der Gesellschaft, Kinder wie Erwachsende, aber auch Straftäter einbezogen werden müssen, oder es greifen analytische wie psychosoziale Defizite um sich, die sich heute tatsächlich in den gesellschaftlichen Körper immer stärker eingraben – den Sozius entsozialisierend und atomisierend. Schlimm ist nicht, dass Strukturen, insbesondere traditionelle patriarchalische Strukturen erodieren, sondern dass sie sich nicht neu bilden oder neu belebt werden. Und so liegt das Intersubjektive nachhaltig danieder. Das Engagement dafür dünnt nachhaltig aus. Eben weil es nicht mehr über autoritär-patriarchalische Strukturen von oben nach unten durchgereicht werden kann, sondern primär vom Innen her seinen Ausgangspunkt nehmen muss, dies ganz gegen die Interessen machtbesessener Eliten. Dann lieber Verblödung bis zum Abwinken. Und in der Tat, wohin man schaut, soziale Strukturen lösen sich in ihre Einzelteile auf. Dort, wo Menschen miteinander verkehren, reden sie aneinander und an den Sachen vorbei, mehr im Sinne von “Verrichtung”: business as usual, denn engagiert. Streiten sich Politiker öffentlich, fühlen sich Bürger immer weniger angesprochen. Bei Politikern wird aber nur besonders deutlich, dass sie sich nicht für Menschen interessieren, sondern vor allem für die Frage: wo bleibe ich? Bin ich präsent? Es geht um persönlichen Erfolg, koste es, was es wolle, und nicht um Substanz in der Sache. Der Akzent liegt auf der ersten Person Singular. Kurzum, von Re-Sozialisierung, resp. Erneuerung oder Neubelebung in Gestalt sich selbst tragender sozialer Strukturen keine Spur. (WIF-DPB, 172-182)

In dieser atomistischen Gemengelage werden Beziehungen verbraucht; bestenfalls feiert ein dröger interaktiver und philosophischer Konservatismus nach dem Modell “Wolfgang Detel” (Kap. 14.6.5) fröhliche Urständ. Oh je! Keiner hält sich mehr an Regeln, die von einer Elite politische repräsentiert werden müsste. Bisweilen bejammert man erodierende (Familien-)Werte, im Grunde sich selbst: man beschwört die Familienidylle, nicht offen, das wäre peinlich, sondern indirekt durch Ausgrenzung negativer Gefühle. (Kap. 14.6.5.2) Pure Heuchelei. Richtig ist, weder interessiert sich die sogenannte repräsentative Elite für Menschen, es sei denn, um sie für ihre Machtinteressen und persönlichen Privilegien zu instrumentalisieren, noch zeigt sie ein gesteigertes Interesse an der Durchsetzung eines verbindlichen Allgemeininteresses unmittelbar einklagbarer Grundrechte: körperliche Unversehrtheit, keine Armut, kein Arbeitszwang. Lieber legt man den Akzent auf die Befolgung der Norm. Kein Wunder. Man hat Angst vor dem unberechenbaren Bürger: wo kämen wir hin, wenn keiner mehr arbeiten würde? Dann geriete die Altersversorgung von Bundespräsident Wulff womöglich in Gefahr.

Die Heuchelei hat einen einfachen Grund, den unsere elitären Heuchler selbst nicht begreifen: instinktiv möchte man die Basis unseres Wirtschaftssystems: die Regeln der Kapitalverwertung (zwanghafte Mehrwertproduktion) als die entscheidende Ursache unserer moralischen Probleme aus der Schusslinie der Kritik heraushalten. Dazu bedienen sich nicht nur Neoliberale, sondern – ohne es zu wollen – auch die, die den Akzent auf das Verstehen und die Befolgung von Normen legen (Kap. 14.6.5.2), einer Theorie, die den gesellschaftlichen Kontext de facto moralfrei, mithin rein ökonomisch-markttechnisch durchrationalisiert sehen wollen, frei von jeder Kapital(verwertungs)analyse, die nach Marx eine analytische Trennung von Produktion und Zirkulation voraussetzt. (WIF-DPB, 93) Man beschwört die Norm- oder Familienidylle und verdrängt oder begreift dabei nicht, dass sozialintegrative Sozialisationsprozesse primär über die Marktteilnahme der Bürger erfolgen, mithin über den Marktzwang, und nicht deshalb, weil der Bürger sich von der Norm überzeugen ließe. Im Gegenteil, Regeln lösen sich immer nachhaltiger auf. Vor allem wird aber verdrängt, dass das Kapital – genauer: die Kapitalverwertung in der Produktion – zuerst den ökonomischen und, als Folge davon, den moralisch-sozialen Spielraum der Bürger immer stärker einengt. (Kap. 4-9) Bedingung dafür ist, dass die Bürger zur Marktteilnahme gezwungen sind. Das bedeutet, dass das Verstehen und die Befolgung einer Norm gleichsam moralfrei sich vollzieht, um nicht zu sagen: letztlich setzt eine um sich greifende Amoralität nur die sklavische Befolgung der Norm im Sinne einer notdürftigen Verrichtung voraus. (Kap. 14.6.4.1) Wie sagte Hannah Arendt noch gleich? Ach ja: das Böse ist banal.

Wobei Kapitalverwertungsregeln als die entscheidende Ursache des Bösen zu benennen, keineswegs bedeuten würde, dass es ohne ihre Geltung keine normativ-moralischen Probleme mehr gäbe. Nur lassen sich diese, wenn überhaupt, erst wirklich lösen, wenn unsere interaktiv-sozialintegrativen Handlungsmöglichkeiten im Hinblick auf die Einschreibung eines Allgemeininteresses in die Gesellschaft nicht zunehmend durch eben jene Regeln der Kapitalverwertung begrenzt werden würden. Ob sich unsere psychisch-moralischen Probleme aber tatsächlich lösen lassen, werden wir solange nicht erfahren, wie die Regeln der Kapitalverwertung gelten. Die herrschende Elite will das gar nicht wissen. Ließen sich moralische Probleme tatsächlich lösen, hätte sie nichts mehr zu bejammern (keiner hält sich mehr an Regeln). Die Elite hat daher ein uneingestandenes Interesse an Begrenzungen oder Mangelerzeugung durch das Kapital, die den ökonomischen Mangel und damit den Zwang zur Marktteilnahme künstlich und immer zwanghafter erzeugen. Gibt es Ressourcen- und Warenmangel auf natürliche Weise immer weniger, muss er künstlich erzeugt werden durch Kapitalverwertungsvorgänge als die wesentliche Bedingung für einen in sich schlüssigen sozialintegrativen Zwangs-Mechanismus von Angebot und Nachfrage, der eigentlich nichts weiter wäre als ein Waren-Verteilungsmechanismus, der sich in Preis-Mengen-Bewegungen darstellen lässt. Doch auf der Suche nach Futter für das Kapital dringt jener vom Kapital selbst erzeugte Angebots-Mangel am Ende in jede Pore des gesellschaftlichen Körpers ein, im Sinne einer universalen Sozialisations-Instanz, als könne diese, und nicht die Würde des Menschen, das eigentliche Allgemeininteresse darstellen. Ja, und die Suche nach immer mehr Futter für das Kapital, und damit die Erzeugung des Mangels, gestaltet sich immer exzessiver, auf stets steigender Stufenleiter, wie Marx sagt. Es kommt die Zeit, da werden die Bürger für das Einatmen von Sauerstoff bezahlen müssen; dies beileibe nicht deswegen, weil das Kapital in der Lage wäre, den Sauerstoff zu produzieren, den wir einatmen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass das, was Marx im ersten Band des Kapitals “ursprüngliche Akkumulation” (als Voraussetzung für die Geburt des Kapitals) nennt, einen Mechanismus darstellt, der bis heute anhält: es geht darum, die Menschen von ihren natürlichen Lebensgrundlagen (Boden, Lebensmittel, Wasser, Luft) zu trennen, um die Menschen in die Abhängigkeit des Kapitals zu treiben.

Dem realen Mangel folgt die Angst vor einem möglichen Mangel im Reichtum: die psychische Störung hat durchaus einen realen Kern, denn der Spekulant oder Kapitalbesitzer spürt, dass der Wert des Geldes fiktiv ist und jederzeit zur Disposition steht. Deshalb muss es sich ständig vermehren. Dadurch drängt der fiktive Charakter des Geldes allerdings immer mehr zur Realität. Auch er wird durch die Kapitalverwertung hervorgebracht. Ich nenne es die Verallgemeinerung des Mangels. Er gerinnt zur wesentlichen Bedingung zur Aufrechterhaltung von Herrschaft und Macht und daran gebundene Privilegien, beispielsweise besonders gute Luft einatmen oder etwas saubereres Wasser trinken zu dürfen. Es gibt immer wohlfeilere Gründe, um das Geld der Bürger im Interesse des Erhalts seiner Lebensgrundlagen für das Kapital einsammeln zu müssen. Alternativlos, wie man gebetsmühlenartig sagt. Die Bürger spüren diesen Schwindel zur Aufrechterhaltung von Privilegien und Macht. Immer mehr Bürger glauben sogar, dass die Privilegien immer weniger bis gar nicht mehr zu begründen sind. Man verdient nicht, was man bekommt. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass wir Bundespräsident Wulff seine Altersversorgung nicht gönnen. Nur gibt es kein in sich schlüssiges Kriterium dafür, warum er nach einem möglichen Rücktritt nicht zum Hartz-IV-Amt gehen muss, sondern üppig versorgt wird von einem Geld, dem sein fiktiver Charakter mittlerweile aus jeder Pore spritzt. Dass Wulff nicht zum Hartz-IV-Amt muss, wie jeder Bürger, der seine Arbeit verliert, hat mit Leistung nichts zu tun. Es sind dies marktfremde Kriterien, die den Staatsdienern, beispielsweise Politikern, Lehrer und Professoren, eine üppige Versorgung zuschustern mit einem Geld, dem schon lange keine realen Werte mehr gegenüberstehen im Sinne von intakten Produktionsstrukturen zur Erzeugung des Lebensnotwendigen. (Kap.9) Die Gefräßigkeit des Kapitals macht in der Tat vor nichts halt. Die Kapitalverwertung ist ein anonymer Mechanismus, der nichts weiß davon, dass man Autos, Maschinen und Autobahnen nicht essen kann. Die Produktion einer Kartoffel oder Tomate ist nichts wert, während die Maschine zur Produktion eines Autos “alles” ist. Eine Katastrophe. Dieser ökonomische Sachverhalt schließt ein: Leistung, die sich am Markt bewehren muss, ist schon lange kein Grund mehr für Privilegien, zumal für einen besonders hohen Preis für sinnlose Arbeit in der Finanzwirtschaft oder in den Finanzämtern.

Aber der Staat, immer weiter davon entfernt, sinnvolle Arbeit zu machen oder zu befördern, befördert nicht einmal mehr die Mehrwertproduktion zur Stabilisierung der Kapitalverwertung, geschweige denn, dass er eigenhändig zur Mehrwertproduktion beitrüge (auf der übrigens die Gewinne der Finanzindustrie basieren). Er verbraucht den Mehrwert, aber er fördert oder produziert ihn nicht; er kann ihn immer weniger fördern, solange er an das Sozialstaatsprinzip gebunden bleibt. Aus dieser Verantwortung möchte er sich daher auch möglichst geräuschlos und in sich schlüssig herausschleichen, zum Beispiel mit dem Argument: die Menschen werden immer älter, also müssen die Renten runter. Das gleiche gilt für die Finanzwirtschaft: Kredite befördern die Mehrwertproduktion nicht mehr, sondern belasten sie nur noch. Und weil das Kapital hinter dem Mehrwert her ist wie der Teufel hinter den Seelen, wird die Krise kommen wie das Amen in der Kirche, noch dazu finanzkrisenverstärkt als Monsterkrise, in der die Finanzwirtschaft mit einem mal seine Macht einbüßen wird und mit einem mal sichtbar wird, dass die Finanzgewinne den Mehrwert brauchen, während der Mehrwert die Finanzgewinne nur deshalb braucht, um die Verwendung des Geldes an den Mehrwert (und nicht an das menschliche Bedürfnis) zu binden. (WIF-DPB, 20f) Das ist der tiefere Grund, warum der Sozialstaat seit vierzig Jahren über zunehmende Schulden finanziert wird, während man mit den Schulden zugleich die Wirtschaftskrisen unter dem Deckel zu halten sucht; dieses unausgegorene Konzept haben wir Keynes zu verdanken, das darauf hinausläuft, dass es nur eine Frage der Zeit ist, dass das Geld buchstäblich von heute auf morgen nichts mehr wert sein wird. Dann löst sich die Macht des Finanzkapitals erst einmal in Wohlgefallen auf. Das bedeutet aber auch, Millionen von Menschen könnten von heute auf morgen verarmen. Ohne Arbeit oder mit immer sinnloserer Arbeit ausgestattet sind sie schon heute. Aber auch sinnlose Arbeit kostet Geld, das vom Mehrwert abgeht, und das dieser gut gebrauchen könnte. Dem Mehrwert ist es egal, woher das Geld kommt, mit dem er gefüttert wird. Letztlich wird der Mehrwert ohnehin auf dem Rücken des Bürgers gefüttert, selbst dann, wenn das Geld von der Finanzwirtschaft oder dem Spekulanten kommt. Ich kenne keinen Linken, der das wahrhaben will. Die kennen ihren Marx nicht gut genug.

Für den unappetitlichen Zusammenhang zwischen Mehrwert, (Markt-)Zwang und Verarmung (Zerschlagung des Sozialstaats) haben die meisten Bürger – selbst ohne jeden ökonomischen Sachverstand – ein durchaus realistisches Gespür, das sie freilich nicht hinreichend zu kommunizieren verstehen. Selbst eloquente Satiriker wie Georg Schramm schaffen das nicht. Der setzt in seiner Gesellschaftskritik ziemlich populistisch – dem Gut-Böse-Schema verpflichtet – auf die “Gier” von Spekulanten und Banken, auf die sich der Zorn des Bürgers konzentrieren sollte, während er Politiker wie Merkel als bloße Mitesser am Arsch der angeblich mächtigen Spekulation bezeichnet. (SCG-KFR) Das hört sich leider nur gefällig an und arme Menschen wie Egbert Scheunemann fallen darauf rein, wie eine von ihm verbreitete EMail bezeugt, weil ihr Denken zu sehr im Gut-Böse-Schema wurzelt, bzw. in Machtkategorien befangen ist. Er ist davon überzeugt, dass es gar kein Verschuldungsproblem gibt, weil diesen Schulden ein genauso großes Vermögen gegenüberstehe. (SCE-IRR) Scheunemann arbeitet ohne zureichenden Geldbegriff: er unterschlägt, dass wir es hier mit fiktiven Vermögen in Form bloßer Schuldverschreibungen zu tun haben, die nichts wert sind. Die Spekulanten haben also buchstäblich nichts, was man ihnen wegnehmen könnte. Deshalb wollen sie doch, dass wir Griechenland oder den Euro retten. Täten wir es nicht, würde sich das schöne Papiervermögen in Luft auflösen. Mein Gott, das geht einfach nicht in die Köpfe der Leute rein. Allenthalben ist man überzeugt, dass heute in der Spekulation die wahre Macht konzentriert sei, die es zu brechen gelte. Unsinn. Im Kapitalismus treibt die Spekulation ihrer eigenen Auflösung entgegen, von innen her, nicht von außen. Im Übrigen ist das der Grund, warum Spekulationsblasen platzen. Im Frühkapitalismus waren noch Tulpen betroffen und am Ende nichts mehr wert, heute steht das Geld selbst zur Disposition. Platzt die Schuldenblase, was gar nicht verhindert werden kann, dann zeigt sich, dass schon das Geld, das wir in der Tasche haben, im Kern nichts weiter als eine Schuldverschreibung, also fiktiv ist. (WIF-DPB, 82-90, 99f)

Insofern ist es Unsinn, wenn Scheunemann behauptet, die Euro-Krise zeuge vom Wahn eines Hirntoten. Der Hirntote ist er. Es gibt mittlerweile so etwas wie eine Weltwährungskrise, aus der wir lernen können, dass es immer weniger um wirkliche Macht, sondern allenfalls um eingebildete Macht geht. Zu einem vergleichbaren Ergebnis bin ich schon im Zusammenhang mit der Kritik an Detels Begriff der “regulativen Macht” gekommen. (Kap. 14.6.4.2, 14.6.5.2) Wenn der Machtbegriff zur Analyse sozialer und ökonomischer Strukturen überhaupt einen Sinn haben soll, dann liegt die Macht in der Produktion von Mehrwert, der sich am Markt realisieren, resp. in Geld umgewandelt werden muss, was nicht heißt, dass die Macht beim Geld liegt. Im Gegenteil, besitzt dieses doch nur fiktiven Wert, zumal wenn es sich nicht zurückverwandelt in Arbeitskraft, Maschinen und Rohstoffe zur Refinanzierung der Produktion. Und zurückverwandeln tut es sich nicht, wenn Investitionen in die Produktion keinen Mehrwert versprechen. Die private Investitionsverweigerung muss dann über Schulden kompensiert werden. Multimilliardäre wie Soros wissen das und werden deshalb über Nacht zu Keynesianer, nachdem sie zuvor ihr Vermögen der neoliberalen Deregulierung verdankten. Diesen merkwürdigen Zusammenhang sollte Scheunemanns Lieblingssatiriker Schramm mal thematisieren; stattdessen bemüht er für seinen geldtheoretischen Unsinn einen zornigen Papst, Gregor den Großen (†604) aus dem Frühmittelalter, gegen die Diskriminierung des heutigen Wutbürgers: die Vernunft, so Gregor damals, könne sich gegen das Böse besser durchsetzen, wenn ihr der Zorn dienstbar zur Hand gehe. Zusätzlich bemüht Schramm feudale Instanzen wie Kaiser und Fürsten im Kampf gegen das Böse: Geld und Zinswucher; sie ließen sich vom Geld (noch) nicht beherrschen, sondern sorgten dafür, dass das Geld ihnen zu Diensten stand. Damals, so Schramm, musste das Geld noch den Dienstboteneingang nehmen, während es heute die Regierungsgeschäfte führe. Kurzum, Schramms Vorträge wimmeln bestenfalls von Halbwahrheiten, um Stimmungen wohlfeil aufzuheizen. Das entwertet seine Analyse im Gut-Böse-Schema. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn man nicht befürchten müsste, dass Schramm an seine Halbwahrheiten glaubt, beispielsweise dass mit der Regulierung der Finanzmärkte alles besser werde.

Ja, und dann brachte er noch Thomas von Aquino gegen die Unschuldsmine von Bundespräsident Wulff in Stellung. Das bringt die gequälte Seele des Bürgers mit etwas mehr Feinsinn zum Kochen; er soll sich ein bisschen abreagieren; Hauptsache, er begreift nichts oder nur etwas nach dem Modell von “Attac”, die ohne Unterlass nach der Finanztransaktionssteuer schreien, für die sich der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, nur deshalb nicht öffentlich einsetzt, damit es für den einfältigen Zorn des Bürgers etwas gegen das Hassobjekt Ackermann zu fordern gibt. Mein Gott Georg, jüngere reinrassige Neoliberale wie der neue Bundesbankchef Jens Weidmann haben längst Verständnis für die Occupy-Bewegung. Sie plädieren für eine starke Regulierung der Finanzmärkte und haben wie Merkel, Sarkozy und große Teile der FDP gegen eine Finanztransaktionssteuer gar nichts mehr einzuwenden. (SDE-001, SDE-002) Sie wird kommen und nichts gegen Ausgrenzung und Verarmung bewirken, zumal den Crash nur ein wenig in die Zukunft verschieben, damit es am Ende umso so lauter knallt.

Auch andere bezahlten Öffentlichkeitsarbeiter – Wissenschaftler, Lehrer, Journalisten etc. – haben kein ausgeprägtes Interesse, das Gespür der Bürger zureichend und umfassend – v.a. gegen die politische Elite – zu kommunizieren, bzw. auf Substanz zu überprüfen. Auch ihr Denken wurzelt hartnäckig im Gut-Böse-Schema – auf Gefühl und Instinkt reduziert (WIF-DPB, 174f) und damit die Analyse entwertend. Hier zeigt sich, dass die Bestandsregung fundamental ist (WIF-DPB, 198f); sie bedarf durch die Einschreibung eines Allgemeininteresses der (Re-)Sozialisierung, was nicht geschieht; im Gegenteil, das Prinzip “jeder gegen jeden” wird durch den vorherrschenden Wirtschaftsliberalismus zum gesellschaftlichen Ideal erhoben: die Selbstsucht diene dem Ganzen. Damit es allen gut geht, müsse jeder an sich selbst denken. Dabei sieht sich der gesellschaftliche Kontext systematisch und geradezu zwanghaft auf Gefühle reduziert (Kap. 14.4.4), so dass sich im Innenleben ungebremst mentale und psychische Defizite ausbreiten können, die zu verhandeln man sich nicht in der Lage sieht. Ein tief verinnerlichtes Defizit oder Tabu: kein Wissenschaftler, vor allem kein Sozialwissenschaftler, sieht sich der Lage, sein Innenleben, mithin negative Gefühle – gegen die eigene Bestandsregung – zu verhandeln. (Kap.14.6.3) Als Freud dies um 1900 herum zum ersten mal ernsthaft versuchte, war er erschrocken über die Reaktionen. Er selbst pfiff sich zurück und verwässerte und entpolitisierte seine Theorie mit Hilfe des Ödipus-Märchens. (WIF-DPB, 183-190)

Es bleibt dabei: kurzschlüssige Projektionen im Gut-Böse-Schema stören bis heute das Innen-Außen-Verhältnis mit geradezu traumatischen Folgen (WIF-DPB, 165-169), bis zu einem Punkt, wo der Sozius nicht einmal mehr spürt, dass er mit Gefühlen der Ausgrenzung ausgestattet ist. Nicht die Ausgrenzung als solche, sondern dass wir in entscheidenden Situationen es nicht merken, dass wir ausgrenzen, ist das Problem. Eine Form von Autismus, zum großen Teil gesellschaftlich hervorgebracht. Dann werden Menschen ausgegrenzt, verletzt, ja umgebracht ohne jedes Mitgefühl. (WIF-TDJ) Selbstgerecht: der Schurke ist stets der andere. Beispielsweise Bundespräsident Wulff im Zusammenhang mit seinem Hauskredit; lieber legt er sich innerlich still als über sich Auskunft zu erteilen und sich aus der Politik zurückzuziehen. So wie ich noch nicht einmal im Ansatz versucht war, der Partei “Die Linke” beizutreten. Ich hätte mich übergeben müssen. Übrigens sind Wulffs politischen Gegner auch ohne verbilligten Amigo-Kredit nicht weniger kaltherzig und korrupt, was sie gelegentlich mit Rührseligkeiten zu verbergen suchen. (WIF-DPB, 148-155) Sie nehmen kein Geld oder geldwerten Vorteile wie Wulff; nein, es ist schlimmer, sie begnügen sich mit einem warmen Händedruck, um sich vom angeblich Unvermeidlichen politisch überzeugen zu lassen. Sie wissen nicht, dass beispielsweise ihr Engagement für die Aussetzung der “Rente mit 67” die Altersarmut nicht die Spur lindern wird. Eine rührselige Heuchelei, die ihresgleichen sucht. Das möchten Politiker oder Politikerinnen wie Andrea Nahles, Generalsekretärin der SPD, nicht wahrhaben, geschweige denn, dass sie es diskutieren kann. Dazu müsste sie ihr Innenleben einzubeziehen und selbstkritisch fragen: was mache ich hier eigentlich? Sie hat kein Gespür, dass es z.B. einfach nur unerträglich ist, wie sie sich in der Diskussionsrunde bei Frank Plasberg (“hart aber fair” vom 09.01.2011) Sorgen um die Beschädigung des Amtes des Bundespräsidenten macht.

Der Druck, das Innenleben, resp. mentale und emotionale Defizite im Kontext struktureller Gewalt uneingeschränkt einzubeziehen, ist ganz offensichtlich immer noch nicht groß genug. Es ist das übliche Mikado-Spiel; wer sich zuerst bewegt, fliegt raus. Während die Syrer für mehr Demokratie demonstrieren und sich vom Regime dafür erschießen lassen, ist man hierzulande besorgt um seinen guten Ruf. Noch der unterprivilegierteste Öffentlichkeitsarbeiter hat einen Ruf zu verlieren, selbst wenn dieser am Markt (der Eitelkeiten) kaum noch was wert ist. Dies unter sozial-ökonomischen Verhältnissen, in denen es mittlerweile, trotz um sich greifender mental-analytischer Defizite, unbestritten ist, dass eine wachsende Mehrheit der Bürger sich entweder vollständig ausgegrenzt oder zumindest bedroht fühlt, in Prozesse der Ausgrenzung einbezogen zu werden, meiner Analyse zufolge (Kap. 4-9; WIF-DPB, 82-127) ein Prozess, der unter der Bedingung, dass die Regeln der Kapitalverwertung gelten, unumkehrbar ist; er wird von den Instinkten sogar immer mehr als unumkehrbar wahrgenommen. Die Menschen sind beispielsweise immer weniger davon überzeugt, dass sie im Alter eine normale Rente bekommen werden, von der sie leben könnten. Die überwiegende Mehrheit der Bürger wird denn auch spätestens im Alter in der Hartz-IV-Mühle landen.

Doch was am meisten Sorge bereiten müsste, ist, dass die Bürger die realistische Wahrnehmung der Unumkehrbarkeit zunehmender Armut nicht im Kontext der Kapitalverwertung wahrnehmen, geschweige denn, dass sie in der Lage wären, den Kapitalverwertungsvorgang hinreichend zu analysieren, zumal getrennt von Preisgestaltungsanalysen am Markt. (WIF-DPB, 93f, 116f) Sie sehen nicht, dass der Mehrwert (zwanghafte Mehrwertproduktion) als solcher das Problem ist, nicht dagegen die Realisierung des Mehrwerts in Gestalt von Erlös und Gewinn am Markt. Kommt der Markt ins Spiel, ist es mit der Analyse vorbei. Dann triumphieren Egoismus’ und Ellbogendenken im Gut-Böse-Schema im Kontext einer ökonomischen Theorie des Marktes. Dieses Theorie ist wie “Die Linke” davon überzeugt, dass es einen “unanständigen” (bösen) Gewinn gibt, der einen anständigen Lohn verhindern würde. Das ist falsch; richtig ist: der Lohn ist unzureichend, weil es Kapitalverwertung auf der Basis zwanghafter Mehrwertproduktion gibt, und nicht weil es zu viele gierige Unternehmer oder Kapitalbesitzer gibt. In diesem Glauben wird der Bürger von Politikern bestärkt. Das lässt er sich gefallen, weil ihm sein Gut-Böse-Schema heilig ist; so wie er seinen von und zu Gutenberg liebt, braucht er, obwohl sehr wahrscheinlich irgendwann selbst betroffen, den Hartz-IV-Parasiten, daneben böse Banker und Heuschrecken, kurzum: die singuläre Existenz eines Bösewichts, den er für sein Unglück und dasjenige der ganzen Welt verantwortlich machen kann, den er zur Schlachtbank führen kann, um ihn zu teeren und zu federn. Auf diese Weise geraten Strukturen aus der Schusslinie der Kritik. Das versteht kein Linker. Von denen bin ich daher auch mehr als bedient.

Es ist schon absurd: dafür, dass die Regeln der Kapitalverwertung unberührt bleiben, lässt sich einer wie Ackermann, Chef der “Deutschen Bank”, gern zur Schlachtbank führen, symbolisch, versteht sich. Das tut nicht weh. Er weiß instinktiv, er profitiert davon, dass der Bürger und noch viel mehr der einfältige Linke nicht sehen, dass ihr Bösewicht nur seinen Job macht in Anlehnung an die Regeln der Kapitalverwertung; aber auch die Einfalt hat – in heimlicher Allianz mit dem Bösewicht Ackermann – etwas davon; denn zu erkennen, dass der Kapitalverwertungsmechanismus die um sich greifende strukturelle Gewalt grundlegend erzeugt, könnte dazu führen, dass der gestresste Bürger nicht mehr wüsste, wohin mit seinen Aggressionen. Diese innerlich zu verarbeiten, könnte Traumatisierungen freisetzen. Um diese unter dem Deckel zu halten, braucht er Menschen, auf die er einprügeln kann. Da hat er etwas mit dem Rechtsradikalismus gemein. Das ist sein Hauptproblem. Er müsste, wie peinlich, eigene Anteile sozialer und ökonomischer Ausgrenzung, mithin sein Innenleben, ggf. eigene psychische Störungen, einblenden, wobei hier das Soziale: das Denken im Gut-Böse-Schema, den Blick auf eine zureichende Analyse verstellt; so dass viel für die These spricht, dass die Unfähigkeit zur Analyse primär ein mental-emotionales oder psychisches Problem darstellt.

Vor allem Linke in der Partei “Die Linke” verzichten nicht gern auf ein Denken im Gut-Böse-Schema, das einem sagt: man selber habe es im Grunde nicht verdient, ausgegrenzt zu werden oder in der Hartz-IV-Mühle zerstückelt zu werden. Und man selbst grenze auch nicht aus. Falsch. Es wird letztendlich die meisten treffen; und wir alle machen fleißig mit dabei. Seppmann setzt einer solchen Realitäts-Verleugnung nichts entgegen, da er die sozialen Probleme in seiner kurzschlüssigen Analyse auf den rechten Gewalttäter projiziert. (Kap. 14.6.6.1) Schlimmer: Das, was er den Neo-Nazis vorwirft, macht er selbst: Realitätsverleugnung auf der Basis kurzschlüssigen Projizierens, vermutlich aufgrund mental-emotionaler Defizite: er selbst hält sich, folgt man seiner Analyse, wohl für gesund, so als habe er mit den schlimmen gesellschaftlichen Verhältnissen, die er zurecht anprangert, nichts zu tun: als lebe er neben und nicht mitten in den schlimmen Verhältnissen. Schlimm ist nicht, dass Menschen gegen Neo-Nazis demonstrieren, sondern dass sie sich beim Demonstrieren fast zwangsläufig für die “besseren Menschen” halten; auch wenn sie es dem Augenschein nach sein mögen; schließlich tun sie etwas, was ich gerne anerkenne. Das ändert aber nichts daran, dass wir es dennoch mit einer problematische Haltung zu tun haben, wenn eigene (innere) Anteile zur Ausbrütung auch rechtsradikaler, aber nicht nur rechtsradikaler Gewalt, ausgeblendet werden. Der Bürger hat auch dafür (leider nur) ein Gespür, das in ihm latent Schuldgefühle, dazu unsägliche politische Passivität, den demonstrativen Rückzug ins Private, erzeugen mag. Diesen Rückzug vermag er nicht zu würdigen, obwohl er vielleicht aus guten Gründen stattfindet. Was soll ich in einer Gruppe, die wichtige soziale Sachverhalte – das eigene Innenleben – ausblendet und der Einzelne sich, wenn sein Innenleben ins Spiel kommt, unter Rechtfertigungszwang fühlt? Eben weil er möchte, dass sein politisches Engagement – beispielsweise gegen Neo-Nazis oder für den Mindestlohn – ohne Wenn und Aber anerkannt wird? Die Folgen sind gravierend: konkrete Erwartungshaltungen des Protestes an die Politik können weder zureichend noch selbstbewusst formuliert werden.

Quellen:

SCE-IRR: Egbert Scheunemann, Irrsinn und kein Ende. Notwendige Anmerkungen zur sogenannten Euro- und Griechenlandkrise, Hamburg, 18. Mai 2010
Link: www.egbert-scheunemann.de/Griechenland-und-Euro-Krisenmythos-Scheunemann.pdf

SCG-KFR: Rede von Georg Schramm auf einer Kundgebung in Frankfurt/Main vom 12.11.2011
Link: www.youtube.com/watch
Link: www.youtube.com/watch

SDE-001: Euro-Krise: Bundesbank will Rettungskurs korrigieren, Stern.de vom 19. Sep 2011.
Nach dem Geschmack von Bundesbankpräsident Jens Weidmann wird der Reformdruck auf Griechenland zu sanft. Im Bundestag empfiehlt er disziplinierende Maßnahmen und weitere Korrekturen im Krisenmanagement.
Link: www.stern.de/wirtschaft/news/euro-krise-bundesbank-will-rettungskurs-korrigieren-1729443.html

SDE-002: Bundesbankpräsident im stern-Interview: Weidmann prognostiziert Lohnsprung 2012, Stern.de vom 28. Dez 2011
Link: www.stern.de/wirtschaft/news/bundesbankpraesident-im-stern-interview-weidmann-prognostiziert-lohnsprung-2012-1767252.html

WIF-C26: Franz Witsch, Bürgerbrief C26: Bemerkungen über den Mehrwert, Hamburg 2011
Link: www.film-und-politik.de/C26.pdf

WIF-DPB: Franz Witsch, Die Politisierung des Bürgers. Erster Teil: zum Begriff der Teilhabe, Norderstedt 2009;
Link: www.amazon.de/gp/reader/383704369X/ref=sib_dp_pt

WIF-TDJ: Franz Witsch, Buchbesprechung von “Tag der Jagd”, ein Roman von Axel Brauns, Hamburg 2006
Link: www.film-und-politik.de/Tag-der-Jagd.pdf


VON: FRANZ WITSCH






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